Cussler / Scott | Die Gnadenlosen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 6, 480 Seiten

Reihe: Die Isaac-Bell-Abenteuer

Cussler / Scott Die Gnadenlosen

Ein Isaac-Bell-Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15185-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)

Ein Isaac-Bell-Roman

E-Book, Deutsch, Band 6, 480 Seiten

Reihe: Die Isaac-Bell-Abenteuer

ISBN: 978-3-641-15185-0
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)



Gleasonburg, Virginia, 1902. Isaac Bell von der Van-Dorn-Detektei jagt einen Saboteur in eine Kohlemine. Doch statt dort endlich seine Beute zu stellen, wird er Zeuge eines schrecklichen Unfalls. Bell ist sich sicher, dass es kein Zufall war, dass ausgerechnet der Mann dabei ums Leben gekommen ist, der die Minenarbeiter zum Streik aufgerufen hat – und das will er beweisen! Doch dahinter steckt weit mehr als er ahnt, und seine Gegner sind gnadenlos.

Die besten historischen Actionromane! Verpassen Sie keinen Fall des brillanten Ermittlers Isaac Bell. Jeder Roman ist einzeln lesbar.

Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.

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1

Sein Gesicht war jugendlich frisch, und er hatte goldblondes Haar. Aber irgendetwas an ihm erschien verdächtig. Ein Firmencop, der die Bergarbeiter beobachtete, die auf den Schienen der Grubenbahn in die Einfahrt zur Gleason Mine No. 1 trotteten, machte seinen Boss, einen Pinkerton-Detektiv, auf ihn aufmerksam.

Der junge Bergmann überragte die Fremdarbeiter, die die Firma aus Italien und Slowenien ins Land geholt hatte, und war sogar größer als die einheimischen West-Virginier. Aber es war nicht seine Körpergröße, die hier fehl am Platze schien. Auch seine hagere Gestalt war nicht ungewöhnlich. Die Arbeit war hart, außerdem war es mit hohen Kosten verbunden, Lebensmittel zu den abgelegenen Steinkohlegruben zu schaffen. In den Saloons, die die morastige Main Street säumten, gab es keine Gratismahlzeiten.

Ein Bergarbeiter, der mit einem Holzbein über das Gleis humpelte, stolperte über eine Schwelle und rempelte einen anderen Bergarbeiter an, der auf Krücken angewiesen war. Der blonde junge Mann machte ein paar schnelle Schritte, um beide Männer zu stützen, und bewegte sich dabei so mühelos, als schwebte er. Das Graben nach Steinkohle hatte viele verstümmelt. Er hingegen stand auf beiden Beinen und besaß noch sämtliche Finger.

»Der sieht mir nicht wie ein armseliger Malocher aus«, meinte der Kohlencop mit einem verächtlichen Grinsen.

»Er kommt mir wie eine Katze vor, achtet auf alles, was sich bewegt«, sagte der Pinkerton, eine Melone auf dem Kopf, einen Sechsschüsser in der Jacke und einen Totschläger ums Handgelenk geschnallt.

»Meinen Sie, er ist ein Streiker?«

»Wenn ja, wird er sich bald wünschen, er wäre es nicht.«

»Achtung!«

Eine elektrische Winde spannte ein schlaffes Kabel zwischen den Schienen. Bergleute, Arbeiter und halbwüchsige Türschließer sprangen zur Seite. Das Kabel zog einen Zug Kohleloren aus dem Bergwerk und eine Steilstrecke zu einer Kippstelle hinauf, wo die Steinkohle sortiert und in Flussleichter gefüllt wurde, die von Schleppern den Monongahela nach Pittsburgh hinuntergeschoben wurden.

Der auffällige junge Bergarbeiter wechselte einen kurzen Gruß mit dem Mann an der Gleissperre. Falls das Kabel, das mit einer Kettenleine am ersten Wagen befestigt war, riss, sollte Jim Higgins den Hebel umlegen, damit der Zug aus den Schienen sprang, ehe die einhundert Tonnen herrenlose Masse zurück ins Bergwerk donnerten.

»Die Cops haben dich auf dem Kieker«, warnte ihn Higgins.

