Davidson | Kein Biss unter dieser Nummer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 310 Seiten

Reihe: LYX.digital

Davidson Kein Biss unter dieser Nummer


1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8025-9322-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 310 Seiten

Reihe: LYX.digital

ISBN: 978-3-8025-9322-2
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dass sie den Teufel um die Ecke gebracht hat, bereut Betsy keineswegs - allerdings hat sie damit ihre Schwester Laura gehörig in die Bredouille gebracht, die nun das Amt Satans übernehmen muss. Auch zu Hause ist die Hölle los. Betsys Freundin Jessica ist immer noch schwanger (nach 18 Monaten!), und Betsy verspürt zunehmend das Bedürfnis Reißaus zu nehmen, wenn Jess sie an ihren einschlägigen Erfahrungen teilhaben lässt. Hat sie doch selbst genug zu tun mit ihrem Adoptivkind Baby Jon, der eindeutig vorhat, dem Hang der Familie zu Katastrophen die Krone aufzusetzen.

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Der Antichrist stand qualmend … – nein, halt, das waren Atemwölkchen von der Kälte. Ihrer Miene nach zu urteilen, war sie allerdings megasauer auf mich. Sie qualmte also im bildlichen und wortwörtlichen Sinne.

»Du hast mich nicht zurückgerufen und reagierst auch nicht auf meine … meine …« Fast wäre ich an dem Wort erstickt, ehe ich es ausspuckte: »… SMS.« Ich begreife nicht, warum sich der halbe Planet von seinen Handys hat versklaven lassen. Ich habe mir geschworen, nicht in die klebrig süße Falle der Technik zu tappen. Doch das ist so, als kämpfte eine Kugel dagegen an, langsam einen Abhang runterzurollen: Irgendwann kommt sie unten an. Man kann es sich leicht machen oder schwer, aber irgendwann verschickt man doch eine SMS. »Ich versuche schon seit Tagen, dich zu erreichen, und du hast mir nicht geantwortet.«

»Weil ich nicht mehr mit dir spreche!«

»Ich weiß! Deshalb blieb mir ja nichts anderes übrig, als dir zu simsen, und du weißt, wie sehr ich das hasse. Ich bin also in gewisser Weise auch ein Opfer.«

Nun schäumte sie nicht nur vor Wut; ich hörte, wie sie mit ihren perfekten Zähnen knirschte. Der Antichrist hatte nie eine Zahnspange gebraucht und nicht eine einzige Plombe in ihrer Kauleiste. In Dinkytown muss das Wasser höllisch stark mit Fluoriden versetzt sein.

Laura Goodman (ja, Sie lesen richtig, und ja, die Ironie entging … nun ja … wirklich niemandem) fing an, den betonierten Weg vor der Veranda auf und ab zu marschieren; das Dutzend heliumgefüllter Ballons schwebte hinter ihr her. Anfang Dezember konnte es in Minnesota grauenhaft kalt sein, aber im Moment genossen wir milde Temperaturen, die sich um den Gefrierpunkt bewegten. Vor ein paar Tagen hatte es geschneit, doch der Schnee schmolz bereits wieder. Nicht, dass die Temperaturen Laura etwas ausgemacht hätten. Da ihre Beine in den Uggs wie in einem Kokon steckten, hätte sie sogar auf Noahs Arche klettern können, ohne sich nasse Füße zu holen. Warum dachte ich überhaupt an ihre Füße? Antwort: Weil es mir für ihre hübschen, kleinen Füße leidtat, dass sie in solchen riesigen, hässlichen Stiefeln stecken mussten.

»Ich will nicht mit dir reden«, erklärte sie. Schritt. Schritt. Umdrehen. Schritt. Sie wirbelte so schnell herum, dass ihr Gesicht eine volle Sekunde lang hinter den Ballons verschwand. Sie schlug sie zur Seite, und ich biss mir auf die Lippen, um ein Grinsen zu unterdrücken. »Ich will dich nicht sehen. Dank dir muss ich einige grundlegende Entscheidungen über mein Leben fällen. Dank dir hat oder wird sich wohl nicht nur mein Leben verändern, sondern das Leben oder Nachleben von Millionen von Menschen. Seit meinem dreizehnten Geburtstag musste ich mich mit der Tatsache abfinden, dass ich der Zerstörer bin. Und nun muss ich mich auch noch entscheiden, ob ich das Schwert meiner Mutter aufnehme; dabei bin ich noch nicht einmal alt genug, um mir legal irgendwo Alkohol zu besorgen. Schlimm genug, dass ich diese Situation ertragen muss. Aber dich werde ich bestimmt nicht länger ertragen.«

