E-Book, Deutsch, 449 Seiten
Davis Die Gefährtin des Kaisers
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98690-060-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman | Historischer Roman über eine Sklavin zur Zeit des antiken Kaisers Vespasian
E-Book, Deutsch, 449 Seiten
ISBN: 978-3-98690-060-1
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lindsey Davis wurde 1949 in Birmingham, UK, geboren. Nach einem Studium der Englischen Literatur in Oxford arbeitete sie 13 Jahre im Staatsdienst, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Ihr erster Roman »Silberschweine« wurde ein internationaler Erfolg und der Auftakt der Marcus-Didius-Falco-Serie. Ihr Werk wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Diamond Dagger der Crime Writers' Association für ihr Lebenswerk. Die Website der Autorin: www.lindseydavis.co.uk Bei dotbooks erscheinen die folgenden Bände der Serie historischer Kriminalromane des römischen Privatermittlers Marcus Didius Falco: »Silberschweine« »Bronzeschatten« »Kupfervenus« »Eisenhand« »Poseidons Gold« »Letzter Akt in Palmyra« »Die Gnadenfrist« »Zwielicht in Cordoba« »Drei Hände im Brunnen« »Den Löwen zum Fraß« »Eine Jungfrau zu viel« »Tod eines Mäzens« »Eine Leiche im Badehaus« »Mord in Londinium« »Tod eines Senators« »Das Geheimnis des Scriptors« »Delphi sehen und sterben« »Mord im Atrium« Ebenfalls bei dotbooks erscheint der historische Roman »Die Gefährtin des Kaisers«, der auch im Sammelband »Die Frauen der Ewigen Stadt« erhältlich ist.
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Kapitel II
In der Abenddämmerung des gleichen Tages folgte Caenis der Anweisung von Diadumenus und ging zum Haus ihrer Herrin, um sich zu erkundigen, ob ihre Dienste gebraucht würden. Frisch gewaschen und gekämmt, machte sie sich auf den Weg, ausgerüstet mit Schreibtafeln und ihrem hölzernen Stiluskasten.
Das Haus der Livia grenzte an den Palast, bequem zu erreichen, aber doch abgeschieden, wenn es darum ging, Distanz zu halten. Es war – theoretisch – das berühmte »bescheidene Heim«, daß Augustus sich bewahrt hatte. Damit ließ sich der Mythos aufrechterhalten, daß er, trotz der Ehren, mit denen man ihn nach der Annahme des Kaisertitels überhäuft hatte, ein gewöhnlicher Bürger geblieben war Der Erste unter Gleichen, wie man so schön sagt. In diesem Haus, hieß es, hätten seine Frau und seine Tochter auf ihren Webstühlen die kaiserlichen Gewänder gewebt, wie es römische Frauen traditionell für ihre männlichen Verwandten taten. Vielleicht hatten Livia und Julia, wenn nichts anderes sie ablenkte, tatsächlich ein wenig gewebt. In Julias Fall allerdings nicht oft genug. Sie hatte trotzdem Zeit gefunden, ein so ausschweifendes Leben zu führen, daß es ihr Verbannung, Verlust der Ehrenrechte und schließlich den Tod durch das Schwert eingebracht hatte. Livias Haus, das seit dem Tod der ehrwürdigen Kaiserin vor zwei Jahren von Antonia allein bewohnt wurde, befand sich im Südosten des Palatin, dort, wo einst die Häuser angesehener Republikaner gestanden hatten. Augustus, der hier geboren worden war, hatte die anderen Familien ausgekauft und das Gelände zu seiner Privatdomäne gemacht. Sein Wohnhaus war abgerissen worden, um seinem großen neuen Apollotempel im Portikus der Danaiden Platz zu machen, deshalb hatte ihm der Senat neben dem Tempel ein neues Gebäude mit prächtigen Repräsentationsräumen zum Geschenk gemacht. Seine Frau Livia behielt ihr eigenes bescheidenes (wenn auch exquisites) Haus hinter dem Tempel. Damit genoß das Kaiserpaar alle Vorteile eines privaten Palastes, konnte aber immer noch in einem klassischen, schlichten römischen Heim wohnen.
