Cusset | Die Definition von Glück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Cusset Die Definition von Glück

Roman
22001. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96161-149-2
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-96161-149-2
Verlag: Econ
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Ein intensives Leseerlebnis: Die Geschichte zweier Frauen spricht tiefgreifende und universelle Themen an.' Bücher  Zwei Leben, zwei Frauen, die scheinbar vieles trennt. Clarisse ist eine Abenteurerin, liebt das Reisen und die Männer. Ständig verliebt, erlebt sie hohe Höhen und fällt in tiefe Tiefen. Ève hingegen leitet einen Edel-Catering-Service und führt mit ihrem Mann eine stabile Ehe. Die eine wohnt in Paris, die andere in New York.  Über Jahrzehnte hinweg bekommen wir die Lebensgeschichten der beiden Frauen erzählt, erfahren von dem geheimen Band, das sie eint, und werfen einen erhellenden Blick auf unsere Zeit, eine ganze Generation von Frauen, ihre Sehnsüchte, Lieben, Abgründe, das Muttersein und das Älterwerden. Und begreifen, wie viele Möglichkeiten es gibt, das Glück zu definieren.  'Elegant und sehr französisch.'  Donna 'Pures Lesevergnügen!' Woman

CATHERINE CUSSET, 1963 in Paris geboren, studierte an der École Normale Supérieure. Von 1990 bis 2002 war sie Dozentin für Französische Literatur in Yale. Ihre Romane wurden in 18 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebte sie in New York, bis sie vor Kurzem wieder in ihre Heimatstadt Paris zurückzog. Nach Die Definition von Glück ist Janes Roman das zweite Buch der Autorin im Eisele Verlag.
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Kapitel 1

Die Definition von Glück

August 1979

»Schreibst du mir auch?«, fragte Irina und überschüttete sie dabei wie eine Fünfjährige mit Küssen. Zwei Mädchen, die ein paar Sitze weiter saßen, beobachteten sie.

»Ja. Steig aus, Maman. Der Zug fährt gleich los.«

Clarisse schwankte zwischen Schuldgefühlen und Erleichterung, als sich der Zug entfernte. Weil sie mit dem Rücken zur Fahrtrichtung saß, sah sie die Landschaft während der ganzen Reise rückwärts vorbeiziehen, die Weizen- und Sonnenblumenfelder, die Dörfer auf den Hügeln, in deren Mitte der Turm einer romanischen Kirche die Dächer überragte, die Bauernhöfe, die Kühe, die Städte, in denen der Zug für einige Minuten hielt. Zeitgleich mit der Entfernung zur Mutter nahm die Vorfreude zu. Sie fing an, sich vorzustellen, was sie erwartete: das Meer, der Sand, die Hitze, die Weite, die Einsamkeit.

In Toulon stieg sie von Menschen umringt aus dem Zug. Ihre Patentante – Patentante des Herzens, denn Clarisse war nicht getauft – wartete am Ende des Bahnsteigs, sehr elegant in ihrem geblümten Kleid und den Sandalen mit Absatz, die Haare im Nacken zu einem perfekten Knoten gedreht, geschminkt und so gepflegt im Vergleich zu Clarisse’ Mutter. Paulette umarmte den Teenager.

»Wie hübsch du bist! Bist eine richtige junge Dame geworden! Nur ein bisschen blass. Die drei Wochen hier werden dir guttun.«

Clarisse mochte ihren melodischen südfranzösischen Akzent. Sie stiegen in den R4 und unterhielten sich auf der Fahrt nach Hyères.

»Gut, dass deine Mutter eine neue Schülerin gefunden hat.«

Dann glaubte Paulette also die Geschichte, die Irina ihr aufgetischt hatte? Clarisse war sich sicher, dass ihre Mutter einfach nicht den Mut gehabt hatte, Jacques und Paulette in die Augen zu schauen, denn sie hätten den Ernst der Lage sofort erkannt. Die beiden Frauen hatten sich schon als Kinder in dem Dorf in der Haute-Provence kennengelernt, wo sich Clarisse’ Mutter während des Krieges versteckt hielt; Paulette hätte nicht gezögert, ihre älteste Freundin Irina zu konfrontieren. Irina hatte also lieber einen Vorwand gefunden, um ihre Tochter loszuwerden und sich mit billigem Wein und Whisky zu benebeln.

