de Lisle | Das Jahr der Seefreundinnen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

de Lisle Das Jahr der Seefreundinnen

Roman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-738-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Roman

E-Book, Deutsch, 376 Seiten

ISBN: 978-3-98690-738-9
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Sie sind immer da, wenn du sie brauchst: Der berührende Roman »Das Jahr der Seefreundinnen« von Anne de Lisle jetzt als eBook bei dotbooks. Fünf Freundinnen und das Schicksal ... Karen ist das Schlimmste passiert, was sie sich vorstellen kann: Ihr Mann ist bei einem tragischen Unfall gestorben. Nun sind ihre Freundinnen für sie da, um sie zu trösten und wieder ins Leben zu holen. Gemeinsam verbringen sie lange Wochenenden am See und sprechen miteinander über ihre Ängste, ihre Hoffnungen, ihre Zukunft - und nicht nur Karen, sondern auch ihre Freundinnen gewinnen nach und nach neuen Lebensmut und Selbstbewusstsein. Werden sie so schließlich ihr Glück finden? »Herzerwärmend und herrlich romantisch!« Fantastic Fiction Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der gefühlvolle Australienroman »Das Jahr der Seefreundinnen« von Anne de Lisle wird Fans von Andrea Russo und Monika Peetz begeistern! Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks - der eBook-Verlag.

Anne de Lisle lebt mit ihrem Ehemann in einem angeblichen »Geisterhaus« in Maryborough. Ihre Romane sind international erfolgreich. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Liebesromane »Das Herz des Lairds«, »Die Leidenschaft des Lairds«, »In den Händen des Schotten« und »Tender Kiss - Ein Lord zum Verlieben«. Außerdem veröffentlichte sie ihren Freundinnenroman »Das Jahr der Seefreundinnen« und ihren Liebesroman »Wie ein Himmel voller Sterne«.
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Kapitel 1


»Ihr müsst eure Beine bewegen! Ihr müsst mit den Beinen arbeiten! Schande … schaut euch mal an. Wie zwei Wale!«

Unser Schwimmtrainer Sean steht goldbraun gebrannt und muskulös am Beckenrand, beugt sich nach vorne und ruft: »Noch mal dreißig Sekunden! Los …! Los …! Los …!«

Meine Beine schmerzen, meine Lungen sind kurz davor zu explodieren. Sie denken jetzt wahrscheinlich, ich lege mich gerade beim Olympia-Finale ins Zeug, aber lassen Sie sich nicht täuschen. Das, was ich hier mache, kann man nicht wirklich schwimmen nennen.

Laura und ich wippen am Rand des Pools und machen zum Geplärre von Shania Twains Man! I feel like a woman! schnelle Radfahrbewegungen. Über Wasser gehalten werden wir durch unter den Arm geklemmte zwei-Liter-Milchplastikflaschen, die eine nicht gerade ermutigende Ähnlichkeit mit Form und Farbe meiner Oberschenkel haben. Sean nennt uns Wale. Ich denke lieber an Pudding oder Hüttenkäse als an Walspeck. Wenn’s um meinen Körper geht, halte ich Vergleiche mit Milchprodukten für die deutlich besseren Metaphern.

»Okay, okay, meine Damen.« Sean widmet gnädigerweise für einen Moment anderen Dingen seine Aufmerksamkeit. Laura und ich hören auf zu strampeln. Unsere gequälten Beine hängen träge unter der Wasseroberfläche, das Wasser plätschert gegen das Kinn. Ich bin selbst zum Reden zu erschöpft und dankbar für die Milchflaschen, ohne die ich absaufen würde wie ein Stein. Wir schauen uns kurz in die Augen, im Leiden vereint.

Seit drei Wochen nehmen wir jetzt schon zweimal wöchentlich an der Wasseraerobic teil, wobei es die Freude an der Bewegung noch zu entdecken gilt, genau wie einen Badeanzug, der sich nicht in unsere fetten Stellen gräbt und sie dadurch anschwellen lässt. Ohne Laura würden mich keine zehn Pferde hierherbringen. Sie besitzt eine Zielstrebigkeit und Energie, die mir völlig abgehen. Um hier um sechs auf der Matte zu stehen, muss ich um fünf Uhr morgens raus, Vesperboxen für die Zwillinge füllen, eine Tasse Tee trinken, ein bisschen frühstücken, Klamotten zum Wechseln einpacken und zwanzig Minuten mit dem Auto über kurvige Bergstraßen zum Soldier’s Memorial Swimming Pool im Herzen unserer Hügelstadt Macclesfield kurven.

