E-Book, Deutsch, 544 Seiten
Dath Venus siegt
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-10-490193-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 544 Seiten
ISBN: 978-3-10-490193-0
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dietmar Dath, geboren 1970, ist Schriftsteller, Übersetzer, Musiker und Publizist. Sein Roman »Die Abschaffung der Arten« stand 2008 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde 2009 mit dem Kurd Laßwitz Preis ausgezeichnet, desgleichen 2013 sein Roman »Pulsarnacht«. 2015 erschien bei FISCHER Tor eine erweiterte Neuausgabe des Romans »Venus siegt«.
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Venus siegt
I. Jugend und Lehrzeit
Am Ende hasste ich meinen Vater bis aufs Blut.
Wir teilten dieses Blut, seit es mich gab.
Wir teilten es, solange er lebte.
Erst jetzt frage ich mich, ob er den durch meine Gefäße pulsenden Hass gespürt hat. Wurden ihm seine letzten Lebensjahre davon schwerer? Wenn es so gewesen sein sollte, dann war das Gerechtigkeit. Ich kann ihn danach nicht fragen. Er ist zu weit weg in Zeit und Raum. Der Ort, an dem dieser Mann, den ich vergessen würde, wenn ich könnte, begraben liegt, bewegt sich, wie der Ort, an dem ich jetzt lebe, ruhelos durchs All. Näher als achtunddreißig Millionen Kilometer sind die beiden Orte einander nie. Haben sie diese Nähe erreicht, so entfernen sie sich wieder voneinander.
In seinen letzten Lebensjahren dachte ich kaum mehr an ihn, und wenn, dann mit Verachtung, zu der die alte Bitterkeit schließlich ausgenüchtert war.
Ich habe seine ständigen Zitate aus der Literatur der Vergangenheit genauso gehasst wie seinen Eifer für eine Zukunft, an die ich schließlich kaum noch glauben konnte.
Nur noch abgedroschen fand ich am Ende, kurz vor dem Beginn meines Exils, seine wiederholte Mahnung: »Die Wahrheit, Junge, ist in den alten Büchern und in der neuen Forschung.«
Einmal verriet ich ihm, was ich davon hielt: »Was will ich mit deiner Wahrheit? Mich interessiert die Wirklichkeit, alter Mann.«
Er wusste eine Antwort, weil er immer eine wusste: »Die Wirklichkeit ist, was wir mit der Wahrheit machen. Mehr braucht niemand.«
So sprach Arthur Helander mit mir, weil er so mit allen sprach, mit der ganzen Welt, die wir bewohnten: Venus. Auf der Erde, wo ich heute lebe, weiß man nicht viel darüber. Man ahnt nicht einmal, wer wir waren und warum wir taten, was wir taten.
Man sagt hier, wenn man Witze reißt, wir hätten damals zwei Fehler gemacht: unseren Robotern nichts befohlen und unseren Künstlichen Intelligenzen nicht gehorcht.
Ich will widersprechen. Ich will sagen, was Maren Laukkanen sagte, die unseren Staat begründet hat: Was ihr Roboter nennt und was ihr Künstliche Intelligenzen nennt, sind zwei Extreme, zwischen denen niemand anders vermitteln kann als die Menschen.
Denn, so sagte Laukkanen: »Menschen können die Idee eines neuen Körpers sein wie die Verkörperung einer neuen Idee.«
Aber aus Laukkanens Idee wurde ein Albtraum namens Leona Christensen, die Mörderin.
Arthur Helander war ihre mal rechte, mal linke Hand, Gehilfe der Mörderin und damit selbst Mörder. Er vergaß alles in ihren Diensten, mich, meinen Bruder, meine Mutter.
Ich habe ihn einmal gefragt: Wie sollen die Leute eine Welt bewohnen, in der beschlossen wurde, was deine Herrin befohlen hat?
