de Giovanni | Zu kalt für Neapel | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten

Reihe: Ein Fall für Mina Settembre

de Giovanni Zu kalt für Neapel

Der zweite Fall für Mina Settembre
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-311-70361-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der zweite Fall für Mina Settembre

E-Book, Deutsch, Band 2, 336 Seiten

Reihe: Ein Fall für Mina Settembre

ISBN: 978-3-311-70361-7
Verlag: Kampa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wenn alles verloren scheint, tritt Mina Settembre auf den Plan. Sie ist Sozialarbeiterin der Beratungsstelle West im Spanischen Viertel von Neapel und weiß Rat, wo andere die Segel streichen. Dabei hilft ihr eine große Prise Verrücktheit. Mina steht denen zur Seite, die weniger Glück hatten als sie. Denn das Leben hat es gut gemeint mit ihr und tut es noch, sieht man von der eisigen Kälte ab, die in diesem Winter in Neapel herrscht, und von Minas zwei Dauerproblemen: Das erste ist ihre unausstehliche Mutter, das zweite ein körperliches Merkmal, das Mina mehr Aufmerksamkeit beschert, als ihr lieb ist. Aber all das zählt jetzt nicht: Die Sozialarbeiterin bekommt es mit der mächtigen Familie Contini zu tun, deren Einfluss bis in die dunkelsten Gassen Neapels zu reichen scheint. Mina nimmt den Kampf auf, unterstützt von ihren besten Freundinnen und ihrem heimlichen Schwarm, dem Arzt Domenico Gammardella, während zeitgleich ihr Ex-Mann, Staatsanwalt De Carolis, einen Todesfall untersucht. Ein älterer Literaturprofessor ist unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen. Gibt es eine Verbindung zwischen Minas Ermittlungen und denen ihres Ex-Manns?

Maurizio de Giovanni, 1958 in Neapel geboren, ist Neapolitaner durch und durch und damit natürlich auch ein Tifoso des SSC Neapel. Als junger Mann interessierte er sich allerdings noch mehr fu?r Wasserball und führte seinen Verein Volturo als Kapitän bis in die Serie A2. Nach dem frühen Tod seines Vaters verließ der studierte Altphilologe seine Heimatstadt, um bei einer Bank in Sizilien zu arbeiten. Zuru?ck in Neapel, begann er Anfang der 2000er Jahre neben seinem Job bei der Banco di Napoli mit dem Schreiben und gewann 2005 einen Wettbewerb fu?r Nachwuchsautoren. Seine Krimis um Commissario Ricciardi, angesiedelt im Neapel der 1930er Jahre, und die Romane um den im heutigen Süditalien ermittelnden Ispettore Lojacondo wurden in zahllose Sprachen übersetzt und von der Kritik gefeiert. De Giovanni ist verheiratet und Vater zweier Söhne.
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4


Wie immer bot Mina der Weg zu ihrer Arbeitsstelle Gelegenheit zu tiefsinnigen Betrachtungen über Leben, Schicksal und die Welt als solche. Dies hatte zwei Gründe.

Zum einen hatte ihr Weg zur Arbeit, was seine Dauer betraf, Ähnlichkeit mit einem Glücksspiel. Sofern die Anschlüsse im Nahverkehr klappten und nur wenig Verkehr auf der Straße herrschte – was in elf Jahren ganze zwei Mal vorgekommen war –, dauerte er eine Viertelstunde. Wenn aber etwas Außergewöhnliches anstand, war Mina bis zu zwei Stunden unterwegs. Dank des kreativen Chaos in der Stadt war die zweite Variante eindeutig die wahrscheinlichere. Deshalb verließ sie das Haus in der Regel eher zu früh als zu spät, weil sie im Büro lieber noch in Ruhe etwas las oder telefonierte, statt atemlos die letzten zweihundert Meter den Hang hochzuhetzen.

Der zweite Grund lag darin, dass diese Einsamkeit am frühen Morgen stattfand und man ihrer Ansicht nach zu dieser Uhrzeit am besten die kommenden Tage, Monate oder gar Jahre planen konnte.

Dem eisigen Wind an der Bushaltestelle versuchte Mina mit dem hochgeschlagenen Kragen ihres unförmigen Mantels und einer bis zu den Augen heruntergezogenen Wollmütze zu trotzen. Vielleicht half das ja, ihre noch immer leicht verschlafenen Gehirnzellen zu reaktivieren. Auf jeden Fall musste sie herausfinden, inwieweit die Umstände ihres Aufwachens Aufschluss über die kommende Woche geben würden.

Mina machte sich keine Illusionen über sich selbst und ihr Dasein. Im Gegenteil, sie hielt sich eher für eine Pessimistin, weil sie immer vom Schlechtesten ausging, wie ihre Freundinnen ihr ständig vorhielten. Was allerdings im krassen Widerspruch zu den Entscheidungen stand, die aus ihr den Menschen gemacht hatten, der sie geworden war.

