David | Ich bin einfach zu genial | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

David Ich bin einfach zu genial


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-17753-9
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

ISBN: 978-3-641-17753-9
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Lernen?! Nicht mit Jack! Schließlich gibt’s dafür 'ne App ...

Jack hat es gründlich satt: Ständig kriegt er eins auf den Deckel, weil er im Unterricht nicht aufpasst! Aber damit ist jetzt Schluss, denn Jack hat DIE Idee, wie er aus der öden Schulnummer rauskommt: eine App, mit der man sich unbemerkt aus Mathe, Englisch & Co. ausklinken kann und trotzdem Bestnoten abräumt! Der Haken: Jack hat keinen Schimmer vom Programmieren – dafür aber den nächsten Geistesblitz: Nerd Elsie wird die Sache übernehmen. Allerdings nur unter einer ziemlich schrägen Bedingung ... Doch kein Problem für Jack! Oder ...? Und so nimmt der total geniale Wahnsinn seinen Lauf ...

Stuart David ist ein schottischer Musiker, Songschreiber und Buchautor. Er ist Mitbegründer der Band Belle & Sebastian (1996-2000) und Frontmann von Looper (1998-heute). Er hat schon mehrere Romane veröffentlicht. Ich bin einfach zu genial ist sein erstes Buch für jugendliche Leser.
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4


An diesem Abend bricht bei uns zu Hause mal wieder der ganz normale Wahnsinn aus. War zwar mal wieder an der Zeit, aber ich bin trotzdem überrascht. Wie gewöhnlich fängt alles ganz ruhig an: Ich sitze mit meinen Erzeugern (also Mum und Dad, um die üblichen Begriffe zu verwenden) am Tisch, und wir essen schweigend zu Abend. Dad hat sich’s im Unterhemd bequem gemacht und wickelt eine Prise Tabak nach der anderen in kleine Papierblättchen. Eine Pyramide von frischen Zigaretten hat er schon fertig. Sein Vorrat für später. Mum trägt immer noch ihr Kostüm vom Büro und erzählt etwas über jemanden, der auch dort arbeitet, glaube ich. Ganz sicher bin ich mir nicht. Immer wieder schnappe ich kleine Schnipsel auf. Es scheint um eine Frau zu gehen, die der Firma einen Haufen Geld verloren hat, weil sie am Computer den falschen Knopf gedrückt hat. So was in der Art. So in etwa spielt sich das ab. Alles schön friedlich. Und dann, aus dem Nichts, macht Mum mir die Hölle heiß und stellt die 100 000-Dollar-Frage:

»Wie war’s denn heute in der Schule, Jack?«

Ich sehe gar nicht auf und nicke nur. »Prima.«

»Und?«, fragt sie. »Was war denn so los?

»Na ja …«, sage ich ihr, in Gedanken. »Ich hatte einen galaktischen Geistesblitz – einen einzigen Gedanken, der mich weltberühmt und steinreich macht und mir damit für alle Zeit erspart, jemals wieder Fragen wie diese hier beantworten zu müssen. Aber dann hat sich herausgestellt, dass die einzige Person, die mir dabei helfen kann, zu gefährlich ist, um sich auch nur in ihre Nähe zu begeben. Jedenfalls hasst sie mich. Deshalb hat sich die Sache in Luft aufgelöst und deshalb sitze ich jetzt hier und beantworte für den Rest meines Lebens solche Fragen.«

Aber aus meinem Mund kommt nur: »Nichts Besonderes. Nur das Übliche.« Aber das ist Mum natürlich alles andere als genug.

»Welche Fächer hattest du denn heute?«, fragt sie. An die meisten kann ich mich in diesem Augenblick überhaupt nicht erinnern.

»Am Schluss hatte ich Mathe«, antworte ich, und mir ist sofort klar, das hätte ich mir ein bisschen besser überlegen sollen. Wenn ich einfach Englisch oder Geschichte gesagt hätte, dann wäre Mum damit wahrscheinlich zufrieden gewesen. Hätte nur genickt und gesagt, das sei schön. Bei Mathe ist das anders. Sie hält sich da für eine Expertin, obwohl wir heute ganz andere Sachen machen als sie zu ihrer Schulzeit.

