Curran | Wenn ich jetzt nicht weine | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 293 Seiten

Curran Wenn ich jetzt nicht weine

Roman
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-903081-77-2
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 293 Seiten

ISBN: 978-3-903081-77-2
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wo waren wir, bevor wir geboren wurden? In einem anderen Leben? Einem früheren Tod? Currans Roman spielt in der kleinen Siedlung New Pond, in den Wäldern von Maine. Dort leben Iris und Myles mit ihrem elfjährigen Sohn innerhalb einer buddhistischen Gemeinde, die von dem autoritären Willard geleitet wird. Eines Tages stürzt der Junge während eines Streits seiner Eltern zu Boden und verkündet, sich an seine Geburt zu erinnern. Immer öfter verfällt er danach in einen tranceartigen Zustand, in welchem ihn Bilder bestürmen, um die er die fantastische Geschichte seines früheren Lebens spinnt. Darin ist er als Mädchen die Heldin einer abenteuerlichen Reise, auf der das Erreichen des Ziels immer wieder durch die wunderlichsten Begegnungen hintertrieben wird. Immer auf den Fersen ist ihr dabei ein unbekannter, mysteriöser Verfolger. Iris und Myles halten seine Erzählungen jedes Mal fest. Ist das Eintauchen in fantastische Welten zunächst wie eine Flucht aus der Realität, wird im Verlauf immer deutlicher, dass es diesem Jungen in seiner traumatischen Lage als Hilfe zum Verständnis der Welt dient, einer Welt des Jahres 1980, in welcher sich der kalte Krieg auf einem Höhepunkt befindet, einer Welt auch, in der vor allem sein Vater einem autoritären Führer folgt und seine Mutter schließlich schwer erkrankt. 'Wenn ich jetzt nicht weine' ist eine berührende Coming-of-age-Geschichte, in der nicht nur der junge Protagonist eine Entwicklung durchlebt, die einer Neugeburt gleichkommt.

OISÍN CURRAN ist im ländlichen Maine aufgewachsen. 2008 erschien sein Debütroman Mopus (Luftschacht, 2009). Curran schreibt als Freelancer für Film und Fernsehen und wurde von CBC: Canada Writes zum 'Writer to Watch' ernannt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Cape Breton, Nova Scotia. Wenn ich jetzt nicht weine ist sein zweiter Roman. RAIMUND VARGA, geboren in Wien, wo er auch als Unterrichtender, Lektor und Übersetzer lebt. Bei Luftschacht erschienen: Wenn ich jetzt nicht weine (Roman, 2021) Mopus (Roman, 2009)
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, schrie mein Vater und schwang seine Axt. Axt blitzte durch den Himmel und fiel – Birkenscheit brach entzwei; Myles rastete, Brille schief, um den Kopf einen weißen Lumpen gebunden, schwarze Haare zu Berge – verrückter Samurai. Ich fing die Scheithälften auf, stapelte sie und stellte ein noch ganzes auf für den nächsten Hieb.

Er beantwortete halb eine nur halb gehörte Frage.

Die Nacht zuvor hatte ein betrunkener Jäger meinen Kater Schatten für einen Waschbären gehalten und ihn erschossen. Beziehungsweise nahmen wir das an – wir waren dem Mann nie begegnet, aber man wusste, dass bewaffnete Trinker durch die Wälder torkeln, und Schatten sah ein wenig aus wie ein Waschbär, vor allem nachts, wenn sie in diesen Gegenden gejagt werden. Jedenfalls war er tot. Wir fanden ihn am Morgen unter seinem Lieblingsbaum.

