Deboard | Unter Wasser hört dich niemand schreien | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Reihe: HarperCollins

Deboard Unter Wasser hört dich niemand schreien


1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-95967-654-0
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 450 Seiten

Reihe: HarperCollins

ISBN: 978-3-95967-654-0
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Mädchen von nebenan liegt leblos im Pool. Und der glitzernde Schein des Villenviertels 'The Palms' ist zerstört. Von Beginn an hat Liz sich dort wie eine Außenseiterin gefühlt. Nur ihrer Tochter Danielle und ihrem Mann zuliebe ist sie in diese wohlhabende Nachbarschaft gezogen. Danielle freundete sich schnell mit der gleichaltrigen Kelsey an. Bald schon ging das Mädchen bei der Familie ein und aus. Bis sie im Wasser treibt, und jeder einen Grund gehabt hätte sie hineinzustoßen - selbst Liz.
'In DeBoards neuestem Thriller trifft 'Eine verhängnisvolle Affäre' auf 'Desperate Housewives' ... Eine fesselnde Spannungsstory mit einem unvorhersehbaren Ende.' - Booklist ???
'Von Beginn an düster und unheilvoll hat mich der Roman ehrfürchtig zurückgelassen. Das Buch zeigt, was für eine brillante Autorin Paula Treick DeBoard ist. Faszinierend' - New York Times-Bestsellerautorin Mary Kubica



Paula Treick DeBoard verbringt ihre Zeit mit Lesen, Schreiben und dem Lehren von Komposition an der Universität von Kalifornien. Sie lebt mit ihrem Mann Will und ihrem Hund in Kalifornien.
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2. Kapitel


Juni 2014

Liz

Das Haus der Mesbahs lag nur einen Block entfernt, aber es war ein langer Block, so überdimensioniert wie alles hier in The Palms – Zweitausend-Quadratmeter-Grundstücke, halbkreisförmige Auffahrten, zwei Meter lange Palmwedel, die ab und zu von einer der namensgebenden Palmen fielen wie die Federn eines mächtigen exotischen Vogels. Phil hatte neben mir die Hände in die Hosentaschen geschoben, während er selbstsicher vorwärtsschritt. Ich starrte die ganze Zeit auf den Boden, weil ich befürchtete, mit dem Absatz eines Schuhs in einer Spalte des Fußweges hängen zu bleiben.

„Es ist das Spanish-Revival-Haus direkt bei euch um die Ecke“, hatte Myriam Mesbah während unseres bisher einzigen Gesprächs eine Woche zuvor gesagt, als ich sie angerufen hatte, um die Einladung zur Party anzunehmen. Auf die Rückseite einer Quittung hatte ich „Spanish Revival?“ gekritzelt, damit ich es später googeln konnte. „Die ganze Nachbarschaft wird da sein“, hatte sie gesagt. „Ihr könnt es nicht verfehlen.“

Sie gab ihren Worten immer diesen besonderen Nachdruck – als müsse man sie sich kursiv denken oder in Anführungszeichen, mit langen, wohlüberlegten Betonungen. Was ich zu sagen habe, ist wichtig.

Spanish Revival bedeutete Bögen und Rundungen, weißer Stuck und Terrakottafliesen und schmiedeeiserne Verzierungen. Es bedeutete Innenhöfe und Balkone und kleine verborgene Winkel. Für die Mesbahs und alle anderen in The Palms hieß es mindestens dreihundertsiebzig Quadratmeter mit ständiger Wertsteigerung – ein Vermögenswert, den sie neben dem Apartment an der Upper East Side, der Villa in der Toskana, den Ferienwohnungen in Bali und Saint Thomas und auf kleinen Inseln mit Namen, die ich weder aussprechen noch auf der Landkarte finden konnte, in ihrem Portfolio auflisten konnten.

Auf mich wirkte das einfach nur einschüchternd.

Als wir durch das verzierte Tor gingen und den Innenhof betraten, drückte Phil meine Hand, die vom Schweiß bereits feucht und klebrig war. Sein Grinsen zeugte von wild entschlossenem Optimismus.

