De Roulet | Die rote Mütze | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

De Roulet Die rote Mütze

Roman
2. Auflage 2024
ISBN: 978-3-03855-275-8
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 168 Seiten

ISBN: 978-3-03855-275-8
Verlag: Limmat Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Daniel de Roulet von seinem Vater einen goldgerahmten Stich erbt, auf dem ein Vorfahr mit Louis-XVI-Perücke abgebildet ist, stellt sich heraus, dass es sich um den Besitzer eines Söldnerregiments handelt, Jacques-André Lullin de Châteauvieux. Ein Menschenschinder, der einen Aufstand seiner Söldner wegen ausbleibenden Solds blutig niederschlagen lässt. Wie die «Zehn unbekümmerten Anarchistinnen» beruht der Roman auf historischen Vorbildern. Im Straflager von Brest hat de Roulet sieben Namen von Söldnern notiert, deren Schicksal er erzählt, im Zentrum das des neunzehnjährigen Genfer Schreiners Samuel Buchaye. «Aus diesen Namen habe ich Figuren gemacht. Die Mächtigen erdrücken einen mit ihrem Erfolg. Ihren Sklaven, den weniger vom Glück Begünstigten, erteilt nur die Literatur das Wort.»

Daniel de Roulet, geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf. Maria Hoffmann-Dartevelle, 1957 in Bad Godesberg geboren, studierte Romanistik und Geschichte in Heidelberg und Paris. Seit Mitte der Achtzigerjahre u.a. als freiberufliche Übersetzerin tätig. Übersetzte neben Sach- und Kinderliteratur Romane, Essays, ein Hörspiel und Liedertexte französischer, Schweizer, spanischer und südamerikanischer Autoren, darunter René Crevel, Alberto Giacometti, Marcel Lévy, Joseph Bialot, Michel Quint, Tito Topin, Daniel de Roulet, Amélie Plume, Noëlle Revaz, Pascal Rebetez, Rafael Alberti, Manuel Altolaguirre, César Aira, Rubén Blades, Silvio Rodriguez, Fito Paez.
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1782


DIE GENFER REVOLUTION


Seit vier Lenzen

lebt der Genfer Citoyen Jean-Jacques Rousseau nicht mehr,

und immer noch ist die neue Verfassung

seiner Stadt nicht in Kraft gesetzt.

Die Menschen in den einfachen Vierteln,

Natifs und Bourgeois,

wollen nicht länger den Bankiers,

den schmarotzenden Rentiers,

den großen Patrizierfamilien unterworfen sein.

König Ludwig XVI., der eine Demokratie

vor den Toren seines Reiches fürchtet,

nennt die Genfer «die Wütenden».

Mehr als einmal hat die Einmischung Frankreichs

sie um ihre Revolution gebracht.

«Aber diesmal», sagt Antoine Bouchaye zu seinem Sohn,

«kriegen sie uns nicht so leicht.»

Am Abend des 7. April 1782

sind Antoine und sein Sohn Samuel

in der Stadt,

als im Zuge eines Volksaufstandes

die Garnison angegriffen wird.

Die Soldaten zögern nicht,

mit ihren Musketen in die Menge zu schießen,

in den Straßen bleiben Tote und Verwundete zurück.

Eine alte Frau, die gerade ihre Fensterläden schließt,

wird von einem Fehlschuss getroffen.

Das reicht, verjagen wir sie!

Aufgeregt begeben sich

der Vater und sein elfjähriger Sohn

zu den Patriziern, die im Hôtel des Balances

an der Place Bel-Air als Geiseln genommen wurden.

Sie erfahren, dass andere Privilegierte

sich in ihre Landhäuser geflüchtet haben.

Angeblich hat der französische Resident

still und leise seine Koffer gepackt.

Am Tag darauf wird die Regierung gestürzt

und durch eine Kommission ersetzt.

Samuel hat seinen Vater noch nie so glücklich gesehen.