Obwohl er meine erste Liebe war und obwohl ich das Blut aus seiner Schusswunde überall an mir hatte, weinte ich nicht. Meine Mutter wickelte ihn in ein altes Bettlaken, während mein Vater sein Grab schaufelte. Als er unter ein paar Handvoll Erde verschwand, kam mir in den Sinn, dass er vier Jahre früher genauso unsichtbar gewesen war, bevor ich ihn aus dem Körper seiner Mutter schlüpfen sah. Für diese Unsichtbarkeit hatte ich keinen Namen; vielleicht war dies auch ein Tod. Den restlichen Morgen dachte ich über die Angelegenheit nach, verzweifelt darauf achtend, das in meiner Brust aufkeimende Schluchzen zu unterdrücken, weil ich dachte, es würde mich töten, wenn ich es zuließe. Zwecks zusätzlicher Ablenkung sprach ich mit Myles.

Gehen wir in den Tod zurück, weil wir aus dem Tod geboren werden?

(Halb gehört, halb verstanden.)

, deklamierte er, .

Axt fiel wieder und verkeilte sich im Holzscheit. Gesicht, verschlossen zu einem teuflischen Grinsen, hob Myles Axt und Holzscheit und hämmerte beide gegen den Baumstumpf. Schweiß flog von ihm und vom Lumpen auf seinem Kopf und vom Lumpen an seinem Genick und seinem triefenden Shirt, bis das Holzscheit sich teilte und er sich gegen einen Baum lehnte, atemlos und hochrot.

, keuchte er, richtete seine Brille. .

Von ihrem nahe gelegenen Platz, wo sie über Schattens Grab einen spindeldürren Birnbaumsetzling pflanzte, rief Iris, dass man mir, obwohl ich ohne Frage der Grund ihrer Vereinigung war, keine Schuld geben könne. Myles antwortete, dass man es selbstverständlich könnte – es sei nur logisch.

, sagte er stolz, .

Dabei hob Iris ihr schmutziges, von Tränen beflecktes Gesicht und erwiderte, .

, grummelte Myles, als er das nächste Holzscheit zerschmetterte. Ich zerklatschte Mücken und glotzte auf einen verschmierten Regenbogen aus verschüttetem Kettensägenbenzin. Ich tagträumte oder versuchte es, aber es hatte keinen Sinn … ihre Stimmen wurden langsam lauter.

, fuhr Myles fort, .

Iris wurde bleich.

, rief sie. .

Myles seufzte.

, sagte er. .

, sagte Iris.

Myles ignorierte das und sagte, was das Durchtrennen von Bändern zu Liebhaberinnen betrifft, habe er das lange zuvor getan, Monate zuvor, und dass er, wie sie genau wisse, am Tage meiner Geburt mit Bangen im Krankenhausgarten wie in einem Anti-Gethsemane umherspaziert sei und die Ankunft seines Sohnes, seines Erben, seines Schicksals erwartet habe.

Ja, natürlich, jetzt erinnerte sich Iris (wie konnte sie es vergessen haben?), dass er zwischen den Fliedern umhergeschlendert war, während sie geblutet hatte.

, sagte Myles, , aber wie könnte man denn von ihr auch erwarten, sich an irgendetwas jenes glorreichen Tages zu erinnern, wo sie doch wegen des Messers zugedröhnt bis unters Dach war, während er, er, in einem Zustand ekstatischen Taumels war, als er mich sah und zum ersten Mal in seinen Armen hielt.

Während sie stritten, fühlte ich ein merkwürdiges inneres Ziehen, als ob mich eine fremde Gravitationsquelle in einem schrägen Aufwärtswinkel nach oben ziehen würde. Die vereinte Kraft verschwisteter Gravitationen, eine innerlich, eine irdisch, erzeugte ein seitwärts gerichtetes Schwebegefühl.

, sagte ich still, aber abrupt und fiel zu Boden.