Er sah mich an und schwieg. Sein Gesicht ist bekannt, die Geschichte hat sein Bild bewahrt: etwas rundlich, unauffällig, klassischer Haarschnitt, enganliegende Frisur, rechts seitlich gescheitelt, nicht tief über die Stirn gekämmt, voll genug – seine Haare wurden nie dünn, ich habe diesen kräftigen Wuchs geerbt –, die Brauen fein, man hat sie weiblich dünn genannt. Der Schnurrbart über den Mundwinkeln war schmal, unter der Nase etwas dichter, kaum ein Schmuck für den strengen, aber nicht verkniffenen Mund, der auf Bildern und in Filmen oft lächelt, als wüsste der Mann Geheimnisse, gute und schlechte.
Vom letzten dieser Geheimnisse habe ich erst vor ein paar Wochen erfahren. Ich würde ihm, wenn ich könnte, ins Gesicht sagen, was ich davon halte.
Ich würde ihm sagen: Jetzt erst durchschaue ich dich!
Er dagegen hat mich immer durchschaut, mit diesen Augen, regsam, lebendig.
Das heute bekannteste Bild von ihm – jede Abfrage entdeckt es als eines der ersten – zeigt ihn auf einer Versammlung der mächtigsten Delegierten unserer größten politischen Organisation, des Bundes.
Damals ging es um eine von Leona Christensen befohlene »Aussprache« über »die Aggression, die uns von der Erde droht«, um den »blutrünstigen Despoten« Arjen Samito, wie wir den Mann nannten, an den man sich hier nicht gern erinnert – hier, wo er geboren wurde und verbrannt ist. Auf dem Bild sitzt mein Vater neben der Despotin. Ich sehe die Wirklichkeit, wenn ich dieses Bild betrachte: Leona Christensen hat von Erbarmen auch nicht mehr gewusst als Arjen Samito, vor dem wir uns so fürchteten.
Mein Vater aber wäre ihr in jede Hölle gefolgt. Die Tyrannin legt den linken Arm auf dem Bild locker auf das hölzerne Geländer der Loge. Sie wirkt fast ein wenig zusammengesunken – nicht vor Erschöpfung, eher im Nachdenken, etwas nach vorn gebeugt. Sie folgt wohl gerade einem Beitrag, den irgendein hoher Delegierter auf dem Podium vorträgt. Mein Vater, an ihrer Seite, sitzt ganz gerade, die Haare wie mit dem Stift ausgestochen, die Brauen leicht angehoben, ein Schatten von Bärtchen unter der Unterlippe, die Wangen gerötet von einer Art Eifer, die nichts verpassen will. Damals beschloss man die ersten Schritte zur Mobilmachung. Das Bild scheint mir sagen zu wollen: Er hat es vor seiner Chefin gewusst, dass der Krieg kommen würde. Wir wussten alles und wurden dann doch überrascht.
Mein Vater war dieser Widerspruch zwischen Wissen und Erwartung. Bis heute werde ich nicht klug aus ihm.
Hatte sein Wort so viel Gewicht, dass er seine Herrin zu Entscheidungen überreden konnte, die sie sonst nicht getroffen hätte? War er ein böserer Mensch als Christensen selbst? Hat er sie angestiftet? Aber die Mobilmachung war richtig, auch wenn sie zu spät geschah. Der Krieg, ich will es nicht leugnen, war Christensens größte Zeit. Schlachten, das konnte sie, und jetzt war es nötig.
Sie rettete Unzählige, wie sie zuvor Unzählige geopfert hatte.
Welche Rolle spielte mein Vater?
»Der kleine Dicke« nannte ihn ein Marschall von Sinope einmal abfällig, nach dem Krieg. Eine Unwahrheit: Arthur Helander war nicht dick. Er aß mit Freude, meist einfach das, was man bei uns so aß, nachdem die Not besiegt war, die unsere direkten Vorfahren gezwungen hatte, ihren Stoffwechsel so zu verändern, dass andere Formen der Energieaufnahme, etwa über Dämpfe oder Hitze, das alte Kauen, Schlucken und Verdauen ersetzen konnten. Essen war eine Prestigefrage für den Bund: Wir hatten jetzt alles, was die Ahnen auf der Erde gehabt hatten.
