Dark | John Sinclair 1784 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1784, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

Dark John Sinclair 1784

Geisterauge
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8387-2109-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geisterauge

E-Book, Deutsch, Band 1784, 64 Seiten

Reihe: John Sinclair

ISBN: 978-3-8387-2109-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Es war da, und niemand wusste, woher es kam.

Es glotzte die Menschen an, aber es war kein normales Sehen. Es schien bis tief in die Seelen der Menschen hinein zu blicken und zu erkennen, was sie planten.

Es war in der Lage, jeden zu beeinflussen. Das stellte auch die Detektivin Jane Collins fest, denn auch sie erlebte es - das Geisterauge.

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Sarah Lane saß jetzt starr auf ihrem Sitz. Sie öffnete den Mund, saugte den Atem ein und wusste nicht, was sie noch tun sollte. Sie wartete darauf, dass sich dieses Geräusch wiederholte.

Ein Kichern war es gewesen. Nicht mehr und nicht weniger. Das hätte ihr auch normalerweise nichts ausgemacht, wäre sie nicht allein hier im Umkleideraum der Halle gewesen, in der geturnt wurde. Darin hatten sich schon ihre Großeltern bewegt.

Es gab sogar Menschen, die davon sprachen, dass es in der Halle spuken sollte, denn früher waren hier mal Leute umgekommen, so erzählte man sich. Die Geister der Toten sollten hier noch umgehen und spuken, und irgendwie passte das Kichern dazu.

Komisch nur, dass ich sofort daran denken muss! Sarah schüttelte den Kopf. Die Starre hatte sie überwunden. Sie konnte wieder normal durchatmen. Jetzt überlegte sie, wie sie weiterhin vorgehen sollte. Sich auf eine Wiederkehr des Kicherns konzentrieren oder den Raum verlassen und zu der Turngruppe gehen, um sich abseits hinzusetzen.

Das tat sie nicht. Auch wenn es ihr nicht besonders gefiel, sie blieb auf der Pritsche sitzen und ließ ihre Blicke durch den Raum mit der hohen Decke wandern.

Ein Fenster gab es. Groß und auch breit lag es recht hoch. An der Wand unter ihm standen die Spinde, in denen die Kleidung der Turner Platz hatte. Gegenüber an der anderen Wand war die lange Pritsche angebracht, die auch schon viele Jahre auf dem Buckel hatte. Auf dieser Pritsche saß Sarah Lane und wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte.

Warten, bis das Geräusch erneut erklang? Vielleicht hatte sie es sich auch nur eingebildet. Alles war möglich. Überreizte Stimmung, der leichte Frust, da kam was zusammen. Außerdem hatte die vierzehnjährige Sarah Lane ihre Motzphase. Sie war eigentlich fast gegen alles, was die Erwachsenen sagten und beschlossen.

Kein Kichern mehr, auch nicht in den nächsten beiden Minuten. Sarah konnte eigentlich aufatmen und wollte nicht mehr an das Geräusch denken, als sie etwas anderes erwischte.

»Ich sehe dich.«

Sarah zuckte zusammen, als hätte sie einen Schlag mit dem Hammer bekommen. Sie hörte sich selbst leise aufschreien und sprang zudem von der Pritsche hoch, um sich im Kreis zu drehen und zu schauen, woher die Stimme sie erreicht hatte.

Das war nicht drin.

Sie sah nichts.

Sie hörte auch nichts.

Aber sie war sicher, etwas gehört zu haben, und der Satz hatte ihr nicht gefallen. Sie wollte nicht von einem anderen gesehen oder beobachtet werden. Wenn das tatsächlich so sein sollte, dann war das einfach nur Scheiße.

»Ich sehe dich …«

Schon wieder dieser blöde Satz. Diese Stimme, die nicht zu identifizieren war. Sie fand nicht mal heraus, ob ein Mann oder eine Frau gesprochen hatte.

