E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Dane Zeter und Mordio!
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8353-2068-0
Verlag: Wallstein
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Vergewaltigung in Literatur und Recht
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-8353-2068-0
Verlag: Wallstein
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection
Gesa Dane, PD Dr. phil., ist am Seminar für Deutsche Philologie in Göttingen tätig. Veröffentlichungen u.a.: 'Die heilsame Toilette'. Kosmetik und Bildung in Goethes 'Der Mann von funfzig Jahren' (1994); 'G. E. Lessing: Emilia Galotti'. Erläuterungen und Dokumente (2002); zahlreiche Beiträge zur Literatur des 17. bis 20 Jahrhunderts, zur Wissenschaftsgeschichte der Germanistik und zum Verhältnis von Recht und Literatur.
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Rechtswissenschaften Recht, Rechtswissenschaft Allgemein Beziehungen des Rechts zu anderen Disziplinen
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literatursoziologie, Gender Studies
- Geisteswissenschaften Literaturwissenschaft Literarische Stoffe, Motive und Themen
- Rechtswissenschaften Recht, Rechtswissenschaft Allgemein Rechtsgeschichte, Recht der Antike
Weitere Infos & Material
1;Inhalt;6
2;I. Einleitung;8
2.1;1. Jacob Grimm: ›Über die Notnunft an Frauen‹;8
2.2;2. Neuere kulturwissenschaftliche Ansätze;15
2.3;3. Literarische Hermeneutik und Recht;27
2.4;4. Rechtsveränderung und Rechtsgefühl;30
3;II. Voraussetzungen in der Antike;36
3.1;1. Begriffsgeschichte von ›Notzucht‹ und ›Vergewaltigung‹;36
3.2;2. Griechisches, jüdisches und römisches Recht;38
3.3;3. Die Vergewaltigung der Lucretia in Augustins ›De civitate Dei‹;47
3.4;4. Zwischen Mythenrezeption und Augustinkritik: Der Todeswunsch von Emilia Galotti;57
4;III. Vergewaltigung im Spiegel des Strafrechts;64
4.1;1. Strafrecht und Strafen;64
4.2;2. Die Sprache der Gesetze;68
4.3;3. Tatbestandsdefinitionen und Tatfolgen;70
4.4;4. Gewalt jenseits des Rechts;92
5;IV. Zwischen Rechtsnorm und Literatur: Die Ehre;98
5.1;1. Ehrvorstellungen in der ›Historischen Anthropologie‹;98
5.2;2. Ehrverlust: Schande und Scham;103
5.3;3. Die Vergewaltigung in Friedrich Schillers ›Die Verschwörung des Fiesko zu Genua‹;114
6;V. Zur Darstellbarkeit von Vergewaltigung in der Literatur;120
6.1;1. Einleitung;120
6.2;2. Calderón de la Barca: ›Der Richter von Zalamea‹;128
6.3;3. Marie von Ebner-Eschenbach: ›Die Totenwacht‹ und ›Der Erstgeborene‹;136
6.4;4. Thomas Hardy: ›Tess of the d’Urbervilles‹;143
6.5;5. Johann Wolfgang von Goethe: ›Heidenröslein‹;153
6.6;6. Vergewaltigung in der Bildenden Kunst;165
7;VI. Notzucht in der Literatur des 17. Jahrhunderts: Zwischen Ehr- und Keuschheitsverlust;169
7.1;1. Einleitung;169
7.2;2. Georg Philipp Harsdörffer: ›Der Grosse Schau-Platz jämmerlicher Mord-Geschichte‹;176
7.3;3. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: ›Trutz Simplex: Oder Ausführliche und wunderseltzame Lebensbeschreibung Der Ertzbetrügerin und Landstörzerin Courasche‹;187
7.4;4. Daniel Casper von Lohenstein: ›Großmüthiger Feldherr Arminius‹;198
7.5;5. Theatrum mundi und Recht;213
8;VII. Literarische Rechtskritik: Notzucht in der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts;216
8.1;1. Einleitung;216
8.2;2. Heinrich Leopold Wagner: ›Die Kindermörderin‹;226
8.3;3. Heinrich von Kleist: ›Die Marquise von O…‹;236
8.4;4. Ida von Hahn-Hahn: ›Gräfin Faustine‹;258
8.5;5. Vergewaltigung – zwischen Rechtsbruch und Tabu;266
9;VIII. Resümee;270
10;Bibliographie;278
11;Abbildungsnachweise;307
12;Danksagung;308
13;Personen- und Werkregister;309
(S. 168-169)
Die Carolina, das Gesetzbuch des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, deutet die Notzucht als Ehrenraub. Die Frage, ob die Ehre der Frau wiederherstellbar ist, läßt sie offen. Aus dieser Leerstelle heraus entwickelt die Literatur ihre Konflikte und Problemzusammenhänge. Weil die weibliche Ehre immer mit der geschlechtlichen Integrität identifiziert wird und der Verlust dieser Ehre sich ehrverletzend auf den Geschlechtsvormund auswirkt, kann es nie nur ein einziges Opfer geben. Um die Tatfolgen in der Literatur angemessen beschreiben und untersuchen zu können, muß deshalb von einem aufgefächerten Opferbegriff ausgegangen werden, der zwischen dem unmittelbaren und dem mittelbaren Opfer unterscheidet.
Die Frau, der das Verbrechen widerfährt, ist das unmittelbare Opfer, ihre Familie dagegen ist das mittelbare Opfer. Ein solchermaßen differenzierter Opferbegriff, wie er implizit in der strafrechtlichen Deutung des Ehrenraubs existiert, korrespondiert mit der Anlage der Konflikte, die in der Literatur des 17. Jahrhunderts in besonderer Weise Ehrkonflikte sind. Mit dem Stichwort ›Ehrenraub‹ wird ein komplexer psycho-sozialer Vorgang bezeichnet, der das unmittelbare und das mittelbare Opfer in unterschiedlicher Weise trifft, auch davon weiß die Literatur. Die Frage nach der Wiederherstellbarkeit der Ehre zielt darauf, unter welchen Voraussetzungen diese Verletzungen behoben werden können.
Die Barockforschung hat seit den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts herausgearbeitet, daß die Literatur des 17. Jahrhunderts menschliche Schicksale nur präsentiert, insofern diese exemplarischen Charakter haben und mit didaktischen Wirkungsabsichten verbunden werden können. Die Funktion von literarischen Exempeln besteht gemäß der rhetorischen Tradition darin, Affekte zu erregen, zu unterhalten, zu erfreuen und zu erbauen. Zugleich sollen abstrakte Normen oder allgemeine Lehren vermittelt werden, indem diese anschaulich an Einzelfällen aufgezeigt werden.
Die Literatur stellt exemplarische Verhaltensweisen dar, positive Beispiele zum Nacheifern, aber auch – um der Abschreckung willen – Negativbeispiele. Nicht zufällig sind einige der bedeutendsten Autoren der Epoche Juristen gewesen, so Andreas Gryphius, Johann Christian Hallmann und Daniel Casper von Lohenstein. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen war als Schultheiß von Renchen mit Rechtsfragen ebenfalls vertraut. Juristische Argumentationsmuster, Begriffe und Diskursformen durchdringen die Texte dieser Autoren. Das gilt auch für die Art, wie Notzuchtsverbrechen thematisiert werden.