Mein Vater sah nicht aus, wie die Menschen hier und heute aussehen, die schlank sind bis an die Grenze zur Ausgezehrtheit, schmal wie zusammengepresst. Er war gedrungen, wie zum Sprung geduckt.
Wenn ich über ihn urteile, dann urteile ich als Privatperson, die ich jetzt sein darf.
Ich weiß nicht, ob es eine Instanz namens »die Geschichte« gibt und wie sie ihn sehen wird, falls es sie gibt.
Für mich war und bleibt er derjenige, der Leona Christensen im Katzenhaus am eifrigsten gedient hat, auch wenn sie andere Helferinnen und Helfer hatte. Ist das kindliche Überschätzung des Oberhaupts der eigenen Familie? Er stand Christensen, das bestreitet niemand, nahe genug, dass man ihn eine Zeitlang als ihren Nachfolger betrachtete – nicht nur bei uns, sondern im ganzen bewohnten Sonnensystem.
Ich fürchte, er wäre dieser Nachfolge würdig gewesen.
War er derjenige, der sie als Erster »Lily« nannte?
Es ist ihm zuzutrauen, auch wenn der Erfinder dieser abscheulichen Verniedlichung ebenso gut der elende Bathnagar oder der Heuchler Hsü gewesen sein könnte.
Diese beiden immerhin haben ihren Lohn für treue Dienste erhalten. Wie sagt das Sprichwort? Den feigsten Hund tritt der Stiefel am stärksten.
War das, was meinen Vater an die Despotin fesselte, eine Form von fehlgeleiteter erotischer Liebe? Geschehen ist zwischen ihnen nichts, das wüsste ich, wäre es wahr. Dass nach dem Tod meiner Mutter niemand so wichtig für ihn war wie die Erste Delegierte, ist eine Tatsache.
Wäre alles anders gekommen, wenn meine Mutter Mona Helander den Bürgerkrieg überlebt hätte? Ich schäme mich, dass ich kaum noch weiß, wer sie war.
Ich erinnere mich genauer an das, was sie gesagt und getan hat, als daran, wie sie roch oder wie sie aussah.
Wir wohnten in einem schlichten Haus mit zwei Teichen. Das bescheidene Anwesen stand am Südrand des Kraters Cleopatra, im langen Schatten von Maxwell Montes. Ich erinnere mich an die glasierten Schindeln, an Wege aus Schieferplatten, ans Granitpflaster, an roten Splitt für geometrische Gärten, Bänke von Sandstein, die Freitreppe aus grünlich gelben Klinkern, hart- und krummgebrannten, den Adlerfarn, die Rosen, und neben dem echten Wasser das andere Wasser: Écumen.
Ich höre meine Mutter zu mir über dieses andere Wasser sagen: »Das ist, was sie Schaum nennen. Nur mein lieber Nick nennt es Wasser. Weißt du, warum mir das gefällt, dass du es Wasser nennst? Weil es mir verrät, dass du genau hinschaust.«
Écumen, der Stoff, aus dem unsere Kommunikations- und Produktionsmittel gemacht waren und der heute in anderen Varianten, unter anderen Namen, gezähmt und vereinfacht und sterilisiert, im ganzen Sonnensystem verbreitet ist, kombiniert mit der Photonik, die das alte Elektronikwesen ersetzt hat, kann bis in seine submikroskopische Beschaffenheit weit eher flüssig gedacht werden als schaumartig: Die Wahrheit dieses Stoffes hatte ich gesehen, mit kindlichem Blick, einen dünnen, flüssigen Film, der, wenn ich ihn berührte, von einer Wandfläche, einem Möbelstück oder einem Gerät auf meine Finger oder meine Hand glitt, sobald ich dachte, er sollte das tun. Wollte ich es nicht, so blieb er, wo er gewesen war.
Immer hörte und sah er mich denken. Das lag an der Kontaktplatte in meinem Kopf, die aus denselben kleinsten Teilen...




