E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Dala schweben gleiten tiefer
2. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8190-2839-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-8190-2839-7
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Amy G. Dala schreibt Geschichten für alle, die sich zwischen Realitäten wiederfinden - an der Schwelle zwischen dem Alten und dem Neuen, zwischen Verstand und Intuition. Ihre Texte sind mehr als Unterhaltung: Sie sind Einladungen zur Transformation, sind Spiegel für alle, die spüren, dass sich etwas fundamental verändert und dass es mehr gibt als das Sichtbare.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Gleichzeitig unruhig. Er stellte die Kiste der Mutter behutsam auf den Tisch und sah die Flasche Whiskey.
Warum nicht?
Warum eigentlich nicht?
Den habe ich mir verdient.
Den habe ich mir nach all den Strapazen und der stürmischen Überfahrt verdient.
Er schenkte sich ein. Und hörte ihre Stimme. Was ist das für eine Kiste? Bitte nicht. Bitte nicht jetzt, bitte nicht hier. Bitte, hau ab! Anstatt sich zu freuen, dass jemand da war, dass jemand auf ihn gewartet hatte, dass er nicht alleine war, dass sie da war, freute er sich nicht.
Jona freute sich nicht. Er drehte sich abrupt um und verschüttete dabei seinen Drink, ärgerte sich, dass er sich ertappt fühlte. Was machst du hier? Ich warte auf dich. Sie sagte das mit einer Selbstverständlichkeit und lächelte ihn an, als ob sie noch nie etwas von Privatsphäre gehört hatte und von Einladungen, die erst ausgesprochen werden mussten, bevor man auf jemanden warten durfte. Bevor man im Haus des anderen auf ihn warten durfte.
Die Wut kam langsam. Erst war es nur Ärger. Ein kleines Ärgernis, dass sie da war, dass er nicht alleine war. Mit seinem Whiskey alleine. Whiskey gegen die Strapazen und mit der geheimen Kiste der Mutter.
Könnte es nicht auch schön sein, dass sie da ist, flüsterte der Usurpator.
Nein!!
Könnte Sex nicht schöner sein gegen die Strapazen anstatt Alkohol.
Sex gegen den Verlust.
Sex, um die stürmische Überfahrt zu vergessen?
Nein! Nein! Nein!
Ich dachte, du freust dich, seufzte sie. Aber du freust dich nicht. Stattdessen trinkst du am Nachmittag. Hast du Sorgen? Lief der Kongress nicht gut? Werden die Hummer auf der Insel aussterben? Jona zog Luft tief ein und atmete sie schwer und verbraucht wieder aus. Ich bin müde. Sehr müde. Und du stellst zu viele Fragen, die ich nicht beantworten kann. Willst. Beantworten willst. Du willst diese Fragen nicht beantworten.
Es war wie Jona befürchtet hatte. Sie war in Angriffsstimmung. Tessa stand auf, ging zur Flasche und schenkte sich auch einen Schluck ein. Ohne Eis. Sie nippte und verzog kurz ihre rosafarbenen Lippen, sodass die Zähne frei lagen und für einen Moment sah Jona ein ungerades Gebiss, das ihrem weichen Gesicht einen gewissen Schliff gab. Jona wollte ihre unschönen Zähne nicht sehen und ließ das Eis im Glas klirren.
Da war gar kein Kongress.
Sie lauerte.
Sie lauerte.
Keine Regung entging ihr.
Aber Jona regte sich nicht. Er trank und verschluckte sich nicht. Er trank und hatte weder Zuckungen im Gesicht, noch wurde er rot. Er fühlte sich nicht ertappt. Er saß da, hob das Glas, führte es an seine Lippen. Neigte das Glas, sodass die Flüssigkeit in den Mund floss, kurz auf der Zunge und im Gaumen brannte, bevor er schluckte.
Schluckreflex.
Ganz normal.
