Das Wäldchen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 201 Seiten

Reihe: Regional-Krimi

Das Wäldchen


1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96058-329-5
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 201 Seiten

Reihe: Regional-Krimi

ISBN: 978-3-96058-329-5
Verlag: Lempertz Edition und Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Knochenfund in den Siegauen stellt die Beueler Polizei vor ein Rätsel. Untersuchungen der Rechtsmedizin ergeben, dass es sich um menschliche Überreste handelt, die mindestens 20 Jahre alt sind. Kommissar Willi Wipperfürth verfolgt eine Spur, die ihn zu einem nicht aufgeklärten Vermisstenfall führt. Er setzt alle Hebel in Bewegung, um Licht ins Dunkel zu bringen. Dabei sticht er in ein Wespennest und kann nicht verhindern, dass seine Ermittlungen Einfluss auf sein Privatleben haben. Als dann auch noch ein alter Freund auftaucht und im Rhein eine Wasserleiche gefunden wird, gerät Wipperfürth an seine Belastungsgrenze.

Karin Büchel ist in Gelsenkirchen (mitten im 'Pott') geboren, in Hennef (Sieg) aufgewachsen und hat in Augsburg und an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn studiert. Seit vielen Jahren lebt sie mit ihrer Familie in unmittelbarer Nähe des Rheins, arbeitet als Pädagogin in Werkstätten für Behinderte und schreibt neben schwarzhumorigen Kurzgeschichten seit einigen Jahren Kriminalromane, die in Bonn und Umgebung spielen. Wichtig sind ihr stets der regionale Bezug und ein Quäntchen Humor.
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27 Jahre später


1


Er hockte auf seinem Schreibtischstuhl wie eine Kröte kurz vor dem Absprung. Die Beine hatte er trotz seiner 55 Jahre und einer beginnenden Arthritis im Schneidersitz verwoben und seinen Rücken dabei kerzengerade durchgedrückt. So gut es ging. Einigermaßen. Leises Stöhnen kam aus seinem Mund. Irgendwo hatte er gelesen, dass Schmerzen dazugehören mussten. Also durfte man ruhig stöhnen. Dies war seine kleine, ganz persönliche Yogaübung für Anfänger. Auf dem Schreibtischstuhl in seinem Büro.

Kommissar Wipperfürth machte sie regelmäßig, jeden Morgen, bevor er mit der Arbeit begann. Oder fast jeden Morgen. Die Übung dauerte höchstens zwei Minuten, dann krampfte sein dicker Zeh oder die linke Wade oder ein stechender, beißender Schmerz quälte seinen Rücken, sodass er seine kleine Entspannungseinheit abbrechen musste. Aber immerhin.

Wipperfürth entwirrte seine Beine, schüttelte sie, massierte den krampfenden Bereich und setzte sich dann gelöst und salopp so auf den Sitz, wie es eher seinem Alter entsprach. Er schlüpfte in seine ausgetretenen Slipper, die er unter den Tisch geschoben hatte. Den Rücken hatte er nun bequem gebeugt und entspannt, die Beine weit von sich gestreckt und die Ellenbogen auf die Tischplatte abgestützt. Er hatte die magische 55 überschritten – vor genau vier Monaten, zwei Wochen und drei Tagen – und seit diesem Tag das starke Bedürfnis, etwas mehr als bisher auf seine Gesundheit zu achten. Schließlich näherte er sich mit großen Schritten der Sechzig. Dazu gehörte es auch, nach der Yogaübung einen Müsliriegel zu essen – mit extra viel Hafer-Crunchy, Trockenfrüchten, Mandelstückchen und ohne Zucker. Er nahm die Tageszeitung und begann bei einer Tasse heiß duftendem Holundertee zu lesen. So wie jeden Tag.

Genauer gesagt jeden Tag, an dem er Dienst hatte oder an dem er zum Dienst gerufen wurde, weil jemand mit einem Brotmesser hinterrücks erstochen worden war oder eine Frau ihren alkoholisierten Gatten die Kellertreppe hinuntergeschubst hatte oder jemand bei einer Schlägerei ums Leben gekommen war.

