Decker | Der Warenkörper | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Decker Der Warenkörper

Zur Sozialpsychologie der Medizin
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86674-123-2
Verlag: zu Klampen Verlag
Format: PDF
Kopierschutz: 0 - No protection

Zur Sozialpsychologie der Medizin

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-86674-123-2
Verlag: zu Klampen Verlag
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Die Ökonomisierung erfasst den menschlichen Körper, er wird zur Ware. Am deutlichsten ist das in der modernen Medizin. Sie braucht den Körper als Ressource, ob in der Stammzellforschung oder der Organtransplantation. So wird der menschliche Körper und werden seine Teile zum Handelsgut. Das war der Körper im historischen Umbruch zur Moderne schon einmal: Der ganz Europa erfassende Reliquienhandel machte menschliche Körperteile zum begehrtesten Handelsgut - und zum Heilsgut. Mit dieser Vorgeschichte wird auf einen Schlag sichtbar, dass der Griff nach dem menschlichen Körper keine ökonomische Landnahme ist: Waren-Gesellschaft und moderne Medizin verbindet mehr, als sie an ihrer Oberfläche zu erkennen geben. Der für die Psychoanalyse Freuds und für die Theorie Marx' so zentrale Begriff des Fetischismus wirft ein Licht auf den »theologischen Glutkern« (Adorno) von kapitalistischem Markt und moderner Medizin. Die »untergründige Geschichte des Körpers« (Horkheimer/Adorno) ist an zentraler Position in einer Dialektik der Aufklärung.

Oliver Decker, Jahrgang 1968, studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie. Nach seinem Abschluss zum Diplom-Psychologen promovierte er 2003 an der Universität Kassel zum Doktor der Philosophie und habilitierte sich 2010 an der Universität Hannover in Sozialpsychologie. Er ist u.a. seit 2013 Vorstandssprecher des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig und seit 2002 Mitherausgeber der »Mitte-Studien« zum Rechtsextremismus in Deutschland. Er veröffentlichte bei zu Klampen »Der Warenkörper« (2011), »Vom KZ zum Eigenheim« (2016) und »Der Berlin-Monitor« (2019).
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Vorwort 9 Kapitel I: Zur Sozialpsychologie der Medizin 13 Kommodifikation – Der menschliche Körper als Rohstoff und Handelsware 16 Das Zeitalter der Organtransplantation 22 Knappe Ressourcen 27 Das Geschenk des Lebens 32 Psychische Reaktion auf eine soziale Praxis 38 Mangel und Ersatz 39 Vom Geben und Nehmen 45 Das Gesetz des Marktes 52 Für und Wider einer Marktlösung 52 Praxis des Organhandels 60 Sozialpsychologie und Medizin 64 »Sociology in Medicine« oder »Sociology of Medicine« 66 Die »Wurzelgründe« der modernen Medizin 75 Kapitel II: Beinverpflanzungswunder und Reliquienverehrung 92 Die Heiligen Cosmas und Damian – Ihre Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte 97 Vom göttlichen Zwilling zum heiligen Bruderpaar 98 Die wundersame Beinverpflanzung 103 Vom Wunder zum Mitwirkungswunder 106 Verehrte Körper 107 Gehandelte Körper 113 Ausnahmemensch und Fremdkörper 122 Erwähltheit und Akkumulation 130 Eucharistiefeier und der Leib des Herrn 131 Gnadenversicherung und Erwähltheit 135 Der »Glutkern« 140 Kapitel III: Fetischismus – Heilsgut, Ware, Körper 144 Fremde Körper – Gegen Unvernunft, Mohren und Katholiken 148 Boßmanns Reise nach Guinea 148 De Brosses’ Abhandlung über die Religion Nigritiens 156 Göttliche Körper – Entfremdung und Idolatrie 163 Facticius – Handelsware und bearbeitete Natur 163 Fetischismus – Fremdes und verdrängtes Eigenes 172 Fetischdienste und Reliquiare 175 Handelskörper – Entfremdung und Fetischismus 186 Der Warenfetisch 187 Die Substanz der Ware – corpus facticium: Vergötzung des Körpers und Bearbeitung der Natur 194 Schatzbildung und Priesterbetrug 204 Traum und Rausch 212 Mangelhafte Körper – Entfremdung und Perversion 221 Narzisstische Plombe 228 Illusion 248 Opfer und Körper, Tausch und Versöhnung 253 Kapitel IV: Der Warenkörper 266 Anmerkungen 276 Literatur 293 Dank 320


