E-Book, Deutsch, 442 Seiten
Davis Mord in Londinium
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96655-982-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Fall für Marcus Didius Falco - Der 14. Fall | Ein römischer Ermittler in Britannien
E-Book, Deutsch, 442 Seiten
ISBN: 978-3-96655-982-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Lindsey Davis wurde 1949 in Birmingham, UK, geboren. Nach einem Studium der Englischen Literatur in Oxford arbeitete sie 13 Jahre im Staatsdienst, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen widmete. Ihr erster Roman »Silberschweine« wurde ein internationaler Erfolg und der Auftakt der Marcus-Didius-Falco-Serie. Ihr Werk wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Diamond Dagger der Crime Writers' Association für ihr Lebenswerk. Die Website der Autorin: www.lindseydavis.co.uk Bei dotbooks erscheinen die folgenden Bände der Serie historischer Kriminalromane des römischen Privatermittlers Marcus Didius Falco: »Silberschweine« »Bronzeschatten« »Kupfervenus« »Eisenhand« »Poseidons Gold« »Letzter Akt in Palmyra« »Die Gnadenfrist« »Zwielicht in Cordoba« »Drei Hände im Brunnen« »Den Löwen zum Fraß« »Eine Jungfrau zu viel« »Tod eines Mäzens« »Eine Leiche im Badehaus« »Mord in Londinium« »Tod eines Senators« »Das Geheimnis des Scriptors« »Delphi sehen und sterben« »Mord im Atrium« Ebenfalls bei dotbooks erscheint der historische Roman »Die Gefährtin des Kaisers«, der auch im Sammelband »Die Frauen der Ewigen Stadt« erhältlich ist.
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Kapitel III
»Ich frag mich, wer das ist.« Der Zenturio stieß die Leiche mit der Seite seines Stiefels an – nicht mit der Spitze, wo sein großer nackter Zeh das tote Fleisch hätte berühren können. »Wer er war!«, verbesserte er sich mit einem boshaften Lachen.
Der Tote war groß und gut genährt gewesen. Die Strähnen seines langen Haares, die ihm an Kopf und Hals klebten und sich in den Borten seiner Wolltunika verheddert hatten, waren einst wirr und rotgold gewesen. Die Augen, jetzt geschlossen, hatten vor Neugier gestrahlt und pflegten vor gefährlichem Schalk zu blitzen. Ich nahm an, dass sie blau waren, aber ich konnte mich nicht erinnern. Seine Haut war bleich und vom Wasser aufgequollen, aber er war immer hellhäutig gewesen, mit den rötlichen Augenbrauen und Wimpern, die zu einer solchen Hautfarbe gehören. An seinen Unterarmen begannen die feinen Härchen zu trocknen. Er trug eine blaue Hose, teure Stiefel und einen Gürtel mit Lochmuster, in dem sich die karierte Tunika dicht gebauscht hatte. Keine Waffe. Immer, wenn ich ihn lebend sah, hatte er ein langes britannisches Schwert getragen.
Er war stets in Bewegung gewesen. Er sauste herum, war voller Vitalität und ungehobeltem Humor, sprach mich mit lauter Stimme an, warf den Frauen ständig anzügliche Blicke zu. Es kam mir seltsam vor, ihn so still zu sehen.
Ich bückte mich, zog den Ärmel des Opfers hoch und schaute an seiner Hand nach Ringen. Ein großer aus gedrehtem Golddraht war noch da, vielleicht zu eng, um ihn in der Hast herunterzuzerren. Als ich mich aufrichtete, begegnete mein Blick kurz dem von Hilaris. Er hatte gemerkt, dass auch ich wusste, wer der Mann war. Tja, wenn er darüber nachdachte, musste ihm klar sein, dass ich gerade aus Noviomagus Regnensis gekommen war und es daher wissen würde.
»Das ist Verovolcus«, teilte er dem Zenturio undramatisch mit. Ich hielt den Mund. »Ich bin ihm ein oder zwei Mal offiziell begegnet. Er war ein Gefolgsmann, und möglicherweise Verwandter des Großen Königs – Togidubnus vom Stamme der Atrebaten, unten an der Südküste.«
»Wichtig?«, wollte der Zenturio wissen, mit halb begierigem Seitenblick. Hilaris antwortete nicht. Der Soldat kam zu seiner eigenen Schlussfolgerung. Er zog eine beeindruckte Grimasse.
