Davidson Manche beißen heiß
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7363-0162-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-7363-0162-7
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Vampirkönigin Betsy schlittert von einer Katastrophe in die nächste. Ihr toter Vater ist gar nicht wirklich tot. Ihr Geliebter Sinclair ist plötzlich unempfindlich gegenüber Sonnenlicht und kann sogar Kirchen betreten. Ihre Schwester, die Tochter des Teufels, plant neue Intrigen gegen Betsy. Und die Zwillinge verschwinden ständig. Dabei hat Betsy eigentlich genug damit zu tun, ihren Verpflichtungen in der Hölle nachzukommen.
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1
Kennen Sie das Gefühl, wenn Sie mit ansehen müssen, wie ein Mensch, der Ihnen lieb und teuer ist, sich mit einem Job abrackert, den er einfach nicht packt? Oder vielleicht packt, die Arbeit aber nicht mag, sie möglicherweise sogar hasst? Und Sie sehen das mit einem gewissen Grauen, weil Sie genau wissen, dass Sie ihm schließlich Ihre Hilfe anbieten werden, auch wenn der Job am Ende Sie überfordern wird? Sie wissen, dass Sie’s wahrscheinlich vermasseln werden – doch Sie können den geliebten Menschen einfach nicht in der Scheiße stecken lassen. Auch wenn Sie wissen, dass dieser Job Ihr Leben verschlingen wird?
Genau aus diesem Grund habe ich damals im Sommer, als Jess und ich achtzehn waren, bei Walmart gearbeitet. Total bescheuert, denn wir brauchten das Geld eigentlich nicht, und Walmart ist sowieso ein Hort des Bösen, was ich schon wusste, bevor ich zu einem Geschöpf der Finsternis wurde. Aber das ist eine ganz andere Geschichte und hat mit einem Totalbesäufnis geendet.
Und das ist auch der Grund, warum ich Co-Chefin der Hölle geworden bin.
Ich bin einfach zu nett. Einer meiner schlimmsten Charakterfehler.
Zum Glück konnte ich meinen Pflichten einige Monate lang entgehen, denn ich war mit den neumodischen Kirchgänger-Aktivitäten meines Ehemannes beschäftigt (er sitzt im Ausschuss zur Bewahrung historischer Bauwerke und kümmert sich um den Kuchen-Nachschub, der … ich will nicht einmal daran denken), außerdem mit meinem toten Dad, mit der nimmer endenden Aufgabe, Puppi und Struppi stubenrein zu bekommen, sowie dem Umstand, dass der ganze Haushalt zum Sklaven von Scheusal Eins und Scheusal Zwei geworden war. (Abschweifung: Neulich ist mir aufgefallen, dass wir gefährlich nahe dran sind, den Babys zahlenmäßig zu unterliegen. Was einfach … pfui ist.)
Damit will ich nur sagen, dass es bei uns ziemlich chaotisch zugeht. Was für uns normal ist, wäre für andere das Chaos oder, besser gesagt, ein furchtbarer Fiebertraum. Ich war jedenfalls rechtschaffen fleißig, wofür ich mich auch möglichst oft lobte. Ich hing ja nicht einfach in der Villa rum und beschwatzte meinen sexy Ehemann, damit wir Scarlett und Rhett spielten und auf unserer Prunktreppe leidenschaftliches Vergewaltigungsvorspiel trieben. Nein, ich liebte es, ihn auf meine Arme zu nehmen und die Treppe hochzueilen und erst im Schlafzimmer zu vernaschen.
