Decar | Die Kobra von Kreuzberg | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Decar Die Kobra von Kreuzberg

Roman
21001. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8437-2376-3
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-8437-2376-3
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein modernes Großstadtabenteuer - Ganovenstück und Lovestory zugleich Für Beverly Kaczmarek läuft es überhaupt nicht. Eigentlich ist sie nach Berlin gekommen, um im großen Stil Museen und Juweliere auszuräumen, doch so richtig wollen ihre Pläne nicht zünden. Denn während ihre Brüder Fabergé-Eier aus der St. Petersburger Eremitage entwenden und es damit in die internationale Presse schaffen, ärgert sich über ihre mittelmäßige Ausbeute. Also beschließt sie einen Coup zu landen, der an Logistik und Tollkühnheit neue Standards setzen wird, und etwas wirklich Großes zu stehlen: die Quadriga auf dem Brandenburger Tor. Michel Decar beschwört mit Verve und Tempo eine Welt, in der Diebstahl die einzige Möglichkeit geworden ist, zu bekommen, was einem zusteht. Mit stilistischer Leichtigkeit erzählt er von einer Gegenwart, in der die Grenzen zwischen Recht und Gerechtigkeit neu gezogen werden müssen. Eine Ganoven-Saga voll schräger Figuren.

Michel Decar, geboren 1987 in Augsburg, lebt als Autor und Regisseur in Berlin. Seine Theaterstücke wurden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland inszeniert und mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kleist-Förderpreis. Seine Hörspiele werden von Deutschlandfunk Kultur produziert. Zuletzt lief sein Film 'Europa zum Beispiel' im Wettbewerb des Max Ophüls Preis. 2018 erschien sein Debütroman 'Tausend deutsche Diskotheken'.
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Autoren/Hrsg.


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C


Der Beruf des Pferdediebs ist in der Bevölkerung wenig anerkannt. Natürlich gibt es den Ausspruch , und das ist immer nett gemeint. Aber wenn es jemand wirklich durchzieht, hört der Spaß sofort auf. Man wird auf Titelseiten und in Polizeireviere gezerrt, bekommt öffentliche Verachtung zu spüren, und wenn man beim Zahnarzt im Wartezimmer sitzt, kommt man nur mit größter Verzögerung dran. Der Pferdedieb hat es schwer. Das Risiko ist groß und der Verdienst gering. Vielleicht kann man als Junggeselle gut damit durchkommen, aber muss man erst mal eine Familie ernähren, stößt man finanziell schnell an Grenzen. Warum sollte also jemand diese Unannehmlichkeiten auf sich nehmen? Zum einen könnte es ja sein, dass die Pferde, die man stehlen möchte, gar nicht aus Fleisch und Blut sind, sondern aus Gold, Silber oder wenigstens Bronze. Zum anderen wäre es auch möglich, dass man völlig übergeschnappt ist. Und in diesem Fall hieß die Übergeschnappte Beverly Kaczmarek, geboren am 30.12.1999 im Universitätsklinikum von Opole.

Ihre Kindheit und Jugend verbrachte Beverly in einem Dorf namens Thule, das bei Laskowitz lag, das in der Nähe von Budkowitz lag, das wiederum bei Opole lag, und saß da die ersten 18 Jahre ihres Lebens ab wie eine zu Mord-und-Papstbeleidigung-Verurteilte. Ihre Mutter war früh mit einem ukrainischen Geschäftsmann durchgebrannt, ihr Vater war selten da und ihre Onkel saßen abwechselnd im Gefängnis von Lubliniec.

Der einzig okaye Typ war ihr Großvater Sylvester Kaczmarek, legendärer Panzerschrankknacker und Oberhaupt des polnischen Kaczmarek-Clans, der inzwischen wild über die Welt verstreut lebte. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte sich die Verwandtschaft in alle Himmelsrichtungen verteilt: Es gab Tanten und Onkel auf Kap Verde und Kuba. Neffen und Nichten in Uruguay und Israel. Cousins und Cousinen in Antwerpen, Taschkent und Beirut. Doch wenn man aus dem Fenster schaute, unter dem Beverlys Bett stand, sah man nur das verdammte Thule.

