E-Book, Deutsch, 245 Seiten
Darling Rapunzel
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-2514-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
und der Club der toten Gerüchte
E-Book, Deutsch, 245 Seiten
ISBN: 978-3-7407-2514-3
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Lisa Darling schrieb schon als Kind gerne Geschichten. Kurzgeschichten, Gedichte, FanFictions. Als Teenager wurden dann die ersten Kurz-Bücher draus und das Schreiben ist bis heute eine ihrer Leidenschaften geblieben.
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Der Neue
„Ruhe jetzt bitte! Wir wollen mit dem Unterricht beginnen. Außerdem möchte ich euch noch einen neuen Mitschüler vorstellen.“ Herr Munter, der Englischlehrer, blickte zur Tür des Klassenzimmers, die er beim Hereinkommen nicht geschlossen hatte. „Kommst du bitte rein?“ Alle Köpfe wanderten zur Tür, wo kurz darauf ein Blondschopf erschien und das Klassenzimmer betrat. Das war der Moment, in dem ich ihn das erste Mal sah. Ein Meter achtzig groß, dunkelblondes Haar von vereinzelten natürlich geblichenen Strähnen durchzogen, tief-grüne, leuchtende Augen und ein Blick, der einem bis ins Herz vorstößt. Meine Kinnlade war herunter geklappt und meine Haut machte den Gänsen vom Bauernhof nebenan tierische Konkurrenz. Er sah umwerfend aus und ich war verliebt bis über beide Ohren.
„Mund zu“, zischte eine Stimme neben mir. Ich konnte den Blick nicht von dem Blonden Kerl abwenden, aber die Stimme identifizierte ich als die meiner Freundin Paula. Sie klang leicht amüsiert.
„Das ist Justus Winterbottom. Justus, stell dich doch bitte kurz deiner neuen Klasse vor.“, forderte Herr Munter den Neuen auf und ich konnte es kaum abwarten, seine Stimme zu hören.
Missmutig warf er einen Blick durch den Raum. Er vermittelte das Gefühl, dass er jeden von oben herab betrachtete. Eigentlich fand ich so was total unsympathisch, auch wenn ich selbst manchmal ein bisschen so war. Aber er sah einfach zu gut aus, als dass man ihn deshalb verachten könnte. Ich weiß, dass das total bescheuert und oberflächlich klingt. Aber in diesem Moment empfand ich das so.
„Justus“, begann er gelangweilt. Wahnsinns Stimme. So tief. Und irgendwie elegant. „Siebzehn.“, fuhr er fort und ich lächelte verzückt. „Und ich hab keinen Bock auf euch. Versucht‘s also gar nicht erst.“ Da entglitten mir dann doch ein wenig die Gesichtszüge. Doch irgendwie konnte ich ihn verstehen. Er war neu und erst recht spät zu uns gestoßen. Erst in der zehnten Klasse. Und dann auch noch drei Wochen nach Schulbeginn. Sicher dachte er, er würde es schwer haben. Doch er kannte uns ja noch nicht. Wir würden ihn herzlich aufnehmen und im Handumdrehen würde sich seine Meinung ändern. Da war ich mir sicher.
„Gut, ehm. Dann... setz dich mal bitte neben Emily. Da ist noch Platz.“ Herr Munter wirkte etwas verwirrt, ob Justus' Aussage zuvor, dennoch blieb er freundlich. Ohne den genervten Blick zu verändern, schlurfte Justus auf den Platz neben Emily, die ihn verzückt anlächelte, wie ich aus den Augenwinkeln erkennen konnte. Ausgerechnet neben Emily! Meine Erzfeindin. Ich hasse sie! Und sie hasst mich. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir uns jemals verstanden hätten, seit ich an dieser Schule war. Und ich war hier schon seit vier Jahren! Wie sie ihn anlächelte, da kamen mir die Kotzebröckelchen hoch. So einfach würde ich es der nicht machen. Und wenn Justus etwas Grips besaß, würde er auch schnell merken, was für eine durchtrieben Schlange dieses Miststück war.