Abb. 1: Das Wappen der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig

Kapitel II:
Beinverpflanzungswunder und Reliquienverehrung


Talcott Parsons hat im »Gift of Life« die enge historische Verbindung der modernen Medizin mit der Religion ausgemacht. Diese Verbindung zur Religion wird aber nicht nur von außen an die Medizin herangetragen. In einem Kontext, in dem man nicht mit ihnen rechnen würde, begegnen einem zwei christliche Heilige. Dem Besucher von Kongressen zur Transplantationsmedizin sind die beiden Arztheiligen St. Cosmas und St. Damian vertraut, oft genug wird ein Vortrag mit dem Verweis auf das heilige Brüderpaar begonnen. Auch bei öffentlichen Vorträgen vor interessierten Laien ist die Geschichte dieser beiden Heiligen beliebt. Diese Präsenz fordert dazu auf, sich mit der Tradition zu beschäftigen, auf welche sich die Transplantationsmedizin beruft. Was sind das für Ahnherren, die sich die Transplantationsmediziner wählen?

Ist man einmal neugierig geworden und recherchiert die Kontexte, in denen Cosmas und Damian erscheinen, so fallen derer viele auf. Man wird feststellen, dass Cosmas und Damian im 15. Jahrhundert bei Gründungen der medizinischen Fakultäten häufig als Schutzpatrone oder auch als Patrone der ersten ärztlichen Standesorganisationen ausgewählt wurden, etwa der Chirurgischen Vereinigung von London im Jahr 1492 (Matthews 1968, 1130) und, später, der Bruderschaft St. Cosmas im Jahre 1592 (Schechter 1968; Troschke 2004). So sind sie auch Schutzpatrone der 1429 gegründeten Wiener Medizinischen Fakultät. Kurz nach der Gründung der Leipziger Medizinischen Fakultät im Jahre 1415 wurden die beiden Brüder 1438 auch als ihre Schutzpatrone erwählt und im Wappen mit Harnglas und Spatel abgebildet (Abbildung 1).

Nicht nur in diesen Städten waren Cosmas und Damian für die Medizinischen Fakultäten erste Wahl als Schutzpatrone. Sie sind zudem die Säulenheiligen der Medizinischen Fakultät der Universitäten Prag (1348), Wittenberg (1502), Ingolstadt (1430) und Innsbruck (1673) (Peltier 1997). Cosmas und Damian hatten offensichtlich zu Beginn der akademischen Medizin eine sehr prominente Rolle und waren Anfang des 15. Jahrhunderts so bekannte Arztheilige, dass die Medizinischen Fakultäten keine besseren finden konnten, auf der Suche nach spirituellem Beistand. Aber nicht der bloße Umstand, dass diese Heiligen die Schutzpatrone aller Ärzte und vieler medizinischer Fakultäten sind, macht sie zu attraktiven Referenzfiguren für die Transplantationsmedizin. Wesentlicher ist, dass und wie ihnen die wundertätige Heilung eines an Krebs erkrankten Mannes gelungen sein soll. Die Überlieferung der »Legenda Aurea« des Jakobus de Voragine (Voragine o. J.), deren Entstehung in der jüngeren Forschung (Fleith 1991, 16) auf die Jahre 1252 bis 1260 datiert wird, berichtet folgendes Wunder:

(Voragine o. J., 799)

Die Legende berichtet, wie Cosmas und Damian in der ihnen zu Ehren geweihten Basilica19 auf dem Gelände des umgewidmeten Friedensforum in Rom einem Mann in dessen Inkubationsschlaf erscheinen und sein grangränöses Bein ersetzen. Sie »transplantieren« anstelle des durch Metastasen zerfressenen Beines das Bein eines vor kurzem verstorbenen »Mohren«. Als der Mann erwacht, ist das Bein schon fest angewachsen.

