Cussler / Morrison Piranha
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-641-18408-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Juan-Cabrillo-Roman
E-Book, Deutsch, Band 10, 512 Seiten
Reihe: Die Juan-Cabrillo-Abenteuer
ISBN: 978-3-641-18408-7
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
1902: Der Mount Pelée bricht aus, tötet 30.000 Menschen und lässt das Schiff eines deutschen Wissenschaftlers sinken. Heute: Nach einem Angriff täuscht Juan Cabrillo die Vernichtung der Oregon vor. Doch beinahe zu spät erkennt er, dass sein Gegner ihm immer noch einen Schritt voraus ist. Ein verräterischer Waffenentwickler hat die Arbeit des vor dem Mount Pelée gestorbenen Wissenschaftlers vollendet. Durch eine unschlagbare Waffe bedroht, muss die Crew der Oregon alles daransetzen, ihren Gegner aufzuspüren – bevor er die vernichtende Wirkung der Waffe erneut entfesselt!
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.
Weitere Infos & Material
PROLOG
MARTINIQUE
8. MAI 1902
Die SS Roraima dampfte geradewegs ins Verderben.
First Officer Ellery Scott stand auf der Kommandobrücke des kanadischen Fracht- und Passagierschiffes und starrte in ein graues Schneetreiben, das schmutziger war als alles, was er je während eines verrußten Londoner Winters gesehen hatte. Obwohl es bereits 6:30 Uhr morgens war, konnten die Strahlen der aufgehenden Sonne nicht die Aschewolke durchdringen, die über dem Hafen von Saint-Pierre lag. Die Umrisse des »Klein-Paris der Karibischen Inseln«, wie das wirtschaftliche Zentrum Martiniques gern genannt wurde, ließen kaum auf eine pulsierende Stadt mit dreißigtausend Einwohnern schließen. Viel eher erinnerten sie an eines dieser verschwommenen impressionistischen Aquarelle, wie sie zurzeit in der Namensgeberin der karibischen Stadt in Mode waren.
Gedankenverloren strich sich Scott über seinen silbergrauen Schnurrbart, während er sich zum Mont Pelée umdrehte, dem Vulkan, der über dem Hafen thronte. Gewöhnlich gut gelaunt und nie um ein freundliches Wort verlegen, weshalb er sich bei den Offizieren, der Mannschaft und den Passagieren großer Beliebtheit erfreute, spiegelte seine Miene an diesem Tag doch tiefe Besorgnis wider. Er war seit zwanzig Jahren Seemann, kannte zwar jede Art von Frachtschiff und die Ozeane mit ihren mörderischen Stürmen und den alles niederwalzenden Monsterwellen, aber der erfahrene alte Seebär hatte noch nie zuvor etwas derart Unheimliches und Bedrohliches gesehen wie diesen Berg dort im Norden – in nur fünf Kilometern Entfernung.
Grollender Donner drang wie ein regelmäßiger Pulsschlag aus der Tiefe, als lauere in seinem Innern ein riesiges Raubtier. Seine Spitze wurde von den letzten Resten nächtlicher Dunkelheit verhüllt, und beißender Schwefelgestank verpestete die Luft. Scott kam es ganz so vor, als habe Satan persönlich diesen Ort als Behausung ausgewählt.
»Was halten Sie vom Wetter, Sir?«, fragte Scott betont beiläufig in der Hoffnung, dass ihm seine Besorgnis nicht anzumerken war.
Kapitän George Muggah, das Gesicht nach Jahren in salziger Luft und glühender Sonne zerfurcht und die Oberlippe unter einem buschigen Schnurrbart verborgen, schaute vom Logbuch hoch und warf einen kurzen blinzelnden Blick auf die gespenstische Szenerie.