»Ich hoffe, du wirst dich nicht allein fühlen? Im August arbeiten wir von morgens bis abends.«

»Nein, nein. Ich habe mir Bücher mitgenommen. Und ich helfe euch im Restaurant.«

»Kommt nicht infrage! Du bist hier, um Urlaub zu machen.«

Es war schön, wie ein verwöhntes Kind behandelt zu werden.

Der Ferienclub, den Jacques und Paulette führten, lag auf einer kleinen Halbinsel am Ende einer langen Straße. Paulette parkte vor dem Hauptgebäude. Clarisse stieg aus und atmete in vollen Zügen den Duft nach Thymian, Lavendel, Pinien und Eukalyptus ein. Es war ihr sechster Sommer hier und sie fühlte sich wie zu Hause. Jacques kam aus dem Büro geschossen und drückte sie an sich.

»Na, da ist sie ja – die Hübscheste unter den Hübschen! Du hast dich überhaupt nicht verändert!«

Paulette lachte.

»Ich habe ihr gerade genau das Gegenteil gesagt!«

Er hatte einen flauschigen Bart, die Statur eines Bären und ein tiefes, dröhnendes Lachen. Er packte ihren Koffer und ging ihr auf dem sandigen Weg voran.

»Wir haben dich im Jasmin einquartiert. Da hast du es nicht weit, wenn du abends aus dem Restaurant zurückkommst.«

Der Club bestand aus einem weitläufigen, bewaldeten Park mit kleinen verstreuten »Dörfern«, die nach Blumen benannt waren. Die Betonbungalows waren alle gleich geschnitten. Es gab einen Vorraum, in dem ein Metallschrank und ein Etagenbett standen (in dem Clarisse die letzten Jahre geschlafen hatte), dahinter – durchs Bad getrennt – ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett und zwei Nachttischen. Im Unterschied zum letzten Jahr würde sie nun in dem Doppelbett schlafen und müsste sich das Bad nicht mit ihrer Mutter teilen.

Sie leerte ihren Koffer. Außer den Sachen, die sie für die Reise angezogen hatte – T-Shirt und Jeans –, hatte sie nur noch zwei Kleider, drei Oberteile, zwei Badeanzüge und ein Paar Sandalen mitgenommen, dazu ihr Tagebuch, ein Skizzenbuch, Buntstifte und drei Bücher. Und ihr Kuscheltier, ein kleiner, vom vielen Waschen ziemlich ausgeleierter Hund mit großen Ohren, den sie aus den Klauen ihrer Mutter gerettet hatte. Réglisse.

»Wir sind jetzt in Hyères!«, teilte sie ihm mit. »Hörst du die Zikaden?«

Sie streifte sich eins der beiden Kleider über, zog die Badesandalen an und nahm den Weg zum Strand.

Wie ein Schattenspiel zeichneten sich die Bäume vor dem hellen Blau des Himmels ab. Sie kratzte sich am Arm. Ihre Mutter kannte doch so ein Mittel gegen Mücken – Zitrone? Essig? Eine Familie kam ihr entgegen, ein kleiner Junge, von Vater und Mutter flankiert, die ihn jeweils an einer Hand hielten. Sie wirkten aufgebracht, das Kind weinte.

»Hör auf zu heulen!«, schimpfte der Mann. »Du hättest halt besser aufpassen müssen! Geschieht dir recht! So ein nagelneuer Laster!«

Das Schluchzen des Jungen wurde noch lauter. Grußlos gingen sie an ihr vorbei. Wie konnte man sich an so einem schönen Ort dermaßen aufregen?

Sie stieg den steinigen Weg zum Strand hinunter. Dort war jetzt niemand mehr. Ihre Füße gruben sich in den warmen, weichen Sand. Im Vergleich zur Luft war das Meer kühl. Sie tauchte ein.

Als sie wieder aus dem Wasser kam und ihre langen Haare tropfend im Rücken spürte, fühlte sie sich fantastisch. Jetzt war sie wirklich angekommen.