Ich schluckte die Worte herunter und sagte stattdessen: »Schau, es tut mir leid …«

»Tut es nicht.«

»… dass es zu dieser Situation gekommen ist. Du hast recht«, fuhr ich mit einem, wie ich hoffte, in ihren Augen mitfühlend wirkenden Schulterzucken fort. »Es tut mir nicht leid, dass ich den Teufel getötet habe. Aber es tut mir leid, dass du es mit ansehen musstest. Und es tut mir leid, dass du nun in der Klemme steckst. Ja, es ist meine Schuld. Ich bin dafür verantwortlich. Ich will dir helfen.«

Ein höhnisches Lachen war die Antwort. »Mir helfen?« Laura schüttelte so heftig den Kopf, dass ihr die perfekten blonden Locken um die Augen flogen, doch ihr blaues Haarband sorgte dafür, dass sie gleich darauf wieder ordentlich ihr makelloses Gesicht umrahmten. »Du hast mir weiß Gott schon genug geholfen.«

Sie kam näher, ganz nahe. Die Ballonseile hielt sie so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. Als sie sich vor mir aufbaute, rieben sich die Ballons aneinander und ließen ein bedrohliches Rascheln hören. Ich war inzwischen von der Veranda hinuntergestiegen, hatte den Weg überquert und stand nun in unserer matschigen Auffahrt und verfluchte mal wieder die Kälte. Allerdings war ich viel zu tough, um über meine verfrorenen, nassen, schmutzigen Füße zu jammern. Beim Geräusch von Lauras Auto war ich sofort zur Vordertür gesprintet, was bedeutete, dass die Nachbarschaft nun in den Genuss kam, mich in meinem alten, angeranzten Renaissance-Festival-Sweatshirt (mit der Aufschrift ) und in abgewetzten violetten Leggings zu sehen (es war Waschtag, und wenn Sie das schon für schlimm halten, wollen Sie meine Unterwäsche bestimmt nicht beschrieben bekommen). Tja, immerhin. Da ich schon gestorben war, konnte ich mich nicht mehr zu Tode frieren, doch selbst wenn es so heiß gewesen wäre wie in Texas, hätte ich immer noch erbärmlich gebibbert. Es war zwar unangenehm, in der Kälte mit nassen Füßen rumzustehen, allerdings hatte Laura zugegeben weitaus größere Probleme.

Und sie täuschte sich, wenn sie annahm, ich hätte ihr schon genug geholfen. Ich war noch längst nicht fertig.

»Halt dich bloß von mir fern!«, befahl sie mit ruhiger Stimme. Ihre babyblauen Augen blickten wütend in meine babyblaugrünen Augen. Obwohl ich wusste, wozu sie fähig war, fiel es mir schwer, sie ernst zu nehmen. In ihrer cremefarbenen Merinowolljacke und den ausgeblichenen Jeans, die so bequem aussahen, wie sie vermutlich weich waren, den Uggs (darüber werde ich mich nicht weiter auslassen) und den hinter ihr schwebenden Ballons wirkte sie wie der Inbegriff der engelsgleichen Unschuld vom Lande. Das hellblaue Haarband, mit dem sie ihr butterblumenblondes Haar aus dem Gesicht zurückhielt, betonte diesen Eindruck zusätzlich. Es kam mir so vor, als bedrohte mich ein konservativ gekleidetes Model (mit Ballons in der Hand).

Laura sah bildschön aus, aber keineswegs Furcht einflößend (auch nicht ohne Ballons).

