E-Book, Deutsch, Band 1, 396 Seiten
Reihe: Rabbit-Boy
Darling Rabbit-Boy
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-26544-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Shutdown
E-Book, Deutsch, Band 1, 396 Seiten
Reihe: Rabbit-Boy
ISBN: 978-3-347-26544-8
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Darling schrieb schon als Teenager gerne: Kurzgeschichten, Gedichte und kurze Bücher. Das Schreiben ist bis heute eine ihrer Leidenschaften geblieben. Nach dem Medienmanagement-Studium hat sie sich als Sprecherin selbstständig gemacht und ist heute die Stimme von vielen spannenden Hörbüchern. https://micromanweb.wordpress.com/
Autoren/Hrsg.
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Therapie
Donnerstag
21. Dezember
Willkommen im verschneiten Parondon! Einem kleinen Land – nein, einer Insel – mitten im Ärmelkanal zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich mit rund 6,5 Millionen Einwohnern. Ganze fünf Millionen davon leben in der gleichnamigen Hauptstadt. Diese stand vor noch gar nicht so langer Zeit im Mittelpunkt von etwas Großem. Etwas Übermächtigem, von dem man bis dahin nicht einmal wusste, dass es das überhaupt gibt! Für diejenigen, die hier völlig neu eintauchen: Parondon ist weder eine normale Stadt noch ein normales Land. Parondon ist das Land, in dem die Genträger vor Jahrhunderten ihren Ursprung fanden. Und genau deshalb gibt es sie auch heute noch hier in größerer Zahl als sonst irgendwo auf der Welt.
Was Genträger sind? Einfach erklärt: Genträger sind Menschen, die ein ganz besonderes Gen besitzen. Nämlich eines, das eine besondere Fähigkeit in sich birgt. Oder wie andere sagen würden: eine Superkraft. Nicht bei jedem Genträger bricht diese auch aus. Das ist oft abhängig davon, wie viel der Genträger raucht oder trinkt oder welche und wie viele Drogen oder Medikamente von ihm konsumiert werden. Oder ob jemand einen schweren Unfall hatte, der starken Einfluss auf die Psyche oder den Körper hatte. Bei manchen passiert es auch nie, obwohl sie clean und unfallfrei leben. Vor der Vollendung der Pubertät geschieht es sowieso äußerst selten.
Es gibt Genträger, die ihre Kräfte nutzen, um Gutes zu tun, andere, die damit nur sich selbst bereichern wollen, wieder andere, die sie höchstens für den praktischen Alltag nutzen, und diejenigen, die vollkommen überfordert mit ihren Kräften sind oder sie als nutzlos empfinden. Für Letztere gibt es Selbsthilfegruppen.
Genau so eine findet heute statt, wie jeden Donnerstag um 17 Uhr mitten im Herzen der Hauptstadt. Dr. Marik Pawlow findet sich hier wöchentlich mit seiner kleinen Therapiegruppe zusammen, um gemeinsam über ihre Probleme zu reden und adäquate Lösungen zu finden.
Draußen ist es bereits stockduster. Zarte Schneeflocken wirbeln im sanften, orangenen Licht durch die überlaufenen Straßen Parondons und könnten ganz beeindruckend und gemütlich sein. Doch hier oben im 4. Stock ist davon kaum etwas zu sehen, nur grelles Licht, das den Therapieraum erhellt. Ab und zu tuckert die Heizung. Es gibt eindeutig schönere und gemütlichere Gebäude in dieser Stadt.
»Willkommen zu einer weiteren Sitzung, liebe Genträger. Heute möchte ich Ihnen ein neues Gesicht in der Runde vorstellen: einen Genträger, der – ebenso wie Sie – noch keinen Frieden mit seinen Superkräften schließen konnte.«
»N-no-noch? Ich werde damit niemals Frieden schließen können!«, beklagt sich eine kleine, zierliche, aber umso hibbeligere Dame Ende zwanzig, Mabel Woods, die den Fremden neugierig mustert. Sie ist stets aufgeregt und aufgedreht, weshalb sie oft aus Versehen stottert.
»Ich auch nicht«, wirft John Smith, ein sehr unscheinbarer junger Mann, ein.
»Mabel, bitte setzen Sie sich wieder. Tief durchatmen. Deshalb sind wir doch hier, um alle gemeinsam Ihre Probleme anzugehen.« Dr. Pawlow lächelt ihr aufmunternd zu.
»Ich bezweifle auch, dass ich meinen Stoffwechsel je in den Griff bekommen werde. Ich hab schon alles versucht! Und nur weil ich heute mal ausgeschlafen und nicht pünktlich gefrühstückt habe, wiege ich schon wieder ein halbes Kilo weniger. Ihr Kuchen ist übrigens gleich leer!« Während Alamea Diering spricht, macht sie immer kurze Sprechpausen, in denen sie kaut, schluckt oder von einem Stück Kuchen abbeißt.
»Danke für den Hinweis, Alamea. Mein Kollege wird gleich noch etwas bringen. Wir wissen ja um Ihr Problem.«
»Sehr gut. Ich hätte nämlich auch gerne ein Stück Kuchen«, bittet John.
»Ich bra-brauche auch dringend was zu essen! … Und ich bin SOO müde …«, gähnt Mabel, erhebt sich schwerfällig vom Stuhl und schlurft hinüber zu Alamea, um sich eins der letzten Stücke Kuchen von Alameas Teller zu stibitzen.
