E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Dale Wildflower Barn - Ein neuer Anfang
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-96148-793-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-96148-793-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Dale ist seit frühster Jugend ein Bücherwurm und kennt nichts Schöneres, als sich mit einem Buch und einer Tasse Tee aufs Sofa zu kuscheln. Nach dem Studium der Geisteswissenschaften arbeitete sie einige Jahre im Verlagswesen, bevor sie begann, selbst Romane zu schreiben. Heute wohnt sie mit ihrem Ehemann in New Jersey. Lisa Dale veröffentlichte bei dotbooks ihren bewegenden Liebesroman »Liebe bleibt für immer«.
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9. Mai
Lana stand auf dem Feld, das hinter der Wildflower Barn sanft abfiel, das Gesicht einem unglaublichen, vom Sturm zerrissenen Himmel zugewandt. In der Wildflower Barn war viel zu tun – eine neue Lieferung Samen musste abgehakt, ausgepreist und einsortiert werden –, aber Lana konnte die Vorstellung nicht ertragen, dort drinnen eingesperrt sein zu müssen. Das erste Frühjahrsunwetter war über die Außenbezirke Burlingtons hinweg gezogen und hatte einen spektakulär anzusehenden Himmel hinterlassen – dicke lila Wolken, zerrissen und mit golden schimmernden Rändern.
Als sie Karins leise Schritte hinter sich hörte, begann sie zu lächeln, sie freute sich über die Gesellschaft ihrer Schwester. »Vielleicht gibt es einen Regenbogen«, sagte sie und drehte das weiße Köpfchen eines Löwenzahns zwischen den Fingern.
»Ich hoffe, du hast nicht vor, diese Samen über mein frisch beackertes Feld zu pusten«, mahnte Karin.
Lana ließ den Arm sinken. »Natürlich nicht.« Die Pusteblume glitt ihr zwischen den Fingern heraus und fiel zu Boden.
»Die hast du im Lager liegen gelassen.« Sie reichte Lana einen kleinen Stapel bunter Hochglanzbroschüren. Lana erkannte sie augenblicklich – eine zarte weiße Orchidee, ein vernebelter Regenwald, ein schimmernder Wasserfall, ein fröhlich strahlender Führer. Letzte Woche hatte sie an einem Tag, als nicht viel zu tun war, bei der Arbeit darin geblättert, und sie musste sie an einer Stelle liegen gelassen haben, wo Karin sie nun gefunden hatte.
Sie hätte vorsichtiger sein sollen.
Ihr ganzes Leben lang waren sie und ihre Schwester ein Team gewesen. Trotz der Unterschiede zwischen ihnen hatte das Leben sie gezwungen, vereint vorzugehen, wie Soldaten, die Rücken an Rücken kämpften. Aber als Lana vor zehn Jahren angefangen hatte zu studieren, war ihr klar geworden, dass es Karins Traum gewesen war, in der Heimatstadt ihrer Mutter in der Nähe von Burlington, Vermont, zu leben, nicht ihrer. Bevor Lana sich endgültig niederließ, wollte sie reisen. Abenteuer erleben. Costa Rica war immer eine süße Verlockung für sie gewesen.
Allerdings liebte sie ihre Schwester viel zu sehr, um sie im Stich zu lassen. Karin und sie waren die einzige einander verbliebene Familie. Karin war in Vermont verwurzelt und froh darüber. Und so hatte Lana sich selbst ein Versprechen gegeben: Sobald Karin ihre eigene Familie hätte – dann könnte sie sich die Welt ansehen. Bis dahin mussten Werbeprospekte und Reiseführer aus der Bücherhalle reichen.
