E-Book, Deutsch, 280 Seiten
de Lisle Tender Kiss - Ein Lord zum Verlieben
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-96898-226-7
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-96898-226-7
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anne de Lisle lebt mit ihrem Ehemann in einem angeblichen »Geisterhaus« in Maryborough. Ihre Romane sind international erfolgreich. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Liebesromane »Das Herz des Lairds«, »Die Leidenschaft des Lairds«, »In den Händen des Schotten« und »Tender Kiss - Ein Lord zum Verlieben«.
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Kapitel 1
England, 1804
»Sei ein liebes Mädchen, Tabitha. Gehorche deiner Tante und vergiß nicht, deine Gebete zu sprechen. Das hätten deine Eltern sich gewünscht.«
Tabitha Montecue nickte ernst. Ihr Blick hing unverwandt an Mrs. Morewells Gesicht, denn sie wußte sehr gut, dass es höchst unwahrscheinlich war, dass sie die freundliche Dame jemals Wiedersehen würde.
Mrs. Morewell beugte sich zum Kutschenfenster, öffnete es und drückte dem Kind einen Kuß auf die Wange. »Auf Wiedersehen, mein Liebes. Ich schreibe bald, um zu sehen, wie es dir geht. Gott sei mit dir.«
Tabitha konnte nicht antworten und hob statt dessen eine kleine, behandschuhte Hand, um zu winken, als die Kutsche davonrollte. Sie reckte den Hals, um einen letzten Blick auf Reverend und Mrs. Morewell werfen zu können, die auf den Stufen des Pfarrhauses standen, aber dann bog die Kutsche um eine Kurve, und sie konnte die beiden nicht mehr sehen.
Tabitha lehnte sich in der gepolsterten Kutsche ihrer Tante zurück und wandte ihr Interesse der Frau zu, die ihr gegenübersaß. Sie hieß Houghton. Mrs. Morewell hatte erklärt, dass Houghton eine Dienerin sei, die Tante Montecue geschickt habe, damit Tabitha auf die Reise zu ihr Begleitung hatte. Diese Houghton, entschied Tabitha bei sich, sah nicht allzu erfreut darüber aus, mit dieser Pflicht betraut worden zu sein. Sie saß in ihrem steifen grauen Kleid sehr gerade auf ihrem Sitz, und der mißbilligende Ausdruck ihres Gesichts deutete auf einen Charakter hin, der so unbeugsam war wie ihre Haltung.
Tabitha war immer von Menschen umgeben gewesen, die sie gemocht hatten und freundlich zu ihr gewesen waren. Menschen, die mit ihr sprachen und mit ihr spielten, aber diese Frau hatte kaum ein Wort mit ihr geredet, wenn man davon absah, dass sie sie zur Eile angetrieben hatte, als sie in die Kutsche gestiegen waren.
In diesem Moment beugte Houghton sich vor und ließ das geöffnete Kutschenfenster mit einem Knall zuschnappen. Als wenn sie Tabithas Blick auf sich spürte, betrachtete sie dann das Kind. »Wir werden mindestens zwei Tage unterwegs sein, wenn das Wetter schlecht wird, noch länger, und ich werde es nicht dulden, dass du mich belästigst. Ich hoffe, dass du in der Lage bist, dich selber zu beschäftigen.«
Das alles wurde recht brüsk geäußert, und Tabitha, die ohnehin schon Respekt vor der strengen Houghton hatte, nickte schweigend. Dann faltete sie die Hände im Schoß und sah zu, wie die Frau eine Stickerei aus ihrer Tasche zog, um hastig daran zu arbeiten und nur innezuhalten, wenn die Kutsche über eine besonders unebene Wegstrecke holperte.