»Ich bin kein Streiker.«

»Alles, was wir verlangen«, erwiderte Higgins friedfertig, »ist ein menschenwürdiges Leben, ausreichend Nahrung für unsere Familien und anständige Schulen für unsere Kinder.«

»Sie werden Sie feuern.«

»Sie können uns schließlich nicht alle hinauswerfen. Das Steinkohlegeschäft erlebt zurzeit einen großen Aufschwung, und Arbeitskräfte sind knapp.«

Higgins war ein mutiger Mann. Das musste er auch sein, um zu ignorieren, dass die Minenbesitzer vor nichts zurückschrecken würden, um die Gewerkschaften aus West-Virginia herauszuhalten. Männer, die gefeuert wurden, weil sie für die Gewerkschaft warben – und noch nicht einmal einen Streik ausriefen –, mussten erleben, wieihre Frauen und Kinder aus den Baracken vertrieben wurden, die sie von der Gleason Consolidated Coal & Coke Company gemietet hatten. Und wenn Gleason Gewerkschaftsfunktionäre ausräucherte, dann kamen die Pinkertons, verprügelten sie und jagten sie mit blutigen Köpfen nach Pennsylvania zurück.

»Higgins!«, rief ein Vorarbeiter. »Ich hatte Ihnen doch befohlen, die Winde zu schmieren.«

»Ich soll an der Gleissperre stehen, wenn die Loren hochgezogen werden.«

»Tun Sie, was ich Ihnen sage. Die Winde muss stündlich geschmiert werden.«

»Und wer stoppt den Zug, wenn das Kabel reißt?«

»Steigen Sie jetzt endlich rauf und schmieren Sie die Winde, verdammt noch mal!«

Jim Higgins verließ seinen Posten, rannte zweihundert Meter die Steilstrecke zur Winde hinauf und überholte dabei die mit Steinkohle beladenen Loren, die langsam zur Kippstelle geschleppt wurden.

Der auffällige junge Bergarbeiter zog den Kopf ein, als er durch den Eingang zum Bergwerk trat – ein mit Holzbalken abgestütztes Portal im Berghang. Dann ging er einen abfallenden Tunnel hinunter. Er hatte sich intensiv mit Bergbautechnik beschäftigt, um sich auf seinen Einsatz vorzubereiten. Genau genommen war dieser mit Schienen versehene Fördergang kein richtiger Tunnel, der eigentlich durch den gesamten Berg hätte hindurchführen müssen, sondern eher ein Zugangsstollen, auch Adit genannt – von aditus, wie er es im Lateinunterricht seines Internats gelernt hatte, was eben so viel wie »Zugang« hieß. Wenn man erst mal drin war, gab es keinen anderen Weg hinaus, als umzukehren und zurückzugehen.

Als er einen Korridor betrat, der die Förderstrecke kreuzte und von ihr wegführte, traf er einen kleinen Jungen, dessen Aufgabe darin bestand, bei Bedarf ein Holztor zu öffnen oder zu schließen, um die Luft von den Ventilatoren ins Bergwerk zu leiten.

»Hey, Sammy. Der Knabe im Telegrafenbüro hat mir erzählt, dass eure Pirates gestern Brooklyn geschlagen haben. Acht zu fünf.«

»Toll! Danke für die Neuigkeit, Mister.«

Sammy war noch nie in einem Baseballstadion der Major League gewesen. Genau genommen hatte er sich niemals mehr als zehn Meilen von dieser Grube entfernt, wo die Gleason Company auf einen ergiebigen Ableger des Pittsburgh Seam gestoßen war, des reichhaltigsten Steinkohleflözes Amerikas, das unter Pennsylvania, West-Virginia und Ohio verlief. Sein Vater war jedoch als Bremser bei der Ohio & Baltimore Railroad angestellt gewesen, bis er bei einem Zugunglück ums Leben gekommen war, und hatte immer, wenn er nach seinen Fahrten nach Hause kam, aufregende Geschichten von Baseballspielen in den großen Städten erzählt, die er mit Zigarettenbildern von berühmten Spielern illustrierte.

Der junge Mann steckte Sammy eine farbenprächtige Chromolithographie des First Baseman der Rochester Pirates, Harry OHagan, zu. Im August hatte OHagan ein Wunder vollbracht, das noch immer im Munde aller Männer und Jungen von Amerika war – ein sogenanntes »unassisted Triple Play«.