HIER, IN den Wäldern an der Küste von Maine, 1980, waren hundert Jahre vergangen, seit eine Schaufel dieses Erdreich umgegraben hatte, oder eine Axt das örtliche Holz gespalten; die Steine eines alten Bauernhausfundaments waren zur Umrandung eines Froschteichs geworden und Bäume schwärmten über den sumpfigen Grund, verhüllten alle Zeichen menschlicher Anstrengung. Damals traten Myles und Iris einer nahe gelegenen Buddhisten-Kommune bei, kauften diese paar Hektar und begannen sie mit Kettensäge und Feuer zurückzuerobern. Meinerseits rückte ich mit einer winzigen Säge durch die nahen Birkengewächse vor, Entschuldigungen flüsternd zu den Setzlingen, die ich behutsam von ihren Wurzeln trennte, und Salamander beobachtend, die sich langsam unter den umgedrehten Steinen hervor in Bewegung setzten. Und später, nach dem Abriss und den Feuern, prallte der Knall der Hammerschläge zurück vom zurückgewichenen Wald, als mein Vater und seine Mitjünger Balken auf Pfosten hoben und wieder ein Haus auf dem Land stand.

In der Mitte dieses Landes lag ich nun auf einem Grasklumpen, Füße Richtung Bäume, Kopf zum Haus. Lose Ecken schwarzer Teerpappe flatterten und das Plastik über den Fensteröffnungen bauschte sich und schnalzte in einem Wind, der über den Wald vom Ozean her blies. Und wie kann ich mich an diese Details erinnern? Gar nicht. Auch an meine Eltern, wie sie über meinem feuchtkalten Körper knieten, die Mücken verscheuchten, in panischer Angst, während ich sprach, erinnere ich mich nicht. Sie erzählen, meine Augäpfel verdrehten sich in ihren Höhlen und meine Glieder wurden steif. Ich murmelte etwas von einem alten Gebäude voll neuer Musik, einem Unfall.

Myles hob mich vom Gras auf und trug mich zum Auto. Iris stürmte voraus, um eine ganze Batterie an Blumenheilmitteln und Kräutertinkturen vorzubereiten. Abgelegt am Rücksitz unseres Kombis, blind hinaufstarrend, fuhr ich fort, irgendetwas über traurige Korridore, Krankheit, den drohenden, wartenden Tod zu erzählen.

, heulte Iris, neben mir einsteigend, Flüssigkeiten in meinen Mund spritzend, Salben in meine Schläfen massierend. , sagte sie zu Myles, der den Rückwärtsgang einlegte, auf die Schotterpiste ausscherte und mit Höchstgeschwindigkeit über die Schlaglöcher davonhopste.

, sagte Iris.

, schrie Myles und schloss zwischen ihren beiden Befehlen einen Kompromiss, indem er ein paar Sekunden lang den Druck auf das Gaspedal zurücknahm, bevor er es wieder durchtrat, während er sagte, .

Ich fuhr fort, von einem Entflohenen auf der Flucht zu sprechen, aber die Bilder waren verstreut, keine Geschichte nahm Gestalt an.

, sagte Iris, die mittlerweile auf ihrer manuellen Olivetti, die nur selten nicht in ihrer Nähe war, mit Warp-Geschwindigkeit das Diktat tippte. In den Monaten, die darauf folgten, wurden diese Bilder zur Geschichte. Sowie ich sie erzählte, machte auch Myles Notizen, in seiner beinahe unlesbaren (aber ästhetisch faszinierenden) Handschrift. Als ich dreißig Jahre später diese Notizen wiederfand, erzählte er mir,...


OISÍN CURRAN ist im ländlichen Maine aufgewachsen. 2008 erschien sein Debütroman Mopus (Luftschacht, 2009). Curran schreibt als Freelancer für Film und Fernsehen und wurde von CBC: Canada Writes zum "Writer to Watch" ernannt. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Cape Breton, Nova Scotia. Wenn ich jetzt nicht weine ist sein zweiter Roman.

RAIMUND VARGA, geboren in Wien, wo er auch als Unterrichtender, Lektor und Übersetzer lebt.

Bei Luftschacht erschienen:
Wenn ich jetzt nicht weine (Roman, 2021)
Mopus (Roman, 2009)



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