Wäre sie wirklich Pessimistin gewesen, hätte sie als brillante Studentin, der alle möglichen gut dotierten Positionen offen standen, einen anderen Berufsweg eingeschlagen. Sie aber hatte die Welt verändern wollen und war im ärmsten Viertel der ganzen Stadt Sozialarbeiterin geworden, bei einem Monatsgehalt von zweitausend Euro, die ihr ebenso unwillig wie unregelmäßig ausgezahlt wurden.

Wäre sie wirklich Pessimistin gewesen, hätte sie ihre Ehe aufrechterhalten, statt am selben Tag, an dem ihr bewusst geworden war, dass sie dieses triste Grau keinen weiteren Monat aushalten würde, die Brocken hinzuwerfen – und das ohne einen Liebhaber, wie ihre Mutter ihr bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb.

Wäre sie wirklich Pessimistin gewesen, hätte sie sich in dem herrschaftlichen Viertel ihrer Jugend eingeigelt, weiterhin Buraco gespielt und Cocktails geschlürft und wäre von einer Zwölf-Meter-Jacht auf die nächste gehüpft, wie ihre Freundinnen, die nicht verstehen konnten, warum der Rest der Stadt, wenn es schon kein Brot zu essen gab, nicht auf Brioches umstieg.

In Wirklichkeit, sagte sie sich mit klappernden Zähnen, während hinter der schönsten Bushaltestelle der Welt auf spektakuläre Weise die Sonne über Meer und Hügeln aufging, in Wirklichkeit bin ich überhaupt keine Pessimistin, liebe Freundinnen und liebe Mama. Ganz im Gegenteil.

Nach einer akzeptablen Verspätung von einer Viertelstunde, die ihr wegen des eisigen Windes aber wie Stunden vorkam, tauchte der Bus auf. Er war schon jetzt überfüllt. Ein schlechtes Zeichen. Trotzdem gelang es ihr, sich noch in das Gefährt zu quetschen, was wiederum ein gutes Zeichen war. Der Tag versprach, vergleichsweise ausgeglichen zu werden.

Mit zweiundvierzig Jahren hätte sie wahrscheinlich längst Bilanz ziehen und die entsprechenden Konsequenzen ergreifen müssen. Beispielsweise hätte sie sich fragen müssen, warum sie noch immer in dem Zimmer ihrer Teenagerjahre lebte, das etwa ein Viertel so groß war wie der Kleiderschrank ihrer ehemaligen Banknachbarin Lulú. Sie hätte sich in Liebesdingen engagieren müssen, wenn sie nicht, wie ihre Mutter ständig unkte, für den Rest ihres Lebens Single bleiben wollte. Vor ihrem geistigen Auge entstand ein so deprimierendes Bild, dass Mina jeden Gedanken an ihre Zukunft sofort unterdrückte.

Mit einer in langjähriger Erfahrung erworbenen Präzision trat sie dem hinter ihr stehenden Unbekannten auf den großen Zeh, der das Gedränge im Bus dazu genutzt hatte, sich an ihrem Hintern zu reiben, und sinnierte darüber, dass aus den beiden großen Problemen, die ihr das Leben schwer machten, mittlerweile drei geworden waren. Und statt einander aufzuheben, wurden sie immer größer und ergänzten sich immer besser.

Sie verließ den Autobus voller Wahnsinniger, um in eine U-Bahn voller Wahnsinniger zu steigen, in der sie zwei weitere große Zehen mit ihrem Absatz bearbeiten musste. Aber das entsprach dem Durchschnitt. Noch war nicht abzusehen, wie der Tag sich entwickeln würde.

Die  … Anders als normale Probleme, die man irgendwie lösen konnte, egal wie kompliziert sie auch waren, ging das bei den nicht. Sie warfen ihre Schatten auf die lichten Seiten des Lebens und verdunkelten auch diese.

Problem Nr. 1 war Concetta, ihre Mutter. Das erzwungene Zusammenleben, bedingt durch Minas miserables Gehalt als Sozialarbeiterin. Die durch Alter und Unbeweglichkeit noch potenzierte Boshaftigkeit der Frau. Ihre unüberbrückbar unterschiedlichen Wertesysteme … Mina kam in jeder Hinsicht nach ihrem verstorbenen Vater, einem herzensguten Mann und Mediziner, der von Concetta mit heftiger Inbrunst ausschließlich »dieser Idiot von deinem Vater« genannt wurde, weil er dummerweise dazu geneigt hatte, zu arbeiten.

Problem Nr. 2 war ursächlich dafür, dass sie ihren Ellbogen in einen unbekannten Brustkorb direkt neben sich rammte, nachdem dessen Besitzer ihr ein eher zweifelhaftes Kompliment ins Ohr geraunt hatte.

Mina war eine echte Schönheit.

Doch nicht ihre Schönheit war der Knackpunkt. Schönheit kann eine aristokratische Aura verleihen, sie kann jemanden unnahbar erscheinen lassen oder sogar einschüchternd. In diesem Fall hätte sie wie eine Art Burggraben gewirkt, was Mina sehr zupassgekommen wäre. Doch dummerweise hatte Minas Schönheit eher die Wirkung einer ordentlich gebutterten, dick mit Honig bestrichenen Scheibe Weißbrot, die an einem Sommermorgen draußen auf dem Balkon auf dem Frühstücksteller lag.