Aber sie hatte den Satz gehört. Sie hatte ihn sich nicht eingebildet. Es gab den Sprecher und auch den Beobachter, der sie sehen konnte. Nur umgekehrt war das nicht der Fall, und das regte sie schon auf.

Sie bewegte den Kopf, um in die Höhe zu blicken. Über sich sah sie die Decke. Es war eine weiße Fläche gewesen. Im Laufe der Zeit war sie grau geworden.

Sie war sicher, dass sie die Stimme von dort oben erreicht hatte. Das musste einfach der Fall gewesen sein, denn aus ihrer normalen Umgebung hatte sie wirklich nichts erreicht.

Sarah suchte die Decke ab. Es war ein sehr genaues Schauen, Punkt für Punkt suchte sie sie ab. Obwohl sie gegen ihre eigene Angst anging und sie sich fragte, wer sie sah.

Eine Antwort hatte sie nicht. Vielleicht war auch alles nur ein Scherz, den ihr die anderen gespielt hatten. Sie war nämlich nicht bei allen beliebt.

Dann passierte es wieder. Sarah hatte sich bereits ein wenig entspannt, da traf sie die Stimme erneut.

»Ich sehe dich. Ich sehe dich sehr genau, und ich werde dich immer sehen …«

Jetzt konnte sie nicht anders. Sie schrie auf. Aus ihrem Mund drang danach ein leises Stöhnen. Es war ein Laut der Angst. Sie fühlte sich nicht mehr sicher in diesem Raum, der ihr so vertraut war. Jetzt hatte er sich in eine feindliche Umgebung verwandelt.

Sarah setzte sich nicht wieder hin. Sie ging rückwärts und schlug dabei einen Kreis. Den Kopf hatte sie in den Nacken gelegt, um zur Decke schauen zu können, denn von dort kam die Gefahr.

Da hatte sich etwas verändert, auch wenn es nicht zu sehen war. Sie glaubte fest daran, dass hier einiges nicht mit rechten Dingen zuging, und konnte sich jetzt sogar vorstellen, dass es die Stimme eines Toten gewesen war.

Jetzt hörte sie nichts mehr. Nur aus der Ferne drang das Schrillen einer Pfeife. Damit hielt die Lehrerin auf Zucht und Ordnung.

Wo steckte der Sprecher? Wie sah er aus? War er ein Geist? Einer, der unsichtbar war und lautlos durch die sichtbare Welt schwebte?

Man musste mit allem rechnen. Deshalb war es besser, wenn sie sich nicht zu viele Gedanken machte und sich einfach an die Tatsachen hielt. Sie hatte etwas gehört und nichts gesehen. Aber sie wurde gesehen, wenn sie der anderen Seite Glauben schenken sollte.

Wo steckte der Beobachter?

Ihr kam eine Idee. Sie lag auf der Hand und Sarah wunderte sich, dass sie nicht schon früher daran gedacht hatte. Wer andere Menschen gern beobachtete, der stellte sich gern vor ein Schlüsselloch und peilte hindurch.

Das konnte hier auch so sein!

Plötzlich fasste sie wieder Mut. Und sie wollte der Sache auf den Grund gehen. Es gab eine Tür, durch die man den Umkleideraum betreten konnte. Sie war recht breit, sehr stabil gebaut, und sie hatte auch ein großes Schlüsselloch, durch das man den Umkleideraum gut überschauen konnte. Mit wenigen Schritten war Sarah Lane an der Tür und wollte sie aufreißen, als sie es sich noch mal überlegte. Nein, sie hatte eine bessere Idee.

Durch ein Schlüsselloch konnte man von zwei Seiten aus schauen, also nahm sie ihre Seite und blickte hindurch.

Nichts.

Kein Gesicht, kein Auge, kein Mund, der sich zu einem Grinsen verzogen hätte.

Es war ein Irrtum. Dennoch wollte sie nachsehen. Es konnte sein, dass sie irgendwelche Spuren fand, die ein heimlicher Beobachter hinterlassen hatte.

Dazu kam Sarah nicht mehr. Plötzlich war wieder die Stimme da. Diesmal sogar noch lauter und deshalb deutlicher.

