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E-Book, Deutsch, 172 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm

Das Korn rauscht


1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-85365-308-1
Verlag: Verlag f. Sammler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 172 Seiten, Format (B × H): 130 mm x 210 mm

ISBN: 978-3-85365-308-1
Verlag: Verlag f. Sammler
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Friedrich Griese (1890–1975) gilt als der bedeutendste mecklenburgische Erzähler. In der literarischen Tradition von Hamsun und Lagerlöf stehend, schildert er vornehmlich die agrarisch-vorindustrielle Gesellschaft in Norddeutschland. In diesen Erzählungen aus Mecklenburg tritt uns ein wortkarger Menschenschlag von langsamem Wesen entgegen, der doch erstaunlich tolerant ist gegen Fremdes und Unangepaßtes und auch aus der Bahn Geworfenen eine Wiedereingliederung ermöglicht. Arbeitsam und einfach ist das Leben in den Dörfern, tief in Natur und Herkommen verwurzelt, erfüllt von Glauben und Aberglauben, und doch reifen hier eigenständige Charaktere und Menschen besonderer Individualität, von denen uns der Autor berichtet.

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VORWORT


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(Sprüche Salomos)

Dieser Leitspruch zu Friedrich Grieses Roman „Das letzte Gesicht“ ist kennzeichnend für seinen Blick auf Mensch und Erdenlauf. Es ist ein tröstliches Bild, und es gefiel dem Dichter so gut, daß er den Spruch, in jeweils abgewandelter Form, in allen Epochen seines Schaffens – 1923, 1934 und 1960 – verwendet hat. Zum ersten Mal gebraucht er ihn in der Erzählung „Das Haus der Herren“ in seinem Band „Das Korn rauscht“, von dem hier erstmals seit über fünfzig Jahren eine Neuausgabe vorliegt.

Heute sind seine Bücher beinahe in Vergessenheit geraten. Dabei war Friedrich Griese in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Schriftsteller Mecklenburgs. Weit über fünfzig Titel umfaßt sein Werk: allein 14 Romane, 10 Bände mit Erzählungen und 7 separat erschienene, 6 Dramen, 4 autobiographische Schriften, 4 Bücher über Mecklenburg sowie 2 Biographien – neben Reden, Aufsätzen, Hörspielen, Märchen und einigen Gedichten. Seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von vielen Hunderttausend; sie wurden ins Englische, Holländische, Norwegische, Schwedische, Finnische, Tschechische und Rumänische übersetzt, weitere Übersetzungen sollten folgen – doch der Beginn des Zweiten Weltkriegs setzte diesen Plänen ein Ende.

Die heutige Sekundärliteratur wertet Griese zumeist recht undifferenziert als wichtigen Vertreter der „Blut-und-Boden-Literatur“; nur allzugern wird sein Werk auf die zwölf Jahre im Nationalsozialismus reduziert. Griese selbst wehrte sich gegen eine solche Etikettierung. In seinen Lebenserinnerungen von 1970 schreibt er über den nationalsozialistischen Propagandabegriff: „Die Formulierung, die jetzt aufgekommen war, bedeutete nicht mehr als eine Phrase; sie verfälschte die beiden Begriffe und wurde gerade von denen nicht verstanden, die sie für sich in Anspruch nahmen. Für meine eigene Arbeit hatte ich die Verfälschung mit dem Satz abgelehnt: ‚Ich habe mich in meinen Büchern immer nur darum bemüht, von der Zusammengehörigkeit zwischen dem Boden und all seinem Lebendigen zu handeln.’“ Was im Nationalsozialismus bei vielen nur sentimentale Sehnsucht oder konjunkturbedingte Mode war, entspringt bei ihm dem ursprünglichen Erleben von Land, Mensch und Tier seiner mecklenburgischen Heimat, und er fand zu seinem Stil, so Marcel Reich-Ranicki, „als man vom Nationalsozialismus in Deutschland noch kaum etwas wußte“.

Die von ihm von der Zeit der Weimarer Republik an bis zur Nachkriegszeit favorisierten Motive und Stoffe lassen sich bereits an vielen seiner Buchtitel ablesen: „Die letzte Garbe“ (1927), „Der ewige Acker“ (1930), „Der Saatgang“ (1932), „Der Ruf der Erde“ (1933), „Das Kind des Torfmachers“ (1937), „Der Zug der großen Vögel“ (1951). Einflußreiche Vorbilder waren für ihn Selma Lagerlöf und Jens Peter Jacobsen – vor allem aber: der Autor von „Segen der Erde“ (1917) und spätere Nobelpreisträger Knut Hamsun.

„Und damit ist zugleich angedeutet, daß diese Bücher, was immer gegen sie einzuwenden ist, sich durch Vorzüge auszeichnen, die man nicht ganz vergessen sollte – durch atmosphärische Dichte, durch intensive Stimmungen und eine einfache und sehr anschauliche Sprache“, urteilt Reich-Ranicki am 1. Juni 1975 in seinem Nachruf auf Friedrich Griese über dessen Werk.