»Halt dich von mir fern!«, wiederholte sie. »Und bleib bloß weg!«

»Ich denke, das ist dopp…«

»Ich komme wieder, wenn ich weiß, was ich mit dir machen werde.«

»Gut, du musst auch nicht erst anrufen. Du kannst jederzeit auftauchen. Und das meine ich wortwörtlich.« Der Antichrist beherrschte nämlich die Kunst des Teleportierens. Ihr plötzliches Auftauchen habe ich zwar schon immer gehasst wie die Pest, aber dennoch ließ ich sie großzügigerweise wissen, dass es mir nichts ausmachte, wenn sie einfach so bei mir erschien. Sehen Sie? Ich gab mir alle Mühe!

Sie machte auf dem Ugg-Absatz kehrt und ging zu ihrem Wagen, einem gebrauchten, doch gut gepflegten Ford Fusion, dessen Farbe an Gingerale erinnerte. Der Antichrist war umweltbewusst und legte Wert auf einen geringen Benzinverbrauch. Moment mal, war Laura überhaupt noch der Antichrist, jetzt, da der Teufel tot war? Oder war sie jetzt der Teufel?

»Was ist denn nun mit Thanksgiving?«, rief ich ihr hinterher. Mein Ass im Ärmel! Eher verzichtete Laura auf Wohltätigkeitsarbeit als auf Kartoffelbrei mit Bratensoße, besonders an einem Familienfeiertag.

»Was soll denn mit Thanksgiving sein? Das war vor mehreren Tagen.«

»Na ja, wir haben die Feier verschoben.« Sie drehte sich – mit reichlich genervter Miene übrigens – um, und ich fuhr fort: »Es ist doch kein richtiges Thanksgiving ohne Blutsverwandte. Und ohne Jessica. Und ohne ihren Freund, den wir seit ungefähr einem Jahr kennen. Und ohne Marc, der tot ist.« Jawoll! Meine Loyalität zu lebenden und toten Freunden würde ihr zeigen, wie enorm wichtig sie mir war, wie viel sie uns allen bedeutete. Wir würden diese grässliche Sache klären, und danach würde unser schwesterliches Band nur noch enger werden. Es war nur eine Frage der …

»Du scheißverlogenes Biest.«

»Whoa!« Lauras Vorstellung von Kraftausdrücken bestand gewöhnlich darin, ihre Sätze mit »verflixt«, »verdammt«, »verflucht« und »Mist« zu würzen. »Das ist jetzt aber ganz schön kalt von dir. So kalt wie meine armen eisigen Füße. Aber du musst dir keine Gedanken um meine blau gefrorenen, von der Kälte tauben Zehen machen, denn es ist viel wichtiger, dass wir diese Sache klären.«

»Du hast die Thanksgivingfeier verschoben, weil du Thanksgiving hasst …«, erwiderte sie bissig, und verflixt – damit hatte sie nicht ganz unrecht, »… und nicht etwa, weil du dich mit mir versöhnen und wieder gut Freund mit mir sein wolltest. Wir sind ohnehin nie Freunde gewesen.«

»Meine Abneigung gegen Thanksgiving hat nur ein klitzekleines bisschen damit zu tun«, wandte ich ein.

»Bleib weg!« Sie trat zurück (was mich erleichterte, denn sie war mir ziemlich auf die Pelle gerückt, und ich hatte es mir zum Prinzip gemacht, Auf-die-Pelle-Rückern niemals nachzugeben). Abrupt drehte sie sich um, und ich wusste, dass es sinnlos war, sie noch einmal zurückzurufen. Ihr blondes Haar wirbelte und wogte um ihre Schultern, als sie zu ihrem Auto lief. Die Ballons hüpften hinter ihr her.

Moment mal. Blond? Ha.

Es gehörte zu Lauras seltsameren Wesenszügen, dass ihre äußere Erscheinung ihre inneren Gefühle widerspiegelte...


Davidson, Mary Janice
Mit Weiblich, ledig, untot gelang Mary Janice Davidson der Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Seither hat sie eine riesige Fangemeinde gewonnen. Davidson lebt in Minnesota. Mit ihrer Heldin Betsy teilt sie die Leidenschaft für Designerschuhe.

Mit Weiblich, ledig, untot gelang Mary Janice Davidson der Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Seither hat sie eine riesige Fangemeinde gewonnen. Davidson lebt in Minnesota. Mit ihrer Heldin Betsy teilt sie die Leidenschaft für Designerschuhe.



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