E-Book, Deutsch, 228 Seiten
Dabiri DRAMA
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-902711-97-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-902711-97-7
Verlag: Septime Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Arad Dabiri 1997 in Wien geboren und lebend, schreibt Prosa, schreibt fürs Theater, schreibt über das junge Leben in der Großstadt: über Rausch, Liebe und Identität. Da, wo es eben wehtut, oder auch schmeckt. Aus Wien wird er niemals verschwinden. Die Hoffnung bleibt ja, Literatur wieder dreckig zu machen. Irgendetwas zu ändern, zu hinterlassen. Akademischer Zwang treibt ihn zusätzlich in das Studium der (Vergleichenden) Literaturwissenschaft. Bisherige prosaische Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturmagazinen. DRAMA ist sein Debütroman.
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hallo, tristesse.
Die Landung ist unspektakulär, ein richtiges Trauerspiel. Ein kleiner Ruck, und schon ist es vorbei. So schnell, und vor allem nach dieser Tortur so gar nicht belohnend. Darauf folgt nur mehr das Rollen auf der Landebahn, während langsam das Tempo gedrosselt wird. Das alles natürlich in Zeitlupe, bei einer Landung dauert jede Kleinigkeit mindestens dreimal so lange. Ich sehe gestresste Menschen, Gurte, die geöffnet werden, und der Wettlauf beginnt. Handgepäck wird schnellstmöglich aufgesammelt. Ein großes Gedrängel, bis man sich den Weg aus dem Flieger bahnt. Wofür man sich diesen Stress eigentlich antut, frage ich mich. Nur damit der erneute Alltagstrott beginnt. Passagiere kommen in der Realität an, frisch aus dem Urlaub, und schieben sich direkt wieder in das normale Leben. Sie kehren heim von der Dienstreise und zerren sich sofort, ohne Pause, zurück in die Arbeit. Es ist wie ein Direktflug ins Büro. Für mich steht etwas anderes auf dem Plan. Seelische Arbeit, denn ich bin dort angekommen, wo alles angefangen hat. Wien, die kleinste Großstadt. Und vor mir liegt der größte Kampf, David gegen Goliath. Das spüre ich in all meinen Gliedmaßen. Und eigentlich habe ich so gut wie keine Chancen, ich habe einen kleinen Dolch, die Stadt einen riesigen Speer. Ruhe kehrt im Flieger ein, ich greife zu meiner Reisetasche, und schon geht es los. Ich wage den Fluchtversuch, schaffe es von meinem Sitzplatz, durch die Schleuse und schließlich bis in den Ankunftsbereich. Auf dem Weg achte ich auf nichts, nur auf mich, auf jeden meiner Schritte. Kurz vor dem Ausgang aus der Halle bleibe ich am internationalen Flughafenkiosk stehen. Schaue mich um, lese leise die Überschriften der unzumutbarsten Boulevardblätter vor mich hin.
»NIEDERLÄNDISCHER KRONPRINZ SCHWÄNGERT KINDERMÄDCHEN!«
oder
»10 TIPPS UM IN 10 TAGEN
10 KILO ABZUNEHMEN.«
Ich muss gähnen, aber stöbere weiter. Da, aus dem Augenwinkel sehe ich ihn. Der Verkäufer, dieser Typ an der Kassa, beobachtet mich. Blickt mir tief in meinen seelischen Hohlraum. Was glaubt er da zu finden? Er starrt mich weiter an. Okay, nicht aus der Fassung bringen lassen. Beide Hände bleiben in meinen Hosentaschen stecken. Ich habe lange gebraucht und es war harte Arbeit, die Wut in den Griff zu bekommen. Die Wut auf alles, was so in der Stadt passiert. Aber eben auch die Wut, wenn mich jemand dreißig Sekunden zu lange anstarrt. Diese mühselige Arbeit der Aggressionsbewältigung werfe ich auch nicht für einen Flughafenmitarbeiter über Bord. Zurückhalten, abwarten. Wenn er aufhört, dann mache ich nichts. Sehe mir weiter diese Drecksmagazine an und kaufe keines davon. Und dann kommt er mir tatsächlich damit. Mit dieser Der-Kunde-Ist-König-Scheiße.