»Und was behandelt ihr gerade?«, fragt sie. »Was war heute Nachmittag dran?«

Ich denke nach. Mein Gedächtnis ist wie leer gefegt. Ich kann mich kaum erinnern, überhaupt dort gewesen zu sein. Die meiste Zeit habe ich überlegt, ob ich mir Objective-C selbst beibringen soll, aber dann war ich mir wieder sicher, dass es außer Greensleeves doch noch jemanden an der Schule geben muss, der sich damit auskennt. Aber es haut mich total um, dass ich in Mathe kein einziges Bit an Information heruntergeladen habe.

»Ich …«, sage ich, »na ja, mir ist heute ziemlich viel durch den Kopf gegangen.«

Ab da läuft alles wieder ziemlich glatt. Mum legt Messer und Gabel auf dem Teller zusammen, streicht ihren Rock glatt und reckt sich auf dem Stuhl gerade.

»Ach, Jack«, sagt sie und scheint dann tatsächlich um Worte zu ringen. »Wie lange ist es noch bis zu den Prüfungen?«

»Zwei Monate«, murmele ich.

»Was kann einem da durch den Kopf gehen«, fragt sie, »außer den Prüfungen, meine ich?«

»Ich weiß nicht«, antworte ich. »Ich bin einfach ziemlich gestresst.«

»Weswegen?«

»Wegen der Prüfungen.«

»Jack«, sagt sie. »Jack. Wenn du besser aufpassen würdest, dann wären die Prüfungen gar kein Problem. Und du wärst nicht gestresst. Siehst du denn nicht ein, wie verrückt das ist?«

Ich nicke und dann mischt Dad sich ein.

»Er wird das schon hinkriegen«, sagt er. »Schau mich an – keine einzige Prüfung habe ich in der Schule gemacht, und es hat mir nicht geschadet. Er kann doch bei uns arbeiten. Gleich morgen früh werde ich mal Frank Carberry fragen. Lass dir da mal keine grauen Haare wachsen, Jack.«

»Red keinen Unsinn«, sagt Mum. »Dort wird er auf keinen Fall arbeiten. Er ist zu etwas Besserem bestimmt.«

»Und was meinst du da genau?«, fragt Dad und reißt die Augen dabei vielleicht ein bisschen zu weit auf.

»Ich meine, dass das nicht gut genug für ihn ist«, antwortet Mum, und obwohl das alles nicht besonders angenehm ist, bin ich froh, dass ich aus dem Schneider bin – mit ein bisschen Glück für den Rest des Abends. Normalerweise würde ich mich in diesem Augenblick dünne machen und die beiden das alleine ausdiskutieren lassen. Weil ich aber mittags in der Schulmensa schon nach der halben Bratwurst mit Zwiebeln schlappgemacht habe, bin ich völlig ausgehungert. Also esse ich zu Ende, und während sie weiterquasseln, verabschiede ich mich schließlich – was keiner zu bemerken scheint – und gehe in mein Zimmer. Dort lege ich mich aufs Bett und höre mir von oben noch ungefähr anderthalb Stunden lang den ganz normalen Wahnsinn an.

Einmal war ich in der Fabrik, wo Dad arbeitet. Er hatte vergessen, sein Mittagessen mitzunehmen, und Mum konnte es vor der Arbeit auch nicht bei ihm vorbeibringen. Deshalb hatte sie mich gebeten, es auf dem Weg zur Schule bei ihm abzugeben. Es war im Frühsommer, ziemlich warm draußen, aber als ich in die Fabrik kam, war es dort so heiß, dass ich kaum zu atmen wagte. Ich hatte Angst, mir die Lunge zu verbrennen. Ein paar Minuten lang hielt ich einfach die Luft an, und der Lärm war so gewaltig, dass ich glaubte, mir würde das Trommelfell platzen. Es hörte sich an, als würde ein ganzer Haufen Düsenflugzeuge gleichzeitig starten, direkt über meinem Kopf.

Die Frau am Empfang hatte mich gefragt, was ich wollte, und mich dann über lange Gänge geführt, zwischen lauter zischenden Maschinen. Von innen kam mir das Ganze groß wie eine Stadt vor. Es ist eine Abfüllanlage: Hier werden Whisky und Wodka in Flaschen gefüllt und dann Etiketten draufgeklebt. Mein Dad spielt beim Aufkleben der Etiketten eine wichtige Rolle, ich weiß nur nicht, welche. Als wir bei ihm ankamen, stand er vor einem riesig langen Fließband-Dings und klopfte mit einem Schraubenziehergriff immer wieder auf ein Plastikteil über der Anlage. Die Frau tippte ihm auf die Schulter und er drehte sich um. Es war zu laut, um irgendetwas zu verstehen, und außerdem hielt ich immer noch die Luft an. Deshalb hielt ich ihm einfach das Essenspaket hin und er reckte den Daumen nach oben. Dann versuchte ich, wieder hinauszufinden, aber ich verirrte mich, weil die Frau schon wieder weg war. Sie hatte mich einfach stehen lassen.

