E-Book, Deutsch, Band 6, 608 Seiten
Reihe: Die Juan-Cabrillo-Abenteuer
Cussler / DuBrul Kaperfahrt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15192-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Juan-Cabrillo-Roman
E-Book, Deutsch, Band 6, 608 Seiten
Reihe: Die Juan-Cabrillo-Abenteuer
ISBN: 978-3-641-15192-8
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.
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Die Bucht von Tripolis
Februar 1803
Kaum hatte das Geschwader die wehrhaften Mauern der Barbareskenhauptstadt gesichtet, als plötzlich ein Sturm aufkam, der die Ketsch Intrepid und die größere Brigg Siren zwang, aufs offene Mittelmeer zurückzukehren. Durch sein Fernglas hatte Lieutenant Henry Lafayette, der Erste Offizier der Siren, die hohen Masten der USS Philadelphia entdeckt. Sie war auch der Grund dafür gewesen, dass sich die beiden amerikanischen Kriegsschiffe überhaupt so nahe an das Piratennest herangewagt hatten.
Ein halbes Jahr zuvor war die mit vierundvierzig Kanonen bewaffnete Philadelphia während der Jagd auf ein Korsarenschiff etwas zu weit in den bekanntermaßen tückischen Hafen von Tripolis eingedrungen und in seinen Untiefen auf Grund gelaufen. Damals hatte der Kapitän der Fregatte, William Baimbridge, alles versucht, um sein Schiff zu retten – er hatte sogar die Kanonen über Bord werfen lassen. Die Philadelphia aber hatte sich festgefahren – und bis zum Höchststand der Flut dauerte es noch Stunden. Bedroht von einem Dutzend feindlicher Kanonenboote hatte Baimbridge keine andere Wahl gehabt, als die Flagge zu streichen und das schwere Kriegsschiff dem Pascha von Tripolis zu übergeben. Aus Briefen des holländischen Konsuls, der damals in der Stadt residierte, ging hervor, dass Baimbridge und seine leitenden Offiziere zwar gut behandelt wurden. Doch die Mannschaft der Philadelphia, wie auch die meisten anderen, die in die Gewalt der Berberpiraten gerieten, erwartete dennoch das Schicksal der Sklaverei.
Die amerikanischen Kommandeure der Mittelmeerflotte waren sich darin vollkommen einig, dass der Versuch, die Philadelphia zurückzuerobern und aus dem Hafen zu segeln, ein hoffnungsloses Unterfangen sei. Daher beschlossen sie kurzerhand, das stolze Schiff zu verbrennen. Was aber das Schicksal ihrer Mannschaft betraf, so ließ der Bey von Tripolis signalisieren, dass er bereit sei, sie gegen ein Lösegeld in Höhe von etwa einer halben Million Dollar freizulassen.
Seit Jahrhunderten hatten die Piraten der Barbareskenstaaten an der Küste Europas ihr Unwesen getrieben und waren dabei bis nach Irland und sogar Island vorgedrungen. Sie hatten ganze Städte geplündert und Scharen von Gefangenen nach Nordafrika verschleppt, wo diese als Galeerensklaven oder Arbeiter und, sofern es sich um besonders schöne Frauen handelte, als Konkubinen in den Harems der verschiedenen Fürsten Frondienste leisten mussten. Die reichsten Gefangenen hatten die Möglichkeit, von ihren Freunden und Angehörigen freigekauft zu werden. Doch diese Armen erwartete ein Leben harter Arbeit und unsäglicher Qual.
Um ihre Handelsschiffe zu schützen, zahlten die führenden Seemächte England, Spanien, Frankreich und Holland den drei wichtigsten Städten der Berberküste exorbitant hohe Schutzgelder, damit die Piraten ihre Schiffe verschonten. Die frischgebackenen Vereinigten Staaten, die bis zu ihrer Unabhängigkeit den Schutz des Union Jack genossen hatten, bezahlten den Potentaten ebenfalls einen Tribut, der etwa ein Zehntel ihres jährlichen Steuereinkommens betrug. All dies änderte sich jedoch, als Thomas Jefferson als dritter Präsident des noch jungen Staatenverbundes die Amtsgeschäfte übernahm und verkündete, dass diese Praxis ab sofort ein Ende habe.
Da sie in dieser Ankündigung einen Bluff der jungen Demokratie vermuteten, erklärten die Barbareskenstaaten Amerika den Krieg.
Jefferson reagierte, indem er eine Armada amerikanischer Schiffe in Marsch setzte.
Allein der Anblick der Fregatte Constitution brachte den Herrscher von Tanger dazu, alle amerikanischen Seeleute, die sich in seiner Gewalt befanden, freizulassen und seine Schutzgeldforderung zu widerrufen. Als Gegenleistung gab ihm Kommodore Edward Preble die beiden Handelsschiffe zurück, die er bereits gekapert hatte.
Der Pascha von Tripolis ließ sich nicht so leicht beeindrucken, erst recht nicht, als seine Matrosen die USS Philadelphia eroberten und sie in Geschenk Allahs umtauften. Ein bedeutendes amerikanisches Kriegsschiff in seine Gewalt gebracht zu haben machte den Pascha von Tripolis so siegesgewiss, dass er jede Art von Verhandlung ablehnte und auf der sofortigen Zahlung seiner Forderung bestand. Die Amerikaner machten sich nur geringe Sorgen, dass die Berberpiraten es möglicherweise schafften, das rahgetakelte Schiff zu besegeln und als Korsar einzusetzen. Doch allein die Vorstellung, dass eine fremde Fahne an seinem Flaggenmast flattern könnte, reichte schon aus, um auch den jüngsten Matrosen in Rage zu bringen.
