Dalton | Johnny Ruin | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Dalton Johnny Ruin


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-455-00170-9
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-455-00170-9
Verlag: Tempo
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Johnny Ruin ist am Ende, bevor es richtig losgeht, liebeskrank und vollgepumpt mit Ketamin. Er weiß nicht, wohin mit sich und genauso wenig, warum er in Kalifornien zwischen gigantischen Bäumen hockt, wo er doch eben noch in seinem Londoner Studio auf dem Boden lag. Keine Menschenseele weit und breit, nur ein alternder Popstar mit einem Flachmann: Jon Bon Jovi, eigentlich: der Schweinerocker schlechthin - hier aber: Produzent trockener Sprüche. Gemeinsam machen sich die beiden auf eine Reise quer durch die Vereinigten Staaten, von Kalifornien bis nach New York und durch die Seelenlandschaft des verzweifelten Helden, seine Erinnerungen an die eine große Liebe und und reichlich Sex, an Kindheitsträume, Jugendfreunde, grandiose Illusionen und vertane Chancen. Dan Dalton erzählt in seinem ersten Roman die herzzerreißend komische und rasend traurige Geschichte eines jungen Mannes, der sich das Leben zur Hölle macht und doch nicht davon lassen kann, nicht vom Leben und nicht von der Liebe. Ein irrer Roadtrip auf der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit.

Dan Dalton erzählt in seinem ersten Roman die herzzerreißend komische und rasend traurige Geschichte eines jungen Mannes, der sich das Leben zur Hölle macht und doch nicht davon lassen kann, nicht vom Leben und nicht von der Liebe. Ein irrer Roadtrip auf der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit. Und wer jetzt sagt: »Jon Bon Jovi? Geht ja gar nicht«, denkt das nach der Lektüre garantiert nicht mehr.
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Weitere Infos & Material


Cover
Titelseite
Widmung
Eins California/Dreaming
Zwei Nevada/Unerinnert
Drei Nevada/Unerinnert, Part II
Vier Zuhause
Fünf Zuhause, Part II
Sechs Nevada/Lust
Sieben Nevada/Lust, Part II
Acht Colorado/Besessenheit
Neun Colorado/Besessenheit, Part II
Zehn Nebraska/Gier
Elf Nebraska/Gier, Part II
Zwölf Iowa/Wut
Dreizehn Iowa/Wut, Part II
Vierzehn Die Pforte
Fünfzehn Illinois/Eifersucht
Sechzehn Indiana/Eifersucht
Siebzehn Pennsylvania/Gewalt
Achtzehn New Jersey/Gewalt, Part II
Neunzehn New York/Lügen
Zwanzig New York/Lügen, Part II
Einundzwanzig Der Turm/Betrug
Zweiundzwanzig Der Turm, Part II
Dreiundzwanzig California/Dreaming, Part II
Über den Autor und die Übersetzerin
Impressum


Eins California/Dreaming


Erst das Wetter. Kühl, windstill, zweiundzwanzig Grad. Weniger das, was man Wetter nennt, eher die Abwesenheit von Wetter. Oben bricht das Blätterdach auf, und eine einzelne Wolke kommt zum Vorschein. Dann eine zweite, die auf die erste zuschwebt. Wenn man nur eine Wolke sehen kann, sieht man nicht genug vom Himmel.

Er ruft zu mir runter, fragt, was ich mache. Ich sage ihm, ich schreibe ein Buch. Ein Lichtstrahl fällt auf sein Gesicht. Er wippt auf seinen Absätzen zurück und blinzelt. Ich versuche nicht zu starren, nicht zu nuscheln. Wir sitzen schweigend da, umgeben von Mammutbäumen. Die Sonne schimmert durch die Blätter. Die Japaner haben ein Wort dafür. Ich bin kein Japaner. Er auch nicht. Er atmet laut ein, fragt, wer gestorben sei. , sage ich. Er schüttelt den Kopf. , sagt er. Und das meint er auch so.

Das Erste, was man über Jon Bon Jovi erfährt: Er ist verdammt ehrlich.

Ich bin zehn, fahre mit meinem Rad durch die Wälder. Eiche, Kiefer und Weißbirke. Ein Spielplatz, der erklettert werden will. Ich suche mir einen Baum mit tiefhängenden Ästen, schaffe es ganz nach oben. Von da aus kann ich das ganze Tal sehen. Ich bleibe stundenlang, vermesse mein Reich. Als ich nach Hause komme, ist es dunkel. Mum ist wütend, brüllt mich an. Ich gebe dem Baum die Schuld.

Mammutbäume gibt es in Kalifornien, und Kalifornien ist weit, weit weg von London. Jon sitzt auf einem umgefallenen Stamm, hoch wie ein Haus. Vielleicht meditiert er. Vielleicht hat er einen Kater. , sagt er, ohne die Augen zu öffnen. , sage ich.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören.