Nach einer warmen Dusche spazierte sie zur Restaurantterrasse unter den Pinien. Die Gäste, die an Gemeinschaftstischen saßen, bedienten sich an einem großen Büffet. Hier und da brannten Mückenspiralen. Die Terrasse hallte von Stimmen und Gelächter wider. Es waren mindestens hundert Erwachsene und etliche Kinder. Clarisse erkannte die Familie wieder, die ihr auf dem Weg zum Strand begegnet war. Die Eltern starrten ihren Sprössling an, sie schienen ihn wieder zurechtzuweisen. In der Nähe der Mutter war ein Platz frei. Clarisse ging zielstrebig hin. Diese Leute liefen wenigstens nicht Gefahr, sie anzusprechen. Nach dem Essen blieb sie, wo sie war, auch als die Musik begann. Die Familie war gegangen, um das Kind ins Bett zu bringen.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte Jacques, als er Cocktails zu einer Gruppe brachte, die nicht weit von ihr saß. »Einen Gin Tonic?«

»Nein, danke.«

»So ein vernünftiges Mädchen! Amüsier dich ein bisschen, Süße, du bist sechzehn!«

Clarisse hatte bald genug von der Disco und nahm im letzten Dämmerlicht den Weg zu ihrem Bungalow. Die beiden Kopfkissen in den Rücken gestopft, setzte sie sich aufs Bett und vertiefte sich in Balzacs Verlorene Illusionen. Alles, was David und Ève erlebten, ihre Liebe, die Habgier und der Egoismus von Davids Vater, der dem eigenen Sohn die Druckerei verkaufte, um sich daran zu bereichern, schien ihr realer und spannender als ihr eigenes Leben.

Die Tage vergingen einer wie der andere, ohne dass sie es leid wurde, abwechselnd im Meer und in der Sonne zu baden. Im Wasser ließ sie sich auf dem Rücken treiben und betrachtete den Himmel. Wenn sie wieder trocken war, las sie oder zeichnete die Landschaft. Sie spürte die Blicke der Männer – der Ehemänner und Väter. Jacques hatte gesagt, sie solle ihm Bescheid geben, falls jemand sie belästigen würde. Sie hielt sich abseits. Ihre Schüchternheit sorgte für schützende Distanz.

Im Restaurant lauschte und beobachtete sie. Unauffällig. Die unsichtbare Zeugin. Sie hatte mehrere Familien ausgemacht. Sie jeden Tag wiederzusehen, war fast so wie das Fernsehserien-Gucken ihrer Mutter. Zum Beispiel die Familie neben ihr. Der Sohn war ein Insekt, an den Flügeln aufgespießt von zwei Augenpaaren, die jede seiner Bewegungen überwachten. Der Vater schnauzte, der Junge heulte, die Mutter schimpfte und funkelte dabei ihren Mann an. Was für ein Frust zwischen diesen Eltern, die sich das eigene Kind wie einen Schwarzen Peter gegenseitig zuschoben.

Am anderen Tischende dagegen saß die perfekte Familie: zwei hübsche kleine Mädchen mit ihren pädagogischen Eltern, die den Zank zwischen den Tischnachbarn diskret ignorierten und dabei umso liebenswürdiger miteinander umgingen. Clarisse konnte nicht hören, was sie sagten, doch ihre Gesten verrieten Zuneigung. Die ältere Schwester, die höchstens acht war, bot der jüngeren sogar etwas von ihrem Teller an und lächelte freundlich über die naiven Fragen der Kleinen.

Der interessanteste Tisch war allerdings ein kleines bisschen entfernt. An ihm saßen drei Paare und sechs Kinder, fünf Jungen, die ungefähr zwischen acht und achtzehn waren, und eine Fünfjährige, die Prinzessin der Gruppe. Sie waren laut und lachten viel. Bald hatte Clarisse die familiären Verhältnisse der Gruppe durchschaut. Die drei kräftigen Männer – dunkle Haare, dunkle Augen, behaarte Brust – schienen Brüder zu sein. Die Frauen hatten blond gefärbtes Haar und lackierte Fingernägel. Unter den Jungen fiel ihr vor allem der dunkelhaarige mit den langen Wimpern und dem strahlenden Lächeln auf. Die beiden Kleinen konnten nur seine Brüder sein, und die anderen beiden Jugendlichen – der eine stämmig und der andere, der etwas Ähnlichkeit mit der Prinzessin hatte, mager und sommersprossig – waren wohl seine Cousins.

Dass sie sich beim Hingucken ertappen ließ, war unvermeidlich: Als sie die Gruppe einmal gegen Ende der Mahlzeit hinter ihrem Colaglas beobachtete, schaute der hübsche Junge plötzlich auf, und ihre Blicke begegneten sich. Zu spät, jetzt noch...


Cusset, Catherine
Catherine Cusset, 1963 in Paris geboren, studierte an der École Normale Supérieure. Von 1990 bis 2002 war sie Dozentin für Französische Literatur in Yale. Ihre Romane wurden in 18 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet. Mit ihrem Mann und ihrer Tochter lebt sie in New York.



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