»Ich sehe dich. Ich sehe dich immer, Sarah.«

Das Mädchen fuhr so heftig herum, dass es fast gestürzt wäre. Doch Sarah fing sich im letzten Augenblick.

So deutlich wie bei diesem Mal hatte sie die Stimme bisher noch nicht gehört. Aber warum wurde gerade sie angesprochen? Wer hatte auf sie gelauert? Was hatte sie getan?

Sarah war sich keiner Schuld bewusst. Sie zog die Nase hoch und wischte über ihr Gesicht.

»Schwitzt du?«

Die Stimme erschreckte sie tief. Jetzt wusste sie, dass man sie tatsächlich beobachtete, und darüber war sie geschockt. Es war immer schlimm, eine Wahrheit zu erfahren, die man nicht akzeptieren konnte, aber Sarah war letztendlich noch ein Kind und wusste nicht wohin mit ihren Emotionen.

Sie raffte sich auf und stellte eine Frage. Die rief sie einfach mitten in den Raum hinein.

»Wer bist du?«

Als Antwort bekam sie ein Lachen zu hören.

»Wo bist du?«

»Das ist ganz einfach. Schau in die Höhe, dann kannst du mich erkennen …«

Sarah wollte es zuerst nicht glauben, sagte sich aber, was schon dabei war, wenn sie nach oben schaute. Es war wohl ein Witz und nicht mehr. Passieren konnte ihr nicht viel, und sie legte den Kopf in den Nacken und blickte hoch.

Da war die Decke, und da war noch etwas, das sie nicht fassen konnte.

Auf sie herab schaute ein übergroßes Auge!

***

Damit hätte sie nie im Leben gerechnet. Keine Einbildung, denn sie hatte sehr genau hingeschaut. Sie sah ein Auge, das übergroß war und ihr vorkam wie das eines Reptils. Groß, leicht grünlich und auch mit einer großen Pupille, die allerdings starr war.

Sarah Lane schluckte. Sie spürte in ihrem Körper einen regelrechten Aufruhr. Ein Kratzen im Hals bekam sie ebenfalls nicht weg, und ihr Atem ging schwer. Ebenso schwerfällig ließ sie sich wieder auf die Pritsche fallen. Sie blieb sitzen und erinnerte in ihrer Starrheit an eine Statue. Nicht sprechen, nicht denken, nur starren und beobachten, was das Auge tat.

Sie wusste nicht, wie es dorthin gekommen war. Es glotzte weiterhin in die Tiefe. Es fixierte sein Opfer, denn so kam es Sarah vor. Eiskalt, kein Pardon, nur darauf angelegt, sie in Angst zu versetzen, und das war bereits passiert. Zudem hörte sie eine Stimme. Sie war da, sie kam auch von oben, doch es war niemand zu sehen, und dann hatte sie den Eindruck, dass die Stimme aus dem Auge gekommen war.

»Ah – ich sehe dich, ich spüre dich genau. Ich merke, dass du Angst hast. Bei dir zieht sich alles zusammen. Das spüre ich.«

Sarah schnappte nach Luft. Sie hatte Fragen, wollte sie stellen, doch sie brachte kein Wort über ihre Lippen. Sie nickte nur. Sie schluckte. Sie holte durch die Nase Luft, weil sie die Lippen zusammengepresst hielt.

Ein Auge kann nicht sprechen!, dachte sie. Da muss etwas anderes dahinterstecken. Etwas, das ich nicht sehen kann. Ein Gesicht, eine Gestalt oder so ähnlich. An etwas anderes kann ich nicht denken, das ist eigentlich schlimm, aber …

Da war die Stimme wieder. »Ich sehe dich weiterhin. Ich spüre deine Angst. Die musst du nicht haben. Du stehst unter meiner Kontrolle. Wenn ich nicht will, dass dir etwas passiert, dann ist das auch so. Hast du verstanden?«

Sie nickte.

»Sehr schön....



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