Seit drei Wochen führten wir unser neues Leben. Die meisten Kartons waren ausgepackt, der strenge Ledergeruch der Sofas begann milder zu werden, und Fingerabdrücke zierten die Oberflächen der glänzenden Apparaturen. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass dies ein Experiment war, so wie eines von Danielles naturwissenschaftlichen Projekten auf festem Karton: Hypothese, Beobachtung, Daten und Ergebnis.

Hypothese: Die McGinnises werden nie zu diesen Leuten passen.

Die Beobachtungen waren im Gange, Daten wurden gesammelt.

Aber ich nahm an, dass das Ergebnis vorhersehbar war: Wir gehörten nicht hierher.

Das Haus der Mesbahs summte vor Energie – draußen vor den über drei Meter hohen Mahagonitüren hörten wir das dumpfe Dröhnen der Musik, das überdrehte Lachen einer Frau, das das allgemeine Stimmengemurmel übertönte. Es war zwanzig nach sieben, spät genug, um der Peinlichkeit zu entgehen, zu früh zu sein, herumstehen zu müssen und sich als die neuen Nachbarn zu präsentieren. Ich hatte mir im Bad Zeit gelassen, ein Paar Ohrringe ausgewählt, mir mehrmals mit Haarspray die Frisur gestylt, mir die letzten Tropfen aus einer alten Parfümflasche auf die Handgelenke getupft – alles Mögliche getan, um das Unausweichliche hinauszuzögern.

Phil rückte seinen Kragen zurecht und hauchte sich in die hohlen Hände, um seinen Atem zu testen. „Bereit?“

Ich fing seine Faust in der Luft ab, bevor er klopfen konnte, denn ich stellte mir vor, wie alle im Raum hinter der Tür standen und sich nach uns umdrehten. „Nein.“

„Liz …“

„Ich weiß. Gib mir einfach nur noch …“ Ich beugte mich hinunter und begann an den Riemen meiner Sandaletten zu fummeln. Ich hatte sie in letzter Sekunde an diesem Nachmittag erstanden, nachdem ich alles, was sich in meinem Schrank befand, als unpassend für diese Art von Veranstaltung befunden hatte. Das Problem war, dass ich keine Ahnung hatte, was für eine Veranstaltung das werden sollte. Es war keine Grillparty und keine Geburtstagsfeier. Auf der Einladung stand: Ein Weinseminar mit passendem Käse. Als sollten wir mit einem Notizblock erscheinen und am Ende eine Prüfung ablegen. Im Umkleideraum bei Macy’s hatte ich die weich fallende schwarze Hose für gut genug befunden, um damit meine Kreditkarte zu belasten; jetzt, wo ich mich im Innenhof der Mesbahs tief hinunterbeugte, stellte ich fest, dass der Stoff an meinen Oberschenkeln voller horizontaler Knitterfalten war. Ich löste den schmalen Riemen des einen Schuhs und schnallte ihn ein Loch enger, bevor ich mich dem anderen Fuß zuwandte.

„Komm schon“, sagte Phil leise.

Sicher – ich versuchte, Zeit zu schinden. Jede Minute auf der Veranda der Mesbahs war eine Minute, die ich nicht in ihrem Haus verbringen musste. In unserem vorigen Leben hatten Phil und ich zur Miete in einer Dreizimmerwohnung gewohnt, nur ein paar Blocks vom Freeway entfernt. Wenn uns Freunde einluden, hielten wir unterwegs beim Supermarkt, um eine Flasche Wein oder einen Sechserpack Craft-Beer zu kaufen. Das war eine gesellschaftliche Konvention, die ich verstand. Am unteren Rand der Einladung stand in zarter Schnörkelschrift: „Spenden für das Shriners Hospital in Sacramento werden gern entgegengenommen.“

„Also darum geht’s?“, hatte ich Phil gefragt und auf die Einladung gezeigt. „Komm zu uns, bring dein Scheckbuch mit, und wir bringen dir was über Wein bei?“

Er hatte die Schultern gezuckt. „Das ist doch nur ein Vorwand, um zu feiern. Klingt doch nett.“

„Wir gehen hin?“

„Warum nicht?“

Ich hatte es auf hundert Arten gesagt, aber er hatte mich nicht verstanden. Weil wir zu diesen Leuten nicht passen. Weil wir nicht dazugehören. Es war alles ein großer Irrtum, der mit Phils neuem Job und unserem Umzug nach The Palms angefangen hatte und nun darin mündete, dass ich in dieser albernen Hose und unbequemen Schuhen vor der Tür der Mesbahs stand.

