Darrieussecq | Das Meer von unten | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

Darrieussecq Das Meer von unten


1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96639-114-6
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 186 Seiten

ISBN: 978-3-96639-114-6
Verlag: Secession Verlag Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Strahlende Sonne, blauer Himmel: das Mittelmeer an Weihnachten, vom Deck eines Kreuzfahrtschiffes aus gesehen. An Bord die Psychologin Rose mit ihren beiden halbwüchsigen Kindern, sie soll sich eine Auszeit gönnen, denn es kostet Kraft, Familie und Beruf zu vereinbaren, und dann steht noch ein Umzug bevor, aus dem hektischen Paris ins beschauliche Clèves. Mit der Erholung ist es vorbei, als ein Seelenfänger kentert und das luxuriöse Passagierschiff die Überlebenden aufnimmt, nur kurz, bis die italienische Küstenwache eintrifft. Zeit genug für Rose, sich auf das Drama einzulassen und unwillkürlich Verantwortung zu übernehmen, wenigstens für einen der Flüchtlinge, für den jungen Younès, und sei es nur, weil er sie an ihren Sohn erinnert. Durch ihre spontane Hilfsbereitschaft stellt Rose das Leben ihrer ganzen Familie auf den Kopf. Und sie lernt ihre Heimat aus einem ganz neuen Blickwinkel kennen, erkundet den Dschungel von Calais und sondiert Herzen, das eigene und das ihrer Mitmenschen. Ein ungeheuer kluger, bewegender und zeitloser Roman über unsere Gegenwart in ihrer ganzen Komplexität, über die Schwierigkeiten und Schönheiten einer Begegnung mit dem Fremden, vor allem eine literarisch berückende Schule der Empathie, aus der Feder einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen Frankreichs.

MARIE DARRIEUSSECQ, geboren 1969 in Bayonne, hat seit 1996 neben diversen kleineren Texten 16 Bücher veröffentlicht, darunter »Schweinerei«, »Prinzessinnen« und »Man muss die Männer sehr lieben«, wofür sie 2013 mit den Prix Médicis ausgezeichnet wurde. Zuletzt von ihr im Secession Verlag erschienen: »Unser Leben in den Wäldern«, das zur Zeit unter der Regie von Magali Magistry verfilmt wird, sowie »Hiersein ist herrlich. Das Leben der Paula Modersohn-Becker«. Sie lebt mit ihrer Familie in Paris. PATRICIA KLOBUSICZKY geboren 1968 in Berlin, hat zehn Jahre lang als Lektorin beim Rowohlt Verlag gearbeitet. Seit 2006 ist sie freie Übersetzerin aus dem Französischen und Englischen und hat neben zahlreichen anderen Werke von William Boyd und Marie Darrieussecq ins Deutsche übertragen. Von März 2017 war sie Bundesvorsitzende im Verband deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke.
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I


.

Jules Verne,

In jener Nacht hatte sie etwas geweckt. Ein , die Motoren klangen anders als sonst. Die Kabine trieb im Blauen dahin. Die Kinder schliefen. Von ihrer Koje aus konnte sie die Bewegungen des Schiffs kaum einordnen. Sie war mittendrin – an Bord –, da könnte sie gleich versuchen, die Erdrotation nachzuvollziehen. Sie und ihre beiden Kinder machten unter Hunderttausenden von Tonnen höchstens einen Doppelzentner lebender Materie aus. Ihre Kabine befand sich im fünften Stock dieser zwölf Stockwerke hohen, dreihundert Meter langen und viertausend Menschen schweren Masse.

Sie hörte Schreie. Hilferufe, Kommandos? Oder ein Klappern der Ankerkette? Wie spät mochte es sein, drei Uhr morgens. Vor dem Bullauge war nichts zu erkennen als die Meeresoberfläche, runzlig, opak, verschlossen. Der Himmel schwarz. Die -Kabine (also untere Preisklasse) hatte keinen Balkon (die Kategorien - und waren zu kostspielig für ihre Mutter, die ihnen diese Kreuzfahrt zu Weihnachten geschenkt hatte), und ohne Balkon ließ sich tatsächlich nicht das Geringste erkennen.