Gewiss hatte er sehr viel Grips. Er sah schon intelligent aus. Außerdem beruhigte es mich sofort, als ich mitbekam, wie er seinen Stuhl ein wenig von ihr weg rückte und ihr die kalte Schulter zeigte. Na bitte. Das ist doch ein guter Anfang.
„Was für eine Schnitte.“, murmelte ich Paula zu, die mir sofort zu stimmte.
„Ja, sieht sehr gut aus. Wirkt aber ehrlich gesagt ein bisschen arrogant.“ Paula war sehr ehrlich. Aber immerhin hatte sie ja recht.
„Ja, aber das macht sicher nur die Nervosität, weil er neu ist. Sicher hat er Angst, dass wir ihn nicht aufnehmen wollen.“, verteidigte ich ihn dennoch. Er sah so gut aus!
„Na ja, nervös sieht der nicht gerade aus.“ Paulas Blick wanderte hinüber zu Justus und meiner folgte ihrem. Er hatte den rechten Fuß über das linke Bein gelegt und spielte unterm Tisch mit seinem Smartphone. Handys waren hier eigentlich absolut tabu. Herr Munter war da zum Glück nicht ganz so streng, aber wenn Justus das bei der ollen Strick-Langer machen würde, wäre sein Handy schneller weg, als er Apple sagen könnte. Wie er da saß. So lässig. Irgendwie sexy. Meine Zunge wanderte über meine Oberlippe, während ich ihn beobachtete und ich malte mir aus, wie er mich gegen eine Wand in einer dunklen Ecke unseres Internats drücken und sehnsüchtig küssen würde. Oh ja, wenn es so weit war, dann würde ich das glücklichste Mädchen auf Erden sein.
„Holly.“, störte eine Stimme meine euphorischen Phantasien. Daniel Munter. Er musste mich beobachtet haben, denn als ich ihn fragend anblickte, lag ein amüsierter Blick in seinem Gesicht.
„Could you stop licking your lips, please and come to the board?“ Augenblicklich lief ich hochrot an. So ein Idiot! Er war ein verdammt netter Lehrer und für sein Alter auch noch recht attraktiv. Jeder hier mochte ihn. Aber er verarschte und ärgerte eben auch gerne mal seine Schüler. Wie gut, dass er es war. Er war der einzige Lehrer, dem ich so etwas durchgehen ließ. Dennoch war es peinlich, so dass die Röte in meinem Gesicht anhielt. Vor allem als die ganze Klasse kicherte. Kurz wanderte mein Blick zu Justus, doch das war der einzige, der es scheinbar nicht mitbekommen hatte. Er tippe noch immer auf seinem Smartphone herum. Nur Emily kicherte nicht, sondern warf mir einen verächtlichen Blick zu. Was anderes hätte ich aber auch nicht von ihr erwartet. Ich stand also auf und ergab mich meinem Schicksal. Zum Glück konnte ich Englisch halbwegs gut. Damit ersparte ich mir eine weitere Blamage.
Später nach dem Unterricht saß ich mit meiner Mädchen-Clique im Wohnzimmer, um Hausaufgaben zu machen. Das Internat war unterteilt in einen Mädchen- und einen Jungenflügel. Beide Flügel hatten je einen Gemeinschaftsraum. Unseren hatten wir liebevoll Wohnzimmer getauft, da wir ihn so gemütlich gestaltet hatten, als wären wir daheim. Ein bisschen Heimat musste man sich hier einfach her holen, um nicht zu vereinsamen. Die Sofakissen hatten wir mit unseren selbst genähten Kissenbezügen aus dem Handarbeitsunterricht überzogen, den Kaminsims hatten wir mit Fotos von allen Mädchen und einigen Jungen dieser Schule bestückt, eine Wand war tapeziert mit Postkarten, auf denen lustige Sprüche standen und wir hatten Fußhocker gekauft, um unsere Beine ausstrecken zu können, wenn wir auf dem Sofa saßen.
„Sowas von eingebildet!“, ertönte Julis Stimme. „Und ich hab keinen Bock auf euch. Versuchts also gar nicht erst.“, äffte sie Justus nach.
