E-Book, Deutsch, Band 4, 512 Seiten
Reihe: Die Isaac-Bell-Abenteuer
Cussler / Scott Todesrennen
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-15205-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Ein Isaac-Bell-Roman
E-Book, Deutsch, Band 4, 512 Seiten
Reihe: Die Isaac-Bell-Abenteuer
ISBN: 978-3-641-15205-5
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Isaac Bell, der beste Ermittler der berühmten Van Dorn Detektei, wird engagiert, um während des Rennens für Recht und Gesetz einzustehen. Und das aus gutem Grund! Denn 50.000 Dollar rufen nicht nur Betrüger auf den Plan, sondern auch eiskalte Gangster, die über Leichen gehen.
Seit er 1973 seinen ersten Helden Dirk Pitt erfand, ist jeder Roman von Clive Cussler ein »New York Times«-Bestseller. Auch auf der deutschen SPIEGEL-Bestsellerliste ist jeder seiner Romane vertreten. 1979 gründete er die reale NUMA, um das maritime Erbe durch die Entdeckung, Erforschung und Konservierung von Schiffswracks zu bewahren. Er lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2020 in der Wüste von Arizona und in den Bergen Colorados.
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Chicago
1899
Der hochgewachsene Mann war allein und betrunken. Er sang ein Lied von Stephen Foster, das besonders bei der Anti-Saloon-League beliebt war, und tanzte dazu im Rinnstein. Es war eine klagende Melodie, die an den Klang schottischer Dudelsäcke erinnerte, ein langsamer Walzer. In seiner Stimme, einem warmen Bariton, schwang die tiefe Reue über gebrochene Vorsätze und nicht eingehaltene Gelübde mit.
»Oh! Comrades, fill no glass for me
To drown my soul in liquid flame …«
Er hatte eine strohblonde Mähne und ein markantes Profil. Dass er so besonders jung war – höchstwahrscheinlich nicht älter als zwanzig –, ließ seinen desolaten Zustand noch viel trauriger erscheinen. Seine Kleider, die aussahen, als hätte er darin geschlafen, waren verfilzt und voller Strohreste. Außerdem waren Ärmel und Hosenbeine zu kurz, als stammten die Sachen aus einer kirchlichen Kleiderkammer oder von einer Wäscheleine, von der er sie hatte mitgehen lassen. Der Leinenkragen seines Oberhemdes hing völlig schief, an einem der Ärmel fehlte die Manschette, und trotz der Kälte hatte er keinen Hut auf dem Kopf. Von den Kostbarkeiten eines Gentlemans, die er gegen Hochprozentiges hätte eintauschen können, waren ihm lediglich ein Paar maßgefertigter Kalbslederstiefel geblieben.
Er prallte gegen einen Laternenpfahl, und auf einmal fehlte ihm der Text des Liedes. Während er die ergreifende Melodie weiter vor sich hin summte und dabei einige unsichere Tanzschritte ausführte, wich er einem Leichenwagen des Armenfriedhofs aus, der am Bordstein anhielt. Der Kutscher band die Pferde an und verschwand eilig durch die Schwingtüren des nächsten der zahlreichen Saloons, aus denen gelbliches Licht auf das Kopfsteinpflaster fiel.
Der betrunkene junge Mann taumelte gegen den düsteren schwarzen Pferdewagen und hielt sich daran fest.
Er studierte den Saloon. Ob er dort willkommen war? Oder war er da schon mal hinausgeworfen worden? Er klopfte seine leeren Taschen ab und zuckte bedauernd die Achseln. Sein Blick wanderte über die Ladenfronten. Fünf-Cent-Absteigen, Bordelle, Pfandhäuser. Sinnend betrachtete er seine Stiefel. Dann schaute er zum Zeitungsauslieferungslager an der Straßenecke hinüber, wo Pferdefuhrwerke die Frühausgaben für Chicago heranschafften.
Ob er sich ein paar Pennys beim Abladen der gebündelten Zeitungen verdienen konnte? Er straffte die Schultern und ging im langsamen Walzerschritt zum Depot hinüber.
»When I was young I felt the tide
Of aspiration undefiled.