»Okay, meine Damen …«

Sean hat uns wieder im Visier. Wir weichen zurück und würden uns am liebsten in unseren Milchflaschen verstecken.

»Zeit zum Abkühlen.«

Ah … Zeit zum Abkühlen. Welch süßen Klang diese Worte in sich tragen. Zeit zum Abkühlen bedeutet sanfte, einfache Dehnbewegungen und gleichzeitig die Chance, sich daran zu ergötzen, wie sehr man sich doch angestrengt hat. Es heißt auf dem Rücken treiben und zusehen, wie die Morgensonne die Wipfel der Palmen vergoldet, die den Pool umgeben. Meine Muskeln entspannen sich in freudiger Erwartung.

»Ihr gebt mir eure Milchflaschen rauf und schwimmt noch eine Runde Freistil bis zum seichten Ende. Das sollte heute zur Abkühlung reichen.«

Stille. Wir verharren regungslos. Ich nehme das Plätschern des Wassers gegen mein Kinn wahr und nur ganz entfernt den Turm, der vor mir emporragt und in Wirklichkeit ein genervter, hundert Kilo schwerer junger Mann ist. »Meine Damen … bitte

Mein Griff um die Milchflaschen wird fester.

Sean wird ungeduldiger. Meuterei ist er in seinem Schwimmkurs wahrscheinlich nicht gewöhnt.

»Ich bin noch nie gekrault«, sage ich mit – wie ich hoffe – selbstbewusster Stimme. »Können wir stattdessen nicht einfach Brustschwimmen?«

Sonnengebleichte Augenbrauen bilden eine strenge, harte Linie. »Das hat keinen sportlichen Nutzen.«

»Aber ich kann nicht kraulen«, jammere ich und schaue zu Laura. »Wie schaut’s bei dir aus?«

»Genauso. Das Konzept ist an sich klar. Man muss nur mit den Beinen treten und mit den Armen strampeln, oder?«

»Kein Ding, vorausgesetzt, man kann sich zur selben Zeit auf den Kopf klopfen und den Bauch reiben.«

Unser Blick schweift auf die andere Seite des Pools, der mit parallelen Seilen abgesteckt ist. Dort verbringen die wahren Athleten ihren Morgen, ziehen ihre Bahnen, durchqueren anmutig das Wasser, um dann anmutig wieder zurückzuschnellen.

»Meine Damen. Die Milchflaschen, bitte

Laura schaut mich wagemutig an. »Wenn du’s machst, mach ich’s auch.«

Ihre Stimmung ist ansteckend. »Wir werden ja wohl kaum ertrinken.«

»Wenn alles schiefgeht, können wir ja immer noch Brustschwimmen.«

Wir starren die fünfundzwanzig Meter des Soldiers’ Memorial Pool entlang. Fünfundzwanzig Meter Niemandsland. Sieht nach einem weiten, weiten Weg aus. Aber längst nicht so weit, wie die Wege, welche die Soldaten an der Somme, bei Verdun und bei Ypres zu gehen hatten.

»Also schön«, sage ich und gebe meine kostbaren Plastikflaschen ab. »Auf geht’s.«

Ich hole tief Luft – Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh’ – und fange an, mit den Füßen auszutreten. Es vergehen einige Sekunden, bis mir wieder einfällt, dass ich ja auch Arme besitze. Dann schlage ich eine Weile ohne Erfolg wild um mich, bis der Sauerstoffmangel mich dazu bringt, mich halb auf den Rücken zu wälzen und nach Luft zu schnappen. Gleichzeitig zu treten, die Arme zu bewegen und dabei noch zu atmen erscheint mir als eine unlösbare Aufgabe. Ich besitze keine Schutzbrille und bin deshalb fast blind vom Wasser, dem Chlor und meinen eigenen Haaren, die mir wie nasse Tentakel ins Gesicht klatschen.

Ich stoße am Poolrand an und reibe meine geschrammte Schulter. Aber ich hab schon fast die Hälfte hinter mir und bin ein bisschen stolz auf mich. Laura ist weit weg, schon fast am Ziel. Also weiter. Kopf runter, Hinterteil nach oben. Das Gekicher, das an mein Ohr dringt, überrascht mich nicht, ich weiß, wie ich momentan aussehen muss. Es ist ansteckend. Aber Kichern hilft wirklich nicht dabei, die Lunge wasserfrei zu halten. Ich fange an zu würgen und muss schließlich das letzte Drittel zu Fuß antreten.

