Czyz | Es blieb mir nur die Hoffnung | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Czyz Es blieb mir nur die Hoffnung

Die lange Suche nach dem eigenen Vater
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-03848-478-3
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die lange Suche nach dem eigenen Vater

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-03848-478-3
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Obwohl es unglaublich erscheint, ist diese Geschichte tatsächlich passiert: Eine Mutter entführt ihr Kind und verlässt dessen geliebten Vater, einen polnischen Musiker. Sie beginnt eine neue Beziehung zu einem leider sehr brutalen Mann und verändert damit das Leben ihrer wunderschönen Tochter für immer. Fortan pflastern Misshandlung, Abhängigkeit und ein tiefes Gefühl von Verlassenheit Nadias Weg. Ihre jahrelange Odyssee von Polen über Tschechien bis nach Italien führt sie an Orte und in Situationen, die sie fast zerstören. Allein der Gedanke, dass es ihr eines Tages gelingen wird, ihren leiblichen Vater doch noch zu finden, hält sie am Leben. In den alles entscheidenden Augenblicken zwischen Leben und Tod sieht sie sein Gesicht vor sich.

Dieses "Real Life"-Buch wird zum tragischen Bericht einer ehemaligen Heroinsüchtigen und Prostituierten. Er wühlt auf, man kann sich ihm nicht entziehen. Und doch blitzen immer Hoffnungsschimmer auf. "Ich bin mir sicher, dass ich – wenn ich nicht so gelitten hätte – niemals so verzweifelt nach meinem Vater und seiner Liebe gesucht hätte", meint Nadia. Das erlebte Leid hat sie auf eine Reise vorbereitet. Eine Reise, die sie nicht nur zurück zu ihrem Vater führt. Sondern am Ende auch zu dem Gott, der ihr im "Vaterunser" begegnet.

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Kapitel 2


Gepackte Koffer


Der letzte Besuch mit Mama in der Tschechei war vollkommen anders.

Meine Eltern hatten sich am Abend vor unserer Abfahrt wegen irgendetwas fürchterlich gestritten. Sie dachten, ich würde schon schlafen, deshalb sprachen sie ziemlich laut. Ich verstand nicht viel davon. Es ging wohl um Geld und irgendwelche anderen Dinge, die ich nicht begriff.

Mama hatte Papa schon länger Vorwürfe gemacht, und jetzt schrie sie, dass sie genug von diesem Leben habe: Er wäre nie zu Hause, würde sich nur um sich und seine Karriere drehen, zu wenig verdienen, und außerdem habe sie die Nase voll von diesen ganzen Frauen, die ihm ständig hinterherrennen würden.

Sie könne es außerdem nicht mehr ertragen, wegen den normalsten Lebensmitteln mit mir in der Schlange zu stehen, weil es in diesem schrecklichen Land nicht einmal Brot und Milch gäbe. Sie sehne sich endlich nach Stabilität.

Das Wort «Stabilität» verstand ich nicht, aber Mama wiederholte es unablässig. Es wäre ihr lieber, wenn Papa Maschinist wäre als «ein beschissener Musiker».

Ich konnte nicht verstehen, warum sie so laut wurde und solche Dinge sagte. Was machte sie so wütend? Papa war immer äußerst bemüht, wenn er zu Hause war, kochte leckere Mittagessen für uns und brachte uns von jeder Reise etwas Schönes mit.

Manchmal nähte er sogar für Mama und mich Kleider und Röcke, wie er sie in den ausländischen Zeitschriften gesehen hatte. Mama war schön angezogen, und alle bewunderten sie, weil sie so hübsch aussah.

Wenn wir Papa begleiteten, übernachteten wir immer in eleganten Hotels. Papa sagte Mama auch die ganze Zeit, dass sie die wunderbarste Frau sei, die er je getroffen habe, worauf ich sogar ein bisschen eifersüchtig war.

Ich verstand absolut nicht, warum Papa lieber Maschinist sein sollte. Ohne Musik, Konzerte und Auftritte könnte er doch gar nicht leben!

Ich zitterte und krümmte mich vor Angst im Bett zusammen, als ich sie so hart miteinander reden hörte. Es war das erste Mal, dass sie sich auf eine solche Weise stritten.

