E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Dechmann / Ryffel Vom Ende zum Anfang der Liebe
7. Auflage 2015
ISBN: 978-3-407-22268-8
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie Paare zusammenbleiben
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-407-22268-8
Verlag: Beltz eBook
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Birgit Dechmann ist Paar- und Familientherapeutin, Körper und Traumatherapeutin. Zusammen mit Elisabeth Schlumpf schrieb sie das Buch »Lieben ein Leben lang - Wie Beziehungen immer besser werden« (2008).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Kapitel 3
Das Auftauchen kleiner Anomalien
Unter Anomalien versteht Mahoney alle jene Ereignisse, die das ursprüngliche Paradigma leicht erschüttern. Keineswegs so stark, dass der Einzelne in eine Krise stürzt, aber doch so, dass er die Unstimmigkeiten nicht mehr übersehen kann. Er fühlt sich vielleicht irritiert, verunsichert, meist aber auf eine wenig greifbare und konkrete Art.
In Bezug auf die Liebe sehen wir sofort, dass es gewisse Überschneidungen mit der Stimmigkeitsphase gibt. Auch dort konnten ja schon Störungen auftauchen. Sie wurden aber nicht ernst genommen. Daran merken wir, dass auch ein Phasenmodell nur ein gedankliches Konstrukt ist. Das heißt, die Wirklichkeit ist facettenreicher, als es ein theoretisches Modell der Veränderung je einfangen und widerspiegeln kann. So wird es Personen geben, die Phasen überspringen, oder solche, die zyklisch immer wieder die gleichen erleben. Beim Modell handelt es sich also um ein vereinfachendes Abbild der Wirklichkeit. Es ist ein Denkschema und keine präzise Ablaufbeschreibung. Man kann es sich als eine Landkarte vorstellen, mit deren Hilfe sich immer wieder herausfinden lässt, wo man sich gerade befindet.
Wenn Dana die Karte schon zur Verfügung hätte, würde sie sich klar in der zweiten Phase orten. Sie hat inzwischen ihr Romanistikstudium beendet, Jörg geheiratet und führt neben Kindern und Haushalt mit ihrer Freundin Lisa einen kleinen Laden, in dem sie mit Kleidern aus den Fünfzigerjahren, mit Trödel und antiken Trouvaillen handeln:
Irritationen im Alltag
Noch mit geschlossenen Augen lässt Dana ihre Gedanken wandern: die Kinder wecken, Milch wärmen, Jörgs Lieblingsbecher nicht mit irgendeinem anderen verwechseln und dann – nach dem morgendlichen Frühstück und dem darauffolgenden Chaos im Bad – Ruhe: die Kinder in der Schule, Jörg in seiner ersten Besprechung.
Der Wecker zeigt noch nicht 6 Uhr, und so kann es sich Dana leisten, ihre Gedanken für fünf Minuten dem Tag vorauszuschicken, ehe sie aufsteht. Sie genießt die Wärme unter der Decke und lässt die zu erwartenden Stationen an sich vorbeiziehen:
Beide Kinder haben heute ausnahmsweise schon um acht Schule. Gott sei Dank. Eine halbe Stunde für einen Kaffee und die Zeitung dürfte also drinliegen. Wenn Tobias später losmuss, weiß sie nie, wie sie den Tag unterbringen soll. Mit seinen sieben Jahren hält er sie noch immer ziemlich auf Trab. Am schlimmsten ist der Mittwoch. Da muss er erst um zehn in die Schule und Kathrin kommt schon um elf Uhr heim. Aber Mittwoch ist schließlich erst übermorgen.
Dana zwingt die aufsteigende Spannung zurück und nimmt den verlorenen Faden wieder auf. Also: zuerst der fällige Einkauf, dann der Gang zur Reinigung und ein Sprung in den Laden, um zu schauen, ob Lisa das Dekorationsmaterial besorgen konnte.
Wenn sie es schafft, die Reinigung vor zehn zu erledigen, könnte sie sogar daheim sein, wenn Tobias aus der Schule kommt, und ihn dann mit in den Laden nehmen. Reicht die Zeit, um Spaghetti mit Ragout zu kochen? Ja, sie reicht, und das ist gut so, denn Spaghetti sichern immer einen harmonischen Wochenanfang.
Am Nachmittag hat Tobias schulfrei, also werden zuerst mit ihm die neuen Schuhe gekauft. Nachher muss das Schaufenster frisch dekoriert werden. Hoffentlich geht er dann zu Thomas spielen. Wenn nicht, kann sich vielleicht Kathrin mit ihm beschäftigen. Nein, geht nicht, sie hat nach der Schule noch ihre Stunde im Malatelier. Auch nicht schlecht. Danach ist sie immer so zufrieden.
