E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Deighton SS-GB
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-641-22334-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thriller
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-22334-2
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Len Deighton, 1929 in London geboren, gilt als einer der erfolgreichsten englischen Spannungsautoren. Seine Thriller und historischen Romane waren allesamt internationale Bestseller. Deightons Klassiker SS-GB ist die Grundlage für die aktuelle große TV-Verfilmung mit Sam Riley und Kate Bosworth in den Hauptrollen.
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1
»Himmler hat den König im Tower festsetzen lassen«, berichtete Harry Woods, »aber jetzt sagen die deutschen Generäle, die Wehrmacht solle ihn bewachen.«
Der andere Mann beschäftigte sich mit den Papieren auf seinem Schreibtisch, ohne sich dazu zu äußern. Er drückte einen Gummistempel ins Stempelkissen und knallte ihn auf den Tagesbericht: »Scotland Yard, 14. November 1941«. Unglaublich, dass der Kriegsbeginn erst zwei Jahre zurücklag. Jetzt war alles vorbei und verloren. Es gab so viel Schreibarbeit zu erledigen, dass noch zwei Schuhkartons den überquellenden Papierkram aufnehmen mussten, Schuhe Marke »Dolcis«, Größe 37, erstklassige Lederpumps, hochhackig, schmale Form.
Superintendent Douglas Archer kannte nur eine Frau, die solche Schuhe kaufte – seine Sekretärin.
»Tja, das sagen jedenfalls die Leute«, fügte Harry Woods hinzu. Der schon etwas bejahrte Polizeisergeant war sozusagen die andere Hälfte des »Mord-Teams«.
Douglas Archer zeichnete den Tagesbericht ab und warf ihn in den Ablagekorb. Dann blickte er sich im Raum um und nickte. Es war schon ein jämmerliches Büro: die grün und cremefarben gestrichenen Wände altersgeschwärzt, die kleinen, bleigefassten Fensterscheiben vom rußigen Regen derart verschmiert, dass den ganzen Tag das elektrische Licht brennen musste.
»Mach’s nie auf deiner eigenen Schwelle«, riet Harry, nun, da es für gute Ratschläge ohnehin zu spät war. Jeder andere als Harry, weniger dreist, weniger redselig und wohlmeinend, hätte es hiermit gut sein lassen. Doch Harry übersah das gequälte Lächeln seines Vorgesetzten. »Mach’s lieber mit der Blondine oben in der Registratur oder mit dem dickbusigen deutschen Verbindungsweib von der Waffen-SS. Die soll darin übrigens recht munter sein, heißt es. Aber mit der eigenen Sekretärin?« Harry Woods verzog das Gesicht.
»Du verbringst zu viel Zeit damit, auf das zu hören, was die Leute reden«, meinte Douglas Archer gelassen. »Da hakt es bei dir, Harry.«
Harry Woods hielt dem missbilligenden Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. »Einer von der Polizei sollte überhaupt keine Zeit damit verbringen, auf das zu hören, was die Leute sagen, Chef«, meinte er. »Und wenn du den Tatsachen mehr Beachtung schenken wolltest, wäre dir inzwischen schon klar geworden, dass du zwar ein sagenhafter Kriminaler sein magst, aber ein miserabler Menschenkenner – da hakt’s bei dir!«
Es gab nicht viele Polizeisergeants, die es gewagt hätten, so mit Douglas Archer zu reden, doch diese beiden Männer kannten einander schon seit 1920. Damals war Harry Woods ein fescher junger Polizist gewesen, mit dem Ordensband der Militärverdienstmedaille auf der Brust, dessen Revier mit den gebrochenen Herzen hübscher kleiner Hausgehilfinnen übersät und mit heißen Fleischpastetchen verliebter Köchinnen gepflastert war, und Douglas Archer war noch ein neunjähriger Knabe und stolz darauf, mit ihm im Gespräch gesehen zu werden.
Bis Douglas Archer dann schließlich als frischgebackener Inspektoranwärter von der Hendon-Polizeiakademie kam, mit nicht mehr Polizeidiensterfahrung, als man sie eben hat, wenn man sich vorwiegend an dem Pedell der Hochschule vorbei und durch Oxfords Hintergässchen drückt.
Harry wusste alles, was ein Polizist wissen muss. Und noch einiges mehr. Er wusste von jedem Nachtwächter, um welche Zeit der sich seinen Tee aufbrühte, und befand sich, wenn es regnete, tunlichst immer in der Nähe eines trockenen Unterstellplatzes. Harry Woods wusste, unter welchen der verschiedenen Kehrichthaufen Geld zu finden war, und er nahm auch nie mehr als ein Drittel davon, damit der Ladenbesitzer nicht etwa auf eine andere Methode verfiel, die Straßenkehrer für ihre Extradienste zu entlohnen. Doch das war alles schon lange her, noch bevor Harry, dank der Großzügigkeit der Wirte und Schankkellner, zu seinem geröteten Gesicht und einem beträchtlich erweiterten Hosenbund gekommen war, lange auch, bevor er dank Douglas Archers Beharrlichkeit bei der Kripo und dann bei der Mordkommission von Scotland Yard gelandet war.
