E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Is it Love?
de Kerlan / Zamora Is it Love?
Neuauflage 2020
ISBN: 978-3-7367-9892-2
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Carter Corp: Matt
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Is it Love?
ISBN: 978-3-7367-9892-2
Verlag: Panini
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
In der düster-romantischen Gaming-App-Reihe 'Is it Love?' von Ubisoft werden die Spielerinnen selbst zu Regisseurinnen. Aus einer Reihe von Möglichkeiten, müssen die Gamerinnen auswählen, wie die spannenden Storys aus dem Bereich Mystery-Romance weitergehen sollen. Panini präsentiert den zweiten Roman zur jüngsten Erfolgsgeschichte der Düsseldorfer Game-Schmiede.
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2
Matt
Kaum haben wir das Gebäude verlassen, entfernt sich Emma von mir. Mit geschlossenen Augen scheint sie sich in ihre eigene Welt zu flüchten. Sie legt ihre Hand in den Nacken und wirft ihre Haarpracht nach hinten, dann hebt sie langsam das Gesicht in Richtung Himmel. Mit einem Seufzer zwingt sie sich, ihre Schultern zu entspannen.
„Wie wäre es mit einem Drink? Es gibt eine tolle Bar in der Nähe …“
Ich spreche laut und mit Begeisterung, um sie wieder ins Jetzt zurückzuholen, in meine Welt. Meine Bemerkung scheint ihre kleine Blase der Einsamkeit zerplatzen zu lassen, und sie wirft mir einen prüfenden Blick zu, während sie den Kopf zur Seite neigt. Ihre Haare gleiten wie ein Wasserfall in einer Bewegung um ihr Gesicht und rahmen es ein. Ich liebe es.
Ich gebe zu, Emma ist ziemlich süß, auf ihre Art und Weise. Natürlich, dynamisch, schlagfertig und voller Leben. Und in ihrem Job kennt sie sich aus. Nun … außer heute.
„Danke, Matt“, antwortet sie, „aber das interessiert mich nicht wirklich. Die ganzen Leute und all das, weißt du …“
„Sag doch gleich, dass du meine Gesellschaft nicht magst!“
Sie kneift ihre Augen zusammen. Ich lache sie an, um sie herauszufordern.
„Nein, das hat nichts mit dir zu tun, das versichere ich dir, aber …“
„Hey! Ich mache doch nur Spaß, Emma, entspann dich“, beruhige ich sie sofort.
Mit diesen Worten schaffe ich es, ihr den Anflug eines Lächelns aufs Gesicht zu zaubern.
„Matt, das ist nett, aber … es ist nicht der richtige Tag, verstehst du?“
Ein Nebel der Traurigkeit trübt ihre normalerweise so strahlenden Augen.
„Ich glaube, ich gehe heim“, fügt sie leise hinzu. „Sehen wir uns morgen?“
Schon läuft sie die Straße runter. Ich denke eine Sekunde nach oder zwei, mehr nicht. Mein Motorrad steht sicher in der Garage. Ich könnte es später abholen. Also treffe ich eine Entscheidung.
„Emma!“
Mein Schrei erregt nicht nur ihre Aufmerksamkeit, sondern auch die der anderen New Yorker. Gleichgültig gegenüber den überraschten Blicken, die ich auf mich gezogen habe, beeile ich mich, zu ihr aufzuschließen. Sie werden sowieso schnell wieder mit etwas anderem beschäftigt sein.
„Na gut, lass uns die Bar vergessen! Du hast bestimmt auch was zu trinken bei dir zu Hause?“
„Etwas … etwas zu trinken?“
Emma runzelt etwas verwirrt die Stirn. Ich hebe meine Hände und zwinkere ihr zu, in der Hoffnung, nicht zu übertreiben.
„Na ja … einen Drink halt!“
In ihrem hübschen kleinen Kopf macht es Klick und ein blasses Lächeln zeichnet sich auf ihrem Gesicht ab.