Mein erstes Bon-Jovi-Album war 1994. Irgendwann fing die Kassette an zu leiern. Der -Jon hatte kurze Haare, trug ein Henley-Shirt und diese John-Lennon-Brille. Die Pudeldauerwelle und der bodenlange Ledermantel waren verschwunden. 1994 war Jon Bon Jovi der coolste Typ, den ich je gesehen habe. Den Jon Bon Jovi meine ich. Den, der jetzt von oben runterpinkelt und mich mit seinem Strahl heißer Pisse nur knapp verfehlt. Er ruft: Zu spät.

Das Zweite, was man über Jon Bon Jovi erfährt: Er ist nicht schüchtern.

Ich war schon mal in diesem Wald. Dem mit den ganzen Mammutbäumen. Vor langer Zeit. Aber das ist nicht nur dieser Wald. Eiche, Kiefer, Weißbirke. Alle Wälder, in denen ich je war, sind hier. Alle meine Ichs. Ich bin elf und baue mir ein Baumhaus. Ich bin fünfzehn und kriege an einen Baum gelehnt einen runtergeholt, von einem Mädchen, das ich im Urlaub kennengelernt habe. Ich fürchte mich zu sehr vor Ameisen, um zu kommen. Ich bin siebenundzwanzig und gehe mit meiner künftigen Ex-Frau spazieren. Ich bin zweiunddreißig, sitze in einem Wald, umringt von den flackernden Geistern meiner vergangenen Ichs. Geister sind nur Echos, die man sehen kann. Ich schreibe das auf.

, sagt Jon und wackelt mit den Hüften, sodass sein Schwanz herumwirbelt wie ein Propeller.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören. Ich weiß, dass sie mir das Herz brechen wird.

Die Szene: Ein Herbstnachmittag in einem Wald in Kalifornien. Ich habe keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Der Wind in den Blättern flüstert ihren Namen. Die Sonne wirft die langen Schatten der Mammutbäume um mich, Stämme mit zehn Metern Durchmesser, die weit hoch in den Himmel ragen. Staub und Schmutz treiben durch die Sonnenstrahlen, flirren wie Glitter, steigen auf bis zum Blätterdach. Der Himmel auf Erden. Nur kann das nicht die Erde sein, und an den Himmel glaube ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich tot bin.

, sagt Jon. Er sitzt neben mir, kaut auf einem langen Grashalm, den er sich vom Boden gezupft hat. Hoffentlich nicht von dort, wo er hingepisst hat. Pisse oder nicht, er ist gnadenlos cool, und man kann nicht anders, als ihn zu beneiden. Er spricht, ohne mich anzusehen.

Ihre Lippen waren so weich, dass ich geseufzt habe, als ich sie zum ersten Mal küsste. In der Sekunde, in der wir uns berührten, wurde ich hart. Später reichte schon ihr Geruch. Jetzt reicht der Gedanke an sie. Jetzt habe ich nur noch Erinnerungen.

Ich sehe den Wald vor lauter Bäumen nicht.

Ich sage:

Er sagt:

Ich sage:

Er sagt:

Ich sage:

Er sagt:

Angeblich hilft Ketamin gegen Depressionen. Eine Studie hat gezeigt, dass schon eine einzige Dosis die Stimmung heben kann. Dauerhaft. Außerdem macht es high. In Großbritannien kriegt man so eine Therapie nicht. Noch nicht. Aber Ketamin. Gering dosiert. Hab ich gemacht.

Ich bin zehn, fahre mit meinem Rad durch den Wald. Eiche, Kiefer, Weißbirke. Ich suche mir einen mit tiefhängenden Ästen und schaffe es bis ganz oben. Ich kann meilenweit sehen. Ferne Täler, Kirchtürme, Flüsse, Rauch. Ich bleibe stundenlang und gehe erst, als es zu dunkel ist. Mum ist wütend. Sie fragt, wo ich gewesen bin. Ich gebe der Nacht die Schuld. Sie kam zu früh.

Die Wahrheit ist: Ich wusste nicht, wie ich runterkommen sollte.

Jon dreht sich zu mir. Ich frage ihn, ob ich träume. , sagt er. Ihre Stimme im Wind, sie schnurrt. Ich schließe die Augen. Der Wind ist nur ein Hauch. Trotzdem beißt er.

, sagt Jon. Er dirigiert den Wind.

Der Wald verschiebt sich. In der Baumreihe vor mir bewegt sich eine Gestalt, Gesicht und Körper sind verschwommen, eine vage Erinnerung. Ich frage Jon, ob er es auch sieht, aber als die Worte bei ihm ankommen, ist sie schon verschwunden.