Dabei sah er ihr in die Augen. Also setzte sie nach. Da war kein Kongress. Du hast eine Affäre. Du warst bei einer anderen. Du hast in ihren Armen geschlafen. Ich kann sie riechen. Jona lachte und trank das Glas mit einem Schluck leer, stellte es auf den Tisch und streckte sich auf der Couch aus. Jedes Wort kannte er. Sie hatte die Wörter oft gesagt. Jedes einzelne Wort immer und immer wieder. Es langweilte ihn. Er wollte seine Ruhe. Er wollte alleine sein und nicht darüber diskutieren was ist, war oder sein könnte.
Wenn wir zusammen sind, spüre ich, wie tief du in mir versinkst. Ihre Stimme zitterte leicht und bekam einen weinerlichen Ton. Das ist Sex. Davon rede ich nicht. Ich rede vom Gefühl. Das bildest du dir ein. Tessa fixierte ihn mit klitzekleinen Augen. Ich weiß jetzt was los ist. Es macht dir Angst. Es macht dir so große Angst, dass du es nicht wahrhaben willst. Aber ich spüre es. Ich habe keine Angst vor so was Großem. Und es ist groß. Es ist richtig groß. Wir gehören zusammen. Vertraue mir und du wirst sehen, es ist gut, wir sind gut. Gut zusammen. Du holst das Beste aus mir raus. Das ist Liebe.
Jona schnarchte leicht. Er sah aus, als ob er eingeschlafen war. Tessa verstummte. Ihr Blick hing an der Kiste auf dem Tisch. Vorsichtig streckte sie die Hand danach aus. Sie bewegte sich dabei kaum. Ihre Hand verwandelte sich in das Eiskalte Händchen und als sie die Kiste fast erreicht hatte und sie zu sich ziehen wollte, schnellte Jona vor.
Seine Finger umklammerten ihr zartes Gelenk und hielten sie davon ab, die Kiste auch nur zu berühren. Fass das nicht an. Niemals! Das kleine Ärgernis wuchs. Es verwandelte sich in Wut. Tessa wollte ihren Arm aus seiner schmerzhaften Umklammerung befreien. Er hielt sie fest und verstärkte seinen Griff. Du tust mir weh. Sie war beleidigt, trotzdem empört. Was bildest du dir eigentlich ein? Denkst du, weil wir ab und zu miteinander schlafen, darfst du hierum wühlen? Darfst hier sein, wenn ich nicht zu Hause bin? Er sprang vom Sofa auf und zog Tessa brutal nach oben. Du bist kompletter Schwachsinn. Such dir einen, der den Liebesquatsch glaubt und werde glücklich mit dem.
Tessa wehrte sich gegen seinen Griff. Sie kratzte ihn. Jona hielt sie fest umklammert. Es gibt keinen anderen auf der Insel. Es gibt doch keinen anderen hier. Genau. Das ist das Problem. Deshalb ficken wir. Fang endlich an, auf dem Festland zu studieren, wie du es schon so lange planst, aber hau ab. Hau endlich ab hier. Das willst du nicht! Das willst du nicht! Sie kreischte. Er hatte sie getroffen. Sie sollte schweigen, endlich schweigen. Und nicht mehr von ihm verlangen, als er geben konnte. Doch! Das will ich. Hör auf, dein Leben zu vergeuden. Hör auf, darauf zu hoffen, dass ich meine große Liebe für dich entdecke. Wir ficken, weil es hier sonst nichts gibt.
Er zerrte sie zur Tür und schubste sie aus dem Haus. Sie taumelte. Vor ihrer Nase knallte Jona die Tür zu. Geschockt von seinem Ausbruch starrte sie die Holztür an, deren Farbe abblätterte. Nach einer Weile schüttelte sie sich, streckte die Hand zaghaft aus, legte sie auf den glatten Knauf, der sich so kalt anfühlte wie Jonas Umklammerung vorher. Von drinnen drang kein Geräusch. Nur das Meer war zu hören.
