Davidson Wer zweimal stirbt, ist länger tot
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-8025-9168-6
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: LYX.digital
ISBN: 978-3-8025-9168-6
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Betsy Taylor trauert um ihren verstorbenen Freund Marc. Zugleich kämpft sie jedoch auch mit Familienproblemen der besonderen Art. Ihre Halbschwester Laura will Satans Gehilfin werden. Und dazu muss sie Betsy töten ...
Mit Weiblich, ledig, untot gelang Mary Janice Davidson der Sprung auf die internationalen Bestsellerlisten. Seither hat sie eine riesige Fangemeinde gewonnen. Davidson lebt in Minnesota. Mit ihrer Heldin Betsy teilt sie die Leidenschaft für Designerschuhe.
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»Was meinst du damit – sie ist tot?«
»Betsy, ich hab fürchterlich viel um die Ohren, zum Beispiel, weil ich gerade ein neues Leben erschaffe. Könntest du also zur Abwechslung mal zuhören? Hast du nicht gesehen, wie sich meine Lippen bewegen?«
Die bewegen sich doch andauernd, dachte ich, sagte es aber nicht laut. Jessica war es jetzt immer entweder zu kalt oder zu warm, sie war am Verhungern, abgesehen von den Zeiten, wo sie kotzte, oder schlimmer noch: Sie verhungerte, während sie kotzte (ich wollte lieber gar nicht darüber nachdenken, wie das nun gehen sollte). Sie war wütend, und sie war überschwänglich. Sie schwamm in Tränen oder in Zorn. Sie war genervt, und sie war giftig. Sie war meistens wütend, es sei denn, sie weinte, und am schlimmsten war es, wenn sie vor Wut weinte. Das war das Allerschlimmste. Selbst meine Vampir-Superkräfte kommen mit einem Weinkrampf nicht klar.
Und auch diese Einschätzung traf den Kern der Sache noch nicht, denn gestern Nacht hatte ich sie zwei Stockwerke entfernt noch gehört. Wenn Jessica zufällig einmal nicht aß oder wütend war oder ihren Nestbauinstinkten folgte oder nervte, dann war sie scharf. Manchmal reichten dazu ein paar mit Knoblauch gefüllte Oliven. Und das Schlimmste: Oft war sie beides gleichzeitig, nestbaumäßig drauf und scharf, wütend und scharf oder hungrig und scharf. Niemand wagte es, die Oliven in der Küche auch nur anzusehen. Und der arme Detective Nick/Dick schlurfte mit einem Blick durch die Villa, der immer glasiger wurde.
»Schau doch hin!«
Ich fürchtete mich davor. Wohin sollte ich schauen? Auf sie? Warum? Vielleicht trug sie dieses gewaltige, gelb-blau gestreifte Zirkuszelt nur, um mich zu verführen. Die bloße Vorstellung bewirkte, dass ich gleichzeitig in Lachen ausbrechen und mich übelst erbrechen wollte. »Da liegt sie.«
Vorsichtig spähte ich vor meine Füße, aufs Schlimmste gefasst. Vor der Schwangerschaft hatte Jess keinerlei lesbische Vorlieben gezeigt, und zum Glück schien ihr jeder Gedanke an Verführung auch jetzt fernzuliegen.
Mit ein wenig mehr als gelinder Überraschung starrten wir beide auf die Leiche.
»Was ist denn passiert?«
»Keine Ahnung. Ich wollte in den Keller, und da bin ich beinahe über sie gestolpert.« Jessica tätschelte ihren gigantischen Bauch. Als wäre die Treppe nicht schon ohne diesen Fötus der Verdammten staubig und düster und eng genug gewesen! »Ich hätte mir den Hals brechen können! Weißt du, wie schlimm ein Sturz in diesem Stadium der Schwangerschaft sein kann?«
Nicht schlimm, überhaupt nicht schlimm: Selbst der Michelin-Mann war nicht so gut gepolstert. Ich sagte jedoch nichts. Man wird mich zwar niemals für große Geistesgaben preisen, doch das heißt noch lange nicht, dass ich völlig verblödet bin.