Als Beverly ihren Großvater das erste Mal sah, sprang er aus einem wassermelonengrünen Peugeot 504, mit dem er zuvor hupend um die Kirche gedriftet war. Eine gigantische Sonnenbrille verbarg die Hälfte seines Gesichtes und eine viel zu große, dutzendfach geflickte Adidas-Trainingsjacke hing von seinen Schultern. Mit schnurrender Stimme wünschte er ihr einen herrlichen Abend, reichte seine Visitenkarte und stellte sich als vor. Er selbst, sagte Sylvester Kaczmarek, sei nicht nur ihr Großvater, sondern auch zur Hälfte Kasache und zu einem Drittel Kolumbianer.

– Zu einem Drittel?, fragte Beverly, wie soll denn das gehen?

– Du bist viel zu jung, um das zu verstehen. Also frag nicht!

Beverly schaute böse und spuckte vor seine Füße.

– Wo warst du die letzten 12 Jahre?

– Hatte zu tun. Muss auch gleich wieder weg.

Beverly nickte und sie gingen ein Stück.

– Hat dein Vater mal was von mir erzählt?

– Nein. Der mag dich nicht.

Sylvester fragte seine Enkeltochter noch nach ihren Sportnoten, erkundigte sich, ob sie wüsste, wie man einen simplen Telefonbetrug durchzieht, und steckte ihr einen 5000-Rubel-Schein zu. Er versprach, in ein paar Wochen wieder vorbeizuschauen, und sollte dann noch eine Kopeke übrig sein, wäre er verdammt enttäuscht.

– Und? Wie läuft’s sonst mit der Familie?

– Weiß nicht. Alle nerven.

Sylvester nickte wissend, zog ein Päckchen Papierosy aus der Jackentasche und bot seiner Enkelin eine an.

– Heute nicht, lehnte Beverly ab.

– Nichtraucherin?

– Klar, ich bin erst zwölf Jahre alt.

– Na und? Deine Urgroßmutter hat mir Lungenzüge beigebracht, als ich vier war.

Abgesehen davon, dass ihre komplette Verwandtschaft aus Kriminellen bestand, erlebte Beverly eine ganz normale Kindheit. Sie verknotete die Schnürsenkel fremder Menschen unter dem Tisch und spielte 1–2-3-Ich-knall-dich-ab auf dem Sportplatz. Manchmal trat sie gegen Bälle, manchmal trat sie neben Bälle. Hin und wieder fuhr sie nach Opole, um irgendeinen Krimskrams zu klauen oder den Menschen am Hauptbahnhof zuzusehen, wie sie ihre Züge verpassten. Die Jahre vergingen, und Beverlys Hobbys blieben konstant unsolide. Sie brach Kaugummiautomaten auf und Mercedes-Sterne ab. Sie sah der Fußballmannschaft von Kluczbork heimlich beim Duschen zu. Sie träumte davon, eine große Reise nach Moskau oder Mexiko zu unternehmen.

Und je älter sie wurde, desto dicker wurden die Dinger, die sie drehte. Ihr Vater Floyd Kaczmarek war stolz auf sie. Ihren ersten richtigen Diebstahl hatte sie mit fünf Jahren im Baumarkt begangen. Ihren zweiten mit sieben, da war es die Brieftasche des Bademeisters. Mit acht brach sie das erste Mal in das Haus der Nachbarn ein, als die gerade im Urlaub waren. Sie entwendete Handtaschen, Autoschlüssel oder die Kreditkarte des Schuldirektors. Mit 14 knackte sie drei Bankautomaten und räumte den Tresor von Osowskis Juwelierladen aus. Und jeden Dienstag und Donnerstag trainierte Beverly Kung-Fu in der Mehrzweckhalle, weil sie es cool fand, dass Kung-Fu wörtlich übersetzt »Hart erarbeitete Fertigkeit« heißt, aber auch weil sie jeden vermöbeln wollte, der ihr an der Bushaltestelle blöd kam.

Auch mit ihren Brüdern gab es häufig Streit. Yves war zwei Jahre älter und Billy drei, trotzdem verpasste sie beiden regelmäßig Kinnhaken, und das musste sie auch, weil Floyd selten einschritt und Yves und Billy so gut wie alles durchgehen ließ: dass sie Beverlys Videokassetten, auf denen sie alle Folgen aufgenommen hatte, mit Softpornos aus dem Spätprogramm überspielten. Dass sie ihre -Spielfiguren im Klo runterspülten. Dass sie sich mit ihrer Zahnbürste unter den Achseln schrubbten und trotz eindeutiger Beweise alles abstritten. Dass sie abstruse Evolutionstheorien am Frühstückstisch hinausposaunten. Dass sie ihr ständig den Arm umdrehten. Dass sie sie ein Jahr lang nur »Dicke Maus« nannten. Dass sie Beverly ständig in die Hecke schmissen. Dass sie das Marihuana aus der Blechdose unter ihrem Bett wegrauchten. Dass sie ihr einmal die Goldhamster der Nachbarskinder ins Bett schmissen, während Beverly gerade einen höllischen Johannisbeerwodkakater auspennte. Dass sie ihr zu ihrem 16. und 17. Geburtstag nichts außer zwei Ohrfeigen schenkten.

