Czyz | Geliebt. Getäuscht. Gefunden. | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Czyz Geliebt. Getäuscht. Gefunden.

Eine deutsch-polnische Mosegeschichte
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-03848-508-7
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Eine deutsch-polnische Mosegeschichte

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-03848-508-7
Verlag: Fontis
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jan hatte immer geahnt, dass es ein Familiengeheimnis geben musste. Aber worum es dabei ging, wusste er nicht. Zwei Wochen nach dem Tod seines polnischen Papas, einem Pastor, entdeckt Jan bei der Wohnungsauflösung Dokumente, die ihn völlig aus dem Gleichgewicht bringen: Er findet heraus, dass er von seinen polnischen Eltern adoptiert worden ist, dass seine Eltern Deutsche waren und er drei ältere Brüder hat. Gegen Ende des Krieges hatte seine Mutter ihn in Gleiwitz in ein Kinderheim gegeben, weil er erst einige Monate alt war und die Flucht nicht überlebt hätte. Sie wollte ihn nach Kriegsende zurückholen. Aber als der Krieg vorbei war, gehörte Gleiwitz nicht mehr zu Deutschland! Eine polnische Familie, die kinderlos war, entschloss sich, Jan zu adoptieren, weil ihnen gesagt wurde, dass er ein Waisenkind sei. Er wurde ihr Ein und Alles. Drei Jahre später meldete sich die leibliche Mutter per Brief, doch die Adoptiveltern liebten Jan so sehr, dass sie ihn um keinen Preis wieder zurückgeben wollten.
Jan, der Pastor einer freikirchlichen Gemeinde geworden ist, erfährt das alles erst nach dem Tod seiner Adoptiveltern. Mit Hilfe eines Cousins, der in Deutschland lebt, gelingt es ihm, Kontakt zu seinen Geschwistern aufzunehmen. Die Begegnung mit ihnen ist enorm bewegend, und wie die anderen Bücher von Lidia Czyz wird auch diese deutsch-polnische Mosegeschichte mitreißend geschildert. Man will dieses Buch nicht mehr aus den Händen legen.

Czyz Geliebt. Getäuscht. Gefunden. jetzt bestellen!

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Andrzej kommt zu Besuch


Ich kam aus der Schule zurück, öffnete die Tür und sah meine Eltern mit einem großen, aber sehr abgemagerten Mann im Flur stehen, der offensichtlich gerade zu Besuch gekommen war. Er erinnerte mich an jemanden, aber mir fiel nicht ein, an wen.

«Andrzej, es ist eine riesige Überraschung, dass du gekommen bist! Lass uns ins Wohnzimmer gehen», lud Papa ihn ein. «Wir freuen uns so sehr, dass du hier bist!»

Erst in diesem Moment fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Es war Onkel Andrzej! Auf den Fotos von vor einigen Jahren sah er vollkommen anders aus: gut gebaut und stark.

Nachdem Papa und Mama ihn begrüßt hatten, wandte sich Onkel Andrzej an mich.

«Janek, wie du gewachsen bist!», wunderte er sich und legte seinen Arm um mich. «Aber ja, es sind über drei Jahre vergangen. Meine eigenen großen Jungs sind inzwischen schon erwachsene Männer, und mein Mariusz war noch so klein, als das passiert ist.» Er hielt seine Arme so, als würde er ein Baby halten. «Und jetzt geht er schon in den Kindergarten.»

Ich wusste nicht, was sich ereignet hatte und warum Onkel Andrzej sich so wunderte.

«Schade, dass du nicht Bescheid gegeben hast, dass du kommst! Ich habe nur noch den Rest Kuchen von Sonntag da …», entschuldigte sich Mama, während sie in die Küche ging, um Wasser für Tee aufzusetzen.

«Sonia, das hat sich erst im letzten Moment ergeben», erklärte Onkel Andrzej. «Außerdem möchte ich noch vorsichtig sein, um niemanden in Probleme zu bringen. Ihr wisst ja selbst … Ich kontrolliere die ganze Zeit, ob mir niemand folgt.» Er sprach leiser. «Und nach dieser ekelhaften Kohlrübensuppe, die wir jeden Tag zu essen bekommen haben, ist jeder Kuchenkrümel für mich ein echter Leckerbissen. Und Gerstengrütze kann ich wahrscheinlich bis zu meinem Lebensende nicht mehr sehen! Bronek sagte, dass er seine Frau bitten wird, einen riesigen Topf Gerstengrütze zu kochen, den er dann hochkant aus dem Haus werfen wird!»