Das hört sich jetzt bestimmt schrecklich an (selbst in meinen Ohren), aber kennen Sie die Serie ? Sie lief so gut, dass es jetzt sogar Bücher dazu gibt. Oder vielleicht kamen auch die Bücher zuerst … ich weiß es nicht. Ich habe aufgehört, Fantasy zu lesen, bevor ich ins wahlfähige Alter kam. Es war mir einfach zu viel Geschwafel à la: »Ich ziehe nun das mythische Schwert von Eldenwurst, das da heißet Seelenlutscher, und mit dieser meiner magischen Klinge werde ich alle Feinde des Feenreiches zerschmettern. Doch fürchtet euch nicht, die ihr zittert vor Seelenlutscher, denn ich werde regieren mit gerechter Hand und dem Rate der Trottel. Du und du, bringt mir nun fünfzig Jungfrauen und einen Humpen Met!« Diese Machwerke bringen mich spätestens ab Kapitel zwei zum Gähnen. Jedenfalls hab ich die Bücher so gut wie nie gelesen, fand aber die Serie Game of Thrones so cool, dass ich regelrecht süchtig wurde.
Nein. Das stimmt nicht. Marc war heftig in die Figur des Khal Drogo verliebt, und er hat es geschafft, dass ich süchtig wurde. Wenn er von seiner Schicht in der Notaufnahme kam, stürzten wir uns auf den DVD-Rekorder und schwärmten von Drogos unglaublichen Schultern und lästerten über den Trottel Viserys.
Wow, jetzt bin ich aber noch heftiger abgeschweift als sonst … Okay, also in der ersten Staffel von wurde das ungeborene Kind einer der Hauptfiguren ›Der Hengst, Der Die Welt Besteigt‹ genannt, ein unheimlicher, aber irgendwie cooler Spitzname. Und Jessica trug nun ›Den Bauch, Der Die Welt Auffraß‹ zur Schau. Sie behauptete, es wäre erst im Sommer so weit, doch ich hegte da meine Zweifel. Sie war einfach … gigantisch dick. Bäh! Ob sie Zwillinge erwartete? Oder gar Drillinge? Das war genau das, was uns in der Villa noch fehlte: drei nervige Neugeborene, die ständig heulten und in die Windeln machten.
»Bin froh, dass du nicht über sie gestürzt bist.« Ich seufzte und schaute wieder auf die tote Katze. »Sie sieht wirklich friedlich aus.« Eine glatte Lüge. Giselle sah beileibe nicht so aus, als schliefe sie friedlich. Leichen sehen nämlich nie so aus, als schliefen sie friedlich.
Und Giselle, meine Katze, die mir diesen ganzen Vampirkönig-Scheiß überhaupt erst eingebrockt hatte, schlief definitiv nicht. Ihre Augen waren milchige Schlitze. Ihr Maul stand halb offen, wie erstarrt, und sie war dünn, wenn auch nicht schrecklich dünn … Na ja, sie war schon immer ziemlich mager gewesen. Und alt … Ich hatte sie zehn Jahre gehabt. Sie war einfach eines schönen Tages aufgetaucht und wollte nicht mehr gehen, deshalb fütterte ich sie und gab ihr ein Heim. Ich schätze, genauso kommt man auch zu Babys und Mitbewohnern: Man füttert sie, und sie verlassen einen nie mehr.
Zehn Jahre lang taten Giselle und ich so, als wäre die andere nicht da. Wir sahen uns nur zu den Mahlzeiten. (Ihren Mahlzeiten. Nicht meinen.) Und seit wir in der Villa wohnten, waren viele andere da, die mir nur zu gern meine Tierhalterpflichten abnahmen. Die Villa war so weitläufig, dass mein Schoßtier (allerdings empfand ich unsere Beziehung nie als so eng, und man hätte auch nicht behaupten können, dass ich ihr Schoßtier war: siehe oben) und ich uns tagelang aus dem Weg gehen konnten, was uns beiden ausgezeichnet in den Kram passte.