König Togidubnus war ein langjähriger Freund und Verbündeter Vespasians. Für Jahre der Unterstützung war er üppig belohnt worden. In seiner Provinz war er möglicherweise selbst mit dem Statthalter gleichrangig. Er konnte dafür sorgen, dass Flavius Hilaris nach Rom zurückberufen und seiner schwer verdienten Ehren beraubt wurde. Er konnte mir den Schädel einschlagen und mich in einen Graben werfen lassen, ohne dass Fragen gestellt wurden.
»Aber was hat Verovolcus in Londinium gemacht?«, überlegte Hilaris. Es schien eine allgemeine Frage zu sein, obwohl ich spürte, dass sie an mich gerichtet war.
»Weitere offizielle Angelegenheiten?«, fragte der Zenturio unterwürfig.
»Nein. Davon würde ich wissen. Und selbst wenn er aus privaten Gründen nach Londinium gekommen war«, fuhr der Prokurator ruhig fort, »warum würde er dann eine Spelunke wie diese aufsuchen?« Jetzt schaute er mich direkt an. »Ein britannischer Aristokrat, behängt mit teurem Schmuck, setzt sich genauso dem Risiko aus, in einem Loch wie diesem bestohlen zu werden, wie ein einsamer Römer. Hier verkehren nur die Einheimischen – und auch die müssen mutig sein!« Ich ließ mich nicht in das Gespräch hineinziehen, sondern ging über den Hof in die Schenke und schaute mich um. Für eine Weinschenke fehlte es dieser an Charme und Besonderem. Wir hatten sie auf der Mitte einer kurzen, engen Gasse auf dem abfallenden Hügel oberhalb der Kais gefunden. Auf ein paar grob abgeschliffenen Borden standen Karaffen. Zwei Fenster mit Eisengittern ließen etwas Licht ein. Von dem mit dreckigen Binsen bestreuten Boden bis zu den niedrigen, im Schatten liegenden Dachsparren war die Schenke so mies, wie Schenken nur sein können. Und ich hatte schon viele gesehen.
Ich näherte mich der Frau, die anscheinend die Kaschemme führte.
»Ich weiß von nichts«, sprudelte es sofort aus ihr heraus, bevor ich sie irgendwas fragen konnte.
»Sind Sie die Besitzerin?«
»Nein, ich bediene nur.«
»Selbstverständlich!« Dabei gab es kein selbstverständlich. Ich musste nicht in Britannien leben, um zu wissen, dass sie das Verbrechen vertuscht hätte, wenn es möglich gewesen wäre. Stattdessen hatte sie kapiert, dass Verovolcus vermisst werden würde. Es würde Ärger geben, und wenn sie nicht dafür sorgte, dass die Sache heute gut aussah, würde der Ärger für sie noch schlimmer werden. »Wir haben ihn heute Morgen gefunden.«
»Sie haben ihn gestern Abend nicht bemerkt?«
»Wir hatten viel zu tun. Waren ’ne Menge Gäste da.« Ich betrachtete sie mit ruhigem Blick. »Welche Art von Gästen?«
»Was eben so kommt.«
»Könnten Sie das genauer beschreiben? Ich meine ...«
»Ich weiß, was Sie meinen«, schnauzte sie.
»Unzüchtige Mädchen, die hinter Seeleuten und Händlern her sind?«, warf ich ihr trotzdem zu.
»Anständige Leute. Geschäftsleute!« Schmutzige Geschäfte, darauf hätte ich gewettet.
»Hat dieser Mann gestern Abend hier getrunken?«
»Keiner kann sich an ihn erinnern, obwohl es sein könnte.«
Sie sollten sich erinnern können. Er musste jemand aus einer höheren Klasse als die Stammgäste gewesen sein, selbst höher als die anständigen Geschäftsleute. »Wir haben ihn hier bloß mit zappelnden Füßen gefunden ...«
»Wie bitte? Seine Füße haben gezappelt? War der arme Kerl noch am Leben?« Sie wurde rot. »Nur so eine Redensart.«
»Also war er nun tot oder nicht?«
»Er war tot. Natürlich war er tot.«
»Woher wussten Sie das?«
»Was?«
»Wenn nur seine Füße zu sehen waren, woher konnten Sie wissen, in welchem Zustand er sich befand? Hätte es eine Möglichkeit gegeben, ihn wiederzubeleben? Sie hätten es wenigstens versuchen können. Ich weiß, dass es Ihnen völlig egal war; der Zenturio musste ihn rausziehen.«
Sie senkte den Blick, ließ sich aber nicht einschüchtern. »Der war hin. Das war doch ganz klar.«
»Vor allem, wenn Sie bereits wussten, dass er gestern Abend in den Brunnen gestopft worden war.«
»Ich hatte keine Ahnung! Wir waren alle überrascht!«
»Nicht so überrascht, wie er es gewesen sein muss«, sagte ich.