Antonia war hier eingezogen, nachdem sie Livias beliebten und heldenhaften Sohn Drusus geheiratet hatte. Als sie bereits mit siebenundzwanzig Jahren Witwe wurde, entschied sie sich, im Haus ihrer Schwiegermutter zu bleiben, dasselbe Zimmer und Bett zu behalten, das sie mit ihrem Ehemann geteilt hatte. Inzwischen selbst Mutter von drei Kindern, hatte sie das Recht, sich nicht in die Obhut eines Vormundes begeben zu müssen. Mit Livia unter einem Dach zu leben, bewahrte ihr die Unabhängigkeit und vermied Skandale. Es gab ihr außerdem die Möglichkeit, eine zweite Ehe abzulehnen. Antonia gehörte zu den wenigen römischen Frauen, die sich für dauerhafte Unabhängigkeit entschieden.
Livias Haus war an den Hügel gebaut und vom Verwaltungskomplex des Palastes durch einen unterirdischen Gang zu erreichen. Caenis wählte automatisch diesen Weg. So war es unwahrscheinlich, daß sie Mitgliedern der Prätorianergarde begegnete. Deren Aufgabe war es, den Kaiser zu schützen, aber da Tiberius seit langem auf Capri weilte und ihr Kommandeur Seianus alle Macht an sich gerissen hatte, waren sie unerträglich geworden. Zum Glück hatten heute nur wenige Dienst und keiner davon in der unterirdischen Passage.
Caenis kam an zwei Abzweigungen vorbei, bewältigte rasch das restliche Stück des Weges und fühlte sich in Sicherheit. Normalerweise wagten sich nicht mal die Gardisten an Antonias Besucher heran. Aber wenn ihnen der Sinn danach stand oder sie zuviel getrunken hatten, konnten sie einer Sklavin immer noch gefährlich werden. Die Prätorianer waren eine arrogante Elite, durch den Namen Seianus perfekt geschützte, üble Burschen, die sich nach Lust und Laune mit jedem anlegten.
Seianus selbst war unangreifbar. Er war aus dem mittleren Rang, dem Ritterstand, aufgestiegen, ein Soldat, dessen Ehrgeiz berüchtigt war. Da er über einigen Charme verfügte, hatte er sich zum Freund des Kaisers gemacht, der sonst wenig enge Vertraute besaß. Wenn man auch nicht offen darüber sprach, war doch allgemein bekannt, daß Seianus der Liebhaber von Antonias Tochter Livilla wurde, die mit dem Sohn des Kaisers verheiratet war. Es ging sogar das Gerücht, Seianus und Livilla hätten geplant, ihren Gatten zu ermorden. Und gewiß waren bereits schlimmere Verschwörungen im Gange. Am besten dachte man nicht allzu gründlich darüber nach.
Mit leichtem Frösteln betätigte Caenis die Glocke und wartete darauf, eingelassen zu werden. Der Pförtner war bestimmt in Feiertagslaune und würde sich Zeit lassen. Der unterirdische Gang endete am Garten nahe des Hintereinganges, und hier würde der Pförtner noch langsamer reagieren als am Haupteingang beim Siegestempel. Caenis stand nicht gern vor einer geschlossenen Tür, erwartete stets, unsichtbar und unhörbar bespitzelt zu werden. Sie fühlte sich ungeschützt und wandte der Tür den Rücken zu.
Als Antonias Verwalter Caenis von der kaiserlichen Ausbildungsschule kaufte, glich der Vorgang eher einer Adoption denn einem Geschäft, bei dem Besitztitel übertragen wurden und Geld von einer Hand in die andere wechselte. Antonia selbst wußte vermutlich nichts davon. Die Gelegenheit, in dieser hohen Position zu arbeiten, war nicht von selbst gekommen und auch nicht automatisch mit vollem Vertrauen verbunden. In den von einer Sekretärin verlangten Fähigkeiten übertraf Caenis alle ihre Konkurrentinnen ohne weiteres, aber Antonia gewährte nur zögernd Zugang zu ihren Privatpapieren, und das mit Recht. Das Mädchen mußte sich erst bewähren und war zunächst wenig mehr als eine Kopistin. Daß Diadumenus sie heute allein den Dienst versehen ließ, mochte ein erstes Zeichen der Akzeptanz sein. Es war ein wichtiger Schritt vorwärts, das wußte Caenis. Ihr war ungeheuer daran gelegen, alles richtig zu machen.