Also, ich hatte jedenfalls viel zu tun und absolut keine Zeit, in der Hölle rumzuhängen. Allerdings hatte sich die Hölle bei mir gemeldet, und zwar in Gestalt meiner Schwester Laura. Eigentlich ist sie meine Halbschwester, wir hatten zwar denselben Vater, aber Lauras Mutter war Satan und meine kleine Schwester mithin der Antichrist. Oder der Anti-Antichrist, könnte man wohl sagen, weil sie gegen den Teufel rebellierte, indem sie gute Werke tat. Denn wie sonst soll man es anstellen, teuflischer als der Teufel zu sein? Das wäre ja, als wollte man versuchen, hirnloser zu sein als der gesamte Kardashian-Clan: Egal, wie entschlossen man ist, egal, wie viel Zeit man in etwas investiert, von dem man schon ahnt, dass es unmöglich ist – es lässt sich nicht vollbringen.
Und ich muss meiner kleinen Schwester zugestehen, dass sie niemals versucht hat, teuflischer als der Teufel zu sein. Stattdessen war (und ist) sie unentbehrliche Helferin in lokalen Suppenküchen, an karitativen Tafeln, bei Kirchenspeisungen und in Obdachlosenheimen und sammelt gelegentlich Wahlkampfspenden für die Demokraten.
Außerdem musste sie sich gar nicht erst passiv-aggressiv gegen ihre Mutter wehren, weil ich Satan ja getötet hatte (eine verrückte Woche war das – lassen Sie mich gar nicht erst davon anfangen). Es hat ja auch wirklich keinen Sinn, gegen den Teufel zu rebellieren, wenn man der Teufel ist.
Jetzt war Laura jedenfalls hier, und daran sollte ich mich besser gewöhnen. Oder woran auch immer.
»Teilen«, wiederholte sie, während sie mit ihrem Payless-beschuhten Fuß auf unseren verblichenen pfirsichfarbenen Teppichboden klopfte. Schwarze Flachtreter mit abgerundeter Kappe aus einem grauenhaften Pleather-Hybrid-Material. Ich ermahnte mich wieder einmal, dass es nicht nett wäre, wenn ich den Antichristen angriff, um ihr die Schuhe abzunehmen und diese dann in die Luft zu sprengen.
Aber sie war die Frau, die buchstäblich kraft ihres Willens durch Zeit und Raum reisen konnte, eine Frau, der prophezeit worden war, dass sie eines Tages die Welt regieren würde – doch anständige Schuhe konnte sie sich nicht leisten!
Außerdem machen mir Schuhe mit abgerundeten Kappen Angst, seit ich Roald Dahls Hexen hexen gelesen habe. Mr Dahl erklärt das nämlich so, dass Hexen Schuhe mit abgerundeter Kappe tragen müssen, weil sie keine Zehen haben! Ihre Füße hören einfach an den … wie auch immer die Knochen kurz vor den Zehenknochen heißen … auf. Sie hören da einfach auf! Beim bloßen Gedanken daran würgte es mich. »Wir haben uns doch geeinigt. Über das Teilen – erinnerst du dich?«
Wie! Ach, genau. Ich schüttelte meinen zeheninduzierten Horror ab und versuchte, mich zu konzentrieren. Die Hölle leiten. Sich die Leitung der Hölle teilen. Eine unglückliche Wortwahl, da ich die meiste Zeit meines Lebens Einzelkind gewesen war (meine Halbschwester/Arbeitskollegin/gelegentliche Nemesis trat erst in mein Leben, nachdem ich die dreißig überschritten hatte – ein Alter, das mir noch Jahrhunderte erhalten bleiben wird; nur gut, dass ich auf das Tattoo verzichtet habe). Demzufolge war »Teilen« etwas, worin ich keine große Übung besaß.
»Wir waren uns einig«, beharrte sie mit der gleichen Beharrlichkeit wie ich, wenn ich versuchte, sie zu anständigen Schuhen zu überreden.
Einig? Zusammen die Hölle zu leiten? Hm. Das klang gar nicht nach mir. Ich neigte eher dazu, Arbeit aus dem Weg zu gehen, statt mich unbekümmert hineinzustürzen, außer, wenn ich mich bei jemandem wieder einschmeicheln wollte. Und das war hier wohl der Fall, denn immerhin hatte ich Lauras Mom umgebracht. Verdammt. Vermutlich hatte ich sogar zugestimmt. Was man nicht alles in einem Moment der Schwäche tut: Müll recyceln in dem verzweifelten Versuch, die Erde zu retten, wie besessen Amazon-Wunschlisten auf den neuesten Stand bringen – oder auch darin einwilligen, mit dem Antichristen zusammen die Hölle zu leiten.