Lana öffnete einen der Flyer, in dem ein weißes Boot auf offenem Wasser zu sehen war, die Segel beinahe durchsichtig im apricotfarbenen Sonnenschein. Auf der gegenüberliegenden Seite fand sich das orange-rosa Leuchten einer Hibiskusblüte, deren lange, magentafarbene Staubgefäße sich wie die Zunge eines Außerirdischen vorstreckten. Seufzend klappte Lana das Heftchen zu. »Schau nicht so besorgt, Kari. Ich fahre doch noch nicht. Ich habe nur ein wenig geträumt.«
»Ich hoffe, du bleibst nicht meinetwegen hier.«
»Bestimmt nicht«, sagte Lana leichthin. Und hoffte, dass Karin ihr glaubte. Sie blieb aus Liebe in Vermont und wollte nicht, dass ihre Schwester sich deswegen schlecht fühlte. Über ihnen wanden und ballten sich die Wolken in Blau, Lila und Gold. Lana war überzeugt, dass sie gleich einen Regenbogen zu Gesicht bekommen würden – das wäre ein gutes Zeichen. Komm schon, dachte sie. Komm schon.
»Wann kommt Eli zurück?«, fragte Karin.
»Sein Flieger landet morgen Nachmittag um 15:12 Uhr. Wusstest du, dass wir uns in zehn Jahren noch nie so lange nicht gesehen haben?«
»Allerdings«, sagte Karin und musste sich ein Grinsen verbeißen. »Du hast es schon erwähnt.«
»Ach wirklich? Tut mir leid.« Lana trippelte mit den Fingern gegen ihren Oberschenkel, sie wusste gar nicht wohin mit ihrer aufgestauten Energie. Die letzten acht Monate hatte ihr bester Freund etliche Konferenzen, Versammlungen und Universitäten besucht – den Großteil seiner Zeit hatte er in Australien verbracht, wo er an einer großen Feldstudie teilgenommen hatte. Manchmal hatten sie miteinander sprechen können, aber meistens waren sie gezwungen gewesen, einander wochenlang bloß E-Mails zu schreiben.
»Und sieh dich nur an«, fuhr Karin fort. »Wie du wieder aussiehst. Wo sind die Schuhe, die wir zum Abendessen ausgesucht hatten?«
Lana schaute auf ihre klobigen braunen Sandalen hinunter. »Die hier gefallen mir besser.«
»Aber wo sind die Hochhackigen?«
»Auf dem Boden meines Kleiderschranks. Wo sie hingehören.«
Karin schüttelte den Kopf.
»Was ist? Meine Sandalen sind nun mal bequemer«, sagte Lana. Es brachte nichts, die Wahrheit zu sagen: dass sie sich einfach nicht gern fein machte, wenn sie ein Rendezvous hatte. Dann fühlte sie sich komisch, als wäre sie irgendwie kostümiert, bloß weil sie High Heels anzog und Mascara auftrug. Sie wusste, sie sah ein bisschen eigenwillig aus, wie ein wenig unfertig, aber gerade das gefiel ihr an sich selbst. Sie wollte genauso wahrgenommen werden, wie sie war, mitsamt den halb durchsichtigen blonden Wimpern.
Karin seufzte laut und schaute zum drohenden Himmel hoch, und Lana wartete darauf, dass sie wie immer zu nörgeln anfing. Warum machst du dir die Mühe, so ein hübsches weißes Sommerkleid anzuziehen, wenn du den Auftritt dann mit hässlichen Schuhen ruinierst? Oder: Wie soll er dich denn ernst nehmen, wenn nicht einmal du dich ernst nimmst? Aber offensichtlich hatte Karin wichtigere Dinge im Kopf als Lanas Liebesleben. Sie schwieg. Zog sich in sich selbst zurück.
Lana wünschte, sie könnte etwas tun. Karin war das ganze letzte Jahr so unglücklich gewesen. Alles, was Karin vom Leben wollte, war das Gegenteil dessen, was Lana wollte. Sie waren so unterschiedlich, dass man kaum glauben mochte, dass sie dieselbe Mutter hatten. Karin war klein und hatte von ihrer Mutter das Erbe der Abenaki-Indianer erhalten – einen rotbraunen Hauch im Haar, einen warmen Schimmer der Haut, kräftige breite Schultern und Glieder. Lana war nach der väterlichen Seite der Familie gekommen, sie war schlank und geschmeidig – fast immer die größte Frau im Raum – mit nordisch blondem Haar und einer verhältnismäßig großen Nase. Jemand, der sie beide auf einem Foto sähe, würde sie höchstwahrscheinlich nicht als Schwestern ausmachen, sondern für Fremde halten.