Aber ihr Leben war bisher auch nicht gerade heiter.

Im Frühjahr 1771 in Genf geboren,

überlebt Samuel seine Mutter nur knapp.

In seinen drei ersten Lebensjahren

bringt eine Amme ihm bei, zu laufen,

zu essen, ohne zu sabbern,

Danke zu sagen und der Welt zuzulächeln.

Als sein Vater ihn wieder zu sich nimmt,

zeigt er dem Sohn hinter einer Kirche

den Stein, unter dem seine Mutter ruht.

«Jetzt bist du alt genug, um zu verstehen:

Sie starb, als sie dich zur Welt brachte.»

Der Vater zieht mit seinem Sohn

in das Viertel am rechten Rhône-Ufer,

wo er Arbeit gefunden hat.

Zwischen einer Uhrmacherwerkbank unterm Dach

und Kindern seines Alters wächst Samuel auf.

Schreiben und Rechnen lernen sie

bei einem alten Mann,

dessen Augen zu schlecht geworden sind,

um die Pinzette zu führen.

Samuel liest allen in der Werkstatt

aus einem Buch mit vielen Eselsohren vor,

was seinem Vater hin und wieder

eine Träne entlockt.

Mit der Revolution und dem Frühling

verfliegt die väterliche Schwermut.

Jeden Abend geht er zu den Stadtteiltreffen,

erklärt seinem Sohn die Grundsätze,

die es den Menschen erlauben,

gleichberechtigt in der Stadt zu leben.

Vierundachtzig Tage lang

organisieren die Citoyens

ohne jede Gewalt eine neue Republik,

demokratisch und frei.

Ganz Europa spricht davon.

Eine großartige Hoffnung keimt.

Revolution ist also möglich.

In Frankreich, Österreich und Sardinien

fühlt sich die Aristokratie bedroht.

Was wird aus ihren Adelsprädikaten?

Die aus Genf geflohenen Patrizier

jammern und klagen in Versailles, in Bern,

sogar bei den schlimmsten Feinden der Republik,

den Savoyarden.

Den Mächtigen überall auf dem Kontinent

erklären sie, letzten Endes

führten die gärenden Ideen dieses Rousseau

zum Umsturz der schönen Hierarchie,

die doch von Gott und den Königen gewollt sei.

«Revolutionäre Ansteckung, das ist die Gefahr.»

Nach diesen Worten entsenden Versailles, Bern und Turin

mehrere Tausend Soldaten

zur Wiederherstellung der Ordnung von Banken und Geschäften.

«Aber diesmal», sagt Antoine Bouchaye erneut zu seinem Sohn,

«kriegen sie uns nicht so leicht.»

Rings um die aufständische Stadt

sammeln sich die Truppen der Konterrevolution.

Franzosen, Schweizer und Sarden planen,

die Bastion der Freiheit anzugreifen.

Drei Armeen gegen Genf,

zwölftausend Mann gegen ein paar Hundert

schlecht ausgerüsteter Genfer.

Zu den französischen Truppen gehört

das Bataillon des Marquis de La Fayette.

Er hat sich für die Freiheit

der englischen Kolonien in Amerika eingesetzt,

will die der Genfer jedoch vernichten.

Ein paar Dutzend Deserteure

aus den Schweizer Regimentern

unterstützen die Belagerten.

Die Genfer Kathedrale wird zum Hospital,

die Akademie zum Wachlokal,

die Kathedrale zum Pulvermagazin.

Das Getreide wird gerecht verteilt.

Ganz Genf macht sich bereit, die Eindringlinge abzuwehren.

Die aus der Stadt geflüchteten Patrizier

zeigen den Angreifern,

welchen Weg sie nehmen müssen,

um ihre Ländereien nicht zu beschädigen.

Jeden Abend beobachten

Samuel und sein Vater von der Stadtmauer aus,

wie die Soldaten des französischen Königs Gräben ausheben,

um sich der Stadt zu nähern und sie zu umzingeln.