»Wir waren uns einig« – oh Mann, sie war noch lange nicht fertig – »dass es das Mindeste wäre, was du tun könntest, nachdem du meine Mutter ermordet hast.«
Das ärgerte mich, aber nicht aus dem Grund, den Sie annehmen, und deswegen halten mich viele Leute (zu Recht) für einen schlechten Menschen. »Zunächst einmal ist das Mindeste, was ich tun könnte, nichts.« »Das Mindeste« hasse ich ebenso sehr wie die Begriffe »inmitten« und »gen« und »Synergie« und die Leute, die statt Weihnachtskarten Weihnachtsbriefe schicken. Und ich sage das als jemand, der früher auch Briefe geschickt hat. Ich habe damals wirklich geglaubt, es interessiere jemanden, dass ich nicht befördert worden war, dafür jedoch die neuesten Schuhe ergattert hatte, und welche Kerle ich nicht geheiratet und welche Kinder ich nicht bekommen hatte. Aber selbst mein aufgeblasenes Ego konnte sich irgendwann nicht mehr vorstellen, dass man einen Brief voller »Mir doch egal, ich hab meine eigenen Weihnachtsprobleme« bekommen will, also habe ich das Briefeschreiben schon lange drangegeben.
Eigentlich ironisch, denn inzwischen hätte ich doch jede Menge cooles (cool = schräges, erschreckendes) Zeugs zu schreiben: Wir haben unseren Baum geschlagen, mussten natürlich nachts gehen und haben dann ein Glas B negativ von einem Möchtegern-Christbaumdieb geschlürft. Baby Jon lernt gerade laufen, seine Eltern sind immer noch tot, und ich habe den Teufel gekillt. Schöne Feiertage von uns allen aus der Vampirzentrale! Statt Geschenke spendet besser Blut! Denn das verdammte Rote Kreuz soll nicht das gesamte Spenderblut einsacken.
»Okay?«, stichelte ich. »›Das Mindeste, was ich tun kann‹, ist definitionsgemäß nichts.«
»Was du ja auch getan hast! In jeder Beziehung: nichts.«
»Na schön, da ist was dran. Ich hasse es nur, wenn die Leute sagen ›das Mindeste, was du tun kannst‹, ohne dabei einzuräumen …«
»Hör auf! Sofort.«
»… dass das Mindeste, was ich tun kann, nichts ist.«
»Es war echt naiv von mir zu glauben, dass du ein einziges Mal bei der Sache bleibst!«
»Darauf kannst du wetten. Außerdem muss der Schuh passen.«
»Das ergibt nun gar keinen Sinn.«
»Und da wir gerade von Schuhen reden …«
»Tun wir nicht!«
»… diese Treter an deinen Füßen würden einen nuklearen Winter überstehen, was aber kein Kaufargument ist, ob du’s glaubst oder nicht. Dieses Pleather-Zeug sieht unverwüstlich aus. Kakerlaken und solche Schuhe, das ist alles, was von der armen ausgebrannten Erde überleben wird.« Die Vorstellung war so traurig, dass ich den Kopf schütteln musste. »Außerdem ist es nicht Mord, wenn man in Notwehr tötet. Stimmt’s, Dickie-Bird?« Es war sehr praktisch, mit einem Cop unter einem Dach zu wohnen, das dachte ich öfters. »Nicht Mord?«
»Gerechtfertigter Totschlag, das ist es. Das ist es.« Detective Nicholas Berry, einer meiner mehreren Tausend Mitbewohner, lag auf dem pfirsichfarbenen Loveseat, hätschelte...