»Boah, dann geh doch aufs Klo!« Das ist Elvira Cringe.
»Du sollst nicht immer in meinen Gedanken lesen!« Alamea ist pikiert. Wie jedes Mal, wenn Elvira sie auf ihre Gedanken anspricht.
»Ich kann das nicht steuern, wie oft soll ich das denn noch sagen? Denkst du, mich interessiert es, wer gerade aufs Klo muss oder dass Bernd gerade darüber nachdenkt, dass er noch eine Pravo für seine Nichte kaufen wollte?« Genervt verschränkt Elvira die Arme vor der Brust und starrt zu Bernd hinüber.
»Ey, raus aus mei’m Kopf!«, mault dieser sie mit einer Stimme an, die einen irritieren kann, wenn man Bernd das erste Mal begegnet. Sie ist nämlich alles andere als männlich.
Frustriert seufzt Elvira auf und starrt aus dem Fenster hinaus ins Dunkel. »Gerne! Wenn ich nur könnte!«
»Jetzt atmen wie mal alle tief durch und beruhigen uns wieder.« Dr. Pawlow vertritt die Art von therapeutischer Leitung, dass er seinen Patienten selbst die Führung der Diskussion überlässt. Seine Aufgaben bestehen lediglich darin, wieder Ruhe reinzubringen, sollte es mal aus den Fugen geraten, die Unterschriften für die Krankenkassen am Ende einzusammeln und Denkanstöße zu geben und zu fördern.
Als sich die Tür zu dem sterilen Therapieraum öffnet und ein junger Mann – vom Alter her wahrscheinlich ein Praktikant – einen neuen Teller Kuchen bringt, springt Alamea erleichtert auf und stürzt ihm entgegen. »Der Kuchen! Danke! Den nehme ich gleich!« Sie nimmt den gesamten Teller entgegen und legt ihn auf ihrem Schoß ab, kaum dass sie wieder sitzt. Und flugs steckt bereits ein Stück davon zwischen ihren Zähnen.
»Bekomm ich bitte auch ein Stück?«, versucht John sich wieder einmal bemerkbar zu machen.
»Zurück zum Thema. Ich wollte Ihnen unser neustes Mitglied vorstellen: Frank.« Eine entglittene Diskussion zurück zum Ausgangspunkt zu führen, sieht Dr. Pawlow im Übrigen auch in seinem Aufgabenbereich.
»Hi«, meldet sich der Neuling, Frank Tight, zu Wort. Groß, schlank und muskulös und der Hübscheste in dieser Runde. Etwas irritiert blickt er zu der eben noch so hibbeligen Mabel hinüber, die einen lauten Schnarcher von sich gibt. Sie ist eingeschlafen.
»Frank, möchten Sie uns an Ihrem Problem teilhaben lassen?«, hilft Dr. Pawlow ihm zurück auf den Weg.
»Ähm also … Hi, ich bin Frank, 23 Jahre alt und … ich bin … superpotent.«
Bernd und John kichern. Elvira grunzt. Mit mahnendem Blick räuspert sich Dr. Pawlow in ihre Richtung, was sie augenblicklich schweigen lässt. Das Grinsen schwindet jedoch nicht aus Elviras und Bernds Gesicht.
»Jedenfalls … Ich bin Pornodarsteller oder besser gesagt war es, bis mein Gen vor ungefähr einem Jahr ausbrach. Und … superpotent bedeutet in dem Falle …, dass jeder schwanger wird, mit dem ich schlafe. Verhütungsmittel hin oder her.« Er legt eine kurze Sprechpause ein, in der er sichtlich zögert. »Und … ganz gleich, welches Geschlecht.«
Mabel schreckt mit einem schnarchenden Grunzen aus ihrem Schlaf hoch. »Hm? Was hab ich verpasst?«
»Waaaaaarte! Dann war dit jar keene Zeitungsente, dat anjeblich ’n Mann ’n Baby per Kaiserschnitt jeboren hat?« Bernds stark gerunzelte Stirn bildet tiefe Furchen in seiner sonst noch recht glatten Haut.
»Mh-mh.«
Nun wird auch Mabel wieder aktiv. Hibbelig rutscht sie auf ihrem Stuhl hin und her. »Der W-W-Wahn-sinn, der absolute Wahnsinn! Dass so was b-b-bi-biologisch überhaupt möglich ist!«
»Mh, davon hab ich auch gelesen. Ich kenne sogar jemanden, dessen Cousine die Schwägerin des Bruders dieses schwangeren Mannes ist. Also … jetzt ist er ja nicht mehr schwanger«, wirft Alamea mit vollem Mund ein. Dabei fliegt hin und wieder ein Krümel auf den Boden. Elvira verzieht angewidert das Gesicht, als einer dieser Krümel ihre neuen Winterstiefel trifft. »Soll wohl superkompliziert und eine Frühgeburt gewesen sein, weil der männliche Körper ja eigentlich gar nicht die Voraussetzungen dafür hat, ein Baby in sich zu … ähm … zu bergen? Zu nähren? Ihr wisst schon! Jedenfalls hatten die echt Schwierigkeiten, das Baby zu retten, hab ich gehört.«
John, der das mit der Krümelspuckerei gesehen hat, versucht erneut sein Glück: »Darf ich denn nun auch ein Stück Kuchen haben, bitte?«
»Das ist wirklich ein außerordentliches Kräfte-Gen, was Sie da in sich tragen. Klingt mir ganz so, als würde es viele Folgen nach sich ziehen«, versucht...