Obwohl dies in Bonn zunehmend selten vorzukommen schien. Seit 2015 hatte es laut Statistik weniger Straftaten, genauer gesagt weniger Diebstähle, gegeben. Dafür war zwar die Quote der Körperverletzungen gestiegen, aber Mord und Totschlag hielten sich durchaus in Grenzen, zumindest im Vergleich mit Halle oder Magdeburg. Aber natürlich passierte auch in Bonn hier und da ein Kapitalverbrechen und dann wurde er gerufen: Kriminalhauptkommissar Willi Wipperfürth.

Er blätterte durch den General-Anzeiger und dachte sich, dass er genauso gut zu Hause am kleinen, runden Küchentisch die Zeitung lesen und dabei einen warmen Toast mit Johannisbeer-Gelee oder Waldblütenhonig essen und Holundertee hätte trinken können. Aber da war es ruhig. Sehr ruhig. Seit dem plötzlichen Tod seiner geliebten Monika vor dreieinhalb Jahren hatte sich sein Leben radikal verändert. Nichts war mehr so, wie es mal war.

Er haderte mit der Leere. Der Leere im Wohnzimmer, im Schlafzimmer, im Bad. Der Leere am Küchentisch. Er vermisste die Gespräche, die munteren Diskussionen über aktuelle politische Ereignisse und die lustigen Momenten mit Monika, wenn sie sich über kleinste Kleinigkeiten köstlich amüsierte. Da musste nur eine schwarze Stubenfliege durch die Küche brummen und sich hektisch auf alle möglichen Lebensmittel setzen. Monika hatte jedes Mal versucht, diese Momente mit ihrer kleinen Kamera einzufangen. Sie hatte das Fotografieren skurriler Augenblicke geliebt und konnte sich über ein gelungenes Foto den ganzen Tag lang freuen. Die Fotografie war nur eine von vielen Leidenschaften, die die beiden geteilt hatten.

Er vermisste Monika so sehr. In ruhigen Momenten haderte er mit dem Tod, mit Gott und der Welt. Am meisten aber haderte er mit sich selbst. Er wollte den Tod nicht hinnehmen, wollte ihn nicht in sein Leben lassen, wollte seine Monika wieder in den Armen halten, ihr Lachen hören, ihren Herzschlag spüren.

Und doch war er letztlich Kriminalist und somit Realist. Den Tod musste man akzeptieren. Er war unumkehrbar.

Seit Monikas Tod verbrachte Wipperfürth viel mehr Zeit im Polizeipräsidium als in seinen eigenen vier Wänden. Im Büro war er wenigstens nicht allein. Irgendein Kollege war immer vor Ort, entweder in der Kantine, die sich im Haus befand, oder in der kleinen Bäckerei auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Und wenn es ihm gar zu still im Arbeitszimmer wurde, konnte es passieren, dass Wipperfürth in den Empfangsbereich des Präsidiums ging und ein Schwätzchen mit dem Pförtner oder einen Plausch mit dem Reinigungspersonal des Hauses hielt.

Wipperfürth hatte den Politikteil aufgeschlagen. „So steht es um Großbritanniens EU-Austritt“, prangte ihm in schwarzen Buchstaben entgegen. , dachte Wipperfürth. Den Austritt aus der EU konnte er gedanklich so gar nicht nachvollziehen. „Die werden schon sehen, was sie davon haben“, murmelte er leise vor sich hin. „Das Volk hat gewählt. Jetzt muss Theresa May sehen, was richtig und was falsch ist.“

