E-Book, Deutsch, 228 Seiten
de Mars Pratomagno
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-3074-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Unterholz der Moderne
E-Book, Deutsch, 228 Seiten
ISBN: 978-3-7534-3074-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara de Mars studierte in München Germanistik, Theaterwissenschaften, Internationales Recht und Medienmarketing, arbeitete bei Zeitungen, Zeitschriften und fürs Fernsehen. Seit über zwanzig Jahren lebt sie in Italien, die längste Zeit davon im "goldenen Dreieck" der Toskana zwischen Florenz, Arezzo und Siena. Erschienen sind zuletzt unter anderem "Valdarno - geheimnisvolle Toskana" (BoD) und "Lesereise Florenz" (Picus Verlag).
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II.
Ich sah den Berg nicht, auf den ich zuhielt, denn die Nacht war pechschwarz und das sicher vorhandene Licht der vereinzelten Häuser am Hang vermochte den Regen, der nun wieder eingesetzt hatte, nicht zu durchdringen. Langsam aber stetig führte die Straße nach oben. Mir fiel ein, dass ich im selben Alter wie Poggio in die Ewige Stadt gezogen war. Die römische Luft in den breiten Boulevards war weich und süßlich – was bisweilen an den diskret gestapelten Abfalltüten am Straßenrand liegen mochte. Dagegen war mir die Florentiner Luft immer griesig und gleichzeitig schneidend erschienen, sie definierte die Formen der Dinge. In Rom war alles fließend und der römische Dialekt hatte sich der Luft ausgezeichnet angepasst. Die charakteristischen »« und »« kamen den Römern sahnig weich über die Lippen, hinter denen sonst die geliebten verschwanden. Rom war eine Verheißung.
Eine mittlerweile sehr alte Dame hatte mir erzählt, wie sie in ihrer Jugend bei Nonnen an der Piazza Navona untergekommen war. ‘In der Katholischen Kirche gibt es keine schnellen Veränderungen’, dachte ich bei mir und kaum in Rom angekommen, lief ich stracks zu besagter Piazza, fand in der Via dell'Anima Nonnen und läutete. Als sie öffneten, sagte ich ihnen, sie seien mir empfohlen worden. Sie waren nicht verwundert und meinten, die nächsten Wochen könne ich bei ihnen bleiben. So kam es, dass ich direkt hinter dem linken Glockenturm von S. Agnese wohnte. Erst viel später fand ich heraus, dass alles ein Irrtum gewesen war. Die teutonische Gemeindekirche, die 1398 extra für deutschsprachige Pilger gegründet worden war und die die alte Dame gemeint hatte, lag nämlich schräg gegenüber. Anstatt in der »Heimat« an einem »wichtigen und gesicherten Platz«, wie die Webseite des Pilgerbüros versprach, war ich bei der italienischen Konkurrenz gelandet.
An Rom waren es nicht die Ruinen und schon gar nicht Poggio, die mich damals interessierten. Stattdessen liebte ich das Jetzt und jeden losen Pflasterstein der Stadt. Um meine Fußknöchel nicht zu riskieren, kaufte ich allerdings zuerst bequeme Schuhe. Alles schien mir groß, würdevoll und pastellig. Ich beobachtete Männer in Uniform, die gepardengleich aus blauen Autos sprangen und Figuren in dunklen Anzügen die Wagentür aufhielten. Diese stiegen dann in Zeitlupe aus den Fonds, meist waren es Männer und selten Frauen. Entweder hatten sie ihre Augen weit aufgerissen wie Kinder, oder aber ihre Lider senkten sich schwer halb herab wie ein Vorhang, damit sie unschuldig wirkten. An den Augen jedenfalls erkannte man, dass es Politiker waren. Obwohl es offensichtlich Theater war, erweckte das sich ständig wiederholende Schauspiel dennoch den Anschein von unmittelbar stattfindender Wirklichkeit. Selbst die von Autoabgasen schwarze Patina der Monumente schien der mühsam über Jahrhunderte erworbenen Dekadenz angemessen. Nur in Rom und im Theater war der Zufall stets präsent und Teil des Stücks, das gespielt wurde.
Bevor ich nach Rom fuhr, hatte ich gerade meine Abschlussarbeit an der Universität fertig gestellt. Sie handelte von der Figur Friedrichs des Großen in der deutschen Literatur. Das einzige, was ich nach langem Studieren schließlich begriffen hatte, war, dass jeder über »den Alten Fritz« dachte, wie es ihm gerade in den Kram passte. Manchen galt er als reaktionär, anderen als aufgeklärt, verzopft oder fortschrittlich, Kriegshetzer oder Schöngeist. Als der alte noch der junge Fritz war, hatte er einen Busenfreund namens Katte. Eines Tages entfloh der damalige Kronprinz Friedrich dem rigiden Regiment seines Vaters und es wurde offenbar, dass Katte in die Flucht eingeweiht war. Der Prinz wurde gefasst, sein Freund als Mitwisser hingerichtet. Der erste waschechte Römer, den ich auf meinen ziellosen Streifzügen auf weichen Gummisohlen zwischen Forum Romanum, Piazza di Spagna und Pantheon zufällig kennenlernte, hieß Katte. Ich weiß, das klingt unglaubwürdig, aber in Rom hängt nun mal alles am Glauben und bei meinem Aufenthalt rissen derart merkwürdige Zufälle nicht ab.