»Ich muss zurück an die Arbeit. Ich gehe wieder rein.« Karin trottete den feuchten Abhang zur Wildflower Barn hoch und Lana sah ihr nach.
Plötzlich nahm Lana aus dem Augenwinkel einen Farbhauch wahr und da, hoch über den Bergen, war der Regenbogen, der leuchtendste, den Lana je gesehen hatte. Er schoss himmelwärts, bevor er sich elegant krümmte und wieder zurück gen Erde stürzte. Himmel, dachte sie. Kein Wunder, dass man Gott so oft in den Wolken abbildete. »Sieh nur! Karin! Sieh nur!«
Karin blieb stehen und wandte sich um.
»Siehst du? Hinter den Bäumen? Da drüben?«
»Ja. Klar. Sehr hübsch.«
Lanas Hand sank herunter. Eli hatte ihr einmal etwas über Regenbögen erzählt – dass es technisch unmöglich war, dass zwei Menschen genau denselben Regenbogen zur genau selben Zeit sahen. Karin wandte sich ab und ging davon.
Schwestern oder Fremde? Lana holte tief Luft. Heute war ihr neunundzwanzigster Geburtstag. Sie war verabredet. Und Eli kam morgen nach Hause. Sie verspürte im Augenblick so viel Versprechen, als wäre sie einer atemberaubenden Zukunft dicht auf den Fersen, sie strahlte vor ihr, zwar noch fern, aber schon deutlich zu sehen.
Sie fuhr mit den Fingern über das Foto der weißen Orchidee in ihrer Hand, und stellte sich die fleischige Textur eines Blütenblattes unter ihrem Daumen vor. Dann sah sie noch einmal hoch zu dem Regenbogen, dessen buntes Strahlen sich ausbreitete und verschwamm wie Wasserfarben im Regen, und schließlich folgte sie ihrer Schwester zurück in die Barn hinein.
Die Frau roch nach Tigerlilien, süß und doch ein klein wenig herb. Er schlang die Arme um sie, drückte sein Gesicht in die Mulde ihrer Schulter. Laken glitten über Laken. Haut über Haut. Ihr Haar floss wie das Mondlicht zwischen seinen Fingern und er küsste sie: Hals, Brustbein, Nabel, tiefer.
Natürlich wusste Eli, dass er träumte.
Er döste nur leicht, wach genug, um zu wissen, dass er schlief. Diese Frau – er kannte sie. Wie viele Male hatte er von der Rundung ihres Handgelenkes geträumt, der Einbuchtung ihrer Taille, den süßen, heißen Geheimnissen ihres Körpers? Doch wenn er erwachte, seufzte er nie, streckte sich zufrieden und dachte: Gott, was für ein toller Traum. Stattdessen blieb er immer verwirrt und schwitzend und ein wenig orientierungslos zurück, als wäre er auf der einen Seite des Zimmers eingeschlafen, aber auf der anderen zu sich gekommen.
Ein leises Klicken in der Dunkelheit ließ ihn aufmerken.
Er drückte sein Gesicht in das Sofakissen, noch wollte er sich nicht aus seinem Traum verabschieden. Die Frau gab leise Geräusche von sich, die ihn schier wahnsinnig machten.
Doch die Tür öffnete und schloss sich – sie knallte zu – und er riss die Augen auf. Ein graues Flackern des Fernsehers erhellte den dunklen Raum. Sein Körper fühlte sich verspannt und knotig an. Wo war er? Oh, ja. Lanas Wohnzimmer. Ihr Geburtstag. Er wartete darauf, dass sie nach Hause kam.
Er konnte spüren, dass seine Wangen gerötet waren, das Haar in seinem Nacken feucht vor Schweiß, und er hoffte, sein überhitzter Körper würde auf normal schalten, bis Lana dazu kam, den Lichtschalter zu drücken. Er holte tief Luft, sammelte seine Gedanken und seinen Mut.
Im Verlauf der letzten acht Monate hatte er sich hundert verschiedene...