Dieses Wunder wird oft als Leumund für die Transplantationsmedizin zitiert, kommt doch, so die Interpretation, mit der wundersamen Heilung ein jahrhundertealter Menschheitstraum zum Ausdruck. Dass die Transplantationsmedizin diesen Traum realisiert hat, formuliert der Leipziger Physiologe Zimmer (Zimmer 2001) folgendermaßen: »Aus der Verehrung der beiden Heiligen und aus dem Glauben an ihre Wunder entwickelte sich die Idee der Transplantation.« (Zimmer 2001, 2124) Zimmer ist nicht der Einzige, der im Zusammenhang der modernen Transplantationsmedizin auf den Bericht der wundersamen Heilung verweist. Werden neue Erfolge in der Transplantationsmedizin begangen, stellt man diesen Fortschritt gern in eine Linie, deren Anfänge bei Cosmas und Damian zu suchen sind. Die für die Transplantationsmedizin sehr bedeutsame Entwicklung des immunsuppressiven Medikaments Cyclosporin Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts ist für Kahan Anlass, in den renommierten »Transplantation Proceedings« die beiden Schutzpatrone im Titel zu ehren: »Revisiting Cosmas and Damian« (Kahan 1993). Von Kahan wird hierbei wie auch häufig bei anderen Autoren das Transplantationswunder in Abweichung von der Legenda Aurea noch zu Lebzeiten der beiden Heiligen datiert. Ganz unabhängig davon, ob sich das Wunder im zweiten oder dritten, also zu Lebzeiten, oder im 4. oder 5. Jahrhundert und damit postmortem ereignete, einig sind sich die Autoren chirurgischer und medizinischer Zeitschriften in einem Punkt. Sie sehen in der Legende den Beginn der modernen Transplantationsmedizin, sie bereitet den realen Eingriff vor: »From Myth to Reality« (Starzl & Fung 1990; Starzl 1994; Shayan 2001; Margreiter 2002; Barozzi, Luppi & Torelli 2003).

