Dawson Was wirklich zählt
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-426-41589-4
Verlag: Feelings
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 420 Seiten
ISBN: 978-3-426-41589-4
Verlag: Feelings
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Maddie Dawson wuchs in Florida und Süd-Kalifornien auf. Sie arbeitete als Journalistin und Kolumnistin für eine Tageszeitung und schrieb mehrere Sachbücher, bevor sie 2005 erfolgreich ihren ersten Roman veröffentlichte. Maddie Dawson ist zum zweiten Mal verheiratet und Mutter erwachsener Kinder. Sie lebt in Connecticut.
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1. KAPITEL
2005
Gestern fing ich vor der Tiefkühltheke bei Crisenti plötzlich an zu weinen. Es war kein attraktives, filmreifes Weinen, sondern ein hemmungsloses, tränenreiches Geflenne mit triefender Nase. Ich kann Ihnen nicht erklären, warum das ausgerechnet gestern geschah. Es ist Februar in New Hampshire, und das allein ist, wenn man mich fragt, Grund genug für einen Nervenzusammenbruch. Außerdem ist Nick vor sechs Monaten ausgezogen, um aufs College zu gehen, und Sophie hat geheiratet. Offenbar hat mich das an einem gewöhnlichen Montagnachmittag im Supermarkt wieder eingeholt. Andererseits hatte ich Weihnachten gut überstanden, den ersten Todestag meiner Mutter und die zahllosen Schneestürme dieses Winters auch – und trotzdem heulte ich plötzlich los: Weil das Leben nie wieder so sein wird wie früher, als die Kinder noch zu Hause waren, weil es Dinge gibt, die Grant mir auch nach sechsundzwanzig Jahren nicht verziehen hat, und weil ich fast fünfzig Jahre alt geworden bin und nichts vorzuweisen habe außer ein paar Bilderbüchern.
Bilderbücher! Das klingt gediegen, beinahe wie Kunst. Aber ich rede von Büchern mit dicken Pappseiten – solchen mit Tieren, die wie Menschen angezogen sind. Schweine in Kleidern! Ein Erdferkel, das karierte Halstücher trägt! Ich habe gerade ein Buch über eine Eichhörnchen-Mama illustriert, die ihre Jungen zum Schlafengehen überreden will. Und wissen Sie, was daran wirklich merkwürdig ist? Ich finde diese Eichhörnchen-Mama . Ich finde es toll, dass ich sie in einem gelben Trainingsanzug gemalt habe und dass sie, wenn sie ihren Jungen etwas vorliest, strahlend glücklich und überhaupt nicht wie ein Nagetier aussieht.
Als ich im Supermarkt daran dachte, schlug ich mir die Hand vor den Mund, um nicht laut aufzuschluchzen.
»Mrs McKay?«, fragte der Junge hinter der Fleischtheke. Nein, er war kein Junge mehr, sondern schon ein Mann und einer von Sophies Freunden. Im Laufe der Jahre war er Dutzende Male in unserem Haus gewesen, gehörte zu den Scharen von jungen Leuten, die ständig in der Zufahrt Basketball spielten, auf dem See Schlittschuh liefen, bei uns zu Abend aßen und übernachteten. Er hatte die Hauptrolle im Schülertheater, als Sophie in der Zehnten war. Brad, so heißt er. Brad Simeon.
Junge Leute sollten nicht mit ansehen, wie die ältere Generation vor die Hunde geht, und gar nicht erst erahnen können, was ihnen selbst bevorsteht. Also rappelte ich mich auf und gab nicht länger die durchgeknallte ältere Dame.
Brad lächelte und fragte, ob mit mir alles in Ordnung sei. Waren die Schweinekoteletts vielleicht nicht zu meiner Zufriedenheit?