Sean lacht. Sean lacht sonst nie. Der Versuch, seine Schwimmkünste schwimmenden Vollpfosten wie uns beizubringen – heute sind aus dieser Kategorie nur zwei anwesend –, langweilt ihn zu Tode. Er unterrichtet uns mit kaum versteckter Ungeduld. Jetzt aber lacht er.

»Ich hab doch gesagt, ich bin unfähig«, maule ich. Mein Stolz ist angeknackst.

»Vielleicht hilft es, wenn du schwimmen lernst«, schleudert er mir noch über die Schulter hinweg entgegen, stolziert dann von dannen und widmet sich den wahren Athleten.

Laura und ich hängen im seichten Bereich rum, machen Dehnübungen und zickige Bemerkungen über Sean. Im Wasser fühlen sich meine Glieder anmutig und geschmeidig an; es fällt mir hier nicht schwer zu glauben, ich sei schlank, geschmeidig und bildhübsch. Hoch auf die Zehenspitzen und wieder runter. Hoch und runter, so einfach ist das. Schwanensee, ich komme.

Ein paar junge Mädchen scharen sich um den Eingang der Umkleidekabine, umarmen sich und weinen. In ihren Schuluniformen sehen sie verloren und jämmerlich aus.

»Was glaubst du, was mit denen los ist?«

»Keine Ahnung.« Laura nimmt ihre Badekappe ab und schüttelt ihr dunkles Haar aus. Es ist üppig, fast schon wuschelig, weswegen sie gerne eine Kappe trägt, um zu verhindern, dass es am Ende zu sehr verfilzt. Sie hat die Sorte Haare, die größer und breiter statt – wie bei allen anderen – länger werden. Alles an Laura, mit Ausnahme unserer drallen Körper, ist das Gegenteil von mir. Während meine Augen schmucklos und schreckhaft wirken, wenn ich sie nicht großzügig mit Mascara aufbessere, sind Lauras dick bewimpert: ein natürlicher Saum, der sie zart wie ein Reh erscheinen lässt, obwohl sie das genaue Gegenteil ist. Und ihre goldbraune Brust ist übersät mit Sommersprossen, während meine Haut eher in den eisbedeckten Norden passen würde. Von meinem Haar ganz zu schweigen …

»Du solltest wirklich eine Badekappe tragen«, sagt sie mit einem prüfenden Blick auf meine farblosen, welken Tentakel. »Wenn’s morgens kalt ist, hält sie deinen Kopf warm.«

Es versammeln sich noch mehr heulende Mädchen. Sie bilden die Hälfte des schulischen Schwimmteams, immer noch in den normalen Klamotten, ganz klar ohne Ambitionen, ins Wasser zu gehen. Laura und ich klettern aus dem Pool, schnappen unsere Handtücher – strategisch klug auf unserer Seite des Pools drapiert, um die Strecke, die wir nur in unseren Badeanzügen zurücklegen müssen, so gering wie möglich zu halten – und machen uns auf zu den Duschen. Auf dem Weg dorthin kommen wir am Kiosk vorbei, wo Cate, die Poolgöttin, gerade ihre Schicht hat.

Cate ist einige Jahre jünger als Laura und ich und fast dreizehn Zentimeter größer, hat schmale Hüften und schlanke, aber dennoch muskulöse Beine, die mir bis zu den Achselhöhlen reichen. Wenn sie sich bewegt, wippt sie anmutig, statt wie ein Holzfäller zu schwanken. Cate, das lebhafte Fohlen. Und sie beherrscht diverse ernst zu nehmende Schwimmstile. Laura und ich fühlen uns jedes Mal ganz klein vor lauter Bewunderung, wenn sie in unserer Nähe ist. Wir halten heute kurz an, um Hallo zu sagen und zu fragen, warum hier so viele weinende Jugendliche rumstehen.

»Gestern ist jemand ertrunken«, teilt sie uns mit.

Ertrunken. Was für ein Angst einflößendes, Albträume heraufbeschwörendes Wort. Ich schaue mit wachsender Beklemmung auf das kristallklare Wasser des Pools.

»Nein, nicht hier. Unten an der Küste«, sagt Cate.

Laura und ich sehen uns und dann wieder Cate an. »Ein Kind von dieser Schule?«

»Nein, der Vater von irgendjemand. Seine Kinder sind hier zur Schule gegangen. Ein Schwimmer. Er war Mitglied im hiesigen...



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