Ein andermal hatte ich vielleicht schwer gegessen, jedenfalls träumte ich eines Nachts sehr plastisch von kleinen tolkienschen Kobolden mit übergroßen Ohren, knolligen Nasen und verzerrten Mündern. Als ich am Tag darauf am Campo de’ Fiori durch unbekannte Straßen streunte, bekam ich Durst und stieß die Tür zur nächsten Bar auf, um mir Wasser zu besorgen. Der Raum war vollkommen ausgemalt mit Tolkiens Gollums. Später versuchte ich oft, die Bar wieder zu finden, aber es gelang mir nicht. Ich verlor mich schnell in dieser eigentümlichen Stadt. Die Tage vergingen mit Staunen über kleine Dinge wie die lautstarken grünen Papageien in den Bäumen um die Villa Borghese. Gerne lauschte ich den Intrigen, die an den eng stehenden Nachbartischen der Cafés gesponnen wurden und überlegte, wie sie wohl ausgehen mochten. Auch für Poggio verstrichen die römischen Jahre im Nu.
*
Tatsächlich ergatterte er sofort einen Posten als Sekretär für einen im Kirchenrecht wie in der Literatur versierten Kardinal Landolfo Maramaldo aus alter, neapolitanischer Familie, der nebenbei Sinekuren häufelte, wie so ziemlich alle im Dunstkreis des höchsten Kirchenamtes. Poggio fiel im päpstlichen Ambiente schnell auf, weil er gut, schnell und mit Verstand arbeitete. Bereits wenig später gelang es ihm deshalb, an die Kurie von Papst Innozenz VII. als Schreiber zu wechseln. Die Aufgabe forderte ihn und der junge Valdarneser begann zu verstehen, wie Diplomatie funktionierte. Innozenz war den Humanisten gegenüber aufgeschlossen und richtete an der römischen Universität einen Lehrstuhl für Griechisch ein.
In seinen freien Stunden streifte der junge Schreiber durch Rom, mit Vorliebe zum Forum Romanum und überall dorthin, wo antike Inschriften herumlagen, die er dann umgehend notierte. Als er die Zitate schließlich an Salutati sandte, meinte der augenzwinkernd, Poggio schaffe es noch, die gesamten Texte Roms zusammen zu tragen. Oft waren es Fragmente, die er fand, und die Lücken entzündeten seine Neugier. Gehässige Stimmen behaupteten dagegen, Poggio sei deshalb so gern ums Forum gestrichen, weil dort Prostituierte warteten. Der agile Sekretär mit den wachen Augen hatte tatsächlich einen Schlag bei Frauen. Und wenn sie sich über ihn lustig machten, wie er durch stachelige Gebüsche krabbelte und in eingestürzten Bauten nach antiken Überresten suchte, nahm Poggio es mit Humor. Auch das gefiel den Frauen. Er hatte die seltene Gabe, im physischen Sinne präsent zu sein und war ein witziger und unterhaltsamer Charmeur, der sich allerdings auch schnell langweilte. Mehr als alles liebte er seine Freiheit und sah die Dinge pragmatisch: »Einmal fragte einer die Frau, warum stets der Mann um die Frau warb und nicht umgekehrt – es erschien ihm komisch, da doch beide den gleichen Gefallen am Koitus hätten. Darauf antwortete sie:‘Man weiß ja, dass Frauen immer bereit sind, Männer dagegen nicht. Wir würden die Männer also oft frustrieren’.«
Während Poggio Tag für Tag in der Kurie nach Diktat schrieb und Briefe aufsetzte oder kopierte, fiel ihm immer deutlicher das Schriftbild ins Auge. Noch zu Florentiner Zeiten hatte er darüber mit Niccoli diskutiert. Nun erinnerte er sich an Petrarcas Kritik, dass die Texte zu wenig lesbar seien. Schließlich nahm Poggio die karolingische Minuskel, die er in Salutatis Büchern gefunden hatte. Die Wörter waren rund und gut voneinander abgesetzt mit Ober- und Unterlängen, wobei fette Striche mit feinen kontrastierten. Die römischen Inschriften, die überall an Häusern, Bauklötzen und im Gras herumlagen, gaben das Vorbild für Überschriften, Kapitelanfänge und Großbuchstaben. So bastelte Poggio aus den verschiedenen Buchstabentypen und Stilen langsam eine neue Schriftart, die er fortan benutzte. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wählte der venezianische Buchdrucker Aldo Manuzio Poggios Lettern als grafisches Vorbild für den Buchdruck. Seine Type war eine wichtige Grundlage für das, was bis heute in der westlichen Welt unter dem Namen verwendet wird. Nur bei den Deutschen dauerte es länger, bevor sie von der gotischen Fraktur ließen, aber gute 500 Jahre später akzeptierten auch sie, Inhalte nicht gebrochen, sondern harmonisch rund und lesbar zu schreiben. Weder Poggio selbst, noch die Nachwelt merkte, dass er mitverantwortlich dafür wurde, dass die Welt eine Volte schlug. Und es sollte nicht bei diesem einen Mal bleiben.
Ein Jahr später traf ein weiteres Mitglied des Florentiner Humanistenzirkels in Rom ein. Der Aretiner Leonardo Bruni war zehn Jahre älter als Poggio und da seine Familie im Gegensatz zu der des Valdarnesers wohlhabend war, startete er seine berufliche Karriere unter ganz anderen Voraussetzungen. Zunächst hatte Bruni in Florenz ein Jurastudium begonnen, aber als er Salutati und die anderen Humanisten kennenlernte, packte ihn schnell die Liebe zur Antike. Bald kniete er...