„Ja und habt ihr diesen Blick gesehen? Als wäre es was Besseres! Uh, ich bin so geil und ihr seid so scheiße.“, fiel Resa mit ein. Die anderen Mädels nickten ihr voller Bestätigung zu.
Julika und Theresa waren Zwillinge. Sie gingen schon seit ihrem elften Lebensjahr auf dieses Internat. Irgendwie ersetzte es ihr zu Hause. Ihre Eltern waren Geschäftsleute und hatten daheim nie Zeit für ihre Kinder. Deshalb waren sie hier gelandet. Das war einer der Hauptgründe der meisten Schüler hier. Die Eltern hatten keine Zeit. Die beiden gingen damit aber sehr gut um. Obwohl sie sich im Gesicht glichen, wie ein Ei dem anderen, waren sie doch vollkommen unterschiedliche Typen. Julika, von allen nur Juli genannt, war die Modeexpertin unter uns und hatte letztes Jahr ihr naturblondes Haar in brünett gefärbt und sich einen Bubischnitt verpassen lassen, damit sie endlich nicht mehr so sehr nach ihrer Schwester aussah. Juli wusste immer, was gerade in Mailand in war und welcher Trend dazu tendierte, der Trend des kommenden Jahres zu werden. Außerdem wusste sie immer, was wo geht. Sei es bei den Promis oder hier in der Schule. Nicht verzagen, Juli fragen! Einen Freund hatte sie nicht, obwohl sie hier jeden haben könnte. Sie war verdammt hübsch und beliebt bei den Kerlen hier. Aber Juli wollte keinen von denen. Juli wollte einzig und allein Matthias Schweighöfer. Auf ihr Hausaufgabenheft hatte sie statt ihrem richtigen Namen sogar „Juli Schweighöfer“ drauf geschrieben. Resa hingegen lebte sehr auf dem Boden der Tatsachen. Sie wurde seit einiger Zeit nicht mehr mit Schwärmereien und Liebesbriefen umschmeichelt, denn seit mittlerweile einem Jahr, war sie fest mit Tim zusammen. Einer aus der Oberstufe. Resa war außerdem die beste unseres gesamten Jahrgangs. Ihr fiel zwar vieles zu, dennoch lernte sie noch sehr viel, vor allem vieles an Allgemeinwissen. Deshalb war sie auch so schlau. Das war sehr gut, denn Resa hatte auch immer einen Plan parat. Wenn wir mal Rache an Emily planten und nicht alles lief, wie vorgesehen, dann wusste Resa immer einen Ausweg. Außerdem war sie nebenbei noch bei der Schülerzeitung. Seit diesem Jahr sogar Chefredakteurin. Dank Juli hatte sie auch immer ein Thema zum Schreiben. Quasi ihre geheime Informantin. Juli war aber nicht nur eine geheime Quelle für Klatsch und Tratsch, sondern auch für Spicker aller Art. Sie war hier nämlich die Meisterspickerin. Wie ihre Schwester, war auch sie recht intelligent und sie musste kaum lernen. Was sie auch nicht tat. Sie konzentrierte sich lieber auf das Spicken. Meist ging es ihr jedoch nur um den Nervenkitzel, nicht um das Spicken selbst. Sie würde es auch locker ohne schaffen. Mittlerweile hatte sie sich daher auch eher auf die Spicker-Vermittlung beschränkt, als auf die Nutzung. Außerdem verdiente sie damit nebenbei ein bisschen Geld, um sich ihre Reisen zu Premieren von Matthias Schweighöfer finanzieren zu können.
„Unsere Holly scheint sich allerdings ganz schön in ihn verguckt zu haben.“, warf Paula in den Raum und meine vier Freundinnen schauten mich mit hoch gezogenen Augenbrauen an.
„Nicht dein Ernst?“, fragte Marta ungläubig.
„Hallo? Habt ihr euch den überhaupt mal richtig angeschaut?“ Ich war total entsetzt. Denen musste seine unglaubliche Schönheit entgangen sein....