»Melden Sie sich. Falls Sie Hilfe brauchen«, sagt er.
Und das provoziert mich, ich möchte es nicht einmal in Worte, in Gedanken fassen. Die Fäuste in meiner Hosentasche glühen und drohen, durch den Stoff zu brennen. Aber es hat keinen Sinn. Also grinse ich, drehe mich um und gehe einfach. Ich habe gewonnen, gegen meinen Körper, gegen meinen Geist eigentlich auch. Und vor allem gegen ihn. Ich bin mit der Zeit wohl doch vernünftig geworden.
Siegessicher gehe ich also ein paar Schritte.
Dann noch ein paar Schritte.
Dann drehe ich mich wieder um.
»Weißt du was?«, spucke ich aus der Ferne in sein Gesicht.
»Entschuldigen Sie.«
»Irgendwann wirst du von jemandem deine Zähne ausgeschlagen bekommen. Ich bin es heute nicht, wegen meiner Therapie, aber das geht dich nichts an. Aber es gibt andere, die nicht zögern. Irgendwann also wird dich jemand für diesen Blick bestrafen«, sage ich, drehe mich elegant um und lasse ihn mitsamt Flughafenkiosk endgültig hinter mir. Ich fühle diese Wärme in meinem Körper. Wie sich das Blut überallhin verteilt, aber nirgends austreten kann. Sich lediglich aufstaut. Gerne hätte ich provoziert, damit die Situation eskaliert. Dann hätte ich zumindest allem, den Ventilen, freien Lauf lassen können. Dann hätte man auf nichterwachsene und problematische Art diesen Konflikt lösen können. Einer von uns beiden wäre als Ergebnis am Boden gelegen. Aber wenigstens gäbe es dann einen klaren Schlussstrich für dieses Drama. Doch keine Chance, das ausgegebene Geld für die Therapie wäre ja sonst weggeschmissen. Und ich bin ja auch ein gänzlich neuer Mensch, ein neues Ich, im Wandel.
Erst mal muss ich schnell aus diesem Flughafen raus.
Zähne.
Spitze Zähne.
Scharfe, spitze Zähne.
Der Anblick überrascht mich. Zwingt mich, ruckartig stehen zu bleiben. Ich reibe meine Augen und sehe wieder hin. Dann reibe ich sie noch einmal und sehe wieder hin. Und dann ein drittes Mal, nur um sicherzugehen.
Scharfe, spitze Zähne
umranden den Flughafenausgang. Die halb-ovale Form nimmt die Gestalt eines Mundes an. Raubtierhaft bewegen sich die Zähne, sie knirschen. Das Geräusch betäubt meine Ohren. Kann ich glauben, was ich sehe, was ich höre? Sie bewegen sich und knirschen, diese scharfen, spitzen Zähne. Ich drehe mich um meine eigene Achse und schaue um mich. Sieht sonst noch jemand dasselbe wie ich? Es scheint nicht so, vielleicht bin ich also doch schon zu betrunken. Der Mund zieht mich an, er spricht zu mir. Sagt mir, dass ich eine Entscheidung zu treffen habe.
Rückzug oder Konfrontation
zischt es aus der Richtung des Ausgangs.
Der Mund, er sagt es in einem komischen Ton, dem man nicht entfliehen kann. Drei oder achtzehn Oktaven tiefer, als ich es kenne.
Rückzug oder Konfrontation.
Ich möchte laut antworten, doch lieber zögere ich. Bevor wirklich jemand denkt, ich sei verrückt.
Rückzug oder Konfrontation.
Ich entscheide mich also. Es geht in Richtung Flughafenausgang. Ich meine zu erkennen, dass der Mund ein Lächeln formt, während ich auf ihn zugehe. Ein schmieriges Grinsen.
