E-Book, Deutsch, Band 3, 512 Seiten
Reihe: Die Juan-Cabrillo-Abenteuer
Cussler / DuBrul Todesfracht
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15203-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Juan-Cabrillo-Roman
E-Book, Deutsch, Band 3, 512 Seiten
Reihe: Die Juan-Cabrillo-Abenteuer
ISBN: 978-3-641-15203-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.
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2
Ein Schrei weckte Victoria Ballinger.
Er rettete ihr auch das Leben.
Tory war die einzige Frau an Bord des Forschungsschiffes Avalon der Royal Geographic Society, nachdem ihre Kabinengefährtin eine Woche zuvor wegen einer akuten Blinddarmentzündung in ein Krankenhaus in Japan gebracht worden war. Eine Kabine für sich allein zu haben trug entscheidend zu ihrem Seelenheil bei.
Das Schiff befand sich seit einem Monat auf See. Es beteiligte sich an einem internationalen Programm zur Erforschung der Strömungen im Japanischen Meer, einer weithin unbekannten Region, weil Japan und Korea ihre Fischereirechte eifersüchtig schützten und glaubten, dass jede Form von Kooperation sie gefährden konnte.
Im Gegensatz zu ihrer Mitbewohnerin, die einige Koffer voller Kleidung und persönlicher Utensilien mitgebracht hatte, lebte Tory ausgesprochen spartanisch auf dem Schiff. Abgesehen von ihrem Bettzeug und einer kleinen Kollektion von Jeans und Rugbyshirts, die für eine Woche reichte, war ihre Kabine leer.
Der Schrei kam aus dem Korridor vor ihrer Kabinentür. Es war ein männlicher Schrei entsetzlicher Qual, der sie aufgeschreckt hatte. Noch während sie sich den Schlaf aus den Augen rieb und ihre Umgebung zunehmend deutlicher erkannte, hörte sie gedämpfte Schüsse. Ihre Sinne schärften sich: Sie konnte Maschinengewehrfeuer, laute Rufe und weitere Schreie unterscheiden.
Jedermann an Bord der Avalon war gewarnt worden, dass es eine Bande moderner Piraten auf Schiffe im Japanischen Meer abgesehen hatte. Die Seeräuber hatten während der vergangenen beiden Monate vier Schiffe angegriffen, die Frachtschiffe versenkt und es den wenigen noch lebenden Matrosen überlassen, sich mit Rettungsbooten selbst in Sicherheit zu bringen. Bisher hatten nur 15 von insgesamt 172 Personen diese Angriffe überlebt. Erst gestern waren sie darüber informiert worden, dass ein Containerschiff praktisch spurlos verschwunden war. Wegen der Piratengefahr war auf der Kommandobrücke ein Waffenschrank aufgestellt worden, doch die beiden Schrotflinten und die einzige Pistole konnten gegen die Sturmgewehre, die die Gruppe Wissenschaftler und Seeleute mit einem Kugelhagel überschütteten, nicht das Mindeste ausrichten.
Der Fluchtinstinkt übernahm das Kommando, und Tory schwang sich schnell aus der Koje. Sie verschwendete zwei wertvolle Sekunden damit, eine Wahl zu treffen, die sie gar nicht hatte. Es gab keinen Ort, den sie in diesem Augenblick hätte aufsuchen können. Die Piraten befanden sich irgendwo im Korridor vor ihrer Kabine und schossen in die Räume hinein, wenn sie den Lärm richtig deutete. Sie würde in dem Moment niedergeschossen werden, in dem sie die Tür öffnete. Sie konnte nicht fliehen, und in ihrem Raum gab es nichts, was sie als Waffe hätte einsetzen können.