Sie zupfte die Daunendecke der Kleinen zurecht, hielt kurz inne. Die Kabine war dunkel und gemütlich, aber der plötzlich auftretende Lärm zog die Wände zusammen. Sie öffnete die Tür zum Gang. Ein Passagier der Kategorie (in der Schiffsmitte, ohne Bullauge) stand vor seiner offenen Tür und blickte sie an. Sie trug einen anständigen Schlafanzug und dazu eine lange Strickjacke, die sie sich eben übergeworfen hatte. Er war mit einer Bundfaltenhose und einem Hawaiihemd bekleidet. Von oben hörte man Rufe auf Italienisch, das Geräusch von hastigen Schritten. Ihr Gegenüber steuerte die Aufzüge an. Sie zögerte – die Kinder –, aber als das des Aufzugs ertönte, folgte sie ihm.

Sie fuhren schweigend hinunter, von Hintergrundmusik beschallt. Wäre es nicht schlauer gewesen, nach oben zu fahren, zur Kommandobrücke? Oder spielte sich das Geschehen ganz unten ab, in den Fracht- und Maschinenräumen? Das Schiff schien sich in das Meer hineinzubohren, mit jedem etwas tiefer, fragend, als suchte es nach einer Durchfahrt.

Als die Tür aufging, wurden sie von Zigarettenrauch und ohrenbetäubender Musik empfangen. Das Dekor bestand aus Pyramiden und Pharaonen, die Lampen hatten die Form von Sarkophagen. Auf den Barhockern thronten junge Mädchen in Goldlamé. Alte Männer lachten und redeten in europäischen Sprachen. Der -Typ betrat die Cognac-Bar. Sie verweilte unschlüssig an der Nahtstelle zwischen zwei Klangblasen: drei schwarze Jazzmusiker in Weiß und Rot beziehungsweise eine italienische Sängerin mit blonden Locken und ihr Klavierbegleiter auf einer Drehbühne.

Mit angehaltenem Atem durchquerte sie das verrauchte Casino. In welche Richtung ging sie überhaupt? Backbord war für Raucher und Steuerbord für Nichtraucher. Oder umgekehrt, sie konnte es sich einfach nicht merken. Das Casino lag unterhalb der Wasserlinie. Die Spieler klebten wie Algen an den Tischen zusammen. Sie hatte Lust auf ein Glas Champagner oder einen der Cocktails, die die Goldlamé-Mädchen schlürften. Ein uraltes Ehepaar brüllte sich auf Spanisch an, während eine unwesentlich jüngere Frau die beiden an den Händen packte, damit sie sich nicht prügelten, , rief die Frau wen auch immer als Zeugen auf, sie vielleicht, die sich seitwärts vorbeibewegte. Sie hätte gern ein Besatzungsmitglied ausfindig gemacht, einen dieser Uniformierten, die sich ihren Weg durch Schwärme von Passagieren bahnen. Sie ging durch ein Selbstbedienungsrestaurant, Pizzen, Hamburger und Fritten, der Geruch, vermischt mit dem Duft von Tabak, diversen Parfums und noch etwas anderem, diesem kaum merklichen Beben, verursachte ihr leichte Übelkeit. Ihre Mutter hatte ihr das All-Inclusive-ohne-Alkohol geschenkt. Kaum war sie diesem Schlauch entwichen, geriet sie in den nächsten, eine Videospielhalle diesmal, voller Jugendlicher, die nicht schlafen gegangen waren. Danach folgten verwaiste Gänge, geschlossene Boutiquen, ein ägyptisches Dekor in Lila und Rosa und die imposante Treppe aus falschem Marmor, die zur Disco Sheherazade führte. Trotz der Musik war ein Stimmengewirr zu vernehmen, doch sobald man versuchte, einzelne Laute zu verstehen, war nichts mehr zu unterscheiden.

Sie zögerte. Am Fuß der Treppe schwankte ein Haufen betrunkener Rentner. Sie stellte sich ihren kleinen Körper vor, wie er aufrecht im hohlen Bauch des Schiffes stand, und darunter das unermessliche, gleichgültige Meer. Die Passagiere der hatten ja auch eine gewisse Zeit gebraucht, um die Zeichen zu deuten. Diese Reise war zu Weihnachten im Sonderangebot gewesen, vielleicht, weil eines der Kreuzfahrtschiffe ein paar Jahre zuvor gesunken war, zweiunddreißig Tote. Auch eine Kreuzfahrt barg Risiken.

