E-Book, Deutsch, 436 Seiten
de Lisle Wie ein Himmel voller Sterne
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-708-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Roman
E-Book, Deutsch, 436 Seiten
ISBN: 978-3-98690-708-2
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Anne de Lisle lebt mit ihrem Ehemann in einem angeblichen »Geisterhaus« in Maryborough. Ihre Romane sind international erfolgreich. Bei dotbooks veröffentlichte die Autorin die historischen Liebesromane »Das Herz des Lairds«, »Die Leidenschaft des Lairds«, »In den Händen des Schotten« und »Tender Kiss - Ein Lord zum Verlieben«. Außerdem veröffentlichte sie ihren Freundinnenroman »Das Jahr der Seefreundinnen« und ihren Liebesroman »Wie ein Himmel voller Sterne«.
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Kapitel 1
Bella, die sich der vielen Chardonnay nippenden und Tapas kostenden Gäste um sich herum bewusst war, schob ihr nur zur Hälfte verzehrtes Gericht beiseite und beugte sich über den Tisch. »Zwei Dinge«, sagte sie so leise, dass Julian sich anstrengen musste, sie trotz des Lärms der Mittagsgäste zu verstehen. »Das Erste, und das weiß bald alle Welt, ich habe beim Weekender gekündigt. Das Zweite und Beste, und nur für deine Ohren bestimmt, meine neue Berufung ... Trommelwirbel bitte ... Ich schreibe ein Buch.«
Was Julian auch erwartet haben mochte, ganz bestimmt nicht das. Er lehnte sich zurück, Überraschung und Verwirrung standen ihm ins Gesicht geschrieben.
»Warum nicht?«, meinte Bella, während sie mit dem geübten Auge einer alten Freundin seine Skepsis abschätzte. »Du weißt, dass ich in der Lage bin, einen Satz zu bauen. Und ich habe jede Menge Fantasie.«
»Hm«, stimmte er ihr zu, »reichlich.«
Sie warf ihm einen gereizten Blick zu, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Teller schenkte. »Du hättest zumindest so tun können, als seist du begeistert«, murmelte sie und stocherte in ihren sich zusammenklumpenden Fettucine marinara herum. »Es kommt ja nicht alle Tage vor, dass ein Mädchen sich so weit aus dem Fenster lehnt und nach fünf Jahren ihren Job aufgibt, um sich einen Traum zu erfüllen.«
Er beugte sich vor. »Sind wirklich schon fünf Jahre vergangen, seit du beim Weekender angefangen hast?«
»Ja.« Nachdem sie sich eine letzte Jakobsmuschel in den Mund gesteckt hatte, schob sie ihr Essen endgültig beiseite und griff nach der Weinflasche. »Fünf Jahre unterdrückter Kreativität. Fünf Jahre des Schreibens über Nachbarschaftsstreitigkeiten und verpfuschte Facelifts. Fünf Jahre, in denen man mir gesagt hat, ich brächte nichts zustande, und dann meine Ideen geklaut hat, und ich musste mir auf die Zunge beißen, um Frau PA nicht zu sagen, dass sie eine Diebin ist.«
Bella wusste, dass sie überreagierte. Sie hörte den Ärger in ihrer Stimme, doch dieser letzte Schritt war ein riesiges Unterfangen, ein verrücktes Risiko, und sie hatte sich sehnlichst eine positivere Reaktion ihres Freundes gewünscht, der sie besser kannte als irgendjemand sonst auf diesem Planeten. Sie schluckte ihre Enttäuschung hinunter und sagte: »Du denkst wahrscheinlich, ich stecke mitten in einer verfrühten Lebenskrise – nun, da wir dreißig sind –, aber es ist mir sehr ernst, weißt du?«
»Mir ist klar, dass du die Nase gestrichen voll hattest«, gab Julian zu. »Aber meinst du nicht, es wäre klüger gewesen, sich einen neuen Job zu suchen, bevor du den alten hinschmeißt?«
»Zu spät«, gab sie mit einem Lächeln zu.
»Du bist rausgestürmt, stimmt’s?«
Das Lächeln wurde breiter.