„Endlich ein Lächeln! Wir machen Fortschritte! Ein edler Ritter, der dich nach Hause begleitet, ist das nicht verlockend?“
Mit einer leicht albernen Verbeugung biete ich ihr meinen Arm an. Ich neige meinen Kopf und zeige mit meinem Kinn in Richtung Straße.
„Gehen wir?“
Sie betrachtet mich amüsiert und nickt langsam, bevor sie sich in meinem Arm einhängt. Ich passe mich ihrem Schritt an.
***
Das Erste, was mir beim Betreten ihrer Wohnung auffällt, ist ein Gefühl der Ruhe. Ihre Wohnung ist nicht sehr groß – ein bisschen wie meine – aber die großen Fenster und die wenigen, gekonnt arrangierten Möbel geben mir sofort den Eindruck, an einem friedlichen Ort zu sein. Hier fühlt man sich wohl.
Das Zweite, was mir auffällt, nur kurz nachdem ich die Türschwelle überschritten habe, ist das große Fellknäuel, das mir entgegenläuft.
„Hallo!“
Ich stolpere, überrascht, angesprungen zu werden.
„Was ist denn das für ein Ding?“
Emma dreht sich um und lässt ihre Tasche auf die Couch fallen.
„Bambus!“, ruft sie. „Bambus, aus!“
Das Fellknäuel zappelt vor meinen Füßen herum, bevor es genauso plötzlich, wie es mich angesprungen hat, wieder von mir ablässt, um sich vor die Füße seines Frauchens plumpsen zu lassen.
„Bambus …“, seufzt Emma, während sie in die Hocke geht.
Der Hund – denn es ist ein Hund, zwar voller Haare, aber ganz ohne Zweifel ein Hund – stellt sich auf die Hinterbeine, um sie stürmisch zu begrüßen. Sanft streichelt Emma ihn, bevor sie ihn vorsichtig wegschiebt.
„Genug, Bambus“, befiehlt sie. „Beruhige dich, wir werden später Gassi gehen.“
Fügsam wedelt das Tier mit dem Schwanz, bevor es zu seinem Körbchen geht und es sich dort bequem macht.
„Du hast also einen Hund?“, kommentiere ich ganz unschuldig. „Bambus, was?“
„Ja. Das ist ein ziemlich außergewöhnlicher Name, aber … so heißt er nun mal. Bambus.“
Der Genannte hebt den Kopf und spitzt die Ohren, als er seinen Namen hört.
„Ruhig, Bambus“, fügt Emma hinzu.
Mit einer Art Jaulen legt das Tier den Kopf auf seine Pfoten. Seine verschiedenfarbigen Augen starren mich an, ohne zu zucken. Genau wie die seines Frauchens, die mich schweigend abschätzt.
„Ich biete dir also ‚ein Glas‘ an?“
„Wenn du etwas da hast … aber nur eines. Gläser vertrage ich nämlich nicht ganz so gut.“
Emma lacht und geht dabei in ihre kleine Küche, während ich meine Sachen auf ihre Couch werfe und mich auf einen Stuhl setze.
Kurze Zeit später stellt sie ein Glas vor mich, auf dem kleine rosa und lila Gummibärchen abgebildet sind.
Zu süß, kommentiere ich ausdruckslos. Die habe ich noch nie gegessen.
Sie gießt Cola in das Glas und ich danke ihr.
„Du hättest mich nicht begleiten müssen“, sagt sie zu mir, während sie sich auch etwas einschenkt.
„Bei dem Gesicht, das du gezogen hast, hatte ich keine andere Wahl! Wenn ich nichts getan hätte, hättest du morgen sicher der ganzen Abteilung Angst eingejagt und Gabriel hätte geschimpft!“
„Matt!“
Dieser gespielte Schrei der Empörung entlockt mir ein Lächeln, das mir aber gleich wieder vergeht, als sie meinen Arm mit ihrem Handrücken schlägt. Allem Anschein zum Trotz hat sie viel Kraft, die Kleine!
