E-Book, Deutsch, Band 15, 172 Seiten
Reihe: Wortlaut
Darwin / Fischer / Kellermann FM4 Wortlaut 15. WILD
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-903081-00-0
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der FM4 Kurzgeschichtenwettbewerb
E-Book, Deutsch, Band 15, 172 Seiten
Reihe: Wortlaut
ISBN: 978-3-903081-00-0
Verlag: Luftschacht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Zita Bereuter, *1973 in Egg/Vorarlberg. Seit 2001 bei FM4, u. a. Leiterin des Literaturressorts, Organisatorin von Wortlaut und Betreiberin der FM4-Bücherei. Rezensiert für FM4 und Ö1. Claudia Czesch, *1967 in Wien, arbeitet seit 1995 bei ihrem Lieblingssender FM4. Sie ist Redakteurin und stellvertretende Senderchefin.
Autoren/Hrsg.
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Wild campen
Marcus Fischer
Foto: Christian Fischer
geb. 1965 in Wien, Germanistik-Studium in Berlin, danach ein paar Jahre Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Aus Neugierde einen Job als Texter in einer Berliner Werbeagentur angenommen. Aus Neugierde wurde ein Beruf: 15 Jahre als Texter und Kreativdirektor in Agenturen in Berlin und (seit 2001) wieder in Wien gearbeitet. 2014: Auszeit und erster veröffentlichter Text. Seit 2015 selbstständiger Texter, Schreibtrainer und Autor.
I.
Drei Stunden Vollgas und ein Scheppern im Kleinwagen, dass man eh lieber nicht redet, dann ist man drin in der Trachtenlandschaft. Gipfel, dass es einem den Hals verdreht im Auto, unten grasen Kühe an den Bergen und in den Seen ein Glitzern als wären da Sternspritzer reingefallen. Das Wetter hat nämlich auch mitgespielt: Ein Kaiserhimmel war das über den Köpfen, den zerzausten. Denn kaum waren sie auf der Landstraße, die Anna am Steuer und der Christoph daneben, Schiebedach auf und hallo Salzkammergut- luft!
Kein schlechter Start für ein Beziehungswochenende. In einem haben sie sich dann aber doch geschnitten. Ende September winken einem keine Campingplätze mehr entgegen vom Straßenrand. Sterbensgrau liegen die am See und menschenleer und wenn einer offen hat, steht da: Nur Dauercamper.
Auf einem haben sie dann ihre Runde gedreht. Wie geplatzte Wohnzimmer sind da die Wohnwagen gestanden mit den Verandazelten davor. So viel Putziges und Grausliges und überall kann man hineinschauen in die Geschmäcker der Menschen. Beim Mann an der Rezeption hat dann aber selbst das Zuckerbäckerlächeln von der Anna keine Chance gehabt. Ausnahmen sicher nicht, nicht in der Nachsaison, hat der
Mensch mit den alten Mundwinkeln gesagt. Landlogik, ist es ihr da durch den Kopf gegangen, aber mit dem Stimmungshoch wars vorbei. Auch weil jetzt vom See her ein Wind aufgezogen ist, als wenn sich der Sommer schon aufmachen würde für den Luftmarsch über die Berge Richtung Süden.
Er hätte ja eh lieber zum Neusiedler See wollen, hat der Christoph dann im Auto gemosert, aber keine Chance: Eine Beklemmung würde sie da bekommen in dem Flachland, Schweißausbruch schon beim Gedanken. Da hat er gleich wieder zurückgerudert, auch wegen Tuchfühlung und raus aus der Schieflage, der gemeinsamen.