Jona lebte in einem kleinen Haus am Leuchtturm. Es gab keine Nachbarn, die ihren Streit und die vielen anderen davor hätten beobachten können. Es gab nur den Leuchtturm. Und der stand, wo er immer gestanden hatte. Der Leuchtturm hatte einen Platz. Er bewegte sich nicht. Der Leuchtturm hatte auch einen Zweck. Beides hatte Tessa nicht. Weder einen Platz noch einen Zweck. Tessa war nutzlos. In dem Sinne nutzlos für Jona. Jona wollte nichts mit ihr teilen, außer ab und zu ein bisschen Lust, wenn es ihn überkam und er dem Drang folgte, eine Frau berühren und sich in ihr versinken zu wollen. So fühlte sich Tessa in diesem Moment: Nutzlos und benutzt. Sie zog ihre Hand zurück und versenkte sie in ihrer Jackentasche. Nachdenklich drehte sie sich um und stapfte davon.
Sie kannte seine Ausbrüche. So schnell wie die Wut gekommen war, verflog sie auch wieder. Dann kam das schlechte Gewissen. So würde es auch diesmal sein. Irgendwann würde Jona eine Nachricht schicken und sich entschuldigen. Jedes Mal nahm sich Tessa vor, ihn zappeln zu lassen, es ihm nicht so einfach zu machen. Immer blieb es bei dem Vorsatz. Nie schaffte sie es. Würde man alle die Stunden zusammenzählen, die sie mit ihren Freundinnen darüber geredet hatte, warum sie war, wie sie war, was Jona in ihr auslöste und was überhaupt mit Jona los war, käme man auf Wochen, vielleicht sogar Monate. Tessa wusste nicht, wieso sie bei Jona immer schwach wurde. Sie konnte es sich nicht anders erklären und nannte es Liebe. Das musste Liebe sein. Ihm konnte sie vergeben. Jona weckte ihn ihr eine Selbstlosigkeit, die ihr bis dahin komplett fremd gewesen war. Und war Selbstlosigkeit nicht eine gute Eigenschaft? Tessa schlussfolgerte, dass Jona für sie geboren war und umgekehrt. Ihm konnte sie verzeihen, bei ihm war sie selbstlos. Deshalb musste er der Vater ihrer Kinder werden. Es konnte gar nicht anders sein. Sie glaubte fest daran, dass sie noch geduldiger sein musste, dann würde bald der Tag kommen, an dem auch Jona begriff, dass Tessa die Liebe seines Lebens war.
Jona war froh, dass sie weg war. Sie war in seine Privatsphäre eingedrungen und hatte bekommen, was sie verdiente. Dafür würde er sich nicht entschuldigen. Diesmal würde er sich nicht entschuldigen. Er nahm die Kiste der Mutter und verschloss sie in der untersten Schublade seines altmodischen Schreibtisches. Den filigranen Schlüssel zog er ab. Einen Moment drehte und wendete er den Schlüssel in seiner Hand.
Was sollte er damit tun?
Was überhaupt sollte er jetzt tun? Nach allem was passiert war.
Er hatte keine Mutter mehr. Und einen Vater hatte es nie gegeben. Das nannte man wohl Waise. Jona war ein Waisenkind. Der Mann, der im Glashaus saß und vor sich hin brödelte, der ihm fälschlicherweise als Vater vorgesetzt worden war, diesen Mann wollte Jona nie wiedersehen. Das beschloss er mit dem Schlüssel in der Hand.
Und was nun damit tun?
Unschlüssig trat er an das geöffnete Fenster. Kühler Küstenwind wehte ihm ins Gesicht. Er hörte, roch und schmeckte das Meer.
Er liebte das Meer.
Er achtete das Meer.
Er vertraute dem Meer.
Beim Meer war er sich über seine...