»Ich wette, die New York Giants treten sich vor Wut selbst in den Hintern, weil sie Harry verkauft haben«, sagte er, und dann fragte er mit gesenkter Stimme: »Hast du Roscoe gesehen?«

Roscoe war ein als Arbeiter getarnter Spion von Gleason.

Der Junge deutete mit einem Kopfnicken in die Richtung, die der junge Mann eingeschlagen hatte.

Er folgte dem Streb, der sich einige hundert Meter weit in den Berg hinabbohrte, bis er vor der Wand des Kohleflözes endete. Dort begann er seine Arbeit als Helfer, schnappte sich eine Schaufel und sammelte die Kohlebrocken, die von den erfahrenen Bergarbeitern aus dem Flöz herausgehackt, -gebohrt und -gesprengt worden waren. Für jede Fünf-Tonnen-Lore, die er während der Zwölfstundenschichten an sechs Tagen der Woche füllte, erhielt er vierzig Cent Arbeitslohn.

Die Luft war mit Kohlenstaub gesättigt. Wirbelnde schwarze Wolken verdunkelten das Licht der elektrischen Glühbirnen. Die niedrige Decke war mit Holzstempeln und -balken verschalt, um das Gebirge aus Gestein und Erdreich zu stützen, das auf der Kohle lastete. Das Flöz knarrte und ächzte unter dem Druck, dem es seit Jahrmillionen ausgesetzt war und der es für die Menschen so wertvoll gemacht hatte.

Hier im Nebenstollen, abseits vom Hauptgleis, wurden die Loren von Maultieren gezogen, deren Köpfe man mit Lederhauben schützte. Eins der Maultiere, ein Exemplar mit den kleinen Hufen und langen Ohren, die nach Auffassung der Bergleute ein besonders starkes Tier kennzeichneten, blieb plötzlich stehen. Eustace McCoy, ein massiger West-Virginier mit geröteten Augen, der schon die ganze Zeit über einen ausgewachsenen Kater klagte, stieß einen wüsten Fluch aus und zerrte am Zaumzeug des Zugtiers. Aber das Maultier stemmte sich steifbeinig gegen den Zug und gab keinen Millimeter nach. Dabei zuckten seine Ohren bei jedem Knirschen der Steinkohleader.

Eustace riss sich den Gürtel vom Leib und holte aus, um mit der eisernen Schnalle auf das Tier einzuprügeln.

Der große Blondschopf fing die zuschlagende Hand mitten in der Bewegung auf.

»Sonny, geh mir aus dem Weg!«, warnte Eustace.

»Ich bring es wieder zum Laufen. Es hat sich vor irgendwas erschreckt.«

Eustace, der fast genauso groß, aber bedeutend breitschultriger war, ballte die Fäuste und zielte mit einem Schwinger auf das Gesicht des jungen Mannes.

Der Hieb wurde abgeblockt, ehe er sein Ziel fand. Eustace fluchte und holte erneut aus. Und musste zwei Konter hinnehmen. Sie wurden elegant ausgeführt, zu schnell, um mit den Augen verfolgt zu werden, und trafen mit konzentrierter Wucht. Eustace streckte sich auf den Gleisen aus. Jegliche Wut und Kampfbereitschaft waren schlagartig verflogen.

Die Bergarbeiter wechselten erstaunte Blicke.

»Habt ihr so was schon mal gesehen?«

»Nee.«

»Eustace McCoy auch nicht.«

Der junge Mann redete beruhigend auf das Maultier ein, und dann setzte es sich mit der Lore im Schlepptau in Bewegung. Nun half er dem gestürzten Arbeiter auf die Füße und streckte ihm versöhnlich eine Hand entgegen, als Eustace mit schiefem Grinsen meinte: »Bin nicht mehr so hart erwischt worden, seit ich meinem alten Herrn die Whiskeyflasche...


Scott, Justin
Justin Scott ist ein Bestseller-Autor von Thrillern, Krimis und historischen Romanen. Er wurde für seine Krimis bereits mehrmals für den renommierten Edgar Allan Poe Preis nominiert. Er lebt mit seiner Frau Amber in Connecticut, USA.

Cussler, Clive
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.



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