Am Ende hat dann doch einer Tagescamper genommen. Die Dirndlfrau nicht begeistert am Empfang, aber christlich war sie, das hats von den Wänden heruntergeweht in dem Hartholzzimmer. Wie sie einträgt in das große Buch, haben die beiden sich umgeschaut: Marienbroschüren überall, mit Rehkitzen, großen Augen und Waldlichtungen, Lichtdrama und Titeln wie „Herz-Jesu-Weg“ oder „Lob der Demut“. Ein bissl aus Rührung über die Eingeborenen haben sie sich dann angegrinst. Eigentlich das erste Mal auf der Reise.
II.
Reihe zwei also. Glücklich waren sie mit dem Stellplatz, obwohl der Campingplatz praktisch leer und sie mittendrin: rechts von ihnen der alte Hymer-Campingbus mit den Panoramascheiben, links das Familienzelt mit rostigem Kombi davor. Aber keine 20 Meter dahinter: der See. Und ein Steg, der direkt hineinführt in den Bilderbuchblick. Das Wasser jetzt schon dunkelgrau in der Dämmerung, ein Nebelpelz auf den Bergen und drüben am anderen Ufer springen gerade die Laternen an. Die beiden gleich raus über die nassen Bretter, aber vorne am Steg dann eine Ratlosigkeit, weil umarmen, so weit waren sie dann doch noch nicht. Und so stehen sie da: er Bärtchen und Flanellhemd, sie Lockenkopf in Freizeitfleece. „So schön“, haben sie gesagt und dann lange nichts, aber viel Seeluft haben sie sich hereingeholt durch die kalten Nasenlöcher.
Wie sie dann am Platz die Zeltstangen in die Nylonröhren schieben, hat sich was gerührt in ihrem Rücken. Erst haben die roten Luftballons am Familienzelt gewackelt, dann zippt sich ein Mensch heraus mit schwarzem Kapuzenpulli. Zieht gleich hinter sich den Reißverschluss wieder zu, und zu ihnen ein steinernes „Grüß Gott“. Nichts von wegen Lagerfeuerfreundlichkeit. Aber zum kahl rasierten Bauernnacken hat das gepasst, den er ihnen im Weggehen zugedreht hat wie einen Hintern. Sie nicken ihm ein „Hallo“ nach, aber da ist der Mensch schon im Abmarsch.
Später dann Eintracht in den Alusesseln im Vorzelt bei Rotwein und Kerzenlicht, und wie sie so sitzen, die Anna und der Christoph, ist der Nachbar zurückgekommen in Plauderlaune. Aber nicht mit den beiden, beileibe nicht. Gefachsimpelt hat er mit einem 70+ im Unterhemd mit Bauch und schlaffen Oberarmen, braunen Flecken überall und Achselhaar wie Fächerkorallen. Schnurstracks sind die beiden an ihrem Vorzelt vorbei – kein Blick, kein Gruß – zum großen Campingbus dahinter. Ingenieursmäßig hat der Alte von seiner toten Frau erzählt und von seinem Hymer, in dem er jetzt allein ist, und was der alles kann. Da hat der Nachbar gelauscht wie ein Ministrant. Und der Christoph auch.
„Hallo, hörst du mir zu?“, hat ihn die Anna gefragt, aber er zu ihr den Finger auf den Mund, weil er ganz Ohr war bei den Männern. Mit dem Wein purzeln ja auch die Launen gleich viel flotter, und da wars dann auch schon wieder vorbei mit der Geselligkeit. „Ich geh ins Bett.“ Das kleine Gereizte in ihrer Stimme hat er gar nicht gehört. „Ich komm auch gleich“, schickt er ihr hinterher, abwesend wie Kinder, die gerade ganz Spielkonsole sind. Aber zu lauschen gabs nicht mehr viel. Wie der Alte in seinen großen Bus verschwunden ist mit den roten Stoffvorhängen und drinnen Licht macht, ist ihr Zelt im Flutlicht gelegen. Und der Nachbar zurück zum Familienzelt mit dem angerosteten dunklen Kombi davor. Ohne Muh.
III.