»Machen Sie weiter wie gehabt, Mr. Scott«, sagte er in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete. »Solange wir nichts Gegenteiliges vom Hafenmeister hören, werfen wir Anker.«
»Diese Asche könnte unseren Maschinen schaden. Möglicherweise wird es heute Abend nicht möglich sein, die Fahrt fortzusetzen.«
»Dann überlasse ich es Ihnen, dafür zu sorgen, dass die Mannschaft Reinschiff macht und unsere Maschinen sauber hält. Im Hafen liegen achtzehn Schiffe. Wäre es dort nicht sicher, hätten sie längst die Anker gelichtet.«
Die dicke Ascheschicht, die auf dem Wasser trieb, erzeugte den Eindruck, als lägen die Schiffe auf beiden Seiten auf dem Trockenen. Auch auf die Gefahr hin, penetrant zu erscheinen, hakte Scott nach. »Und was ist mit der Explosion vor zwei Tagen?«
Sie hatten achtzig Kilometer weiter nördlich vor Dominica geankert, als eine Explosion gegen vier Uhr morgens das Schiff derart heftig durchgeschüttelt hatte, dass Tassen und Teller aus den Schränken fielen und auf dem Boden zerschellten.
Kapitän Muggah fuhr mit seinen Eintragungen ins Logbuch fort. »Ich halte mich an das, was der Telegraphist aus Portsmouth übermittelt hat, dass sich nämlich durch die Explosion lediglich der Druck im Vulkan verringert hat. Wahrscheinlich wird der Berg mal wieder husten, aber mehr passiert ganz bestimmt nicht.«
Scott war sich dessen nicht so sicher, aber er verkniff sich einen Einwand.
Nachdem sie ihren Liegeplatz gefunden und Anker geworfen hatten, kamen der Hafenmeister und der Hafenarzt an Bord, um das Schiff zu überprüfen und auszuschließen, dass niemand von der Mannschaft und den Passagieren unter einer ansteckenden Krankheit litt und diese bei einem Landgang auf die Insel einschleppte. Beide verharmlosten die anhaltende vulkanische Aktivität und bestätigten Muggahs Annahme, dass von dem dumpfen Grollen im Innern des Vulkans keinerlei Gefahr ausging. Was sie hörten, seien lediglich die letzten Atemzüge des verlöschenden Berges.
Es war Christi Himmelfahrt, und alle Hafenarbeiter nahmen an dem morgendlichen Gottesdienst teil, daher traten Scott und Muggah in die Offiziersmesse, um zu frühstücken. Sie unterhielten sich über den Verladeplan des Tages – Bauholz und Kalium aus New Brunswick musste gelöscht und Rum und Zucker, die für Boston bestimmt waren, geladen werden. Der Vulkan jedoch wurde mit keiner Silbe erwähnt, wenn sein ständiges Rumpeln auch unmöglich zu überhören war.
Nach dem Frühstück begab sich Scott an Deck, um den Frachtagenten zu begrüßen, der die Schauerleute beim Löschen der Ladung beaufsichtigen würde.
Das einhundertvier Meter lange Passagierschiff verfügte über Frachträume vor und hinter der mittschiffs gelegenen Kommandobrücke, die von einem einzelnen Schornstein überragt wurde. Mastkräne an beiden Enden des Schiffes dienten dem Laden und Entladen der schweren Fracht. Jeder Quadratzentimeter war mit dem Ausstoß aus dem Schlund des Pelée bestäubt. Als Scott das Schiffsdeck überquerte, hinterließ er deutliche Fußspuren.
Passagiere drängten sich an der Reling, um einen Blick auf Saint-Pierre mit seiner bedrohlichen Kulisse zu werfen. Einige füllten Vulkanasche als Souvenir in Briefumschläge und Tabaksdosen. Zwei Frauen spannten Sonnenschirme auf, um ihre Kleider vor Verschmutzung zu schützen.
Einer der männlichen Passagiere – ein schmächtiger Deutscher namens Günther Lutzen – baute sogar ein Stativ auf, um das ungewöhnliche Panorama zu fotografieren.
»Einmaliges Motiv, Mr. Lutzen«, sagte Scott.
»Ja, es ist wirklich sehr interessant«, erwiderte Lutzen in holprigem Englisch.