Emmas Blick verfinstert sich. Sie geht an mir vorbei und lässt sich auf ihre Couch fallen, neben meine Sachen.
„Und was, wenn du mir einfach erzählen würdest, was los ist“, biete ich mit leiser Stimme an.
Emma antwortet zunächst nichts. Mit dem Rücken zu mir scheint sie zu einer Salzsäule erstarrt. Sie hat sich sogar kaum bewegt, als sie ihre Schuhe ausgezogen hat. Ich habe viel Zeit, um ihren Kopf und ihren Hals im Detail zu betrachten, während ich mich frage, welche Gedanken dort gerade vor sich gehen. Gleichzeitig schaue ich mich in ihrer Wohnung um:
Ein Einzelbett direkt unter den großen Fenstern, ein Sofa, das etwas älter wirkt, aber einladend, ein kleiner Fernsehtisch mit einem altmodischen Gerät darauf, ein paar Bücher, ein Schrank, einige Schmuckstücke, Fotos … die bescheidene und sympathische Einrichtung eines bescheidenen und sympathischen Mädchens …
„Manche Tage … sind schmerzhafter als andere“, flüstert sie schließlich, als ich schon anfange zu glauben, dass sie mir nicht mehr antworten wird.
Ich zögere nachzuhaken. Manchmal verschließen sich die Menschen wie Austern, wenn man nach Einzelheiten fragt. Jedenfalls ist das bei mir so. Also sage ich lieber nichts und warte darauf, dass sie entscheidet, ob sie darüber reden will oder nicht. Schließlich beginnt sie zu reden, nach einem weiteren langen Moment der Stille.
„Heute, weißt du … heute ist es genau sechs Monate her … dass meine Mutter gestorben ist.“
Ich unterdrücke einen Aufschrei und beiße mir auf die Lippen. Ihr unglaublich trauriger Ton macht, dass die Erinnerungen, die ich tief in mir vergraben hatte, wieder nach oben kommen. Ich schiebe dieses aufsteigende schmerzhafte Gefühl weit weg und rutsche näher an sie ran.
Ich lege meine Sachen weg, nehme deren Platz ein, lege ganz spontan meinen Arm um sie und ziehe sie an mich. Emma lässt sich zu mir gleiten, bis sie an meiner Schulter lehnt. Es ist schön, sie so an mich gedrückt zu fühlen. Ich gebe ihr einen Augenblick Zeit, um wieder von mir wegzurücken, um mich wegzustoßen, wenn sie das will … aber da sie das nicht tut, lege ich meinen Arm noch fester um sie. Sie braucht Trost, das fühle ich. Und ich glaube, dass es mir an ihrer Stelle gut tun würde, so umsorgt zu werden.
Doch gleichzeitig …
Nein. Stopp. Ich halte meine rasenden Gedanken an, um mich auf Emma zu konzentrieren.
„Willst du darüber reden?“
Ich nehme ein unsicheres Zucken ihrer Schultern wahr und seltsamerweise trifft mich das direkt ins Herz.
„Willst du hören, wie ich über mein schweres Schicksal heule?“
Spontan bricht ein Lachen aus mir heraus und sofort bereue ich es. Der Verlust eines Elternteils ist tragisch, das weiß ich schließlich selbst.
„Nun … wenn du dich danach besser fühlst …“
Sie löst sich kurz, um mich verwirrt anzusehen.
„Ich versichere es dir!“, bestehe ich darauf.
„Red keinen Quatsch“, widersetzt sie sich mir schwach.
„Ich bin mir sicher, dass du viel interessantere Dinge zu tun hast. Schau mal, Matt, das ist sehr nett, aber …“
Ein Klingelton unterbricht sie. Mein Handy. Verwirrt rücke ich von ihr ab, um meine Taschen zu durchsuchen. Nichts. Dann erinnere ich mich, dass ich es in meinen Rucksack gesteckt habe. Ich strecke den Arm aus, um ihn mir zu schnappen, und wühle...




