E-Book, Deutsch, 160 Seiten
de Mars Wahrnehmung und Wirklichkeit
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-6728-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Ergehung
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7578-6728-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara de Mars lebt seit über 20 Jahren in der Toskana. Sie schreibt Bücher zu kulturgeschichtlichen Themen. Zuletzt erschienen sind u.a. Eine Reise zu Dante (Corso Verlag), Pratomagno (BoD) und Lesereise Florenz (Picus Verlag).
Autoren/Hrsg.
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Niente
«Salvatico è quel che si salva»
Der Wilde wird sich retten
„Niente“ (Nichts). So begannen Italiener gern ihre Rede, was mich immer irritierte. Wer nichts zu sagen hatte, mochte es gleich bleiben lassen. Aber nun war ich es, die vor dem leeren, weißen Blatt Papier saß. Hatte es irgendeinen Sinn, meine Wahrnehmungen niederzuschreiben? Verbarg dieses weiße Nichts etwas, das zum Vorschein kommen wollte, zwingend kommen musste?
Niente.
Zugegeben, anfangs hatte ich Angst. Vor dem Unsichtbaren, das im Kopf dröhnte, vor dem grauen Ungewissen, das auf der Haut stach wie tausend Nadeln. Angst vor Krankheit, Schmerzen und Tod. Davor, die ich liebte nicht schützen zu können und das Leid anderer mit ansehen zu müssen. Angst vor dem Unfassbaren, dem Ungesagten und am meisten Angst vor mir selbst und dass ich der Situation nicht gerecht wurde. Wie eine Wolke legte sie sich um meine Stirn, drückte die Gedanken nieder und machte sie eng und klein, bis mir die Luft wegblieb. Sie kam, als das Virus von China nach Norditalien schwappte. Plötzlich war die Gefahr nah und die Kamerabilder schienen echter als noch wenige Wochen zuvor. Nur die Bergkette des Apennins, der Wirbelsäule Italiens, lag noch zwischen dem Virus und mir. In diesem historischen Moment durchdrangen sich Raum und Gefühl. Es schien mir, wie Platon es im „Timaios“ ausdrückte, dass „Chora“ – der Ort und die Amme des Werdens – gerade eine neue Welt hervorbrachte. Und Italien entpuppte sich wieder einmal nicht als Rückgrat, sondern – um mit Churchill zu reden – als „weiche Wampe“ Europas. Doch ich muss noch weiter ausholen.
Die ersten Jahre des neuen Jahrtausends waren gleichförmig und unaufgeregt verflossen. Jeder kümmerte sich um das eigene Wohlergehen und auch ich hatte es eilig mit dem Fortkommen. Wobei in dem Wort bereits eine fahrlässige Verdrängung der Gegenwart lag, denn warum wollte ich sonst fort?
Vor der Terrasse meines Hauses verschwand die Wiese, als man begann, dort Reihenhäuser zu errichten. Die Nachbarn kauften sich keine Autos mehr, sondern mieteten sie. Zuerst waren sie gasbetrieben und in jüngerer Zeit dann bisweilen aus der Steckdose. Meiner Freunde Gesichter wurden reifer und die Falten gruben sich tiefer, bis sie aussahen wie getrocknete Pflaumen. Wenn ich in den Spiegel blickte, sah ich mich darin genauso. In Wahrheit gab es kein Fortkommen, ich trat auf der Stelle.
Nun, ein paar Signale, dass etwas grundsätzlich falsch lief, waren mir schon aufgefallen. Zunächst schienen es nur kleine Brüche im Spiegel, die das Bild unschön verzogen, aber kein neues entstehen ließen. Immer häufiger und in immer kürzeren Abständen biss sich die Erinnerung an den Brüchen fest. So lange, bis ich anfing Worte zu suchen für das, was meine Wahrnehmung dergestalt stolpern ließ. Das war zur Zeit der großen Krise 2008.
Die Kooperative, welche die Reihenhäuser vor meinem Haus baute, war pleite und die Arbeiten standen still. Im Dorf lieferten sich die Alten der Kommunistischen Partei und die Epigonen von Berlusconis „Forza Italia“ immer seltener hitzige Diskussionen. Man brauchte die Streithähne jetzt nicht einmal mehr räumlich zu trennen wie noch in den vergangenen dreißig Jahren. Die „Casa del Popolo“ an der Piazza gab auf und machte zu. Ihr konservatives Pendant ACLI, die Christliche Vereinigung der italienischen Arbeitnehmer gleich neben der tausend Jahre alten Pfarrkirche, baute seine Küche aus und wandelte sich zur Pizzeria. Die Gemeinde rief Wettbewerbe für ihre Bürger aus, im Frühling, wer das schönste Blumenbeet richtete und zu Weihnachten um den üppigsten Lichterschmuck im Vorgarten. Die Banalität der Wirklichkeit kotzte mich an. „Austerità“ nannte man den wirtschaftlichen Sparkurs nach der großen Finanzkrise. Die Europäische Union verordnete ihn dem Land, damit es seine Schulden abbaute. Aber verschlossen wie Austern wurden auch die Menschen. Nun behielt man die eigene Meinung besser für sich, denn an den politischen Entscheidungen der jeweiligen Regierung würde sich eh nichts ändern. Die Lage wurde mit jedem Jahr schlimmer und die Leute grauer.