Ich bin zweiundzwanzig, spaziere durch die Rothölzer, mache Fotos mit meiner Einwegkamera. Als ich drei Wochen später die Abzüge bekomme, sind sie blass und fleckig. Zu viel Sonne.

Das Licht wird immer greller, fällt gleißend durch die Bäume. Ich sehe Jon an, Farbflecken haben sich in meine Netzhaut eingebrannt. Ich frage Jon, ob ich das hier alles selbst mache. Er steht auf, klopft sich den Staub von der Hose. , sagt er. Ich sage ihm, dass wir erst eine Stunde hier sind. Er nimmt meine Hand und zieht mich auf die Beine.

Ich bin 1983 geboren. In dem Jahr änderte John Bongiovi seinen Namen in Jon Bon Jovi und landete mit der nach ihm benannten Band den ersten Hit. Die Idee stammte von Doc McGhee, seinem Manager. Bon Jovi sei leichter zu merken, leichter zu buchstabieren, hieß es. Außerdem hatte es bei Van Halen auch funktioniert.

Mein Vorname hat nie zu mir gepasst. War immer zu förmlich. Man hat mir andere gegeben, Spitznamen. Keiner davon blieb hängen. Als Kind hab ich zum Spaß andere Namen ausprobiert. Später habe ich mir fürs Schreiben Pseudonyme zugelegt. Ich wollte cooler sein, sympathischer. Außerdem konnte ich meinen nicht benutzen. Nicht mehr. Nach ihr war mein Name Ruin. Jon schnitzt seinen Namen in einen Baumstamm. , sage ich. Er macht es fertig, klappt sein Messer zusammen und pustet den Staub weg. , sagt er.

Ich stehe am Fuß eines Baums, schaue hinauf. Es fühlt sich an, als würde er gleich fallen. Mein Kopf spielt mir einen Streich. , sagt Jon, Ich blicke zur Sonne, es ist noch hell genug. , will ich wissen, Jon legt seine Hand auf meine Stirn, wie es Eltern bei ihren Kindern tun. , sagt er.

Ich frage mich, was passieren würde, wenn einer der Mammutbäume umfällt. Keine gute Idee. Der Baum vor uns kracht zu Boden, wir können uns gerade noch in Sicherheit bringen. Er reißt ein halbes Dutzend anderer Bäume mit, die Erde hebt sich, bricht auf, die Wurzeln werden aus dem Boden gerissen. Vielleicht passiert es auch nur in meinem Kopf. Vielleicht das alles hier. , sage ich.

Als ich sie zum ersten Mal küsse, will ich nie mehr damit aufhören. Nichts hält für immer.

Ich bin zweiunddreißig, fahre mit meinem Rad durch den Wald. Jon Bon Jovi neben mir. Wir treten hart in die Pedale, wie Kinder in Filmen aus den Achtzigern. Mammutbäume knarzen, brechen, bersten. Splitter so groß wie kleine Autos schießen an uns vorbei. Wurzeln wachsen in die Höhe wie Wände. Der Wald meines Geistes zerfällt. Ich tauche tief hinab, unter den Fahrtwind.

Wenn im Wald ein Baum umfällt und Jon Bon Jovi ist dabei, macht es das immer noch nicht realer.

, fragt er keuchend. , sage ich. Der Boden unter uns bebt. Wir heben ab, springen über umgestülpte Wurzeln, rasen abwärts, ducken uns unter Stämmen und Ästen hindurch....


Hertle, Marion
Marion Hertle, Jahrgang 1977, hat in Erlangen und Nordirland Deutsche und Englische Literaturwissenschaft studiert. Sie hat u. a. Ray Bradbury, Edna O'Brien und Edgar Rice Burroughs übersetzt, zuletzt übertrug sie für Hoffmann und Campe Glücklich, vielleicht von Katherine Heiny (2015) sowie Ann Patchetts Aus Liebe zum Buch (2016).

Dalton, Dan
Dan Dalton erzählt in seinem ersten Roman die herzzerreißend komische und rasend traurige Geschichte eines jungen Mannes, der sich das Leben zur Hölle macht und doch nicht davon lassen kann, nicht vom Leben und nicht von der Liebe. Ein irrer Roadtrip auf der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit. Und wer jetzt sagt: »Jon Bon Jovi? Geht ja gar nicht«, denkt das nach der Lektüre garantiert nicht mehr.

Dan Dalton erzählt in seinem ersten Roman die herzzerreißend komische und rasend traurige Geschichte eines jungen Mannes, der sich das Leben zur Hölle macht und doch nicht davon lassen kann, nicht vom Leben und nicht von der Liebe. Ein irrer Roadtrip auf der Grenze zwischen Wahn und Wirklichkeit. Und wer jetzt sagt: »Jon Bon Jovi? Geht ja gar nicht«, denkt das nach der Lektüre garantiert nicht mehr.



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