»Hast alle Brücken hinter dir abgebrochen?«
»Alle.«
Sie waren ein merkwürdiges Paar. Bella in Jeans und verblichenen, violetten Sneakers, dazu das gestufte, blonde Haar, das so aussah, als hätte es die ganze Woche keinen Kamm gesehen. Dazu passte das unglaublich verknitterte, weiche Musselinhemd, denn das Bügeln hatte noch nie auf der Liste ihrer Haushaltstätigkeiten gestanden. Dagegen wirkte Julian in seinem makellos weißen Oberhemd und der hyazinthblauen Krawatte sehr gepflegt, und sein akkurat geschnittenes Haar schimmerte kastanienbraun im hellen Sonnenlicht. Doch das waren Äußerlichkeiten, für die beide nach all den Jahren der Vertrautheit keinen Blick mehr hatten.
Offensichtlicher waren die Unterschiede in den Persönlichkeiten. Die Tatsache, dass sie beide am gleichen Tag geboren waren – Bella zwei Stunden früher, was ihr einen Altersvorsprung gab, den sie schamlos auszunutzen versuchte, als sie noch Kinder waren –, lieferte den Kritikern der Astrologie starke Argumente. Da ihr Sternzeichen die Waage (sehr ausgeglichen, Sinn für Gerechtigkeit) und im chinesischen Horoskop die Schlange (leidenschaftlich, charmant, gut informiert) war, dem in der ägyptischen Mythologie der Gott Horus und bei den Maya der Gott Zotz zugeordnet waren, hätten ihre Charaktere eigentlich übereinstimmen sollen. Sie taten es aber nicht ... Julian würde es nun nach allem, was sie ihm erzählt hatte, reizen, sie impulsiv zu nennen, sie daran zu erinnern, dass sie nicht mehr zwölf, sondern mit dreißig Jahren erwachsen sei und damit auch die Verantwortung einer Erwachsenen trüge.
Bella betrachtete sein blasses, klares Gesicht und die starken, schlanken Finger, die gegen den Stiel des Weinglases klopften. Er war immer so ruhig, so sicher, so ganz anders als sie. Julian gehörte zu der Sorte Mensch, die einen Fünfjahresplan machte, dann einen Zehnjahresplan und sich unerschütterlich daran hielt. Eine Zukunft, die so durchgeplant war wie alles in seinem Leben und so geradlinig wie sein Charakter. Es war seine Art zu verhindern, dass sich Risse bildeten. Auf diese Weise hatte er sein Selbstvertrauen entwickelt.
»Es gibt ja noch andere Zeitschriften«, meinte er. »Du hast viele Jahre als Kolumnistin vorzuweisen, da bekommst du bald woanders eine Stelle.«
Hatte er nicht verstanden? »Ich will doch allein arbeiten. Keine Bürointrigen, keine Hinterhältigkeit mehr. Nicht mehr vor einer größenwahnsinnigen Chefredakteurin strammstehen. Nicht mehr meine Aussagen so zurechtstutzen, dass sie den Vorstellungen eines anderen entsprechen.«
Obwohl Bella zunehmend frustriert war, verstand sie, warum er diesen Schritt mit Misstrauen betrachtete. Er schmeckte nach einem Rückfall in die Zeit, als sie im Alter von sechzehn von zu Hause abgehauen und das Leben ein fürchterlicher Kampf ums Essen und ein Dach über dem Kopf gewesen war. Er hatte all das miterlebt, und auch wie sie sich an einem TAFE-College einschrieb, um endlich ihre Schulausbildung abschließen und sich um einen Platz an der Universität bewerben zu können. Er hatte sie bei ihrem Abschluss unterstützt und dann ihren Triumph geteilt, als man ihr die Stelle beim Weekender anbot. Und doch war Julian entgangen, dass ihre Zeit beim Weekender ihre Freiheit auf eine Art beeinträchtigt hatte, wie sie es sich vorher nicht hätte ausmalen können.