Ich war zum ersten Mal gestorben, als ich versucht hatte, Giselle aus der Kälte in die Wohnung zu locken. Damals wütete ein Schneesturm, und ich achtete nicht auf meine Umgebung und wurde von einem Pontiac Aztek überrollt. Giselle kam natürlich ohne einen Kratzer davon. Sie war die Einzige, die meine Auferstehung langweilig fand.
Und jetzt blickte ich auf ihren mageren Leichnam hinab und begriff, dass ich als ihre Besitzerin noch eine letzte Aufgabe zu erfüllen hatte. »Igitt.«
»Ja.«
»Haben wir Schaufeln im Schuppen?«
»Mehrere.«
»Ach? Tatsächlich?« Jetzt konnte ich mich nicht einmal mehr mit der Ausrede, nicht das richtige Werkzeug zu haben, aus der Affäre ziehen. Noch so ein toller Tag in einer beschissenen Woche! In einem beschissenen Monat, wenn man’s recht bedachte.
Giselle, du unsensible Mistkatze, hättest du das nicht vor einem Monat erledigen können? Oder in einem Monat? Aber nein, es muss jetzt sein, da das Schicksal oder Karma schon dick genug aufträgt, Jessica ohne mich nicht zur Pediküre kommt und wir den Motor von einem unserer Smoothie-Mixer geschrottet haben. Typisch Katze: Macht sich gar keine Gedanken, ob mir ihr Tod vielleicht gerade ungelegen kommt. Andrew Vachss, einer der besten Autoren im Genre Noir, hat Katzen einmal als die »Schoßtänzer der Tierwelt« bezeichnet. Wenn du ihnen Aufmerksamkeit schenkst, sind sie da. Wenn nicht, machen sie die Biege.
Tja. Giselle hatte definitiv die Biege gemacht.
»Als Nächstes«, verkündete ich, »werde ich mir einen Hund zulegen.«
Jessica schnaubte verächtlich. Sie wusste, dass das gelogen war. Sie kannte auch den Grund, war aber zu nett, mir das gerade in diesem Augenblick vorzuhalten. »Falls ich mich recht erinnere, hast du dir Giselle nicht zugelegt.«
»Du erinnerst dich recht.« Ich beugte mich herab und hob die Katzenleiche vorsichtig auf, dann hielt ich sie mit ausgestreckten Armen wie eine Servierplatte vor mich. »Igittigitt.«
»Kannst du dich vielleicht mal zusammenreißen? Wie viele Vampire hast du schon gesehen, die auf grässliche Art zu Tode gekommen sind? Von den getöteten Menschen erst gar nicht zu reden … auch wenn sie schlecht waren, sind sie doch hingemetzelt worden. Freunde sind vor deinen Augen erschossen worden oder haben sich in deinem Haus umgebracht, und du regst dich wegen einer Katze auf? Wegen dieser Katze? Hey, ich hab gerade einen Vampir kritisiert.« Aus irgendeinem Grund schien sie das zu erheitern. »Denn genau das hast du in letzter Zeit getan: Du hast dich ständig beschwert, wie schrecklich es ist, weiß und schön und reich und überdies mit dem schärfsten Mann von ganz Minnesota verheiratet zu sein. Okay«, lenkte sie ein, »Marc hat sich umgebracht. Darüber kannst du lamentieren.«
Ich sah sie scharf an, beschloss jedoch, sie nicht die Treppe hinunterzustoßen. Sie bringt neues Leben hervor, sie bringt neues Leben hervor. Ach ja, und sie hat zu mir gehalten, als ich von den Toten wiederkehrte. Und bringt neues Leben hervor. »Kannst du mir ein altes Laken oder ’nen Kissenbezug oder so was holen?«
»Klar.« Meine enorm schwangere Freundin bedachte mich mit einem nachdenklichen Blick. Da sie ein paar Stufen über mir stand, bekam ich es mit der Angst zu tun. Wenn sie stolperte, würde sie uns beide umbringen. »Das hier tut mir leid, Betsy. Und leidtut mir auch, wie ich mich eben benommen habe. Aber mein Rücken fühlt sich an, als presse jemand...




