de Moor Von Vögeln und Menschen
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-446-25942-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-446-25942-3
Verlag: Carl Hanser
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Margriet de Moor gehört zu den bedeutendsten niederländischen Autoren der Gegenwart. Sie studierte Klavier und Gesang, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Bereits ihr erster Roman Erst grau dann weiß dann blau (Hanser, 1993) wurde ein sensationeller Erfolg. Heute sind ihre Romane und Erzählungen in alle Weltsprachen übersetzt. Ihr Werk erscheint im Hanser Verlag, zuletzt Die Verabredung (Roman, 2000), Der Jongleur (Ein Divertimento, 2008), Der Maler und das Mädchen (Roman, 2011), Mélodie d'amour (Roman, 2014), Schlaflose Nacht (2016) und Von Vögeln und Menschen (Roman, 2018). Margriet de Moor lebt in Amsterdam.
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Glück, das gibt es (2)
Beim nächsten Besuch war es August. Hochsommer. Schönes, schwüles Wetter. Die Mutter hatte im Garten gedeckt, die beiden älteren Söhne hatten schon ein Bier vor sich, der Vater fragte sich, wo verflixt noch mal die beiden blieben. Nervös schaute er den Kiesweg seitlich vom Haus entlang, als wüsste er, dass Rinus in dieser Nacht einen scheußlichen Traum gehabt hatte. Er ging mehrmals an die Straße.
Da kamen sie angeradelt. Sie in einem dünnen Baumwollkleid mit schmalen weißen und blauen Streifen.
Rinus sehr ernst. Einen scheußlichen Traum zu haben ist eine Sache, mitten in der Nacht aus tiefem Schlaf zu erwachen, sich im Bett aufzusetzen und eine Angst, eine Scheißangst wegen eines himmlischen Mädchens zu empfinden, das in dein Leben eingetreten ist, wieder eine andere. Seine Stimmung war den ganzen Tag davon überschattet. Aufs Schlimmste gefasst hatte er sie abgeholt, sie wohnte bei einer Tante in der Dorpsstraat in Warmond. Jetzt gingen sie den Gartenweg entlang zum weiß gedeckten Tisch auf dem Rasen, wo seine Brüder sich bereits erhoben. Gutherzige Jungs, voll brüderlicher Sympathie. Und sein Vater auch diesmal wieder der Inbegriff eines stolzen Vaters, ein Blickwechsel mit der Mutter genügte: Aber klar, jetzt den Champagner. Wir haben es doch gut mit unserer Familie, findest du nicht? Was für ein schöner Abend! Was für ein verdammt schöner Abend!
Rinus stellte das Mädchen vor. Das heißt, er blieb wie eine Salzsäule neben ihr stehen, als sie seinen Brüdern die Hand gab und »Hortense« sagte. Zweimal die kerzengerade Hortense, direkt neben ihm, zweimal ihr lachendes Gesicht, geschwungene Brauen, schrecklich schön, wirklich unfassbar schön. Lichtjahre von ihm entfernt. Sie setzten sich. Die Familie nahm ebenfalls Platz. Rinus neben dem Mädchen, das er hier abgeliefert hatte. Das er nicht zu einem Familienessen, sondern zu einem Opfermahl gebracht hatte. Jegliches Gefühl, mit ihr zusammen zu sein, fehlte.
Atmosphäre eines Sommerabends. Essen, einen Schwips bekommen, Scherze, Tischgespräche. Eddy erzählte von der Reise, die gerade hinter ihm lag, sehr ansteckend, das konnte er, die Tafelrunde sah die Sonne genau über seinem Kopf, obwohl doch laut seinem Bericht noch immer Schnee auf den Feldern lag.
»Na ja, dort oben sind es eher Felsen!«, sagte er, während er sich zu Hortense beugte, denn sie war es, die gefragt hatte: »Und die Berge?«
Hortense und Eddy saßen sich ungefähr gegenüber, allerdings nicht genau, der Tisch war rund. Von allen in der Runde war es der Vater, nicht Rinus, der bemerkte, wie ernst die beiden einander nahmen, wie sie einer die Blicke des anderen auffingen und das Entzücken einer Vertrautheit auf den ersten Blick ausstrahlten.