Dana kuschelt sich zusammen. Sie spürt, wie die weiche Bettwärme sie wieder in den Schlaf zurückzieht, und genießt das traumartige Schweben zwischen Schlaf und Wachsein. Der Tag wird ausgefüllt sein und der Gedanke daran befriedigt sie. Das meiste ist klar und gut vorhersehbar. Es kommt nur darauf an, dass sie nicht in Panik gerät und langsam eines nach dem anderen in Angriff nimmt. Die geplante Ordnung erfüllt sie mit Ruhe und gibt fast ein Gefühl der Geborgenheit und Schutz. Schutz? Schutz wovor? Vor Einbruch …? Ausbruch …? Umbruch …? An dieser Stelle beginnen sich Danas Gedanken zu verwirren. Ihr mühsam geschaffenes Wohlgefühl droht zu schwinden und Angst steigt auf.
Dana greift rüber zu Jörg, spürt, dass er nicht da ist und längst aufgestanden sein muss. Sein Bett fühlt sich kalt und klamm an. Frierend zieht sie ihre Hand zurück und ist plötzlich hellwach. Ein Blick auf die Uhr zeigt ihr, dass sie das Sechsuhrläuten vom nahen Kirchturm verträumt haben muss.
Höchste Zeit. Hastig stößt sie mit dem rechten Fuß die Bettdecke weg, angelt mit dem linken nach dem Hausschuh, ärgert sich über die verdammt romantische China-Lampe, die ihr den Blick zur Tür verhängt, und verfängt sich beim Hinauslaufen in Jörgs herumliegenden Kleiderstößen.
In der Küche hat alles seine gewohnte Ordnung und Dana beginnt sich nahtlos in den Morgenablauf einzureihen.
Die Soße dampft, und als sich Dana durch die Schiebetüre der engen Einbauküche zwängt, um die Schüsseln an ihren Platz zu stellen, ist ihr, als sei sie schwerfälliger Mittelpunkt einer schwülen Knoblauchtomatenzwiebelwolke, die sich aus der Tür hinaus in die Essecke hineinwälzt, alles umfängt, bedeckt und auf ihrem Weg klebrige Spuren auf Boden, Möbeln und Gesichtern hinterlässt. »Spaghetti?«, hört sie sagen, »hatten wir doch letzte Woche schon.« Die Stimme gehört zu Jörg, und Dana spürt den dringenden Impuls, ihm auf der Stelle die Soßenschüssel über den Kopf zu stülpen.
Stattdessen lächelt sie, stellt die Schüsseln ab und murmelt vor sich hin, dass man es auch nie allen recht machen könne. Die Kinder stürzen sich – begeistert wie immer – auf das farbige Geschlängel auf ihrem Teller und wetteifern darum, angehört zu werden. Dana hört zu, nickt, schüttelt den Kopf, tröstet, lacht, auch wenn es nichts zu lachen gibt, und denkt, dass Jörg wahrscheinlich gleich wieder gehen muss. Als er für sie und sich selbst aus der Küche den dampfenden Kaffee bringt und dabei sogar noch an ihren Süßstoff denkt, ist sie davon momentweise so gerührt, dass sie beinahe in Tränen ausbricht.
Jörg schaut sie unsicher an, meint, dass der Kaffee jetzt wahrscheinlich bitter sei, weil sie ihn so lange auf der Wärmeplatte stehen gelassen habe, und vertieft sich mit einem entschuldigenden Blick in den Berg seiner Geschäftspost. In zehn Minuten wird er ohnehin wieder gehen müssen, denkt Dana und tupft die kleinen rötlichen Soßenspritzer vom Tischtuch.
»Was hast du gesagt?« Lisa, die in der Auslage kniet und zum dritten Mal versucht, ein kleines Schwarzes, Größe 44, der überschlanken Schaufensterpuppe anzupassen, hätte fast eine Nadel verschluckt: »Hast du wirklich gesagt, du fühlst dich wie deine eigene Karikatur?«
Vorsichtshalber befestigt sie die Nadeln am Pulloverärmel, bevor sie sich im engen Fenster mühsam umdreht und Dana zuwendet. Dana wirkt eigentlich wie immer. Gerade jetzt, da sie im Halbdunkel auf dem Boden sitzt und das alte Dekorationsmaterial ordnet, könnte sie eine Orakel legende Indianerin sein oder eine Sizilianerin, die das frisch geschlachtete Huhn fürs Abendessen rupft.
Südliches Leben verbindet Lisa mit ihr, leidenschaftliche Ausbrüche, angeregte Gespräche, aber auch Anstrengung und das gegenseitige Teilen von Ängsten und Enttäuschungen.
»Karikatur« ist wirklich so ziemlich das letzte Wort, das sie mit ihrer Freundin in Zusammenhang bringen würde.
Lisas Assoziationen werden von einer ungewöhnlich leisen Dana unterbrochen. »Weißt du, Lisa, du musst nicht erschrecken. Es geht überhaupt nicht um was Dramatisches. Mit anderen verglichen führe ich sicher ein gutes Leben. Und trotzdem … ich...




