Dath | Deutsche Demokratische Rechnung | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

Dath Deutsche Demokratische Rechnung

Eine Liebeserzählung
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-359-50042-1
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine Liebeserzählung

E-Book, Deutsch, 224 Seiten

ISBN: 978-3-359-50042-1
Verlag: Eulenspiegel Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Veras Vater wird beerdigt. Einsam war es um den Mann geworden, der einst der Neuen Ökonomischen Politik Walter Ulbrichts das wissenschaftliche Zahlenwerk gab. Seine Tochter verbindet wenig mit ihrem Vater und dem Land, in dem sie geboren wurde. Bis sie im Kreise der politischen Aktivisten den Journalisten Frigyes kennenlernt. Für Vera öffnet sich eine Verbindung zur Welt ihres Vaters. Langsam tastet sich die junge Frau an ihr Vermächtnis heran. Frigyes jedoch kann am Erbe der DDR nichts Gutes finden und nennt Veras Versuche traurig und grotesk. Dietmar Daths Geschichte über die Positionierung heutiger Politaktivisten und Linker schlägt einen ungewöhnlichen Bogen in die Historie der beiden deutschen Staaten. Sie buchstabiert aber auch die Ökonomie der täglichen Verzweiflung und Depravation, aus der Auflehnung entstehen kann und muss.

Dietmar Dath, 1970 geboren in Rheinfelden (Baden) ist Autor und Übersetzer. Seit 1990 veröffentlichte er eine Vielzahl literarischer und journalistischer Texte. Von 1998 bis 2000 war er Chefredakteur des Popkultur-Magazins 'Spex' und von 2001 bis 2007 Feuilleton-Redakteur der 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung'. 2011 ist Dath zur 'Frankfurter Allgemeinen Zeitung' zurückgekehrt, seither arbeitetet er dort als Filmredakteur. Seit 1995 erschienen etwa fünfzehn Romane, darunter 'Dirac' (2006), 'Die Abschaffung der Arten' (2008) und 'Sämtliche Gedichte' (2009, alle Suhrkamp). Außerdem veröffentlichte Dath Bücher und Essays zu wissenschaftlichen, ästhetischen und politischen Themen, so die Streitschrift 'Maschinenwinter' (2008) und die 'BasisBiographie Rosa Luxemburg' (2010, beide Suhrkamp). Jüngst ist Dietmar Dath auch als Dramatiker und Lyriker in Erscheinung getreten. Er lebt in Freiburg.
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Eins: Tote ergeben sich nicht

Beerdigungen sind selten lustig, aber Vera findet, ihr Vater übertreibe es.

Niemand ist gekommen. Niemand, das sind zusammen sie selbst und ihr dritter ehemaliger Verlobter, der gute Gerd.

Ihr Vater hat diesen Gerd verachtet. Er nannte ihn mit der bitteren Vorliebe für verletzende Sprache, die ihn zuletzt fast ganz aufgefressen hat, immer nur den »Trottel« – in ärgerer Laune auch den »Scheißphilosophen«.

Vera denkt: Ich sitze hier bei deiner Beerdigung, Papa, in dieser zugigen, gnomischen Berliner Kapelle, auf diesem mickrigsten und ungepflegtesten aller Berliner Friedhöfe. Du wolltest das so. Wir machen das so. Was hast du jetzt davon?

Ich war für dich die »freche Ziege«, menschlich im Grunde ein Nichts, und meine Hand hält zum Trost der von dir so getaufte Trottel, noch eine Null. Zwei Nullen zusammen auf einer nichtigen Veranstaltung, einer Nullveranstaltung für einen, den man, wie er zornig immer wieder sagte, längst gelöscht hat.

Man muss das ausmultiplizieren, wie du es mir beigebracht hast, Papa: »Denk daran, Vera, Punkt vor Strich, und vergiss nicht das Distributivgesetz.« Gut, also die Klammer um die Trauergäste aufgelöst und die Veranstaltung als Null gezählt, als die Funktion dieser Gäste, und Null mal Null plus Null mal Null gibt Null: Niemand ist gekommen, nichts findet statt.

Hier steht ein Pfarrer vor uns, denn am Ende warst du angeblich wieder evangelisch.

Als ich ein Kind war, sagtest du nie »Pfarrer« oder »Pastor«. So einer war für dich immer nur ein »Lügner«, »Lügenbold« oder »Märchenonkel.«

Solche Lügner, hast du immer gesagt, »haben mitgeholfen, das Land kaputtzumachen. Aber ich bin ihnen nicht mal böse. Sie mussten ihre Lügen glauben, es war ihr Beruf. Böse bin ich den andern, die diese Lügen nicht glauben mussten, sondern glauben wollten. Den Frommen, den Predigern der Demokratie ohne jede Macht für die Arbeit. Den Leuten, die so denken wie dein Philosoph: Irgendwie antiautoritär, egal, wer gerade die Autorität ist, irgendwie links und irgendwie lieb und Kraut und Rüben.«

Das klang zum Ende hin oft verwaschen, zerfahren.