Mina war aufregend. Die Zusammenstellung ihrer Gene hatte den Typ Frau aus ihr gemacht, auf den sowohl Lastwagenfahrer wie Ärzte standen, Kellner wie Steuerberater, Laufburschen wie Großherzöge. Sie konnte ihren Körper noch so sehr unter sackartigen Pullovern oder zeltartigen Mänteln verbergen wie an diesem Morgen, und doch bekamen bei ihrem Anblick fast alle Männer Stielaugen, fielen ihnen die Kinnladen herunter, lief ihnen das Wasser im Mund zusammen und wurden ihre Finger lang. Es war wie ein Exorzismus, nur umgekehrt: Kaum näherte sie sich, bemächtigte sich ein Dämon der Männer und verwandelte sie in einen Haufen nervös flimmernder, ausgehungerter Zellen, die nur ein einziges Ziel kannten.

Dieses Phänomen vertiefte nur den Graben zwischen der von ihr angestrebten Lebensweise und derjenigen, die ihre Umwelt ihr aufzwang. Ihre Mutter wollte, dass sie ihre üppigen Formen als Kapital auf dem Heiratsmarkt betrachtete; ihre Freundinnen machten sich einen Spaß daraus, sich auszumalen, welche Chancen sie an Minas Stelle gehabt hätten. Sie selbst indessen wäre nur allzu gerne flach wie ein Bügelbrett gewesen und auch ansonsten eher der androgyne Typ, um gar nicht erst Gelüste aufkommen zu lassen und stattdessen von Anfang an rein freundschaftliche Beziehungen knüpfen zu können. Doch weit gefehlt.

Minas Körper, dem offenbar sogar das fortschreitende Alter nichts anhaben konnte, war der Traum schlechthin von Pornostars und Schönheitschirurgen. Dunkle Augen, so tief wie ein Brunnen, rabenschwarze Haare (bis auf neun, wie es aussah), volle Lippen unter hohen Wangenknochen, lange Beine, glatter Hals, eine leicht gebogene Nase, auf deren Spitze eine Nickelbrille thronte, die wie eine raffinierte Beilage zur Hauptspeise wirkte: einem prächtigen Vorbau – aus der Perspektive seiner Besitzerin Problem Nr. 2 –, der sich selbst mit Körbchengröße E nicht begnügen wollte.

Endlich hatte Mina die Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln hinter sich und nahm mit raschen Schritten die steile Gasse in Angriff, die zur Beratungsstelle führte. Das war der Moment, in dem sich herausstellte, welcher Art dieser Tag tatsächlich sein würde. Denn Mina Settembre, die für sich beanspruchte, ein freier Geist zu sein, unbeeinflusst von religiösen oder philosophischen Strömungen, wie es nur die Absolventen von Klosterschulen sein können, hielt an einem Glauben unerschütterlich fest: dem an den sogenannten Scheißtag. Ein Zeitraum von vierundzwanzig Stunden, in dem getreu nach Murphys Gesetz, demzufolge alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird, ein negatives Erlebnis auf das nächste folgte.

Ausschlaggebend würde das Auftauchen oder eben Nichtauftauchen eines bestimmten Individuums im Treppenhaus der heruntergekommenen Mietskaserne sein, in der sich Minas Büro befand. Es handelte sich um den Möchtegern-Hausmeister Giovanni Trapanese alias Rudy, einen zu kurz geratenen Lustgreis, der sich bei Minas Anblick oder vielmehr dem von Problem Nr. 2 verhielt wie ein portugiesisches Hirtenmädchen angesichts einer Marienerscheinung.

Ihr Verhältnis war wie das von Raub- und Beutetier, bei dem Letzteres fest entschlossen ist zu überleben. Ein direkter Zweikampf wäre sicherlich zu Minas Gunsten ausgegangen, die...


de Giovanni, Maurizio
Maurizio de Giovanni, 1958 in Neapel geboren, ist Neapolitaner durch und durch und damit natürlich auch ein Tifoso des SSC Neapel. Als junger Mann interessierte er sich allerdings noch mehr fu¨r Wasserball und führte seinen Verein Volturo als Kapitän bis in die Serie A2. Nach dem frühen Tod seines Vaters verließ der studierte Altphilologe seine Heimatstadt, um bei einer Bank in Sizilien zu arbeiten. Zuru¨ck in Neapel, begann er Anfang der 2000er Jahre neben seinem Job bei der Banco di Napoli mit dem Schreiben und gewann 2005 einen Wettbewerb fu¨r Nachwuchsautoren. Seine Krimis um Commissario Ricciardi, angesiedelt im Neapel der 1930er Jahre, und die Romane um den im heutigen Süditalien ermittelnden Ispettore Lojacondo wurden in zahllose Sprachen übersetzt und von der Kritik gefeiert. De Giovanni ist verheiratet und Vater zweier Söhne.



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