Als Floyd auf Diebestour nach Baden-Baden ging, fragte er Yves und Billy, ob sie ihn begleiten wollten, wobei Beverly außen vor blieb (Gründe: zu jung, kein Führerschein, schlechtes Handling mit dem Schlagbohrer), was sie maßlos ärgerte. Sie ging auf ihr Zimmer, lungerte ein paar Stunden herum und stand mitten in der Nacht auf. Sie ging zum Parkplatz am Ende der Straße, brach den Benz ihres Vaters auf und fuhr ihn in den nahe gelegenen Badesee. Dann legte sie sich wieder schlafen.

Ein paar Wochen später war Beverly auf Klassenfahrt in Paris und furchtbar aufgeregt. Jetzt würde sie es allen zeigen. Sie spazierte über die Boulevards und saugte das Licht auf, die Schwingungen, die Stimmen. Nein, das war nicht Opole. Das war auch nicht Baden-Baden. Das war viel besser. Gleich am nächsten Abend wollte sie das Musée Marmottan besuchen und sich ein Morisot-Pastell unter den Nagel reißen. Doch dann ging alles schief. Zuerst verfuhr sie sich mit der Metro, dann merkte sie, dass sie ihre Werkzeugmappe vergessen hatte, und als sie endlich ankam, fand sie das Museum gründlich bewacht vor. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm. Kameras, Infrarotsensoren, der neueste Hokuspokus. Beverly lief grimmig durch die umliegenden Straßen, kaufte sich ein Eis, fotografierte wahllos Dinge, klemmte sich eine Tüte Croissants unter den Arm. Dann kehrte sie um, tigerte durch den Park gegenüber des Museums und studierte erneut die Sicherheitsvorkehrungen.

– Ihr leidet hier wohl unter Verfolgungswahn, rief sie einem Wachmann zu, den sie bei der Zigarettenpause erwischte.

– Pardon?

Sie deutete auf das Museum:

– Wohl größenwahnsinnig geworden, was?

Mit leeren Händen trat Beverly die Rückreise nach Thule an. Als der Bus wieder in die Oleska einbog, hämmerte sie ihre Stirn an den Vordersitz. Was sollte sie noch hier? Abgesehen davon, dass sie manchmal mit den Jungs aus den Nachbardörfern rummachte, mit Arkadiusz und Jacek und Wojciech und Lukasz, dessen Vater sie immer ein paar Scheine aus dem Mantel fischte, und Bartosz, dem sie mal den Nintendo mit allen Spielen gezockt hatte, würde sich hier nichts Aufregendes ereignen. Doch dann, an einem Donnerstag im Juli, traf sie auf dem Postamt von Opole einen Mann, bei dem war alles anders. Vor ihr stand Antoni Poznanski, Ex-Tankstellenräuber und Postbeamter auf Bewährung. Er hatte eine Nackentätowierung, die mehrere Wiesel im Liebesspiel zeigte (Gelbbauchwiesel, Baumwiesel, Streifenweisel), und die brutalsten Augen der Stadt. Für Augen konnte sich Beverly bisher überhaupt nicht begeistern, Augen fand sie im Grunde uninteressant. Doch damit war nun Schluss. Wann immer es ging, ließ sie sich von ihrem Vater nach Opole schicken, um ein Paket aufzugeben...


Decar, Michel
Michel Decar, geboren 1987 in Augsburg, lebt als Autor und Regisseur in Berlin. Seine Theaterstücke wurden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland inszeniert und mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Kleist-Förderpreis. Seine Hörspiele werden von Deutschlandfunk Kultur produziert. Zuletzt lief sein Film "Europa zum Beispiel" im Wettbewerb des Max Ophüls Preis. 2018 erschien sein Debütroman "Tausend deutsche Diskotheken".



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