Davidson Süß wie Blut und teuflisch gut
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-8025-8819-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 02, 256 Seiten
Reihe: Betsy Taylor
ISBN: 978-3-8025-8819-8
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Betsy findet ihr neues Dasein als frisch gekrönte Königin der Vampire zunächst etwas gewöhnungsbedürftig. Um weiterhin ihrer Leidenschaft für teure Designerschuhe frönen zu können, braucht sie außerdem einen Job. Doch wer stellt schon eine Untote ein?
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PROLOG
Protokoll der Aussage von Robert Harris
30. Juni 2004
55121/02.32.55 Uhr – 03.45.32 Uhr
aufgenommen von Detective Nicholas J. Berry
Vierter Distrikt, Minneapolis, Minnesota
Nachdem er vor Ort verarztet worden war, lehnte Mr. Harris die weitere Versorgung im Krankenhaus ab und stimmte zu, die verantwortlichen Beamten, Whritnour und Watkins, zu einem Verhör auf die Wache zu begleiten.
Das Verhör wurde geführt von Detective Nicholas J. Berry.
Robert Harris ist 52 Jahre alt, weiß, männlich und arbeitet als Taxifahrer für Bright Yellow Cab. Mr. Harris hatte Dienst, als die unten beschriebenen Vorgänge sich ereigneten. Mr. Harris hat einen Atemtest durchgeführt. Die Laborergebnisse bezüglich eines möglichen Drogeneinflusses stehen noch aus.
Detective Berry: Sind wir fertig? Ist das Aufnahmegerät … Okay. Möchten Sie etwas trinken? Kaffee? Bevor wir anfangen?
Robert Harris: Nein, danke. Wenn ich so spät noch Kaffee trinke, kann ich nicht schlafen. Und mit meiner Prostata, Sie verstehen schon … Lieber kein Risiko eingehen.
DB: Können wir über die Ereignisse des Abends sprechen?
RH: Sicher. Möchten Sie über die Zwillinge reden, die verprügelt wurden? Oder warum ich so blöd war, einen Job anzunehmen, bei dem ich die ganze Zeit sitzen muss? Verdammte Hämorrhoiden.
DB: Die Ereignisse …
RH: Sicher, Sie wollen wissen, was das für eine Geschichte ist, die ich den Jungs erzählt habe. Sie haben sich um mich gekümmert. Sehr nette Jungs – für Cops. Nichts für ungut. Deswegen sind wir doch hier, oder?
DB: Genau.
RH: Weil ihr denkt, ich wäre verrückt. Oder besoffen.
DB: Wir wissen, dass Sie nicht betrunken sind, Mr. Harris. Also, heute Nacht …
RH: Heute Nacht saß ich mir in meinem Taxi den Hintern platt und dachte an meine Tochter. Sie ist jetzt neunzehn, geht auf die Uni.
DB: Die University of Minnesota, Duluth Campus.
RH: Genau die. Deswegen mache ich so viele Nachtschichten, weil diese Bücher so verdammt teuer sind. Also, mal ehrlich, einhundertzehn Kröten für ein Buch? Ein einziges Buch?
DB: Mr. Harris …
RH: Egal. Da saß ich also, dachte nach und aß mein Mittagessen. Natürlich war es Nacht, aber bei Nachtschichten passt man sich eben an. Ich saß an der Ecke Lake und Vierte. Die meisten Taxifahrer mögen den Stadtteil nicht, wissen Sie, wegen der Neger. Nichts für ungut. Ich meine, nicht dass Sie danach aussehen, aber …
DB: Mr. Harris, ich bin kein Afroamerikaner, aber selbst wenn – ich wäre sehr froh, wenn wir beim Thema blieben.
RH: Aber heutzutage kann man sich da nicht mehr sicher sein, hab ich recht? Selbst die verdammten Nazis sind politisch korrekt. Ein Mann kann nicht mal mehr seine Meinung sagen. Ich hab einen Freund, Danny Pohl, der ist so schwarz wie ein Pikass, und er nennt sich selbst einen – na ja, ich will es jetzt nicht sagen, aber er sagt es die ganze Zeit. Und wenn es ihn nicht stört, warum dann uns?
DB: Mr. Harris …
RH: ’tschuldigung. Da bin ich also in diesem Stadtteil, den manche nicht mögen, und esse mein Mittagessen – Schinken und Schweizer Käse auf Weißbrot, falls es Sie interessiert –, und da liegt mein Taxi plötzlich auf der Seite!
DB: Sie haben nichts gehört?
RH: Ich hab’s nicht kommen sehen, Junge. Ich esse friedlich mein Sandwich, und im nächsten Augenblick liege ich auf der Seite, und der ganze Müll vom Boden regnet auf mich runter, und ich lasse mein Sandwich fallen und liege mit dem Kopf auf der Straße. Ich hörte jemanden weggehen, aber sehen konnte ich nichts. Aber das war nicht das Schlimmste.
DB: Sondern?
RH: Na ja, ich überlegte gerade, ob ich den Senf aus meinem neuen Arbeitshemd wieder herausbekommen würde, als ich diesen wirklich lauten Schrei hörte.