Kurz nachdem die Amerikaner die Philadelphia, geschützt von hundertfünfzig Kanonen, im inneren Hafen von Tripolis gesichtet hatten, tobte fünf Tage lang ein Unwetter, wie niemand an Bord von einem der beiden Kriegsschiffe es bisher jemals erlebt hatte. Trotz aller Anstrengungen ihrer Kapitäne wurde das Geschwader getrennt und trieb nun weit nach Osten ab.
So schlimm die Verhältnisse an Bord der Siren auch sein mochten, so konnte sich der Erste Offizier Lafayette doch nicht im Mindesten vorstellen, was die Mannschaft der Intrepid während des Sturms erdulden musste. Mit ihren gerade mal vierundsechzig Bruttoregistertonnen war die Ketsch nämlich nicht nur wesentlich kleiner als sein Schiff, sondern auch bis zum Weihnachtsfest des Vorjahres als Sklavenschiff unter dem Namen Mastico unterwegs gewesen. Sie war von der Constitution aufgebracht worden, und als man ihre Laderäume inspizierte, entdeckten die Amerikaner dort zweiundvierzig mit Ketten gefesselte Schwarzafrikaner. Offenbar stellten sie eine Tributzahlung des Paschas von Tripolis an den Sultan von Istanbul dar.
Auch die stärkste Lauge schaffte es nicht, den Gestank menschlichen Leids zu überdecken.
Am zwölften Februar ließ der Sturm endlich nach, aber es dauerte noch bis zum fünfzehnten, dass die beiden Schiffe auf See wieder zueinanderfanden und nach Tripolis zurücksegelten. An diesem Abend berief Kapitän Stephen Decatur, der Kommandeur des Geschwaders, an Bord der tapferen kleinen Intrepid einen Kriegsrat ein. Zu diesem Zweck ruderte Henry Lafayette zusammen mit acht schwer bewaffneten Matrosen zu ihm auf das andere Schiff hinüber.
»Erst warten Sie in aller Gemütlichkeit ab, bis sich der Sturm legt, und jetzt kommen Sie herüber, weil es eine Menge Ruhm zu ernten gibt«, frozzelte Decatur und reichte Lafayette eine Hand, um ihm beim Überklettern der niedrigen Reling behilflich zu sein. Er war ein gut aussehender, breitschultriger Mann mit kräftigem dunklem Haar und fesselnden braunen Augen, dem die Rolle des Geschwaderkommandeurs wie auf den Leib geschneidert schien.
»Nichts in der Welt könnte mich davon abhalten, Sir«, erwiderte Lafayette. Obwohl die beiden Männer den gleichen Rang bekleideten, im gleichen Alter und seit ihrer Zeit als Seekadetten sogar befreundet waren, erkannte Lafayette Decaturs höhere Position als Geschwaderkommandeur und Kapitän der Intrepid unwidersprochen an.
Henry war ebenso groß wie Decatur, hatte jedoch die schlanke Figur eines meisterlichen Fechters. Seine Augen waren so dunkel, dass sie geradezu schwarz erschienen, und in der einheimischen Tracht, in der er sich gekleidet hatte, sah er genauso verwegen aus wie der legendäre Pirat Suleiman Al-Jama, dem sie eines Tages gegenüberzustehen hofften. In Quebec geboren, war Lafayette, kaum dass er seinen sechzehnten Geburtstag gefeiert hatte, nach Vermont gegangen. Er hatte unbedingt dabei sein wollen, wenn Amerika den Versuch unternahm, die Demokratie als Staatsform einzuführen. Er beherrschte die englische Sprache schon recht gut, daher amerikanisierte er die Schreibweise seines Vornamens Henri und wurde amerikanischer Bürger. Er trat in die Navy ein, nachdem er zehn Jahre lang auf den Holzkähnen des Lake Champlain gearbeitet hatte.
Achtzig Mann drängten sich auf seiner Sechzig-Fuß-Ketsch, von denen sich jedoch nur wenige verkleidet hatten. Die anderen sollten sich hinter der Bordwand verstecken oder im Frachtraum warten, wenn die Intrepid an der gemauerten Mole vorbei in den Haupthafen von Tripolis segelte.
»Henry, ich möchte dich mit Salvador Catalano bekannt machen. Er ist unser Lotse, sobald wir in Hafennähe sein werden.«
Catalano war eine massige und dunkelhäutige Erscheinung mit einem wild wuchernden Bart, der seine halbe Brust bedeckte. Auf dem Kopf trug er einen schmuddeligen Leinenturban, und in seinem Gürtel steckte ein gefährlich gekrümmtes Messer mit einem Halbedelstein im Knauf.
»Ich nehme an, er hat sich nicht freiwillig gemeldet«, flüsterte Lafayette Decatur zu, während er sich anschickte, dem Lotsen die Hand zu schütteln.
»Er kostet uns eine Riesensumme«, erwiderte Decatur.
»Freut mich, Sie kennen zu lernen, Mr. Catalano«, sagte Henry und ergriff die fettige Hand des Maltesers. »Im Namen der Mannschaft der USS Siren möchte ich mich bei Ihnen für Ihre mutigen Dienste bedanken.«
Catalano entblößte seine zahlreichen Zahnlücken mit einem breiten Grinsen. »Die Korsaren des Pascha haben meine Schiffe oft genug gekapert, also dachte ich mir, dass ich mich auf diese Art und Weise angemessen rächen kann.«
»Gut, Sie auf unserer Seite zu haben«, erwiderte Lafayette geistesabwesend. Er war bereits damit beschäftigt, sein vorübergehendes Zuhause in Augenschein zu nehmen.
Die beiden Masten der Intrepid machten...