„Okay“, sagte Phil jetzt in einem Tonfall, den er manchmal Danielle gegenüber benutzte, wenn sie zu lange im Badezimmer blieb oder ihn im Wagen warten ließ. Ich machte den anderen Schuh zu und richtete mich auf. Dabei fiel mein Blick auf die Umrisse des Kuverts in seiner Brusttasche. Zweihundert Dollar, zu zahlen an das Shriners Hospital in Sacramento, die erste Rate für unseren Eintritt in die Gesellschaft von The Palms. Es war einerseits mehr, als wir uns leisten konnten, und andererseits lächerlich wenig angesichts des schweren Türklopfers und der makellosen Wandfliesenarbeit vor uns.

„Wir wollen doch nichts vom Seminar verpassen“, sagte ich und versuchte, unbeschwert zu klingen, eine kameradschaftliche Stimmung herzustellen: Lass uns das Beste daraus machen. Aber Phil wandte den Blick ab, die Tür öffnete sich, und der Witz ging ins Leere.

Victor Mesbah stand mit einem Glas Wein an der Tür. Im goldenen Licht der Wandleuchter sah es aus, als schwappte Blut in seinem Glas. „Ah, da sind sie ja!“, rief er so donnernd laut, dass es von den Wänden widerhallte. „Gerade hatten wir schon gedacht, ihr würdet nicht kommen.“

Phil erwiderte seinen übergriffigen Handschlag. „Aber keineswegs.“

Ich streckte ebenfalls die Hand aus, aber Victor schlang seinen freien Arm um meine Schulter. „Ich freue mich so, euch kennenzulernen“, sagte ich, doch meine Worte wurden an seinem Hals erstickt.

„Liz, na endlich“, rief Myriam zur Begrüßung und ich befreite mich aus Victors halber Umarmung. Sie war schlank und extrem schön, mit einer Nase, die bei einer anderen Frau zu groß gewirkt hätte. Sie hakte sich bei mir ein und führte mich durch eine geräumige Diele in einen riesigen offenen Raum. Unsere Absätze klapperten auf dem Mahagoniparkett. „Unsere neuen Nachbarn, die McGinnises“, rief sie in den Raum hinein, in dem sich mindestens ein Dutzend Paare in höflich plaudernden Grüppchen versammelt hatten. Alle drehten sich um und riefen Hallo. Sie sahen so schick und strahlend aus, als wären sie alle zusammen direkt aus dem Schönheitssalon hierhergekommen. Oben an der Decke drehte sich ein riesiger Ventilator wie ein schwerfälliges Insekt.

„Natürlich haben die meisten von uns Phil inzwischen kennengelernt. Aber du warst so schwer zu fassen. Ich habe mich schon gefragt, was du den ganzen Tag allein in diesem Haus machst“, fuhr Myriam fort.

„Nicht allein, um genau zu sein. Meine Tochter Danielle und ich … wir haben ausgepackt, uns eingerichtet“, sagte ich. Das stimmte nur zur Hälfte. Danielle war diese Woche nicht da, und nachdem ich einige Tage fleißig ausgepackt hatte, hatte ich den Rest der Kisten im Wohnzimmer gestapelt und mir vorgenommen, mir bis zum Ende der Sommerferien jeden Tag eine vorzunehmen.

Ich merkte, wie Myriams Interesse an meinen Ausführungen schwand und sie den Blick durch den Raum wandern ließ. „Komm mit“, sagte sie, ihre Hand immer noch an meinem Ellbogen. „Ich hole dir etwas zu trinken und stelle dich einigen Leuten vor.“

Ich drehte mich nach Phil um, der sein Versprechen, immer an meiner Seite zu bleiben, bereits vergessen hatte. Das war schließlich einer der Vorteile, die man als Paar hatte – man konnte bei unbekannten Leuten kleine Anekdoten über den jeweils anderen zum Besten geben, die man über sich selbst nicht erzählen würde, man konnte sich gegenseitig ergänzen, so wie ein Komiker und sein...



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