Hier war nichts mehr zu holen. Wir überließen es dem Zenturio, die Leiche zu verwahren, bis der Große König benachrichtigt worden war. Gaius und ich traten auf die Gasse hinaus, die als offener Abfluss benutzt wurde. Vorsichtig bahnten wir uns einen Weg, vorbei an dem täglichen Müll und den ausgeleerten Nachttöpfen. Das war schon eklig genug. Wir befanden uns auf terrassenförmig angelegtem Grund unterhalb der beiden niedrigen Geröllhügel, auf denen Londinium stand, nicht weit vom Fluss entfernt. Das ist in jeder Stadt eine üble Gegend. Die beiden Leibwächter des Prokurators folgten uns in diskretem Abstand, zwei Frontsoldaten, die zu diesem Dienst abkommandiert waren und an ihren Dolchen herumfummelten. Sie gaben uns Schutz – teilweise.
Von der schlecht gepflasterten Straße, die diese Enklave mit ausgedehnteren, vielleicht weniger unfreundlichen Gegenden verband, hörten wir das Knarren der Kräne auf den Kais entlang des Tamesis. Es stank beißend nach frisch gegerbtem Leder, einem Haupthandelsgut. Manche Städte schrieben vor, dass sich Gerbereien nur draußen auf dem Land ansiedeln durften, weil sie einen derartigen Gestank verbreiteten, aber Londinium war entweder nicht so pingelig oder nicht so gut organisiert. Angezogen von der Nähe des Flusses, gingen wir dort hinunter.
Wir kamen zwischen neuen Lagerhäusern mit schmalen, dem Flussufer zugewandten Stirnseiten heraus, die sich von den voll gepackten Schiffsanlegern in sicheren Speichertunneln nach hinten erstreckten. Das Flussufer war davon gesäumt, als sei es so geplant worden. Eine große hölzerne Plattform, erst vor kurzem errichtet, diente als Landungsbrücke und Bollwerk gegen die Gezeiten.
Trübsinnig schaute ich auf den Fluss. Der Tamesis war viel breiter als der Tiber bei uns zu Hause, bei Flut mehr als tausend Schritte, bei Ebbe allerdings um ein Drittel schmaler. Gegenüber unseres Kais befanden sich mit Schilf bewachsene Inseln, die bei Flut fast überschwemmt wurden, wenn an der vier Meilen entfernten Flussmündung des Tamesis das Sumpfland völlig überspült war. Straßen von den Häfen im Süden führten dort drüben zum Südufer, trafen an einem Punkt zusammen, von dem aus schon immer Fähren den Fluss überquert hatten. Es gab eine Holzbrücke von der Hauptinsel, in einem etwas seltsamen Winkel.
Der Prokurator neben mir teilte sichtbar meine melancholische Stimmung. Tod und neblig graue Flussufer rufen dieselbe Wirkung hervor. Wir waren Männer von Welt, aber uns schmerzte das Herz.
Niedergeschlagen durch unsere Umgebung, war ich noch nicht bereit, den Tod von Verovolcus anzusprechen. »Ihr habt die Brücke reparieren lassen, wie ich sehe.«
»Ja. Boudicca benützte sie, um zu den Siedlungen auf dem Südufer zu kommen – und ihre Truppen haben sich sehr bemüht, die Brücke zu zerstören.« Hilaris klang trocken. »Wenn dir die hier ziemlich schief vorkommt, dann liegt es daran, dass sie nicht dauerhaft gebaut ist.« Das Brückenthema amüsierte ihn eindeutig. »Falco, ich erinnere mich an die nach der Invasion errichtete Brücke, die ausschließlich für militärische Zwecke bestimmt war. Das waren bloß überdeckte Pontons. Später wurden feste Stützen eingerammt – aber immer noch aus Holz, also haben wir sie wieder rausgerissen. Man...