Und jetzt? Hörst du ihn, Papa, wie er dich lobt, der Lügner?

Vera hat eine sehr kleine Anzeige im »Neuen Deutschland« aufgegeben. Sie wusste, dass sich die Alten hier nicht zeigen würden – falls es überhaupt jemand gelesen hat, der begreift, wer da jetzt tot ist, denkt sie, dann waren das Leute, die ihn vergessen wollen, oder Leute, die selbst zu kaputt sind, sich an einen Ort wie diesen zu begeben, zumal die Angst berechtigt wäre, man behielte sie gleich da.

Außerdem war die Anzeige erst gestern im Blatt, im Grunde keine ernst gemeinte Einladung zur Beisetzung. Ihr Vater hätte das lustig gefunden. Stumm steht er jetzt da als Häuflein Asche in einem Topf, während der bestellte Lügner sagt: »Zahlen waren seine Leidenschaft. Wo andere Menschen sich nichts denken, dachte er bei Zahlen stets an lebendige Ideen. Er sah in die Welt der Zahlen hinein, wie einer die Natur betrachtet, der Tiere oder Pflanzen liebt.«

So ein Unsinn, denkt Vera. Sie ist froh, dass das heilige Gerede, das sie aus dem Erbe ihres Vaters bezahlen wird, so deprimierend falsch ist. Denn die Verkehrtheit des Geredes lenkt sie vom Toten ab und seinem traurigen Leben. Dächte sie jetzt daran, so müsste sie womöglich wieder weinen.

Neben ihr hockt Gerd erschreckend bequem. Er hat sich vor zwei Wochen von ihr getrennt, aus einem Grund, den sie gut nachvollziehen kann: »Ich halte dich nicht mehr aus, Vera. Es geht nicht mehr. Ich glaube, du hältst dich auch nicht mehr aus. Ich dachte, ich kann das bremsen, diesen Weg nach unten. Dass du dich so kaputtmachst – das Studium geschmissen, jetzt dieser unfassbare Job in dieser Bäckerbude am Bahnhof da unten in Frankfurt, die Sauferei … Inzwischen säufst du nicht mal mehr beim Ausgehen, sondern sitzt mit der Flasche vor der Glotze, so geht das abends, nur du und das Gift. Du bist dreißig Jahre alt, Vera, und eine der klügsten Frauen, die ich je getroffen habe. Mathematikerin durch und durch, mit einer sagenhaft exakten Intuition, und was machst du damit? Croissants verkaufen, Kaffeemaschinen putzen, Saufen und mit diesem Fettsack drei Stunden am Tag telefonieren, wenn du ihn nicht sogar triffst. Schön, dann hast du wenigstens Gesellschaft. Er frisst, du säufst, und dabei wird geschimpft, über den Staat und die Banken und das Weltall. Nein, sag jetzt nichts. Ich will es nicht wissen, Vera. Ich will nicht wissen, ob du mit dem Fettsack was hast.«

Ihre Antwort war nicht geeignet, Gerd zu halten: »Falls ich was mit ihm habe, wie du das nennst, dann liegt er dabei jedenfalls nicht oben. Sonst ersticke ich.«

Gerd schüttelte, als sie das gesagt hatte, nur den Kopf und ließ aus dem Mundwinkel dieses leise, seufzende Pfeifen hören, mit dem er sie jetzt so oft verurteilte, bedauerte und preisgab. Dann schob er seine endgültige Abdankung aus ihrem Leben hinterher: »Mach nur. Ich kann dich nicht aufhalten. Du ziehst mich nur mit in deine Hölle, wenn ich es versuche. Dich kann man nicht liebhaben, wenn du dich so behandelst. Ich nehme den Ruf an, übrigens. Ich gehe nach Holland.«

Im Moment ist Gerd freilich noch nicht in Holland. Er hält stattdessen Veras kalte und nervöse Hand. Diese Hand will hier weg. Sie regt sich. Die Finger würden auf Veras Knie eine SMS an Manuel tippen, wenn Gerds Hand nicht auf ihnen läge. Vielleicht würden sie auch einen Vorwurf aufschreiben, an ein Häufchen Asche gerichtet: Wieso warst du diesmal wirklich krank, du Idiot? Hätte es nicht so sein können wie immer: Du behauptest es nur, damit man dich bedauert und besucht und sich von dir anschreien lässt? Das hat dir wohl nicht mehr genügt, Papa. Du wolltest mich heftiger ins Unrecht setzen.