But manhood’s years have wronged the pride
My parents centered in their child.«
Bei den Zeitungsjungen, die dort Schlange standen, um sich ihre Zeitungen zu besorgen, handelte es sich um straßenkampferprobte Zwölfjährige. Als er sich näherte, machten sie sich gerade über den Betrunkenen lustig, bis einer von ihnen dem jungen Mann in die seltsam weichen blau-violetten Augen blickte. »Lasst ihn in Ruhe!«, sagte er zu seinen Freunden, und der hochgewachsene Mann flüsterte: »Danke, Shonny. Wie heiss’n du?«
»Wally Laughlin.«
»Bis’ ’ne gute Seele, Wally Laughlin. Sieh zu, dasse nich so endes’ wie ich.«
»Ich hatte euch doch befohlen, den Säufer loszuwerden«, sagte Harry Frost, ein Riese von einem Mann, mit kantigem Kinn und grausamen Augen. Er saß im Leichenwagen rittlings auf einer Kiste Vulcan-Dynamit. Zwei ehemalige Preisboxer aus seiner West-Side-Gang kauerten vor ihm. Sie beobachteten das Zeitungsdepot durch Gucklöcher, die in die Seitenwand des Wagens gebohrt worden waren, und warteten darauf, dass der Eigentümer von seinem Abendessen zurückkam.
»Ich hab ihn weggejagt. Aber er ist zurückgekommen.«
»Treibt ihn in diese Gasse. Ich will ihn nicht mehr sehen, es sei denn, er wird auf einem Fensterladen weggetragen.«
»Er ist doch nur betrunken, ein harmloser Säufer, Mr. Frost.«
»Ja, wirklich? Und wenn dieser Zeitungshändler Detektive angeheuert hat, die sein Depot bewachen?«
»Sind Sie verrückt geworden? Das ist kein Detektiv.«
Harry Frosts Faust schoss mit der konzentrierten Wucht eines Schmiedehammers vierzig Zentimeter vorwärts. Der Mann, den die Faust traf, fasste sich schmerzgepeinigt und ungläubig an die Seite. In der einen Sekunde hatte er noch neben seinem Boss gekauert, in der nächsten wälzte er sich schon auf dem Boden und versuchte, einen Atemzug zu machen, während sich gesplitterte Kochen in seine Lunge bohrten. »Sie haben mir die Rippen gebrochen«, keuchte er.
Frosts Gesicht war rot angelaufen. Sein eigener Atem raste vor Wut. »Ich bin nicht verrückt.«
»Sie wissen wohl nicht, wie stark Sie sind, Mr. Frost«, protestierte der andere Boxer. »Sie hätten ihn töten können.«
»Wenn ich ihn hätte töten wollen, hätte ich härter zugeschlagen. Schaff diesen Säufer weg!«
Der Boxer kletterte hinten aus dem Leichenwagen, schloss die Tür hinter sich und drängte sich durch die Gruppe der schläfrigen Zeitungsjungen, die darauf warteten, endlich ihre Zeitungen kaufen zu können.
»Heh, du!«, rief er den Betrunkenen, der ihn nicht hörte, sondern ihm den Gefallen tat, aus eigenem Antrieb in die Gasse einzubiegen, und ihm damit die Mühe ersparte, ihn um sich schlagend, tretend und laut schreiend hinter sich herzuzerren. So rannte er ihm nur nach und holte einen Totschläger aus der Tasche. Es war eine schmale Gasse mit nackten Mauern auf beiden Seiten, kaum breit genug für eine Schubkarre. Der Betrunkene stolperte auf eine Tür an deren Ende zu, die von einer über ihr hängenden Laterne beleuchtet wurde.
»Heh, du!«
Der Betrunkene wandte sich um. Sein goldblondes Haar schimmerte im Licht der Petroleumlampe. Ein zaghaftes Lächeln glitt über sein hübsches Gesicht.
»Kennen wir uns, Sir?«, fragte er, als erwachte plötzlich die Hoffnung in ihm, sich ein wenig Geld leihen zu können.