Ich senkte den Blick auf zwei dünne, graue Schweinekoteletts in meiner Hand, und es gelang mir tatsächlich zu lachen. Sieht man so etwas oft in Lebensmittelgeschäften – Leute, die vor Enttäuschung über die Fleischwaren in Tränen ausbrechen? Ich antwortete, sie seien in Ordnung, ganz prima, und als er sich dann nach Sophie erkundigte, hatte ich mich schon wieder gefangen und ließ automatisch meinen Stolze-Mutter-Sermon vom Stapel: Ach, alles wunderbar! Verheiratet, ja, lebt in New York, und jetzt ist sie schwanger. Hatte er davon schon gehört? , bald bin ich Großmutter. Oh, vielen Dank! Nein, ich fühle mich nicht alt genug, um Großmutter zu werden, aber in unserer Familie pflanzen wir uns eben schon im zarten Alter fort, haha.
Und Nicky?
Mutter-Sermon Nummer zwei: Ach, er ist glücklich an der Universität! Im Moment unternimmt er Schneewanderungen, und ja, er spielt noch Hockey. Der Junge hat kaum Zeit, mal einen Blick in ein Buch zu werfen, er hat so viel anderes zu tun (ich sage nicht, dass wir Mädchen, Alkohol und Drogen befürchten), aber er wird’s noch lernen. Wir können nur hoffen, dass er nicht von der Uni fliegt, bevor er merkt, dass er dort ist, um was zu lernen! Ich griff mit einigem Erfolg auf mein Was-soll-man-tun-Lachen zurück.
In diesem Moment rief Brads Chef ihn zum Glück an den Fleischwolf. Er zuckte die Achseln, lächelte und schlüpfte in den hell erleuchteten, rundum verglasten Raum für die Fleischer. »Grüßen Sie Professor McKay von mir«, sagte er im Gehen und hatte sich bereits umgedreht, als mir wieder die Tränen kamen.
Ich erzähle meiner Therapeutin davon – von der Sache mit den Schweinekoteletts und allem anderen auch. (Therapeuten möchten bekanntlich gern über Nervenzusammenbrüche in der Öffentlichkeit informiert sein.) Ava Reiss heißt sie. Ich konsultiere sie seit knapp über einem Jahr, seit dem Tod meiner Mutter. Einmal pro Woche setzen wir uns zusammen und nehmen all die banalen und nicht so banalen Vorfälle in meinem Leben unter die Lupe. Immer bin ich kurz davor, ihr zu sagen, dass ich nicht mehr komme, dass die Sitzungen mir im Grunde nichts bringen, aber ich mache trotzdem weiter.
»Sie haben im Supermarkt geweint?«, fragt sie. »Und was haben Sie empfunden?«
»Na ja, es war mir zunächst einmal peinlich.«
»Ja, aber warum haben Sie angefangen zu weinen? Was glauben Sie? Wofür standen die Schweinekoteletts?« Sie ist ungefähr fünfundvierzig und hat glattes braunes Haar, trägt Kaschmirpullis und lange Röcke mit Strumpfhosen, die immer zum Pulli passen. Ich finde, das sagt einiges über ihre Persönlichkeit aus. Man muss schon sehr gewissenhaft einkaufen, um zueinanderpassende Pullis und Strumpfhosen zu finden, oder? Einmal sagte ich zu ihr, dass es mir unangenehm sei, wenn sie sich nie gestatte, über einen meiner Witze zu lachen. Sie behauptete daraufhin, dass ich meinen Humor einsetzen würde, um von echten Gefühlen abzulenken. Ich entgegnete: »So? Was soll ich denn Ihrer Meinung nach sonst einsetzen?«, was sie gar nicht schätzte.