Tabitha sah neugierig aus dem staubigen Fenster und bemerkte, dass sie die offene Landstraße erreicht hatten. Sie kniete sich auf den Sitz, zog sich ihr schwarzes Kleid wärmend über die Füße und betrachtete die Winterlandschaft vor dem Fenster. Sie kamen durch einige unbekannte Dörfer und fuhren an anderen Reisenden vorbei, die zu Pferd oder zu Fuß unterwegs waren. Doch allmählich wurde Tabitha müde und sank auf ihrem Sitz zurück. Sie hatte nichts zu lesen oder zu spielen mit, außer ihrer heißgeliebten Lumpenpuppe, die sie unter dem Arm hielt, und ihre Begleiterin war eindeutig nicht zum Reden aufgelegt. Also lehnte Tabitha den Kopf zurück und beobachtete die flinken Bewegungen der Nadel und der Finger der Frau. Nach einiger Zeit wurden ihr die Lider schwer, und sie schlief ein.
Tabitha Mary Montecue war gerade mal sechs Jahre und hatte in ihrem kurzen Leben noch nie eine so weite Reise gemacht. Doch Ereignisse in ihrer jüngsten Vergangenheit hatten ihre Lebensumstände drastisch verändert, und so hatte sie sich nicht beklagt, als Reverend und Mrs. Morewell sie in die Kutsche gesetzt hatten, sie ermahnt hatten, brav zu sein, und sich mit Küssen von ihr verabschiedet hatten. Ihre junge Seele, immer noch aufgewühlt von dem Verlust der beiden Menschen, die sie am meisten auf der Welt geliebt hatte, war gar nicht auf die Idee gekommen, gegen die Entscheidung zu protestieren, die sie der Obhut der Morewells entzog, denn diese Angelegenheit kam ihr angesichts des Verlustes ihrer Mama und ihres Papas nebensächlich vor.
Rupert Montecue war erst zwanzig gewesen, als er Eleanor Litherland kennengelernt und sich Hals über Kopf in sie verliebt hatte; in ein Mädchen, das so schön war wie unpassend als Braut des jüngsten Sohnes von Sir Jasper Montecue. Eleanors Vater, Reverend Litherland, war der verarmte Pfarrer eines benachbarten Sprengels, und obwohl die entzückende Eleanor die Ausdrucksweise und Manieren eines guterzogenen Mädchens besaß, wurde sie von Ruperts Familie als unpassend betrachtet. Der alte Sir Jasper hatte die Verbindung verboten.
Doch Rupert hatte die Anordnungen seiner Familie ignoriert und war davongelaufen, um seine große Liebe zu heiraten, und als Folge davon hatte er seine Verwandten nie wiedergesehen, die ihm verboten hatten, den Familienbesitz Wroxley Manor je wieder zu betreten. Dieses Verbot hatte den jungen Mann nicht allzusehr beeindruckt, da er seinen Eltern ohnehin nicht besonders zugetan gewesen war. Selbst als er erst die Nachricht vom Tod seines Vaters und kurz darauf die vom Tod seines älteren Bruders Henry erfuhr, verspürte er nicht den Wunsch, nach Hause zurückzukehren.
Henrys Frau, die neue Lady Montecue, hatte Rupert als höchst unangenehme Person in Erinnerung, die er nicht Wiedersehen wollte, geschweige denn Eleanor zumuten wollte. Da Mylady so klug gewesen war, einen Erben hervorzubringen, ehe sie Witwe wurde, verspürte Rupert auch nicht die Pflicht, nach Wroxley zurückzukehren.
Nein, er war mehr als zufrieden, dort zu bleiben, wo er jetzt war, und ein einfaches, aber glückliches Leben zu führen, Hunderte von Meilen von Wroxley entfernt und mit bescheidenem Einkommen, das er einer Stellung als Lateinlehrer an einer Jungenschule am Rande von Devizes verdiente. Wenn das Cottage, das Eleanor und er gemietet hatten, nicht das war, woran er gewöhnt war, so war ihre Liebe zueinander mehr als genug Ausgleich für ihn. Sie waren überströmend glücklich miteinander, und als knapp ein Jahr nach ihrer Hochzeit ihre Tochter zur Welt kam, war ihr Glück vollkommen.
Eleanor brachte rasch hintereinander zwei weitere Kinder zur Welt, aber beide überlebten kaum eine Woche, da sie zu früh geboren waren. Allmählich gewöhnten sie sich an den Gedanken, dass Tabitha wohl ihr einziges Kind bleiben würde, und sie wuchs zu so einem entzückenden Mädchen heran, dass sie höchst zufrieden waren.