Die Neugierde ist etwas befriedigt worden, Cosmas und Damian waren für Jahrhunderte die Heiligen der Ärzte. Wir wissen nun auch, warum sie zitiert werden. Wenn die Transplantationsmediziner das Wunder des heiligen Bruderpaars aufgreifen, transportieren sie damit eine Botschaft, welche lautet: Die Transplantationsmedizin realisiert die in der Legende vorweggenommene Emanzipation, sie macht die wundersame Ausnahme zum profanen Alltag. Vielleicht haben die Transplantationsmediziner damit sogar Recht. Aber etwas an diesem selbst gewählten Verweis spornt an, sich noch etwas eingehender mit Cosmas und Damian zu beschäftigen. Die Sage der beiden kann durchaus in ein Verweisverhältnis zur modernen Transplantationsmedizin gebracht werden, aber zu beachten bleibt die Chronologie. Die Transplantationsmedizin verweist auf das überlieferte christliche Wunder und setzt sich mit Cosmas und Damian in eine religiöse Tradition. Hingegen kann freilich nicht ohne Weiteres angenommen werden, dass Cosmas und Damian die kommende moderne Medizin vorwegnehmen wollen. Zwei Fragen gilt es also zu klären, zum einem, kann die Legende bereits das Bild des erhofften Zukünftigen und Neuen in sich tragen? Zum anderen und mit der Beantwortung der ersten Frage eng zusammenhängend: Worauf verweist die moderne Medizin, wenn sie Cosmas und Damian zitiert und was gibt sie mit dieser Traditionssuche über ihren eigenen Antrieb preis? Dass dabei ein Menschheitstraum in Erfüllung gehen soll, ist bemerkenswert. Individuen träumen, aber auch Kollektive? Selbst wenn die Transplantationsmediziner mit ihrer Aussage sicherlich nicht so ernst genommen werden wollen, kann man sie doch berechtigterweise beim Wort nehmen. Wunsch und Traum liegen nicht weit auseinander, wie seit Freud bekannt ist, der »den Menschen konsequent als das wünschende Tier darstellt.« (Lohmann 1998, 36) Mutatis mutandis: Wenn sich ein verhüllter Wunsch im Wunder von Cosmas und Damian zeigt, dann ist der Traum nicht weit. Der war für Freud sicherlich zunächst nur der Hüter des Schlafes und eine individuelle Wunscherfüllung. Ist die Zensur durch den Schlaf erst einmal heruntergesetzt, schützt der Traum den Träumenden vor dem bösen Erwachen, nicht zuletzt infolge der Konfrontation mit verpönten Wünschen. Im Erwachen wird dann nur noch der entstellte Traum erinnert, eine Deckerinnung schiebt sich vor den Wunsch und verhüllt ihn. Nur: Wenn die Menschheit träumt, handelt es sich dann auch um eine halluzinatorische Wunscherfüllung? Wie verhält es sich mit der aus der Psychoanalyse bekannten Unterscheidung zwischen manifestem Traumgedanken und latentem Inhalt (Freud 1900)? Gibt das manifeste Traumbild der Menschheit ebenfalls ein Bilderrätsel auf, das, einmal gelöst, einen Wunsch als Vater des Gedankens offenbart? Dann müsste bei der folgenden Rekonstruktion der Heiligenlegende die Traumarbeit der Verdichtung und Verdrängung berücksichtigt werden. Das Unbewusste arbeitet primärprozesshaft, es kennt weder Zeit, noch heben sich Gegensätze auf. Das heißt auch: Es können mehrere Wünsche, möglicherweise gegensätzliche, in Ambivalenz begriffen sein und sich im Traumbild des Schlafenden Geltung verschaffen. Auf jeden Fall wäre wie in der Deutung eines individuellen Traums davon auszugehen, dass der manifeste Trauminhalt, die Transplantation, nicht mit jenem Wünschen zusammenfällt, durch die angetrieben sich die Inhalte manifestieren. Aber ebenso wie in der Traumdeutung als via regia zum Unbewussten wäre das manifeste Material nicht einfach nur störender Zierrat, sondern selbst aufs engste...


Decker, Oliver
Oliver Decker, Jahrgang 1968, studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie. Nach seinem Abschluss zum Diplom-Psychologen promovierte er 2003 an der Universität Kassel zum Doktor der Philosophie und habilitierte sich 2010 an der Universität Hannover in Sozialpsychologie. Er ist u.a. seit 2013 Vorstandssprecher des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig und seit 2002 Mitherausgeber der »Mitte-Studien« zum Rechtsextremismus in Deutschland. Er veröffentlichte bei zu Klampen »Der Warenkörper« (2011), »Vom KZ zum Eigenheim« (2016) und »Der Berlin-Monitor« (2019).

Oliver Decker, Jahrgang 1968, studierte Psychologie, Soziologie und Philosophie, war als Diplom-Psychologe wissenschaftlicher Angestellter an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig, wurde in Philosophie an der Universität Kassel promoviert und habilitierte sich 2010 an der Leibniz Universität Hannover in Sozialpsychologie. Zur Zeit ist er Vertretungsprofessor fu¨r Sozialpsychologie an der Universität Siegen. Unter seiner Leitung entstanden die wegweisenden Studien zum Rechtsextremismus der »Mitte«.



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