»Das Gebein der Erde!«, fuhr Eddy feurig fort, noch immer ausschließlich an Hortense gewandt. »Nackt, hart unter meinen eisenbeschlagenen Schuhen.«
Es wurde still im Garten.
»Aber warm von der Sonne«, sagte Hortense dann leise. Als ob sie darüber nachgedacht hätte.
Man konnte die Sonnenwenden riechen. Eine singende Lerche gab es auch.
Danach umfasste die Gesellschaft wieder alle sechs Personen. Locker, zuvorkommend und nett, alle sechs untereinander. Auch Rinus’ nicht ungewöhnliche Schweigsamkeit wirkte sympathisch. Gegen Mitternacht verabschiedete man sich, mit Küssen für die Mutter und für Hortense. Die beiden älteren Söhne fuhren in ihren Autos nach Leiden. Rinus, der noch zu Hause wohnte, radelte mit Hortense den Deich entlang nach Warmond. Der Mond schien. Die Nacht war klar. Sie sprachen beinahe kein Wort. Hielten das durch bis zur Eingangstür des Hauses, in dem sie mit ihrer Tante wohnte. Sie hatte ihn bisher nicht in ihr Zimmer gelassen. Sie hatte ihm auch ihren Körper noch nicht geschenkt.
Rasche Erkenntnis war wieder einmal die Folge von Angst. Angst die Folge von Erkenntnis. Hortense schloss die Tür auf. Rücken ihm zugewandt. Als sie sich umdrehte, wusste er, dass sie Mitleid mit ihm hatte. Sie drückte sich lieb an ihn. Wie zum Trost. Sie schickte ihre Finger wie kleine Schlangen durch sein borstiges Haar, das war eine Art Scherz, sie krabbelte kurz an seiner Kopfhaut und begann, sich mit einem warmen Kuss auf seinen Mund, einem der »Tschüs, es war schön, wir telefonieren«-Art, von ihm zu entfernen, den Abend und alles, was ihm vorangegangen war, von sich zu schieben, wobei sie allerdings einen Schritt in der halb offenen Tür zurücktreten musste, weil er seinen Fuß dazwischenstellte. Er packte sie an den Handgelenken. Menschenskind, hatte er eine Angst! Die Angst, die sich in der vergangenen Nacht bereits angemeldet hatte, raste jetzt ohne das geringste Hindernis durch seinen heißen Körper und schärfte seine Instinkte. Mitleid? Ihn trösten? Im Voraus etwas bei ihm gutmachen, sofern das möglich war? Er schob sie in die Diele. Schloss die Tür mit dem Fuß. Dann sollte sie es auch tun!
Sobald sie sich losgerissen hatte, drückte sie auf den Lichtschalter. Es war so ein Knopf, der das gesamte Treppenhaus auf einen Schlag in ein höllisch helles Licht tauchte, das von selbst wieder erlosch. Einen Moment lang sah er ihr Gesicht, einen schneeweißen Fleck, vermied es aber, sie richtig anzuschauen. Es interessierte ihn nicht.
»Ach, komm halt mit«, hörte er dann. Er sah, dass sie den Zeigefinger auf ihre gespitzten Lippen legte.
Er folgte ihr die erste Treppe hinauf. Geländerstäbe, geschlossene Türen, Wände, westindische Schmorfleischgerüche, er achtete auf nichts. Auch nicht auf sie. Seine Angst tobte unvermindert. Hauste fest in seinem Körper, allerdings mittlerweile in Form eines rasenden Hungers. Bereits vorhin, am Esstisch auf dem erst an diesem Morgen von seinem Vater gemähten Rasen, hatte er mit jedem Bissen, jedem Schluck gespürt, wie dieser Hunger bis ins Unerträgliche wuchs. Jetzt gingen sie zu ihrem Zimmer. Er mit dem mühsamen Gang eines Betrunkenen am Rande der Selbstbeherrschung. Sein Körper wusste, er würde diesen Hunger stillen oder explodieren.
Vor der zweiten Treppe blickte sie kurz zurück. »Noch eine«, flüsterte sie fast lautlos.