Tragischerweise war ihnen nur wenig gemeinsame Zeit vergönnt, denn eines Tages brach in Wiltshire die Cholera aus, ergriff auch die Stadt Devizes und forderte nicht nur Eleanors, sondern auch Ruperts Leben mit dem vieler anderer. Trotz ihrer Jugend erkrankte Tabitha nicht und wurde von Reverend Morewell und seiner Frau aufgenommen, die sich lieb um das Kind kümmerten, während sie Nachforschungen nach seinen Verwandten anstellten. Es stellte sich heraus, dass Eleanor keine lebenden Verwandten mehr hatte, denn sie war ein Einzelkind und ihre Eltern waren inzwischen verstorben, doch Ruperts Familie war rasch aufgespürt. Schon bald wurden Gespräche zwischen den Morewells und der verwitweten Lady Montecue aufgenommen, und die Witwe stimmte zu, Tabitha trotz des Zerwürfnisses in der Familie aufzunehmen.
Die Reisenden verbrachten die Nacht in einem komfortablen Gasthaus, aber Tabitha war so müde, dass sie es nur gerade eben schaffte, ihre Mahlzeit aus Brot und kaltem Braten unter den wachsamen Augen der Houghton zu sich zu nehmen, ehe sie ins Bett ging. Nur widerstrebend hatte sie am folgenden Morgen erneut die Kutsche bestiegen, aber mm näherte sich die Reise ihrem Ende.
Die Kutsche bog durch ein hohes Eisentor und rollte die längste baumbestandene Auffahrt entlang, die Tabitha je gesehen hatte. Neugierig vergaß sie ihre Lustlosigkeit und preßte das Gesicht ans Fenster. Sie wußte, dass ihr Papa hier in seinem anderen Leben gewohnt hatte, ehe er Mama kennengelernt hatte – und dass er nie mehr hatte zurückkommen wollen.
Auch wenn Rupert Montecue nur selten von seinem Leben in Wroxley Manor gesprochen hatte, hatte Tabitha doch gemerkt, dass er dort nicht glücklich gewesen war und dass die Leute dort ihre Mutter nicht nett behandelt hatten. Tabitha merkte, dass sie sich plötzlich heftig nach Reverend und Mrs. Morewell zurücksehnte, deren einfacher Haushalt sie an ihr Zuhause erinnert hatte. Es war auch nahe daran gewesen, sie hatte das Cottage noch sehen können. Hier war alles fremd und so weit weg …
Die Kutsche fuhr durch eine Kurve und enthüllte den großen Augen des Kindes das Heim ihrer Vorfahren. Erstaunt blickte Tabitha hin. Sie war an die hübschen, aber einfachen Cottages von Devizes gewöhnt und hatte sich auch in ihren wildesten Träumen nicht vorstellen können, dass es ein Haus wie dieses gab.
Wroxley Manor war im klassischen Stil erbaut, und es mangelte dem Haus das gotische oder barocke Beiwerk, mit dem so viele Häuser dieser Epoche geschmückt waren. Der dunkelrote Stein hob sich deutlich gegen den klaren Winterhimmel ab und verlieh dem Haus ein drohendes Aussehen. Die weiten Wiesen rund um das Herrenhaus waren voller großer alter Eichen und Ulmen und durchaus dazu angetan, die Phantasien eines Kindes zu wecken, aber Tabitha sah sie gar nicht, denn ihr Blick hing unverwandt an dem großen Haus. Es war, entschied sie, ein häßlicher Anblick – dunkel und häßlich. Kein Wunder, dass Papa nicht hatte hierbleiben wollen, wenn er ein hübsches weißes Cottage mit Kletterrosen und Glyzinien hatte haben können.
Diese Gedanken bereiteten dem Kind Unbehagen. Tabitha warf einen Blick zu Houghton und bemühte sich, die Tränen wegzublinzeln. Aber Houghton konzentrierte sich ganz darauf, ihre...