Es war, als ob ich in einem Albtraum gefangen wäre. Immer wieder liefen mir Leute über den Weg, die offenbar die Aufgabe hatten, den Whisky zu probieren – jedenfalls nach der Art zu urteilen, wie sie herumwankten und vor sich hin sangen. In einer Abteilung saß eine Handvoll trübsinniger Leute und klebte von Hand Etiketten auf seltsam geformte Flaschen, eine nach der andern, immer wieder. Jemand kehrte die Scherben einer zerbrochenen Flasche zusammen, wischte den Whisky auf und kippte alles in eine Metalltonne, und dann kam ein anderer vorbei, tauchte ein Marmeladenglas in die Tonne und trank die Whiskybrühe, mitsamt dem ganzen Dreck.

Irgendwie muss man an einem solchen Ort den Tag wohl rumkriegen. Ich war bloß froh, lebend wieder herauszukommen. Die Schule kam mir an diesem Tag jedenfalls längst nicht so schlimm vor wie sonst.

Aber ein Erlebnis war es schon gewesen.

»Für den Lebensunterhalt ist das doch prima«, höre ich Dad poltern, denn der Wahnsinn treibt unten weiter seine Blüten. »Er könnte es deutlich schlechter treffen.«

»Nein, das könnte er nicht«, keift Mum zurück. »Vielleicht ist es ein Lebensunterhalt, aber ein Leben ganz bestimmt nicht.«

»Was willst du damit sagen?«, fragt Dad.

»Was glaubst du denn, dass ich damit sagen will?«, antwortet sie.

»Willst du etwa, dass er sein ganzes Leben am Schreibtisch verbringt?«, meint Dad. »Zusammengekrümmt vor sich hin vegetiert?«

»Ich möchte, dass er einen nützlichen Beitrag zur Gesellschaft leistet«, erwidert Mum, »und zwar jenseits von Leberzirrhose.«

Und. So. Weiter.

Ich bin allerdings auch dort gewesen, wo Mum arbeitet. Schon öfter hat sie mich mit hineingeschmuggelt, jedes Mal unter einem anderen Vorwand, und ich bin mir ziemlich sicher, sie tut das in der Hoffnung, dass ich anbeiße, dass ich dem Reiz dieses Ortes erliege und mir später eine ähnliche Arbeit suche. Offen gestanden: Bis jetzt hat das nicht geklappt. Das Ganze lässt sich am ehesten als eine Art Schule für Erwachsene beschreiben. Eine Schule ohne die guten Sachen. Genau genommen ist mir dort überhaupt erst aufgegangen, dass die Schule auch gute Seiten hat. Aber jetzt ist mir das klar. Mal ein bisschen lachen, wenn der Lehrer einem den Rücken zudreht, oder den Tauben auf dem Schulhof dabei zusehen, wie sie über vergammelte Hotdogs herfallen, oder einfach ein bisschen tagträumen und verrückte Ideen weiterspinnen. So was scheint es bei Mums Arbeitsstelle nicht zu geben. Es ist eher dieses typische Am-Schreibtisch-Sitzen-und-seine-Aufgabe-Erledigen, bei dem man vor Langeweile langsam den Verstand verliert. Nicht einmal normal anziehen kann man sich dort. Kein Wunder, dass mir Pigmente in den Haaren abgestorben sind, als ich begriffen habe, dass ich bei Dad in der Fabrik enden werde, wenn ich die Prüfung verhaue, oder in einem Büro wie Mum, falls ich sie auf...


David, Stuart
Stuart David ist ein schottischer Musiker, Songschreiber und Buchautor. Er ist Mitbegründer der Band Belle & Sebastian (1996-2000) und Frontmann von Looper (1998-heute). Er hat schon mehrere Romane veröffentlicht. Ich bin einfach zu genial ist sein erstes Buch für jugendliche Leser.



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