, der Offizier mit Schiffermütze lächelte, alles in Ordnung, . Sie kam sich etwas dümmlich, aber ganz reizend vor, in ihrer hautengen Wollkluft. Der Pool war geschlossen, doch beleuchtet. Der Springbrunnen in Sirenengestalt war bei offenem Mund angehalten. Das Beben wurde zur Gewissheit, sobald man das Wasser betrachtete: Das Viereck zog Kreise, das Schiff kam nicht vom Fleck. Sie schnappte sich eine Decke von einem der Liegestühle und betrat die Schleuse zur oberen Brücke. Wind drang ein, sie wickelte sich die Decke um den Kopf. Dann erschien die Milchstraße über ihr. Sie war eine Astronautin, bereit für die Schwerelosigkeit.

In der Ferne ein Ufer. Italien? Malta? Griechenland? Libyen hoffentlich nicht. Sie hatte sich im Internet kundig gemacht: Aufgrund einer jährlichen »Konvergenz« von wenigen Millimetern wird das Mittelmeer künftig irgendwann einem Fluss ähneln. Dann kann man es zu Fuß durchqueren (nur dass es keine Menschen mehr geben wird, wenn wir so weitermachen). Griechenland wird sich unter Afrika schieben, der Peloponnes fallen wie ein dicker Tropfen. Athen und Alexandria werden eins sein, denkt sie, versunken oder verschüttet.

Kreuzfahrten laden zum Träumen ein (wenn man nicht die ganze Zeit im Casino hockt). Man ist leicht benommen, wie eingelullt. Rose suchte unter dem großen Schornstein Schutz vor dem Wind. Lichter wogten am tiefschwarzen Horizont. Und wieder klang es so, als klapperte die Ankerkette – ob ein Schiff dieser Größe einfach so Anker werfen konnte, egal wo? Wie kalt das Meer wirkte, zu dieser Jahreszeit, da schreckten die Gedanken zurück. Jemand rannte in gelber Öljacke auf sie zu, die schweren Sohlen ließen die Brücke scheppern. »Was ist …?«, fragte sie, aber der Mann lief mit rauschendem Walkie-Talkie an ihr vorbei. Auf der Brücke wurde es wieder still. Sie sah ihren Schatten auf den Weihnachtslichterketten, eine dicke Luftblase als Kopf auf einem Körper aus dünnem Draht. Es war bitterkalt. Ob Astronauten sich beim Anblick der Erdkrümmung als Alleinherrscher über die Welt fühlen?

Nun denn. Sie kehrte in ihre Kabine zurück. Die Kinder schliefen. Sie zog eine Jeans an, ihre Daunenjacke und Turnschuhe. Sie vergewisserte sich, dass das Mobiltelefon ihres Sohnes eingeschaltet war. 4:02 Uhr. Sie holte die Schwimmwesten aus dem Schrank, die kleine für ihre Tochter, die große für ihren Sohn, und legte sie auf ihre Kojen. Wie zwei dicke neonfarbene Federbetten. Sie hatte ihr Zuhause vor Augen, mit ihnen und ihrem Mann, dem Vater der beiden. Dieses vertraute Gefühl, die Enge in der Brust. Sie machte ein Foto, ohne Blitz, von ihren wunderschönen Kindern, die übereinander lagen und vor dem goldenen Hintergrund der deLuxe-Kabine schliefen.

Im zwölften und letzten Stock konnte man sich zum Bug begeben, mit Aussicht auf beide Seiten. Dafür musste man die Bahn der Rollerskater durchqueren, den Kinderspielplatz und am anderen Pool entlanggehen, dem Freibad, das nachts mit einem Netz bedeckt war. Allmählich fand sie sich zurecht. Und jetzt brauchte sie sich nur von den Lauten leiten zu lassen. Stimmen, Rufe, eindeutig, auch Schluchzer? Das Schiff stand still über dem schwarzen Abgrund. Sie beugte sich vor. Auf jeder Kreuzfahrt ein Selbstmord. Die Schiffe fuhren mit viertausend los und kehrten mit wie vielen zurück? In der Ferne – wie fern genau? – leuchtete einigermaßen stabil ein gelber Punkt. Sie lief eine Gangway hinunter, noch eine: Sackgasse. Passierte wieder eine Schleuse, diesmal von außen nach innen, breiter beheizter Gang, die Kategorie , großer Abstand zwischen den Türen, sie stieg über die Tabletts des hinweg, die auf dem Teppichboden abgestellt waren, stieß auf eine andere Schleuse und betrat erneut einen schmalen, windigen Gang. Ein Rätsel in 3D.

Unten, weit unter ihr, wurde ein Beiboot ins Wasser gelassen. machten die Seile. Das Beiboot wurde kleiner, immer kleiner, das Meer von oben, wie beim Blick aus einem...



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