Erstaunt schaute ich Onkel Andrzej an. Mir war beigebracht worden, dass selbst der kleinste Rest Essen nicht weggeworfen werden durfte. Man musste so hart dafür arbeiten, und es war schwierig, etwas im Laden zu bekommen – und da sprach Onkel Andrzej davon, einen ganzen Topf mit Essen wegzuwerfen?

«Piotr, vielen Dank noch einmal für deine Hilfe bei meiner Freilassung!» Onkel Andrzej wandte sich an Papa. «Das werde ich dir nie vergessen!»

«Andrzej, es gibt nichts, wofür du dich bedanken müsstest! Es ist schlimm, dass du das so lange ertragen musstest! Ich habe getan, was ich konnte, aber erst nach Tod ist es gelungen …»

Nach wessen Tod?, fragte ich mich. Das, was sie sagten, war nach wie vor vollkommen rätselhaft für mich, wurde mit jedem Satz aber auch interessanter.

«Du hast so schrecklich abgenommen!», bedauerte Mama.

«Ach, durch Marylas liebevolle Fürsorge bringe ich sogar schon wieder ein paar Kilo mehr auf die Waage! Unmittelbar nach der Entlassung seien von mir nur noch Haut und Knochen übrig gewesen, das haben zumindest die anderen gesagt. Piotr kann bestätigen, dass ich inzwischen schon wieder entschieden besser aussehe.»

«Ja, das stimmt!», pflichtete Papa ihm bei.

Nach was für einer Entlassung? Ich wurde immer neugieriger, wo Onkel Andrzej gewesen war, wenn er die ganze Zeit Kohlrübensuppe essen musste. Tante Hania hatte einmal gesagt, dass die Leute während des Krieges so etwas gegessen hatten. Da war es nicht verwunderlich, dass Onkel Andrzej so dünn geworden war. Aber bei welchem Krieg soll er gewesen sein? Der Krieg war doch schon lange vorbei, und ich hatte von keinem neuen gehört! Oder war dieser Krieg irgendwo weiter weg?

Unzählige Fragen gingen mir durch den Kopf, aber ich war mucksmäuschenstill aus Angst, Mama und Papa würden mich sofort in mein Zimmer schicken, sobald ich mich zu Wort meldete.

Ich wartete, was Onkel Andrzej weiter erzählen würde. Doch gerade als er fortfahren wollte, war der Tee fertig gekocht, und Mama lud ihn und Papa ins Wohnzimmer ein, während sie mir auftrug, meine Hausaufgaben zu machen. Ich wusste, dass es keine Diskussion gab. Gehorsam, wenn auch höchst ungern, blieb ich in der Küche und breitete meine Schulbücher auf dem Tisch aus.

Zum Glück hatte Papa die Tür nicht richtig geschlossen, wodurch einige Gesprächsfetzen bis zu mir drangen. Ich schob meinen Stuhl so nah wie möglich an die Tür, von wo aus ich sie deutlicher hören konnte.

«Du musst nicht darüber sprechen, wenn es dir schwerfällt», sagte Mama fürsorglich.

«Inzwischen geht es … Es ist fast ein Jahr vergangen. Am Anfang, bei Piotrs erstem Besuch, war es noch zu schwierig, Worte für das Erlebte zu finden …», hörte ich Onkel Andrzej sagen. «Auch wenn ich das alles mit Sicherheit niemals vergessen werde. Schon auf dieser Konferenz, damals im September 1950, wusste ich, dass sie das Gebäude umstellt hatten. Einer der Abteilungsleiter hatte mich außerdem vorher gewarnt und mir gesagt, dass wir in ihren Augen wie Schafe seien, die zum Schlachten bestimmt sind.»

Was für Schafe?! Ich verstand nicht, wovon er sprach, deshalb hörte ich noch aufmerksamer zu. Onkel Andrzejs Bericht war so spannend, dass ich nicht aufhören konnte zu lauschen, obwohl ich wusste, dass sich das eigentlich nicht gehörte.

«Hat Maryla euch erzählt, wie sie uns durchsucht haben? Die ganze Nacht … Sie haben die Wohnung auf den Kopf gestellt, Matratzen aufgeschlitzt und jedes Blatt Papier kontrolliert. Sie haben nach Dollarscheinen gesucht. Fast zwanzig Leute haben sie verhört.»

Dollar? Die durfte man doch gar nicht haben! Ich erschrak bei dem Gedanken, dass Onkel Andrzej etwas Verbotenes besessen haben könnte. Vorsichtig und ganz leise rückte ich zentimeterweise noch näher an die Tür.

«Sie haben mich zur U-Haft in einen dunklen, nach Exkrementen stinkenden Betonkeller auf der Koszykowa-Straße gebracht.»