Das Licht eines vollen Mondes, das durch das Bullauge drang, fiel auf das abgezogene Bett gegenüber ihrem eigenen und brachte sie auf eine Idee. Sie riss die Decken und Laken von ihrem Bett und stopfte sie unter den Bettrahmen. Dann holte sie ihre Kleider aus dem Spind und achtete darauf, seine Tür ebenso offen stehen zu lassen, wie beim Spind ihrer abwesenden Mitbewohnerin. Sie vermutete, dass sie keine Zeit mehr hätte, ihre Toilettenutensilien aus dem Bad zu holen. Sie kroch unter das Bett, drückte sich in die fernste Ecke und verteilte die Kleider um ihren Körper.
Sie hatte Mühe, einen gleichmäßigen Atemrhythmus beizubehalten, als sich der erste Panikanfall am Rand ihres Bewusstseins ankündigte. Tränen sickerten aus den Winkeln ihrer blauen Augen. Sie unterdrückte ein Schluchzen, als ihre Kabinentür aufgestoßen wurde. Dann sah sie einen Taschenlampenstrahl durch den Raum wandern. Er huschte zuerst über Judys leeres Bett, ehe er ihr eigenes kontrollierte und schließlich auf den beiden leeren Spinden verharrte.
Die Füße des Piraten kamen in Sicht. Er trug schwarze Kampfstiefel, und sie konnte die Umschläge seiner schwarzen Hosenbeine sehen, die in die Schäfte gestopft waren. Der Pirat ging zum winzigen Bad und leuchtete kurz hinein. Sie hörte das Rascheln des Duschvorhangs, als er dahinterschaute. Entweder sah er Torys Seife, das Haarshampoo und die Pflegespülung nicht, oder er hielt ihr Vorhandensein nicht für wichtig. Beim Hinausgehen schlug er die Kabinentür hinter sich zu, offensichtlich überzeugt, dass der Raum leer war.
Tory blieb regungslos liegen, während sich der Kampflärm den Korridor hinunter entfernte. Auf dem Schiff befanden sich nur dreißig Personen. Die meisten lagen schlafend in ihren Kabinen, denn nachts wurde der Maschinenraum von einer Automatik überwacht, und auf der Brücke hielten nur zwei Matrosen Wache. Da ihre Kabine eine der letzten des Korridors war, musste sie davon ausgehen, dass die Piraten die gesamte Besatzung ausgelöscht hatten.
Die Besatzung. Ihre Freunde.
Wenn sie aus dieser Sache irgendwie lebendig herauskommen wollte, durfte sie nicht zulassen, dass sich dieser Gedanke in ihrem Gehirn festsetzte. Wie lange würden sie brauchen, um das Schiff zu plündern? Es gab nur wenig, das für die Piraten von Wert war. Ihre teure Ausrüstung, die wissenschaftlichen Geräte, das alles war zu voluminös, um es einfach zu stehlen. Die Unterwassersonden waren für Nichtwissenschaftler zudem absolut wertlos. Es gab ein paar Fernsehgeräte und Computer, aber sie mitzunehmen schien kaum der Mühe wert.
Dennoch, Tory rechnete sich aus, dass die Piraten wahrscheinlich eine halbe Stunde brauchen würden, um die 130 Fuß lange Avalon zu durchstöbern, ehe sie die Bodenventile öffneten und sie auf den Meeresgrund schickten. Sie zählte anhand der leuchtenden Punkte auf dem Zifferblatt der Herren-Rolex, die sie trug, die Minuten und gönnte sich den Luxus, in den winzigen Kosmos phosphoreszierender Ministerne einzutauchen, um nicht doch noch in Panik zu geraten.
Nur eine Viertelstunde verstrich, ehe sie spürte, wie sich die Bewegungen des Schiffs veränderten. Die Nacht war ruhig, und die Avalon rollte mit der sanften Dünung, ein normalerweise angenehmes Schwanken, das sie jede Nacht in den Schlaf wiegte. Tory glaubte zu spüren, dass dieses Schwanken sich verändert, verlangsamt hatte – so als wäre das Schiff schwerer geworden.