»Gehört das auch zu Ihrer wissenschaftlichen Exkursion?«
»Nein, die ist abgeschlossen. Aber ich möchte dieses Foto für meine …« Er hielt inne und holte ein Deutsch-Englisches Wörterbuch aus der Tasche. »Ach, wie lautet das Wort für Sammlung?« Er blätterte in dem Buch.
»Kollektion?«, half ihm Scott auf die Sprünge.
Lutzen lächelte dankbar und nickte heftig. »Ja, natürlich. ›Kollektion‹. Diese Sprache ist ein ganz und gar neues Gebiet für mich. Ich lerne noch. Meine Schwester in New York hat mir ein paar Kinderbücher mitgegeben, in denen ich fleißig lese.«
Scott klopfte ihm auf die Schulter. »Sie machen gute Fortschritte. Ihr Englisch ist schon besser als mein Deutsch.«
Lutzen lachte und steckte das Wörterbuch ein, um die neue Vokabel in sein allgegenwärtiges Notizbuch einzutragen. Scott setzte seinen Weg fort, wobei er die Passagiere, die ihm entgegenkamen, mit einem Kopfnicken grüßte.
Als er das Vorderdeck betrat, sah er Monsieur Plessoneau, den örtlichen Frachtagenten, die Gangway heraufkommen, die zu seinem Boot herabgelassen worden war. Plessoneau, ein hagerer Mann in weißem Anzug, mit einem Panamahut auf dem Kopf, ergriff Scotts ausgestreckte Hand.
»Schön, Sie wiederzusehen, Monsieur«, sagte Scott. »Offenbar hat Ihr grollender Berg das Geschäft bisher nicht beeinträchtigt.« Mit einem Kopfnicken deutete er auf die anderen Schiffe, die im halbmondförmigen Hafenbecken ankerten.
Der Franzose blähte die Wangen auf, spitzte die Lippen und blies zischend die Luft aus. »Oui, wir hoffen natürlich, dass das Schlimmste vorüber ist.«
Scott runzelte die Stirn. »Was ist geschehen?«
Bei dem Agenten löste diese Frage ein betrübtes Lächeln aus. »Seit über einem Monat gibt Pelée keine Ruhe. Angefangen haben unsere Probleme mit den Ameisen und den Tausendfüßlern in der Zuckerfabrik Guerin.«
»Ameisen und Tausendfüßler?«
Plessoneau verzog das Gesicht. »Wenn ich wieder in Frankreich bin, werde ich sie nicht vermissen. Wir nennen die Ameisen fourmis-fous – rasende Ameisen. Sie stürzen sich auf alles und beißen wie im Rausch. Die Tausendfüßler sind noch schlimmer. Dreißig Zentimeter lang und schwarz, ein paar Bisse können einen Menschen töten. Alle Arbeiter waren nötig, um die Pferde zu retten. Und dann kamen auch noch die Schlangen.«
Scott erschrak. Insekten waren schon schlimm genug, aber Schlangen machten ihm wirklich Angst.
Plessoneau nickte bekräftigend. »Hunderte fer-de-lances – Grubenottern – kamen vor vier Tagen aus dem Wald nördlich von Saint-Pierre. Fünfzig Menschen und hunderte Tiere wurden gebissen und starben. Einen Tag später zerstörte eine Schlammlawine, die sich vom Berg herabwälzte, die Fabrik. Glücklicherweise geschah es bei Nacht, aber trotzdem fanden viele Männer den Tod.«
Für Scott verstärkte sich der Eindruck einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe, den er bereits bei der Einfahrt in den Hafen gehabt hatte.
»Vielleicht sollten wir lieber umkehren und stattdessen auf der Rückfahrt hier Halt machen«, sagte er.
Plessoneau zuckte die Achseln. »Genau das wollte ich Ihnen vorschlagen, da heute Feiertag ist und viele Männer gar nicht arbeiten werden. Sie könnten nach Fort-de-France weiterfahren und morgen zurückkehren. Allerdings brauchen Sie die Erlaubnis des Hafenmeisters, und die gibt er Ihnen vielleicht gar nicht.«
»Weshalb nicht?«
»Weil der Gouverneur Soldaten aufmarschieren ließ, die die Menschen davon...