Ich stellte mir vor, was für ein abscheulicher Ort das gewesen sein musste. In unserem Mietshaus hatten wir auch einen Keller, vor dem ich panische Angst hatte. Wenn Mama Gläser mit Eingewecktem holte, die sie im Keller aufbewahrte, blieb ich immer oben und wartete dort auf sie.

«Der Gestank von Urin brannte wie Essig, auf dem Boden lagen zwei modrige Strohsäcke, in denen vom Stroh kaum noch etwas übrig geblieben war, wodurch man im Grunde auf dem blanken Beton schlief.»

Onkel Andrzej sprach laut, so dass ich alles problemlos verstand.

Wo war er bloß gewesen? Im Gefängnis? Mein Entsetzen wurde immer größer. Ich hielt den Atem an.

«Ich schlief ein und verlor das Zeitgefühl. Es war wahrscheinlich Abend, als sie mich zum Verhör holten. Sie brachten mich in ein großes, beleuchtetes Zimmer, setzten mich in eine Ecke, befahlen mir, die Hände auf die Knie zu legen, und verhörten mich vierundzwanzig Stunden lang. Alle paar Stunden wechselten sie sich ab, während ich bewegungslos auf meinem Platz sitzen musste. Sie brüllten mich an, dass wenn ich auch nur den kleinen Finger regen würde … ach, es ist schade um jedes Wort, das man darüber verliert …

Jedenfalls war’s eine schreckliche Qual. Ich musste aufs Klo und sagte, dass ich es nicht mehr länger halten könne. ‹Dann wirst du es auflecken!›, schrie der Oberst. Er schubste und trat mich, als wir gingen. Wenn uns jemand entgegenkam, drückte er mein Gesicht an die Wand. Ich durfte mich davon überzeugen, wie einfach es war, die Würde des Menschen mit Füßen zu treten … Aber das Schlimmste war, dass das Polen mit uns gemacht haben, unsere eigenen Landsleute!»

Sogar in der Küche hörte ich, wie seine Stimme vor Aufregung zitterte. «Sie haben mir Spionage für die USA vorgeworfen, also Landesverrat. Im Übrigen weißt du ja selbst, dass sie uns allen dasselbe unterstellt haben.»

Onkel Andrzej war wegen Spionage angeklagt worden! Es verschlug mir die Sprache. Deshalb hatten sie ihn also eingesperrt!

Aber … es war unmöglich, dass er Polen verraten haben sollte! Wie oft hatte Papa betont, wie ihre Eltern sie erzogen hatten: in der Liebe zum Vaterland. Deshalb verstand ich nicht, wieso Onkel Andrzej zu Papa sagte, dass ihnen allen dasselbe vorgeworfen wurde. Wem? Papa …?!

Langsam wurden mir bestimmte Fakten klar. Wahrscheinlich war Papa auch … im Gefängnis gewesen? Aber wann? Etwa damals, als er angeblich im Sanatorium war? Ich legte meine Hand auf den Mund, um nicht vor Schreck aufzuschreien. Ich stand leise auf und rückte Stuhl und Tisch noch einmal um einige Zentimeter näher an die Tür.

«Haben sie dich auch so verhört?»

«Nein», antwortete Papa mit erstickter Stimme. «Ohne Folter. Bei meinem Gesundheitszustand hätte ich das wahrscheinlich gar nicht überlebt … Aber sie haben mich psychisch
gequält. Trotzdem danke ich Gott, dass es in Kattowitz insgesamt leichter war.»

«Stimmt, mit deinem schwachen Herzen … Gott sei Dank, dass ich einen starken Organismus habe. Es hat mich nicht gewundert, dass manche zusammengebrochen sind und alles unterschrieben haben, was ihnen vorgelegt wurde. Sie haben mir gedroht … Ach, ich werde nicht wiederholen, wie. Dann haben sie mich in eine andere Zelle gebracht. Dort stand ein Holzeimer mit Deckel, der Boden war mit Sägespänen bestreut, in der Ecke lagen ein Strohsack, in dem kein Stroh mehr war, und drei dünne Decken.

Auf dem Flur brannte eine schwache Glühbirne, und über der Tür war eine vergitterte kleine Öffnung. Ich habe in der ersten Zeit mit dem stellvertretenden Kommandanten der Geheimpolizei in Tomaszow zusammen gesessen. Er war ein deutscher...


Czyz, Lidia
LIDIA CZYZ (55) ist Pastorenfrau, Lehrerin und Seelsorgerin, sie leitet Frauentreffen und ist Autorin zahlreicher Bücher und Artikel. 2013 debütierte sie mit dem polnischen Bestseller "Stärker als der Tod" auch im deutschen Sprachraum. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei erwachsenen Kindern.



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