»Die Koteletts … die Koteletts … ich glaube, sie standen für … hm … Abendessen?«, sage ich. Ava Reiss presst die Lippen aufeinander, als würde ich schon wieder ablenken. Ich erkläre, dass Abendessen für mich ein mit komplizierten Gefühlen befrachtetes Thema ist. Sehen Sie, Abendbrotzeit war immer die Zeit, die ich am meisten liebte. In unserem Haus versammelten sich alle Kids aus unserer Nachbarschaft. So ein Haus gibt es in jeder Gemeinde. Wer weiß, wie es dazu kommt, wie die Kids merken, dass sie dort willkommen sind und vielleicht ein zweites Zuhause finden. Jedenfalls ist es so, und unser Haus war jahrelang dieser Treffpunkt. Ich fühlte mich so privilegiert, so geehrt und organisierte begeistert die Zusammenkünfte. Ich liebte den Radau und die Musik und sogar all die Komplikationen. Wir besaßen – nein, wir besitzen – einen langen Esstisch aus Eiche. Er ist zerkratzt und angeschlagen, aber gerade wegen dieser Narben wunderschön, und darauf stapelten sich tagtäglich Hausaufgabenhefte, naturwissenschaftliche Versuchsanordnungen und Materialien für Kostümschneiderei- und Kunstprojekte. Es war ein herrlicher Wirrwarr von Krimskrams und Chaos … und ich, mittendrin, hörte zu, wie die Kids redeten und klatschten und einander auf den Arm nahmen, während ich an meinen Buchillustrationen arbeitete. Ich kochte auch, schob dann den ganzen Kram beiseite und stellte einen Topf mit Chili auf den Tisch oder große Teller mit Auberginen mit Parmesan, Schüsseln mit Hühnersuppe, Spaghetti, Terrinen mit aromatischem Rindfleischeintopf, selbstgebackenes Brot und Brötchen. In der großen hellen Küche herrschte mit dem Lärm und dem Gelächter am Tisch eine geschäftige und zugleich behütete Atmosphäre.
Ich versuche zu erklären, wie neu das damals für mich war – der Nachbarschaftstreff zu sein. Als Heranwachsende hatte ich das nicht erlebt. Ich war in Südkalifornien geboren und aufgewachsen, in einer weitläufigen Trabantenstadt mit stuckverzierten Fünf-Zimmer-Häusern, die sämtlich erst kurz zuvor erbaut und mit gläsernen Schiebetüren und Swimmingpools ausgestattet worden waren. Dort lieferten sich die Kids auf den Straßen Rennen. Einen Treffpunkt gab es für sie nicht. Die malerische Kleinstadtidylle New Hampshires existierte meiner Meinung nach nur in Filmen. Doch Grant ist hier aufgewachsen, in dem Haus, in dem wir jetzt leben, hat Hockey gespielt, ist Schlitten und Ski gefahren, und für ihn bedeutet genau dies das normale Leben: eine Mom und ein Dad, zwei Kinder, ein schindelgedecktes Haus, im Schmutzraum aufgehängte Schlittschuhe, ein Holzofen und Schaukelstühle auf der Veranda.
. Es für Grant das normale Leben. Diese Phase des normalen Lebens haben wir jetzt hinter uns, und wenn es nach ihm geht, verwandeln wir uns jeden Augenblick in seine Eltern. Davon bin ich überzeugt. Jetzt sind das ältere Ehepaar, das im alten Haus der McKays lebt – in dem Farmhaus mit der kurvenreichen Zufahrt, dem Garten mit den Apfelbäumen, dem Teich, der Scheune und dem Tor, das sich nicht richtig schließen lässt, weil das Scharnier schon ewig kaputt ist und ein Symbol für all das, was nie repariert wird.
Alles ist jetzt anders, sage ich zu Ava Reiss. Ich erkenne mein Leben selbst nicht mehr. Wir sitzen in der Stille ihres Büros und lauschen auf das Prasseln des Eisregens auf der Fensterscheibe.
»Hören Sie, ich weiß, was Sie jetzt denken«, fahre ich fort. »Sie denken, dass ich mich selbst bemitleide, aber das stimmt nicht. Ich lese Frauenzeitschriften. Ich weiß, dass Frauen um die fünfzig tun und lassen können, was sie wollen. Offenbar stellen Frauen heute die Menstruation ein und nutzen die zusätzliche Zeit, die nicht mehr fürs Wechseln von Tampons draufgeht, zur Heilung von Krebs oder so. Grant sagt, dass ich jetzt Zeit habe, mich meiner zu widmen, als sollte ich aufhören, Kinderbücher zu illustrieren und stattdessen Picassos malen. Er glaubt wohl, ich hätte nur darauf gewartet,...