Die automatischen Türen weisen mich nach außen. Ich bin jetzt wohl offiziell zurück, Schwechat. Und ich könnte zusammenbrechen. Auf der Brusttasche meines faltigen Hemds zeigen sich noch immer die Umrisse einer Zigarettenpackung ab. Also ziehe ich schnell eine Camel heraus. Es regnet, das schmale, durchsichtige Dach über mir bietet Schutz. Ich bleibe stehen, wo ich in Sicherheit bin. Lasse die dicken Tropfen über meinen Ohren laut aufklatschen, auf der durchsichtigen Scheibe über mir. Dieses Bild kommt mir so vertraut vor. Ich denke nach. Es ist mir so vertraut, weil es mein Innerstes widerspiegelt. In dem es gerade trist ist, in dem gerade schlechtes Wetter angesagt ist. In dem es regnet. In dem lautstark diese Tropfen, einer für jede schlechte Erfahrung, über mir aufschlagen. Ich zünde die Zigarette an. Der Rauch wandert durch meinen Rachen, teilt sich in die Lungen auf. Vermischt sich schließlich mit den Tropfen in mir.
Vor mir der Taxistand, hinter mir der Flughafen.
Vor mir Wien, hinter mir Berlin.
Vor mir die beklemmende Gefängniszelle, hinter mir die ganze Welt.
Nur wenige Meter von der riesigen Flughafenhalle entfernt. Die ersten Schritte auf Wiener Boden seit so langer Zeit. Die Wirkung ist nicht besonders nachhallend. Vielleicht folgt der große Einschlag erst später. Man weiß es eben nicht. Wieder der Brief, ich denke an ihn. Die Reisetasche auf dem trockenen Betonboden. Brief raus. Rauch steigt mir in die Augen. Der Versuch, mich zu Tränen zu zwingen.
Salut!
Dies ist keine formelle Einladung. Keine unpersönliche Großveranstaltung. Zu der ihr nur vielleicht kommt. Weil ihr denkt. Dreißig Leute wären eingeladen. Weil ihr denkt. Euer Erscheinen mache keinen Unterschied.
Dies ist auch kein Amtsbrief. Der ungelesen im Papiermüll landet. Der ungeöffnet tagelang auf dem Küchentisch liegt. Neben Briefen vom Finanzamt. Wir kennen doch solche Briefe. So einer ist dies nicht.
Dies ist eine persönliche Einladung. An meine ausgewählten Freunde. An euch wenige.
Der Schampus eingekühlt. Die feinsten Speisen in Vorbereitung. Der achtzehnte November ist es. Der große Tag. Ich lade euch zu einem Dinner in mein Elternhaus ein. Wir haben das Haus für uns. Die Familie in der Heimat. Südfrankreich. Und wir? Ein großes Dinner. Oberstes Gebot. Reichlich Konsum. Edle Speisen. Edle Tropfen. Das Zelebrieren unserer schönen Leben. Mit euch. Meinen Liebsten.
Ich bitte euch. Nehmt dies wahr. Es ist wichtig. Euer Erscheinen ist wichtig. Eine intime Veranstaltung. Ein großer Anlass. Ich möchte nicht zu viel verraten. Ich würde mich sehr freuen. Ihr müsst es schaffen. Unverzeihlich wäre es. Wenn ihr nicht kommt. Wenn ihr meine Freunde seid. Dann kommt. Aber ohne Druck. Vertraut mir einfach. Kommt. Ändert eure Pläne. Verschiebt elendige Meetings. Unnötige Kaffeehaustreffen. Kommt. Am achtzehnten November. Nach Hietzing.
Ihr kennt meinen Hang zur Dramatik. Nehmt mich nicht zu ernst. Andererseits. Tut es doch. Ich meine es schon ernst. Ihr müsst kommen. Ihr seid erforderlich. Kleidet euch gut. Kommt adrett. Kommt. Wie ihr seid. Lebendig.
Eine Bitte noch. Eine Bedingung. Keine Begleitung. Nur Personen mit Einladung. Mit diesem Brief. Der enge Kreis. Der wichtige Kreis.
Auf einen Abend, den wir nicht vergessen werden.
Auf einen Abend, der unsere Leben verändern wird.
Auf uns.
Hubert.
Der Brief, direkt in die Fresse und gleichzeitig zurückhaltend. Ich verstehe ihn nicht. Da ist noch etwas, mehr als eine einfache Essenseinladung. Wie ein Knoten, den es zu lösen gilt. Der nötige Handgriff steht noch in den...