Bitte sehr, es ist dir gelungen. Was hast du jetzt davon?

Einen Lügner, der aussieht wie von Wilhelm Busch getuscht, schlaksig, langnasig, bleich und ernst, keine Vierzig, aber schon mit Stirnglatze und grauen Härchen über den Ohren. Er redet dabei, als wäre er sechzig, das heißt, ich will das loben: Es ist gutes Deutsch, was er redet.

Und immerhin liegt kein Tränentremolo in der Stimme, die sich gegen das stete leise Pfeifen des Windes zwischen den in geologischem Tempo auseinanderstrebenden Steinen dieser Kapelle zu behaupten sucht. Die Stimme sagt: »Man müsste Otto Ulitz ganz verkennen, wollte man ihn nur auf seine Liebe zum Exakten, zum Maß, zur logischen Folgerichtigkeit reduzieren. Er war ein Idealist. Otto Ulitz stammte aus sozialistischem Elternhaus. Sein Vater hat unter dem Nationalsozialismus im Konzentrationslager Dachau gesessen und ist 1951 mit der Familie in die DDR übergesiedelt. Der Sohn besaß ein Talent für die Mathematik, das in der DDR durchaus gefördert wurde. Er hat diese Förderung seinem Land als Wissenschaftler vergolten, unter anderem als Mitarbeiter am Mathematischen Wörterbuch, am Zentralblatt und sogar als tätiger Unterstützer der Weierstraß-Gesamtausgabe. Er hätte sich gerne der reinen Mathematik gewidmet, war mit vielen Größen seiner Zunft bekannt, etwa mit Kurt Heegner.«

Vera schnaubt leise: als ob du wüsstest, wer das ist, oder was der Name bedeutet, oder woran jener Mann gearbeitet hat – was elliptische Kurven sind oder quadratische Zahlkörper.

Der Priester fährt fort: »Otto Ulitz hat es immer bedauert, dass das Berliner Forschungsinstitut für Mathematik 1959 geteilt wurde in ein Institut für Angewandte Mathematik und Mechanik einerseits, ein Institut für Reine Mathematik andererseits.«

Vera könnte einen Zwischenruf unterbringen: Diese Teilung fand er jedenfalls schlimmer als die Mauer, das weiß ich sicher.

Sie lässt die Bemerkung bleiben.

Ihr Sweater kratzt. Er ist schwarz und von H & M. Das ebenfalls schwarze Cordsakko darüber ist von C & A.

Vera hatte bis zum Tod ihres Vaters sehr wenig Geld, nicht einmal würdige Hosen trägt sie heute, weil die zu teuer sind. Schwarze Jeans müssen für diese klägliche Zeremonie reichen. Wenigstens ist sie nicht in Turnschuhen erschienen. Petra, zum Glück Kind leidlich vermögender Leute, hat ihr schwarze italienische Damenschuhe geliehen.

Das Sakko, das Veras Erscheinung abrundet, zu etwas wie – findet sie selbst – einer trauernden Vogelscheuche, besitzt sie seit Jahren. Den Sweater hat sie gestern Abend in Berlin gekauft, für 15,– Euro, eine bescheidene Investition.

Wenn alle Formalitäten erledigt sein werden, erbt Vera Ulitz rund 65 000 Euro.

Das hat ihr der komische Anwalt aus Mitte erklärt. Eine Wohnung, die sie vorerst nicht betreten will, erbt sie auch. Die Wohnung mit seinem Kram. Wenigstens ist er da nicht gestorben.

Die Beerdigung, die Verbrennung, den Lügner: Das alles muss sie vom Erbe bezahlen. Es bleibt dennoch mehr übrig, als sie in den letzten zwei Jahren zusammengenommen verdient hat. Das denkt sie jetzt und tut, was man mit Brüchen tut: Sie kürzt das Überflüssige aus dem Satz »mehr, als ich in den letzten zwei Jahren verdient habe«, damit die Wahrheit da steht: »Mehr, als ich verdient habe.«

Sie weiß, dass sie eine schlechte Tochter war. Sie denkt, dass das nicht gerecht sein kann, wenn sie das Geld und die Wohnung bekommt.

Sie fühlt sich schuldig. Sie empfindet dumpfe Wut auf den Toten, weil sie sich schuldig fühlt.

Der Lügner zerstreut Wut und Schuld, dafür ist er da. Er weiß alles, was er über den Toten weiß, von Gerd. Denn besorgt und unterrichtet hat...



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