«Schrei nicht so, sonst weckst du noch die Kleine auf», versuchte Papa Mama zu beruhigen. Wir hatten nur ein Zimmer mit Küche, und ich schlief in der Ecke, die mit einem Vorhang abgetrennt war.

Mama ließ jedoch nicht locker. Ich zog mir die Decke über den Kopf und hielt mir die Ohren zu, weil ich ihr Schreien nicht mehr ertragen konnte. Das Kopfkissen war bald von meinen Tränen durchnässt. Ich verstand einfach nicht, warum Mama so aufgebracht war.

beschloss ich in meiner kindlichen Naivität. Ich drückte meinen blauen Lieblingsteddy an mich, den Papa mir einmal mitgebracht hatte. Müde vom Weinen schlief ich irgendwann ein.

«Steh schnell auf, wir fahren zu Oma und Opa.» Mama rüttelte mich am Arm, um mich zu wecken.

«Zu Oma und Opa?» Verschlafen rieb ich mir die Augen. Ich verstand diese Eile nicht.

«Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen. Deine Sachen sind schon gepackt, nimm nur noch dein Spielzeug mit. So viel, wie du hineinbekommst.» Mit diesen Worten reichte sie mir meinen kleinen Rucksack.

«Mama ...»

«Wir müssen uns beeilen, deshalb mach dich fertig. In zwei Stunden fährt unser Zug.»

Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, Fragen zu stellen. Bei Mama gab es keine Diskussionen. Sie war entschlossen, energisch und konsequent. Mir war klar, dass ich machen musste, was sie sagte. Am besten sofort und ohne Widerrede.

Während ich im Bad war, gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf:

«Beeil dich!» Mama holte mich in die Wirklichkeit zurück.

«Ich komme gleich.» Ich spülte die restliche Zahnpasta aus dem Mund und verließ kurz darauf das Bad.

Im Flur standen bereits zwei gepackte Koffer. Der von Mama war groß und elegant, meiner klein und rot-blau kariert. Beide sahen durch unsere häufigen Reisen etwas mitgenommen aus.

Rasch zog ich mich an, packte den blauen Teddy und die kleine Stoffpuppe ein, die mir meine Freundin Beata zum Geburtstag geschenkt hatte, dazu die Bambino-Buntstifte und ein Ausmalheft.

«Es tut mir leid, dass ich euch nicht mitnehme. Ihr passt nicht mehr in den Rucksack, aber ich komme bald nach Hause zurück», entschuldigte ich mich bei meinen Maskottchen und der wunderschönen großen Puppe, die Papa mir vor kurzem aus der DDR mitgebracht hatte.

Vor dem Verlassen der Wohnung machte ich noch mein Bett so ordentlich, wie ich konnte, weil Mama sich immer ärgerte, wenn ich die Bettdecke einfach liegen ließ.

«Komm schnell, du musst noch frühstücken, bevor wir gehen!», rief Mama ungeduldig aus der Küche.

Während ich eilig ein Wiener Würstchen hinunterschlang, flocht sie mir Zöpfe. Da hörte ich auch schon das Hupen vor dem Haus.

Mama schaute aus dem Fenster. «Jetzt schnell nach unten, das Taxi wartet schon!», befahl sie und drückte mir energisch den Rucksack mit meinen Spielsachen in die Hand.

«Weiß Papa ...?»

«Mach dir um Papa keine Gedanken! Lauf schnell die Treppe hinunter, damit wir den Zug nicht verpassen!», trieb sie mich an und schloss die Wohnungstür ab.

« Guten Tag!», begrüßte uns der Schaffner auf Tschechisch, als wir über die polnisch-tschechische Grenze gefahren und in den Zug nach Brünn umgestiegen waren. Ich hatte keine Schwierigkeiten, ihn zu verstehen, weil ich beide Sprachen kannte. Allerdings sprach ich öfter und sehr viel besser Polnisch.

«Wie alt ist Ihre Tochter?», fragte er, als er unsere Fahrscheine kontrollierte.

«Fünf», antwortete Mama, während der Schaffner die Fahrscheine mit seinem speziellen Gerät lochte.