DB: Ein Mann oder eine Frau?
RH: Schwer zu sagen. Ich meine, jetzt weiß ich es, weil ich sie gesehen habe – beide –, aber damals wusste ich es nicht. Auf jeden Fall schrie da jemand, als würden ihm die Beine aus dem Leib gerissen oder so, denn er kreischte und weinte und stammelte. Noch nie in meinem Leben habe ich etwas Schlimmeres gehört. Meine Tochter ist völlig unmusikalisch und probiert immer wieder neue Instrumente aus. Die Tuba zum Beispiel. Aber verglichen damit ist das nichts.
DB: Was haben Sie dann getan?
RH: Was denken Sie denn? Ich bin so schnell ich konnte aus meinem Taxi geklettert, aus der Beifahrertür. Ich war Sanitäter im Krieg – in Vietnam. Zurück in den Staaten hab ich es drangegeben und nie wieder ein Krankenhaus betreten, noch nicht einmal als meine Frau, Gott hab sie selig, unsere Anna bekam. Aber ich dachte, ich könnte vielleicht helfen. Mein Taxi ist versichert, darüber machte ich mir keine Sorgen. Aber da war jemand wirklich in Schwierigkeiten, das war wichtiger. Ich dachte, vielleicht hätte jemand sein Kind überfahren, aus Versehen. Einige dieser Straßen sind ganz schön dunkel. Man kann kaum was erkennen.
DB: Und dann?
RH: Dann kam dieser Bus. Er hat fast mein Taxi gerammt! Das war seltsam, weil zu dieser Zeit eigentlich keine Busse mehr fahren, und dieser war auch leer. Bis auf einen Passagier. Dann ist diese junge Frau herausgesprungen. Und der Bus blieb einfach stehen. Der Busfahrer hat die Frau angestarrt, als wäre sie Schokoladeneis. Ich habe sie mir ein bisschen genauer ansehen können.
DB: Können Sie sie beschreiben?
RH: Also, sie war groß, richtig groß – ungefähr meine Größe, und ich bin fast eins dreiundachtzig. Sie hatte hellblonde Haare mit Streifen – wie nennt man das noch? Strähnchen! Sie hatte rötliche Strähnchen und die größten, hübschesten grünen Augen, die ich je gesehen habe. So wie diese altmodischen Glasflaschen, die dunkelgrünen. Und sie war sehr blass, als ob sie den ganzen Tag über im Büro arbeiten würde. Im Sommer wird mein linker Arm braun, weil ich ihn immer aus dem Fenster hängen lasse, aber mein rechter Arm bleibt weiß. Na ja, auch egal … Ich kann mich nicht mehr erinnern, was sie trug. Hab vor allem auf ihr Gesicht geachtet. Und … und …
DB: Geht es Ihnen gut?
RH: Es ist nur … nicht leicht für mich. Das ist alles. Diese junge Frau war vielleicht fünf oder sechs Jahre älter als meine Tochter, aber ich … na ja, sagen wir mal so, ich wollte sie, wie ein Mann seine Frau an einem Samstagabend will, wenn Sie verstehen, was ich meine. Und ich bin nie so einer gewesen, der scharf auf Kinder ist, die meine eigenen hätten sein können, obwohl meine Frau seit sechs Jahren tot ist. Also – es war schon ein bisschen peinlich, dass ich ganz plötzlich mit meinem Schwanz dachte, wo ich doch gerade diese schrecklichen Schreie gehört hatte.
DB: Nun ja, manchmal, unter Stress, kann es schon sein, dass …
RH: Das war nicht der Stress. Ich war scharf auf sie. Wie ich noch nie scharf auf jemanden gewesen bin. Ich starrte sie also an, aber sie beachtete mich nicht. Wahrscheinlich passiert ihr das zwanzigmal am Tag – alte Säcke, die sie anstarren. Sie sagte nichts zu mir, sondern marschierte zurück in Richtung Gasse. Also bin ich ihr gefolgt. Dort standen dann einige Straßenlaternen, sodass ich endlich etwas sehen konnte. Ich fühlte mich gleich viel besser, das kann ich Ihnen sagen. Bevor wir jedoch dort ankamen, verstummten die Schreie plötzlich, einfach so. Als hätte jemand das Radio abgedreht. Das Mädchen ist dann gerannt. Das war schon ein komischer Anblick, weil sie diese hohen Stöckelabsätze trug. Lila, mit Schleifen an der Ferse. Sie hatte winzig kleine Füße, und an denen trug sie diese hübschen, kleinen Schuhe. Es war schon ein komischer Anblick.
DB: Und dann?
RH: Na ja, auf jeden Fall war sie schnell in diesen Schuhen. Sicher irgendeine bekannte Leichtathletin, so wie sie sprinten konnte. Und ich war dicht hinter ihr. Wir kommen also zu der Gasse, und ich sehe sofort, dass es eine Sackgasse ist. Ich wollte nicht allzu weit hineingehen. Merkwürdig, eigentlich denke ich nicht mehr an Vietnam, aber heute Nacht kam es mir vor, als...