Manchmal hatte sie jedoch gerade in den Momenten der Freiheit (von zu Hause fortgehen, Primrose ihre Kündigung vor die Füße werfen) das seltsam flüchtige Gefühl, dass es etwas Wichtiges gab, das sie wissen musste, und das sie eigentlich schon wusste, das aber nicht greifbar war. Als ob die Augenblicke der Freiheit oder der Lust etwas in einem Winkel ihres Bewusstseins weckten, das sie normalerweise streng unter Verschluss hielt. Das machte ihr ein bisschen Angst. Als würde sie ein Schatten aus einer anderen Dimension berühren. Es gab nur sehr wenig, was sie vor Julian geheim hielt, aber das würde sie ihm nie anvertrauen – er würde denken, sie wäre durchgeknallt. Vielleicht hätte er damit sogar recht.
»Willst du meine Meinung hören?«, fragte er und beförderte sie zurück in die Realität.
»Darum erzähle ich es dir.«
»Schreib dein Buch, wenn du meinst, dass du es musst. Aber denk dran, selbst wenn du einen Verleger findest, was angesichts der Konkurrenz in dieser Branche ehrlich gesagt fraglich ist, wird es sehr lange dauern, bis du Geld zu Gesicht bekommst. Trotzdem muss deine Hypothek noch abbezahlt werden. Such dir also einen Job, bei dem du nicht unter Druck stehst und eine vernünftige Arbeitszeit hast. Bei dem du die Arbeit nicht jeden Tag mit nach Hause nimmst. Dann kannst du abends ohne Ablenkung schreiben. So ein Job wird nicht gerade gut bezahlt sein«, fügte er, plötzlich lächelnd, hinzu, »aber ich kann dir jederzeit ein Abendessen kochen, wenn du zu dünn wirst.«
Sein Lächeln war ansteckend, sie fühlte sich schon besser. »Aber deine Zustimmung würde mir helfen«, warnte sie, »also bitte keine harten Urteile fällen!«
Er rückte etwas vom Tisch weg. »Dich verurteilen? Wann habe ich das je getan?«
Sie gluckste vor Lachen. Wenn er wollte, war Julian ein Meister darin, ihre Stimmung zu heben. Sie zählte an den Fingern ab: »Zum Beispiel beim Anblick meines unordentlichen Kühlschranks, der mangelnden Planung meiner Finanzen – außer beim Kauf meiner Wohnung, den hast du befürwortet –, des Zustands meines Autos, der Männer, die ich mir aussuche ...«
»Na ja ...«
»Untersteh dich!«
Er ließ das Thema fallen. Manches war immer noch tabu. »Also«, fragte er, um wieder auf sichereres Terrain zu gelangen, »wann fängst du mit dem Buch an?«
»Habe ich schon.« Eigentlich war sie schon mittendrin. Die Ideen wirbelten ihr seit Jahren im Kopf herum, und jetzt, da sie Zeit hatte, würde ihr die Sache nur so von der Hand gehen. Doch das musste sie ihm ja nicht auf die Nase binden.
»Hätte ich mir denken können. Du hattest immer schon weniger Geduld als ein Hund, der sich auf sein Fressen stürzt.«
»Netter Vergleich. Ein gieriger Hund.«
»Hm. Das struppige Haar vervollständigt das Bild«, neckte er sie, obwohl er sich bewusst war, dass ihre achtlose Art, sich zu kleiden, und das ungepflegte Haar keineswegs die Tatsache verdecken konnten, dass Bella eine extrem hübsche Frau war. Ihre Pfirsichhaut, die klaren grauen Augen und ihr breites Lächeln nahmen einen für sie ein und hielten einen in ihrem Bann. Wenn sie nicht da war, war alles anders. Als würde sich ein Gazeschleier über die Welt legen, dachte er, der die Sinne dämpfte, sodass nichts mehr strahlte oder gut schmeckte, und die Musik nicht mehr melodisch klang. So war es seit jeher gewesen, obwohl es ihm manchmal, in Anbetracht der lieblosen und chaotischen Familienverhältnisse, in denen sie aufgewachsen war, wie ein Wunder vorkam, dass ihr Lächeln überlebt hatte. Wobei sie in...