Als Sohn eines Kleinbauern, der infolge der Übernahme einer Bürgschaft verarmt und später als Tagelöhner arbeiten muß, wird Friedrich Griese am 2. Oktober 1890 in einem Dorf bei Waren, im östlichen Mecklenburg, geboren. Hier, in Lehsten, zwischen den beiden Straßen im Westen und Osten, dem „Hohen Ende“ und dem „Brink“, verbringt er die ersten fünfzehn Lebensjahre. „Ich habe sehr früh schwer arbeiten müssen“, bemerkt Griese im Rückblick, „aber ich habe doch auch erfahren dürfen, welcher Segen auf körperlicher Arbeit ruht.“

1906 geht er für fünf Jahre an das Lehrerseminar nach Lübtheen. Er beginnt zu schreiben. Die Vorbilder, an die er sich scheu wendet, verweisen ihn nur an Bücher. Doch „einer“, erinnert sich Griese 1931, „Peter Rosegger, gab mehr; ein paar herrliche Briefe von ihm, die er mir als damals achtzehnjährigem Menschen schrieb, waren lange Zeit der einzige Hinweis auf das, was es einmal für mich zu tun geben würde.“ Als er das erste Mal mit etwas Selbstgeschriebenem an die Öffentlichkeit tritt, ist sein Schreibimpuls ein sozialkritischer: In der „Rostocker Zeitung“ erscheint 1914 eine Artikelserie, in der Griese die Mißstände der „ritterschaftlichen Schulen“ angreift – der Titel: „Wir klagen an“. Weil er sich für seine Schüler engagiert hatte, die während der Erntezeit nach Gutdünken vom Gutsbesitzer aus dem Unterricht genommen werden konnten, war er aus seiner ersten Stelle entlassen worden.

Seit 1913 ist Friedrich Griese als „Lehrer mit echtem Pestalozzigeist“ in Stralendorf bei Parchim tätig, im südwestlichen Mecklenburg. Hier wird er im September 1916 heiraten, seine drei Kinder kommen hier zur Welt. Und hierher kehrt er im Sommer 1916, für Monate fast gänzlich ertaubt, aus dem Ersten Weltkrieg zurück. Bereits im Vorschulalter ist er, der zeitlebens schwerhörig bleiben soll, an einem Gehörleiden erkrankt; es mag sein, daß dies seinen Rückzug in die Innenwelt noch verstärkt. Nun, mitten im Krieg, fühlt er sich dazu bestimmt, „festzuhalten, was so an äußeren und inneren Erfahrungen überliefert wurde“: Von 1916 bis 1919 entstehen die 14 Geschichten aus „Das Korn rauscht“. Seine „Erzählungen aus Mecklenburg“ erleben mehrere Auflagen. Sie erscheinen 1923 im Trierer Verlag Lintz, 1929 und 1934 im Carl Schünemann Verlag, Bremen, und zuletzt 1947 im Thomas-Verlag in Kempen am Niederrhein.

Seine Erzählungen sind vorzüglich geeignet, um ein Stück Alltagsgeschichte des ländlichen Mecklenburg im 19. Jahrhundert kennenzulernen – einer Zeit, in der die Bauern ihre Stiefel noch mit Stroh ausstopften, um warme Füße zu haben –, und sie sind auch heute noch gut lesbar. An ihnen zeigt sich bereits Grieses Interesse für Regionalgeschichte und seine Vorliebe für die den Mecklenburgern eigene Wesensart, ihre Sitten und Bräuche. Eine kleine bäuerliche Porträtgalerie ist hier entstanden – angefangen bei den drei „Adebars“, die bei ihren bedächtigen Zusammenkünften nur alle halbe Stunde einmal den Mund auftun, über Doris und Anna Schweder, die hartherzige Mutter und ihre rebellische Tochter, bis zu dem „düsigen“ und doch so kinderlieben Knecht Hans Harm.

Inspiration erfährt der Schwerhörige stark „durch das Auge“: Alle Menschen, über die er schreibt, haben auch gelebt. Es liegt ihm fern, die Dorfwelt zu verklären. In seinem Werk dominieren die sozial Schwachen – das Gesinde, die Tagelöhner und einfachen Bauern. Sein Augenmerk, bekennt der Dichter 1946 in seinem Aufsatz „Von der inneren Beständigkeit“, habe „immer dem sogenannten kleinen Mann gegolten, der Not und Sorge seines Alltags, wie seinem Mut und seiner Rastlosigkeit, dieser Not zu begegnen.“ Auch von den sexuellen Nöten erzählt er, davon, wie einzelne Dorfbewohner von ihrem „Inwendigen“, den verborgenen Trieben oder der Last eines Geheimnisses in ihrem Inneren, bedrückt werden. Seine ruhig dahinfließenden Geschichten sind volkstümlich-realistisch, oft auch liebevoll-humorvoll erzählt – etwa, wenn in „Der Ruf des Schicksals“ in den zwei Brüdern gesetzteren Alters eines Tages die Kinderseele wieder erwacht, oder wenn Griese im „Irrgang“ schildert, wie ein ortsfremder Pfarrer es manchmal nicht ganz leicht hat. Eingängigstes Beispiel für die Verbundenheit des Bauern mit seiner Scholle ist die Titelgeschichte: Gelassen läßt der Sterbende Haus, Hof und Familie hinter sich, denn das Sterben gehört in den Lauf der Natur; doch seine Seele findet keine Ruhe, ehe sie nicht von seinem liebsten Acker hat Abschied nehmen können.

Grieses Kriegserlebnis fließt ein in seinen ersten Roman: „Feuer“ (1921), der im November 1918 entsteht. Er schildert die Heimkehr eines Soldaten, der sich in die Nachkriegswelt nicht mehr eingliedern kann – ein beliebtes literarisches Thema in den Zwanzigern, das Griese womöglich...



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