Samuel staunt, dass man sie gewähren lässt,

sind sie doch nur einen Kanonenschuss entfernt.

«Weil», sagt der Vater, «sie sich am Ende

unseren Freiheitsideen anschließen werden.»

Die Tage vergehen,

das feindliche Militäraufgebot

schnürt Genf die Luft ab.

Manche Bürger finden,

das brave Volk gehe zu weit.

Sie flüchten nachts über den See.

Wer bleibt, macht sich bereit,

für seine Ideen zu sterben.

Die erste demokratische Revolution Europas

wird im Blut ersticken.

In seiner als Munitionsdepot genutzten Werkstatt

liest Antoine Bouchaye seinen Kameraden

einen Brief vor, den ihr Landsmann Rousseau

vierzehn Jahre zuvor einem Freund geschrieben hat:

«Ihr seid bereit, euch unter den Ruinen des Vaterlandes zu vergraben (…) einen letzten Entschluss müsst ihr fassen (…) müsst gemeinsam am helllichten Tag herauskommen, Frauen und Kinder in eurer Mitte.»

Ebendies geschieht in der Nacht des 2. Juli 1782.

Um ein Uhr morgens einigen sich

beide Parteien auf einen Rettungskorridor.

Zweitausend Revolutionäre verlassen Genf.

Sie verkünden, eine von fremden Truppen

besetzte Stadt nicht länger

als ihre Heimat betrachten zu können,

eine Stadt, deren Gesetze nicht mehr

dem freien Willen ihrer Bürger entsprechen.

Um fünf Uhr morgens

dringen die Invasoren in die Stadt ein.

Die Patrizier erlangen die Macht zurück.

Ende einer beispielhaften Revolution!

Während es dämmert über einem trüben Genfersee,

sprechen Samuel und sein Vater über ihr künftiges Leben,

gemeinsam mit vielen auf einem Karren sitzend,

der normalerweise Fässer transportiert.

Mitnehmen konnten sie nur einen kleinen Koffer

mit Uhrmacherwerkzeug,

ein Buch von Rousseau und ein wenig Kleidung.

Bei ihrer Ankunft in Rolle,

auf halbem Weg zwischen Genf und Lausanne,

beschließen sie, nicht nach Neuenburg weiterzureisen,

wo den Emigranten Zuflucht geboten wird.

Samuel hofft, dass sie schon bald

in ihre Heimat zurückkehren können.

Sein Vater bezweifelt es.

Er klappert die Uhrmacher ab, dann die Fischer,

findet niemanden, der ihn anstellen will.

Nach zwei Nächten unter den Kastanien der Schlossterrasse

mietet er einen Raum

auf dem Speicher eines früheren Kollegen.

In den folgenden Wochen

findet Antoine bei einem Schiffer Arbeit,

sein Sohn bei einem Schreiner,

der Boote baut, naux mit flachem Boden,

für vier Ruderer gedacht,

und liquettes, die leichter und wendiger sind.

Doch sein Herz bleibt wie das seines Vaters

am Ende des Sees, in Genf.

In Rolle, im Waadtland,

das Berner, also Schweizer Herrschaft untersteht,

werden nur Flüchtlinge geduldet,

die nicht politisch aktiv sind.

Der Vater unterhält weiterhin

heimliche Beziehungen

zu den Genfern vor Ort,

die seine Ideen teilen.

Aufgeben kommt nicht in Frage.

«In Genf ist die Revolution gescheitert, aber bald»,

sagt Antoine Bouchaye,

«wird ganz Europa unserem Beispiel folgen.»

Samuel, nicht so verdächtig wie sein Vater,

kann auf Umwegen die Verbindung

zum Widerstand in Genf herstellen.

Bisweilen überlässt Chappuis, sein Chef, ihm

eine liquette,

um zu einem französischen Hafen

zwischen Rolle und Genf zu...



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