Die Piraten hatten die Bodenventile geöffnet. Sie waren bereits im Begriff, das Forschungsschiff zu versenken. Tory versuchte, die Logik in dieser Aktion zu erkennen, doch sie ergab irgendwie keinen Sinn. Sie konnten das Schiff unmöglich so schnell durchsucht haben. Sie versenkten die Avalon, ohne sie auch nur andeutungsweise ausgeraubt zu haben!
Sie konnte nicht warten. Tory schlängelte sich unter ihrem Bett hervor und stürzte zum Bullauge. Am Horizont sah sie etwas, das ihr zuerst wie eine flache Insel vorkam, doch schnell erkannte sie, dass es sich um irgendein großes Schiff handelte. In seiner Nähe befand sich ein anderes, kleineres Schiff. Es sah so aus, als wären sie im Begriff zu kollidieren, aber dieser Eindruck musste eine Folge des trügerischen Mondscheins sein. Im Vordergrund erkannte sie das Heck und die Kiellinie eines großen Schlauchboots. Das Dröhnen seiner Außenbordmotoren wurde leiser, während es sich von dem zum Tode verurteilten ozeanografischen Forschungsschiff entfernte. Sie stellte sich die Piraten darauf vor und empfand rasende Wut.
Tory verließ den Platz am Bullauge und stürzte aus der Kabine. Im Korridor waren keine Leichen zu sehen, doch der Boden war von leeren Patronenhülsen übersät, und in der Luft lag ein beißender Geruch irgendwelcher Chemikalien. Sie bemühte sich, nicht auf die Blutspritzer an der langen Korridorwand zu achten. Von ihrem ersten Rundgang, nachdem sie an Bord gekommen war, hatte Tory noch in Erinnerung, dass sich im Zodiac-Rettungsboot in der Nähe des Bugs der Avalon Überlebensanzüge befanden. Daher machte es ihr keine Sorgen, dass sie im Augenblick nur ein langes T-Shirt trug. Ihre nackten Füße klatschten auf die stählernen Bodenplatten, während sie durch den Korridor eilte. Dabei legte sie einen Arm über ihren Oberkörper, um ein in diesem Augenblick lästiges Hüpfen ihrer Brüste zu verhindern.
Sie erklomm die schmalen Stufen zum Hauptdeck. Am Ende eines weiteren Korridors befand sich eine Tür, die nach draußen führte. Zwischen ihr und dem Schott befand sich eine Leiche. Tory wimmerte, während sie sich ihr näherte. Der Mann lag auf dem Bauch. Glänzendes Blut tränkte sein dunkles T-Shirt und tropfte auf den Boden. Sie erkannte ihn an seiner Gestalt. Es war der zweite – temperamentvollere – Ingenieur, für dessen Versuche, mit ihr zu flirten, sie sich schon bald mit unverhohlenem Entgegenkommen revanchiert hatte. Sie konnte sich nicht überwinden, ihn zu berühren. Die Blutmenge verriet ihr alles, was sie wissen musste. Sie presste sich krampfhaft an die Korridorwand, während sie sich an der Leiche vorbeischob. Als sie das Ende des Ganges erreichte, blickte sie durch das kleine Fenster des Schotts nach draußen, um festzustellen, ob sich auf dem dunklen Vorderdeck noch jemand aufhielt. Sie sah niemanden, legte die Hand auf die Türklinke und wollte sie hinunterdrücken. Doch sie rührte sich nicht. Also verstärkte sie ihren Griff und versuchte erneut ihr Glück, stützte sich dann sogar mit ihrem ganzen Gewicht auf den blockierten Mechanismus. Er gab nicht nach.
Tory blieb ganz ruhig. Sie sagte sich, dass es noch viele andere Möglichkeiten gab, den Decksaufbau zu verlassen, und dass sie auf der Kommandobrücke immer noch die Scheiben einschlagen konnte, falls die Seitentüren ebenfalls versperrt sein sollten. Zuerst untersuchte sie die anderen Türen auf dem...