»Wir werden uns gleich kennenlernen.«
Mit dem Totschläger holte der Boxer zu einem hinterlistigen Schlag aus. Es war eine brutale Waffe, die aus einem Ledersack bestand, der mit Bleischrot gefüllt war. Durch das Bleischrot war er verformbar, so dass er sich an sein Ziel anschmiegen und Fleisch und Knochen zertrümmern und das attraktive und markante Profil des jungen Mannes so platt wie ein Beefsteak klopfen konnte. Zur Überraschung des Boxers bewegte sich der Betrunkene jedoch plötzlich sehr schnell. Mit einem Schritt kam er in die Reichweite des Totschlägers und holte den Boxer so gekonnt wie kraftvoll mit nur einer geraden Rechten von den Füßen.
Die Tür sprang auf.
»Gut gemacht, Kid.«
Zwei Van-Dorn-Privatdetektive – Mack Fulton mit seinen Eisaugen und Walter Kisley in einem karierten dreiteiligen Straßenanzug – packten die Arme und Beine des gefallenen Mannes und zogen ihn herein. »Versteckt sich Harry Frost in diesem Leichenwagen?«
Aber der Boxer konnte nicht antworten.
»Der ist nicht mehr zu gebrauchen«, sagte Fulton, versetzte ihm eine Ohrfeige, erzielte aber keine Reaktion.
»Isaac, junger Freund, du kennst deine eigene Kraft nicht.«
»So viel zur ersten Lektion in Sachen ›Verhören von Tatverdächtigen‹«, sagte Kisley.
»Und wie lautet diese erste Lektion?«, fragte Fulton. Sie hatten in der Van Dorn Detective Agency den Spitznamen »Weber and Fields«, in Anlehnung an die berühmten Varieté-Komiker.
»Gestatte deinem Verdächtigen stets, bei Bewusstsein zu bleiben«, antwortete Kisley.
»Damit er«, deklamierten sie im Chor weiter, »deine Fragen beantworten kann.«
Detektivlehrling Isaac Bell ließ betrübt den Kopf hängen.
»Tut mir leid, Mr. Kisley, Mr. Fulton. Ich wollte gar nicht so hart zuschlagen.«
»Man lernt nie aus, Kleiner. Deshalb hat Mr. Van Dorn einen College-Absolventen wie dich ja auch mit solchen weisen alten Ignoranten, wie wir es sind, zusammengetan.«
»Durch unser grauhaariges Beispiel hofft der Chef, dass sich vielleicht sogar ein reiches Jüngelchen von der richtigen Bahndammseite zu einem brillanten Detektiv entwickeln kann.«
»Was hältst du davon, wenn wir in der Zwischenzeit mal an diesem Leichenwagen anklopfen und nachschauen, ob Harry Frost zu Hause ist?«
Die Partner zückten ihre schweren Revolver, während sie sich durch die Gasse in Richtung Straße auf den Weg machten.
»Bleib zurück, Isaac. Du solltest Harry Frost niemals ohne eine Waffe in der Hand auf die Pelle rücken.«
»Die du, weil du noch Lehrling bist, eigentlich gar nicht bei dir haben darfst.«
»Ich habe mir einen Derringer gekauft«, sagte Bell.
»Sehr einfallsreich. Sieh bloß zu, dass der Boss nicht Wind davon bekommt.«
Sie bogen um die Ecke und gelangten auf die Straße. Ein Messer blitzte im Licht der Straßenlaterne auf und durchtrennte die Zügel, mit denen die Pferde des Leichenwagens angebunden waren. Gleich darauf ließ eine untersetzte Gestalt eine Kutscherpeitsche gegen ihre Rümpfe knallen. Die Tiere stürmten los, vorbei an den Wagen, die sich vor dem Depot aufgereiht hatten. Als der führerlose Wagen das Depot erreichte, explodierte er mit lautem Donner und einer grellen Stichflamme. Die Druckwelle erwischte die Detektive und schleuderte sie durch die Schwingtüren und das Schaufenster des nächsten Saloons.
Isaac Bell raffte sich auf und rannte auf die Straße zurück. Flammen schlugen aus dem Zeitungslager. Die Wagen waren auf...