Schließlich wurde sie von einem leise vor sich hin grummelnden Pförtner eingelassen. Geduldig ertrug sie die Begrüßung, noch vollkommen mit der Freude über die Entwicklung der Dinge beschäftigt. Durch das diskrete Portal dieses vergleichsweise bescheidenen Hauses kamen römische Staatsmänner und ausländische Potentaten, Sprößlinge aus Klientelkönigreichen – Judäa, Kommagene, Thrakien, Mauretanien, Armenien, Parthien – und die exzentrischen oder berüchtigten Mitglieder von Antonias eigener Familie. Einflußreiche Römer, solche, die die Zukunft im Blick hatten, sahen in Antonia ihre Patronin und Gönnerin. Da heute ein Feiertag war, mochten Besucher anwesend sein, obwohl Caenis das Haus außergewöhnlich ruhig fand.
Nachdem sie den Säulengang und einen kurzen Korridor durchquert hatte, erreichte sie im Zentrum der Empfangsräume ein überdachtes Atrium mit schwarzweiß gefliestem Boden. Gegenüber führte eine lange Treppe vom Haupteingang herunter. Zu beiden Seiten lagen die Repräsentationsräume, ein Eingangsbereich und ein Eßzimmer, alle mit auserlesenen Fresken dekoriert. Die Privaträume und Schlafzimmer, alle sehr viel kleiner, lagen dahinter und in den oberen Stockwerken.
Ihr Auftrag lautete, sich beim Pförtner Maritimus zu melden und, falls etwas zu diktieren war, ihrer Herrin in einem der kleinen Zimmer neben dem Empfangsraum zur Verfügung zu stehen. Heute abend jedoch führte Maritimus, der aufgeregt schien, sie in den Empfangsraum. Dort mußte sie warten. Sie betrachtete das kunstvolle Fresko der von Argus bewachten Io, die erwartungsvoll zuschaute, wie Merkur hinter einem großen Felsen hervorkroch, um sie zu retten; er sah aus wie einer dieser lockenköpfigen Schlawiner, vor denen Ios Mutter sie wahrscheinlich gewarnt hatte.
Um sich zu beruhigen, klappte Caenis ihre gebundenen Wachstafeln auf und zog einen Stilus heraus. Normalerweise wäre Diadumenus als Chefsekretär dagewesen, und sie hätte sich nicht so ausgesetzt gefühlt. Doch die Art der erforderlichen Korrespondenz war ihr vertraut. Antonia verfügte über ausgedehnte Besitzungen, auch Ländereien in Ägypten und Arabien, die sie von ihrem Vater Marcus Antonius geerbt hatte. Unter ihrer Obhut waren Prinzen aus weit entfernten Provinzen aufgewachsen, von ihren gewieften römischen Vätern nach Rom geschickt oder einfach von den Römern als Geiseln mitgenommen, und viele Briefe wurden immer noch an jene geschrieben, die inzwischen nach Hause zurückgekehrt waren. Für eine fähige Schreiberin keine Schwierigkeit, obwohl es das erste Mal sein würde, daß Caenis ohne Aufsicht mit Antonia zusammentraf.
Der nervöse Pförtner stürzte wieder herein. »Ich soll Diadumenus finden. Bist du allein? Wo ist Diadumenus?«
»Er hat frei wegen des Feiertags.«
»Das geht nicht!« Der Pförtner schwitzte.
»Es muß«, erwiderte Caenis fröhlich. Sie weigerte sich, seine Panik zu teilen, solange er keine Erklärung abgab.
Maritimus funkelte sie finster an. »Sie will einen Brief diktieren.«
»Das kann ich doch auch.« Caenis sehnte sich nach mehr Autorität. Sie genoß ihre neue Arbeit, genoß es, ihre Fähigkeiten zu nutzen, und war fasziniert von dem, was sie von Antonias Korrespondenz zu sehen bekam. Ihr war klar, daß sie noch nicht in alles eingeweiht war. »Wirst du ihr sagen, daß ich hier bin?«
»Nein. Sie will Diadumenus. Ich weiß nicht, was los ist, aber irgendwas hat sie verstört. Du kannst das nicht machen. Es hat was mit ihrer Familie zu tun.«
Antonia sprach nie über ihre Familie. Sie trug die schreckliche Bürde ganz allein.
»Ich bin diskret!« brauste Caenis auf.
»Es ist was Politisches!« zischte der Pförtner.
»Ich kann den Mund halten.« Jeder vernünftige Sklave tat das. Es reichte nicht. Maritimus schnalzte mit der Zunge und eilte wieder hinaus. Caenis überließ sich ihrer Enttäuschung und überlegte, welches Problem Antonia wohl...