Er blätterte weiter. Im Sportteil verharrte er am liebsten, besonders Badminton hatte es ihm angetan. Auch dieses Interesse hatte Monika mit ihm geteilt. Alle Spiele, die in Beuel in der Erwin-Kranz-Halle stattgefunden hatten, hatte sie besucht. Nicht mal eine Influenza, Kopfschmerzattacken oder ein Hexenschuss hatten sie davon abhalten können. Und er, Wipperfürth, hatte stets mitgehen müssen, sofern es sein Job zugelassen hatte. Schließlich hatte er als Kriminalhauptkommissar eine Menge Arbeit und geregelte Arbeitszeiten waren ein Wunschtraum. Aber das hatte Monika nie wirklich gestört. „Hätte ich einen Arzt geheiratet, dann hätte er ständig Bereitschaft und an den Wochenenden und Feiertagen häufig Dienst, würde sich mit entzündeten Blinddärmen herumschlagen oder mit fiesen Gallensteinen kämpfen. Und hätte ich einen Eisdielenbesitzer geheiratet, dann hätte er im Sommer seine Hauptsaison und im Winter frei. Und Winterurlaube mag ich überhaupt nicht. Da ist mir ein Kommissar schon tausendmal lieber“, hatte sie gesagt, ihm dabei liebevoll in den Oberarm gekniffen und einen Kuss auf die Wange gegeben. Als kleinen Liebesbeweis, wie sie es genannt hatte. Und Wipperfürth hatte sie dann zärtlich in seine Arme genommen und geknuddelt.

Wipperfürth überflog den Beueler Lokalteil. , schimpfte er innerlich. Die Diskussionen zwischen den Grünen, der CDU und der SPD nahmen kein Ende und eine vernünftige Lösung des Parkproblems im Beueler Zentrum war noch längst nicht in Sicht.

„Gewalttätiger Ehemann aus Wohnung verwiesen.“ , dachte er. Ihm war es einfach unverständlich, warum Männer sich so wenig unter Kontrolle hatten und ihre Frauen schlugen oder auf andere Weise misshandelten.

Unwirsch schüttelte er den Kopf, strich sich mit der linken Hand über den Dreitagebart und nahm einen Schluck Tee. „Ts, ts, ts.“ Aber Gewalt in der Ehe gehörte nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. Er war Leiter der Mordkommission und Morde gab es zum Glück in Beuel nicht sehr viele. Er klopfte schnell mit geknicktem Zeigefinger dreimal auf seinen Holzschreibtisch.

Ein zaghaftes Pochen an der Bürotür riss ihn aus seinen Gedanken. „Aaahh … Guten Morgen, Frau Schröder. Adrett wie immer!“ Er lächelte sie an und sah eine flüchtige Röte, die über ihr rundes Gesicht mit der viel zu dicken Nase huschte. „Auch schon so früh im Präsidium?“

„Morgen, Herr Kollege. Sie werfen ja wieder mit Komplimenten nur so um sich. Danke!“ Sie lächelte verlegen. „Wenn ich zehn Minuten früher fahre, dann umgehe ich den morgendlichen Stau auf der A 555 und kann hier in Ruhe die Ablage machen, Berichte schreiben, kopieren, Blumen gießen – was die männlichen Herrschaften ja nicht für nötig halten – und Akten sortieren. Ist ja immer was zu tun. Aber weswegen ich bei Ihnen bin: Möchten Sie sich an dem Geburtstagsgeschenk für den Kollegen Müller-Zabel beteiligen? Er feiert seinen 40. Geburtstag. Die Damen und Herren aus der Verwaltung und wir Sachbearbeiterinnen geben jeder zehn Euro.“

„Was haben Sie für eine Geschenkidee?“

„Zwei Eintrittskarten für die Oper. Er liebt Opern. Zurzeit läuft ‚Carmen‘ von Georges Bizet. Und eventuell noch einen Gutschein für ein Essen zu zweit für diesen Spanier in Poppelsdorf. Er hat eine neue Freundin. Endlich. Seine Verflossene war ja etwas … wie soll ich sagen? Etwas ausgefallen. Sie verstehen?“

„Natürlich. Sehr hyperaktiv....


Karin Büchel ist in Gelsenkirchen (mitten im "Pott") geboren, in Hennef (Sieg) aufgewachsen und hat in Augsburg und an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn studiert.

Seit vielen Jahren lebt sie mit ihrer Familie in unmittelbarer Nähe des Rheins, arbeitet als Pädagogin in Werkstätten für Behinderte und schreibt neben schwarzhumorigen Kurzgeschichten seit einigen Jahren Kriminalromane, die in Bonn und Umgebung spielen. Wichtig sind ihr stets der regionale Bezug und ein Quäntchen Humor.



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