Als ein Komiker aus Protest gegen die etablierten Parteien die Fünf-Sterne-Bewegung gründete, bäumten die Unzufriedenen sich ein letztes Mal auf, doch auch die Sterne verloschen am Himmel der ganz großen Interessen. Übrig blieb nur eine sprachlose Stille und am lautesten schwiegen die Medien. Etwas, das noch nicht benennbar war und doch alles ausbremste, lastete auf dem Land. Und es kam noch schlimmer.
Auf den Bahnsteigen standen die Menschen vereinzelt wie Pilze und starrten auf ihre Handys. Sie grüßten einander kaum mehr, redeten nicht mehr mit Fremden und nahmen wenig Anteil an ihrer Umwelt. Die Neugierde verblühte, was bei den Jugendlichen besonders ins Auge fiel. In Restaurants unterhielten sich die Familien am Tisch nicht mehr miteinander, sondern gierten nur noch nach Kontakt mit der äußeren Welt oder stellten die Kinder mit Spielen an den flachen Scheiben ruhig. Gegenwart setzt ein „Hic et Nunc“ voraus und genau dieser Moment, wenn sich das Jetzt am Hier rieb und einen eindringlichen Augenblick Gegenwart schöpfte, wurde zerstört, indem man sich ins Netz einspeiste. Das „Gegen-“ der Gegenwart war nun nicht mehr präsent, sondern im tauben Telefon oder sonstwo in den Wolken. Während die Gabel die Pasta drehte, schwiegen Paare und Familien einander an, denn der Sinn ihres Tuns war ausgelagert und sie nurmehr ein Abziehbild ihres eigenen Lebens. Platons Höhlengleichnis kam mir in den Sinn und ich empfand eine große Sehnsucht, auszubrechen und die Realität und das Leben zu schauen.
Es war auch eine Sehnsucht nach Erkenntnis. Dante Alighieri, der sich viel mit der italienischen Sprache beschäftigt hatte, erfand immer wieder neue Worte, die mit der Vorsilbe „in-“ begannen und bedeuteten, dass der Italiener sich in eine Angelegenheit hineinschmiss und -wühlte, sich mit ihr identifizierte. Der Deutsche hatte demgegenüber das „er-“ und erfuhr, erkundete und erlebte. Für mich war das eine Bewegung, die von außen bedächtig die Ränder abzirkelte und dann langsam ins Innere vordrang. Es waren zwei unterschiedliche Arten, sich auf die Welt einzulassen. Irgendwie gefiel die italienische mir besser.
Dann kam das Virus und anfangs hatte auch ich Angst. Der Januar war kalt und im Februar das Wetter oft herrlich. Nun schwiegen die Medien nicht mehr, sondern schrieben, hauptsächlich Zahlen, die täglich stiegen und mit ihnen kletterte die Angst. Es entstand das Phänomen der „öffentlichen Meinung“, die keinen Plural kannte. Mit ihr kam das erste englische Wort: „Lockdown“.
Was nun geschah, konnte ich nicht wirklich begreifen und vielleicht blieb es mir deshalb fremd und ich begann alles wie von außen zu betrachten, ganz so, als beträfe es mich nicht. Ich erinnerte mich an andere Anlässe von großer Tragweite, die ich ähnlich empfunden hatte. In der Kindheit die autofreien Sonntage und in der Jugend die erste Uhrumstellung auf die Sommerzeit. Willentlich politisch herbeigeführte Ereignisse, die die gesamte Gesellschaft betrafen und deren Konsequenzen nicht absehbar waren. Der Lockdown begann Anfang März.
Das Wetter war noch schöner und mittlerweile auch wärmer als im Februar und die Vögel begannen zu zwitschern und die Amseln überquerten liebestrunken und unbedacht die Straßen. „Social distancing“ war der zweite englische Ausdruck und die Menschen standen in Schlangen vor den Supermärkten und hielten einen Meter achtzig Abstand, setzten Masken auf und zogen Plastikhandschuhe über, um keine Keime einzufangen oder zu übertragen. Dann ereignete sich Bergamo und Bilder von Militärlastwagen, die Leichen transportierten, flimmerten über die Bildschirme. Von dem Moment an blieben die Leute zuhause und desinfizierten häufig die Hände. Ich besaß keinen Fernseher und nahm jene Bilder nur am Rande wahr. Anfangs hatte es mich wie in einem Sog zu den anderen Menschen gezogen, um es ihnen gleichzutun. Doch in den folgenden Wochen geschahen drei Dinge, die dafür sorgten, dass ich zu anderen Schlüssen kam als die meisten.
Das erste Ereignis geschah in jenen Wochen, als alle in Metaphern sprachen und schrieben, als seien sie im Krieg. Eines Tages begannen städtische Reinigungskräfte in weißen Ganzkörper-Schutzanzügen mit langstieligen Sprühvorrichtungen die Dorfstraßen zu desinfizieren. Der Anblick schien mir surreal und ich hielt ihr Tun für gänzlich aussichtslos. Das zweite Vorkommnis war an dem Tag, als ich wieder einmal allein für mich durch den Wald spazieren ging. Das war schon während des Lockdowns und dementsprechend hatten die Behörden streng untersagt, in die Natur zu gehen. Kein menschliches Geräusch drang an mein Ohr, kein Rauschen der Autobahn, kein Laubbläser und keine Motorsäge. Eine nie empfundene, tiefe Ruhe streckte sich über das Land. Vorwitzige Krokusse und spontane Veilchen begleiteten mich entlang des Wegs. Die eleganten...