Genau in dem Moment, als sie im Dachgeschoss angekommen waren, erlosch das Licht. Auf einen Schlag war es stockfinster. »Bisschen bücken«, ertönte es leise. Sie nahm seine Hand auf eine Weise, die sich wie hilfsbereit anfühlte, was ihn wütend machte. Ihr Kind wollte er nicht sein. Er riss sich los. Wankend betrat er ihr Zimmer. Besser gesagt ihr Kabuff. Ihre Tante musste sich ihren Lebensunterhalt mit der Vermietung der besten Zimmer im Haus verdienen. Rinus blieb stehen. Hortense schien verschwunden. Warum machte sie keine Lampe an? Völlig dunkel war es jedoch nicht. Rinus erspähte das Mädchenbett an der niedrigen Wand unter einer Dachschräge. Darauf eine weiße Tagesdecke. Daneben die vier kleinen Scheiben eines eisernen Kippfensters. Es wurde von einer Stange offen gehalten. Mondlicht warf ein glühendes Gitter daraus auf die Bettdecke.
War seine Hitze, oder was es auch sein mochte, auf sie übergesprungen?
Die schöne Hortense schien mit einem Mal völlig versessen auf ihren Liebsten zu sein. Bislang hatte ihr Körper Rinus alles Mögliche verheißen, das Versprechen aber nicht eingelöst. Nein, nein, jetzt nicht, später, oder so ähnlich. Jetzt hielt er Wort. Ehrliche, geile Erwiderung der Küsse, mit denen er ihre Lippen fest an ihre Zähne presste. Geile Schuld und geile Wohltätigkeit. Und währenddessen seine Hände nehmen und auf ihren Körper legen. Und währenddessen ihre eigene Hand auf seinen Körper legen, unter seinen Gürtel wandern lassen, auf der Suche nach dem, was er da noch vor ihr verbarg. Das Licht hatte während dieser paar Minuten in dem kleinen Raum Fuß gefasst. Hortense konnte sehen, wie sich seine Gesichtszüge veränderten (keine Angst mehr, nur sexuelle Erregung). Sie hob die Arme, Ellbogen wie spitze Werkzeuge nach vorn, Finger am Reißverschluss fummelnd, der unter dem Nacken begann. Das Kleid rauschte herab und bauschte sich wie ein Fallschirm um ihre Füße. Wirf mich auf das glühende Gitter.
Vor allem der Vater war untröstlich. Er suchte ein Gespräch von Mann zu Mann mit seinem Jüngsten, doch der hatte nichts anderes zu berichten, als dass es aus war.
»Aus! Was meinst du damit?«
»Aus.«
Und schon bald verließ auch dieser Sohn das Haus, um zu studieren. Rinus hatte sich an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Wageningen eingeschrieben. Der Spätsommer ging vorüber. Im Herbst fielen dem Vater, wenn Eddy, sein offenherzigster Sohn, sich mal wieder zu Hause zeigte, bestimmte Anzeichen auf. Konnte Verliebtheit sein. Konnte ebenso gut das Vorbereitungsfieber vor einer sehr speziellen winterlichen Bergbesteigung sein. Beides traf zu, wie sich zeigte. Um Weihnachten herum erhielten die Eltern eine hübsche Karte aus den Karpaten. Schneesturm, vermeldeten die Krakelbuchstaben, und auch: Wir haben einen Schwarzbär gesehen. Grüße von Hortense (ordentliche Großbuchstaben) und Eddy.
Die beiden hatten es eilig. Wollten schon im Januar heiraten und taten es auch. Warum nicht? Übereilt, hoffte vor allem die Mutter. Aber nein, es war kein Kind unterwegs. Es kam überhaupt kein Kind, wie sich in den darauffolgenden Jahren zeigen sollte. Hortense würde keinem einzigen Mann einen Nachkommen schenken. Und trotzdem wurde Eddy in seinem dritten Ehejahr Vater. Die Mutter des kleinen Jungen akzeptierte die gegebene Dreieckssituation, aber letzten Endes lief es doch auf eine Scheidung hinaus. Sonniger Nachmittag im Mai: Die flamboyante Schwiegertochter fährt mit dem Rad zu den Schwiegereltern, um ihnen zu sagen, sie...