Dieses Gerät faszinierte mich so sehr, dass meine Großeltern mir zum Geburtstag den Spielsatz «Der kleine Schaffner» gekauft hatten. Heute jedoch konnte nicht einmal der Locher des Schaffners meine Aufmerksamkeit wecken. Die ganze Fahrt über saß ich nur da und starrte aus dem Fenster. Ich hatte auch keine Lust zu singen, denn nach dem Streit meiner Eltern und dem übereilten Verlassen unserer Wohnung war ich unsagbar traurig.

Ich lehnte meinen Kopf an den Sitz an und kniff mit aller Kraft die Augen zusammen, um nicht loszuweinen.

«Nadia, wach auf, gleich sind wir in Brünn.» Mama rüttelte an meinem Arm.

Ich rieb mir die Augen. Draußen war es inzwischen fast dunkel. Wir nahmen unsere Koffer und quetschten uns den engen Gang hinter anderen Reisenden entlang Richtung Ausgangstür.

Auf dem erleuchteten Bahnsteig wartete Opa auf uns. «Ho, ho, ho, wie du gewachsen bist! Du bist ja eine richtige Dame geworden!», verkündete er, hob mich von den hohen Stufen des Waggons herunter und umarmte mich herzlich.

Das war seine Standardbegrüßung, und jedes Mal war ich außerordentlich stolz darauf, schon ein großes Mädchen zu sein.

«Opi, ich war mit Papi und Mami an der Ostsee!» Der Anblick meines Opas verbesserte meine Laune wesentlich, und so plapperte ich während der gesamten Fahrt nach Hause.

«Ja? Und wann?»

«Vor kurzem. Mami, wann war das?», fragend schaute ich Mama an.

«Vor zwei Wochen», antwortete sie mit leicht verärgerter Stimme.

«Opi, warst du auch schon einmal an der Ostsee? Wie heißt das tschechische Meer? Kannst du schwimmen?» Das waren die ersten von gefühlt hunderten Fragen, die ich Opa auf dem Weg zur Wohnung in der Altstadt von Brünn stellte.

Oma erwartete uns mit einem warmen Essen. Wie immer gab es Semmelknödel mit Gulasch und Gurkensalat. Das war das tschechische Nationalgericht, das ich liebte. Oma betonte, dass sie niemals fertige Knödel kaufte, sondern sie stets selbst machte, obwohl man sie in der Tschechoslowakei überall kaufen konnte, sogar im kleinsten Lebensmittelgeschäft. Zweifellos waren aber keine so lecker wie die, die meine Oma machte.

«Und wann kommt Jakub nach?», fragte Opa Mama beim Essen. Er mochte ihn sehr, so wie Mamas ganze Familie: ihre Eltern und ihr Bruder, alle liebten Papa.

«Das weiß ich nicht», antwortete Mama knapp. «Und ... es ist mir auch egal», fügte sie leise hinzu.

Oma schaute sie verwundert an. «Was ist passiert? Habt ihr euch gestritten?» Oma senkte ebenfalls die Stimme.

«Wir reden später», brach Mama das Gespräch mit einem Kopfnicken in meine Richtung ab.

Oma fragte nicht weiter nach.

Obwohl ich wusste, dass Papa auf Tournee war, wartete ich dennoch unbewusst darauf, dass er bald bei meinen Großeltern auftauchen würde.

«Mama, wann kommt Papa?», fragte ich am nächsten Tag beim Frühstück.

«Das weiß ich nicht, er ist doch unterwegs. Und sprich Tschechisch, wir sind in der Tschechei!», beendete sie das Thema.

Oma und Opa hatten nichts dagegen, dass ich Polnisch sprach, auch wenn sie manchmal nicht alles verstanden. Mit Mama bemühte ich mich jedoch, in ihrer Muttersprache zu reden, obwohl ich mich schämte, weil mir häufig Fehler passierten und Mama mich ärgerlich korrigierte.

Noch am selben Nachmittag wollte Mama sich mit einer Freundin treffen – mit Ewelina, wie sie meinen Großeltern sagte.

Seitdem verschwand sie jeden Tag nach dem Mittagessen, bis sie eines Abends überhaupt nicht nach Hause kam.

Ich machte mir keine Sorgen, denn Oma und Opa schauten mit mir den Sandmann an, brachten mich ins Bett und...


Frey, Ina
Herrnhut



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