Weil drei Gläser Wein auch wieder herausmüssen aus dem Körper, ist der Christoph dann in der Nacht aufgewacht. Kriecht aus dem Zelt und raus ins klitschnasse Gras, ein Frost ist das an den Fußsohlen, vorbei am Familienzelt – und da war es. Das Mädchengesicht hinter dem beschlagenen Plastikfenster. Schaut ihn an mit weiten Augen, hebt die Hand, macht den Mund auf – und weg. Starr ist er dagestanden und dann langsam näher an die Zelthaut gegangen. Aber nichts mehr, nur dunkel. Dann war ihm, als hört er eine Hand vorm Mund und einen verschluckten Laut dahinter, aber nur kurz. Und dann wieder Stille. Irgendwann hat sich der Harndrang wieder gemeldet bei ihm. Also Wasser lassen am Baum, wieder vorbei am Zelt, kurzer Blick aufs beschlagene Fenster, kein Gesicht, nichts, und erleichtert zurück in den Schlafsack. Die Anna hat er nicht aufgeweckt, aber wachgelegen ist er noch eine Weile.
Wie sie dann am nächsten Morgen in der Schleiersonne sitzen vor dem Zelt, grinst ihnen der Nachbar vom Familienzelt ein „Hallo“ herüber über den Kombi. Und im Vorzelt steht eine 13- oder 14-Jährige und kämmt sich die Haare. Komisch nur, dass sie nicht herschaut zum Christoph. Oder doch, aber erst, als der Vater an der Plastikplane über den Fahrrädern zerrt. Ganz kurz bei ihr wieder dieser Blick, der was sucht, kommt ihm vor. Er stößt die Anna, die mit beiden Händen das Kaffeehäferl hält und hinausschaut auf den See. Aber da sind die Räder auch schon befreit und kein Blick mehr, zu spät.
IV.
Irgendwann hats dann zu nieseln angefangen und wie sie so in ihren Alusesseln sitzen im Vorzelt, fragt sie, was er gerade denkt. Eigentlich wollte er ihr den Traum ja nicht erzählen. Aber andererseits, warum nicht, auch wegen Tuchfühlung und so fängt er an. Dass der Nachbar im Zelt der Vater von dem Mädel ist und schräge Sachen mit ihr macht in dem Camping-Bus vom Alten. So mit Deckmantel Hygiene, sie einreibt mit einer Salbe unten rum, und sie muss sich dafür auf so einen alten Friseursessel setzen und er stellt ein Stockerl davor wie früher in den Schuhgeschäften und sitzt so niedriger und reibt sie mit Arzthandschuhen ein und sie schaut in dem Traum genauso wie gestern Nacht im Zelt.
„Gestern Nacht im Zelt?“, hat die Anna gefragt und da war schon was in ihrer Stimme. Wie er dann mit der Geschichte vom Wasserlassen fertig war, hat sich erst einmal ein Schweigen zwischen die beiden gesetzt, ein verstocktes.
Was in so einer langjährigen Partnerin vorgeht, müsste man eigentlich wissen mit der Zeit. Aber auch nur eigentlich. Gebrütet hat sie und dabei sehr berufstätig geschaut, die Frau Pädagogin. Das Bummerl war jetzt bei ihm. Weil wenn man schon was eher Intimes erzählt und der andere bleibt dann stumm, da stellen sich schon die Löcher an in einem, in die man dann plumpsen kann, wenn man nicht vorbaut. Aber genau das macht der Christoph und spielt den Ball im Was- denkst-du-jetzt zurück.
Und sie, nach einer Pause: „Es ist eh Blödsinn, aber ich denk grade an die Geschichte im Hallenbad.“ Und da sind die Löcher dann schon gewachsen, aber so leicht lässt er sich nicht hineinfallen ins Schwarze.
„Wie kommst du da jetzt drauf?“
„Keine Ahnung, du hast mich gefragt. Und komisch ist es schon.“
„Was?“
„Na dass der Lehrer dir...