»Abteilung C bearbeitet einen saftigen Fall«, sagte Harry Woods. »Alle sind damit nicht weitergekommen. Soll ich schon mal die »Mordtasche« packen?«
Douglas wusste, dass sein Sergeant nun eine überraschte Reaktion von ihm erwartete. Er zog eine Augenbraue hoch: »Wie, zum Teufel, hast du denn davon nur Wind bekommen?«
»Eine Wohnung am Shepherd Market, vollgestopft mit Whisky, Kaffee, Tee und so weiter, und auf dem Tisch herumliegende Benzinbezugsscheine der Luftwaffe. Das Opfer ist ein gut gekleideter Mann, wahrscheinlich ein Schwarzhändler.«
»Meinst du?«
Harry lächelte. »Denk an diese Schwarzmarktbande, die den Lagerverwalter in Fulham umgelegt hat. Sie fälschten Benzinbezugsscheine der Luftwaffe. Das könnte derselbe Haufen sein.«
»Harry, willst du mir jetzt sagen, woher du all diese Informationen hast, oder willst du das Verbrechen aufklären, ohne dich von deiner Sitzfläche zu erheben?«
»Der Chef vom Revier Row ist ein alter Saufkumpan von mir. Er hat mich eben angerufen. Ein Nachbar hat die Leiche gefunden und die Polizei benachrichtigt.«
»Das hat keine Eile«, sagte Douglas Archer, »wir lassen’s langsam anlaufen.«
Harry biss sich auf die Lippen. Seiner Meinung nach tat Superintendent Douglas Archer ohnehin nie etwas anderes. Harry war ein Polizeibeamter der alten Schule, der für Papierkram, Aktensysteme und Mikroskope nur Verachtung übrig hatte. Er fand Reden, Trinken, Verhören und Verhaften sehr viel besser.
Douglas Archer war ein groß gewachsener überschlanker Mann von dreißig Jahren. Er gehörte zu der neuen Generation von Kriminalbeamten, die das schwarze Jackett, die Hose mit Nadelstreifen, den Hut mit Umschlagkrempe und den steifen Kragen – eine Art Uniform für die Mordkommission – verschmähte. Er trug lieber dunkle Hemden und breitkrempige Hüte, wie er sie bei George Raft in einem Gangsterfilm aus Hollywood gesehen hatte. In Übereinstimmung hierzu hatte er damit begonnen, kleine, schwarze Stumpen zu rauchen, sooft es seine Tabakration gestattete. Diesen Stumpen versuchte er schon zum dritten Mal anzuzünden. Der Tabak war von minderer Qualität und brannte schlecht. Douglas sah sich nach weiteren Streichhölzern um. Harry warf ihm eine Schachtel hinüber.
Douglas war Londoner, mit dem wachen Verstand und dem hochentwickelten Gefühl für den eigenen Vorteil, etwas, wofür die Londoner bekannt sind. Wie viele, die vaterlos aufgewachsen sind, war er in sich gekehrt und hielt auf Distanz. Seine sanfte Stimme und sein Oxfordakzent hätten besser zu einem weltfremden Berufszweig der Juristerei gepasst, doch er hatte es nie bereut, in den Polizeidienst gegangen zu sein. Das lag, wie er mittlerweile erkannt hatte, zum größten Teil an Harry. Für den einsamen kleinen Jungen aus reicher Familie war Harry Woods Vaterersatz geworden, ohne es zu wissen.
»Mal angenommen, die Benzingutscheine sind keine Fälschung, angenommen, sie sind echt«, sagte Douglas, »dann kannst du Gift darauf nehmen, dass deutsches Personal in die Sache verwickelt ist und das Ganze vor dem Militärgericht der Luftwaffe endet. Reine Zeitverschwendung, wenn wir uns da einmischen.«
»Es handelt sich um einen Mord«, erwiderte Harry, »daran können auch ein paar Benzingutscheine, echt oder gefälscht, nichts ändern.«
»Versuch nicht, neue Gesetze zu machen, Harry, wir haben schon Mühe genug damit, den bereits bestehenden Geltung zu verschaffen. Verbrechen, in die Leute von der Luftwaffe – und sei es noch so unerheblich – verwickelt sind, werden vor Gerichten der Luftwaffe verhandelt.«
»Nicht, wenn wir uns sofort auf die Socken machen«, widersprach Harry und fuhr sich mit der Hand über sein Haar, das sich jedem Versuch, es glattzustreichen, widersetzte. »Nicht, wenn wir ein Geständnis aus einem von ihnen herausholen, Durchschläge an die Geheime Feldpolizei und an die Kommandantur schicken und ihnen auf silbernem Tablett einen schlüssigen Beweis präsentieren. Sonst schlagen diese deutschen Scheißkerle das Verfahren ja doch nur mangels an Beweisen nieder oder schieben die Schuldigen auf irgendeinen faulen Posten in ein anderes Land ab.«
Für Harry hörte der Kampf nie auf. Seine Generation, die im Dreck von Flandern gekämpft und gesiegt hatte, konnte Niederlagen nicht einfach hinnehmen. Douglas Archer war nie Soldat gewesen. Solange die Deutschen ihn weitermachen und Mörder fangen ließen, tat er seine Arbeit, wie er sie immer getan hatte. Es wäre ihm lieb gewesen, wenn er Harry dazu hätte bringen können, das genauso zu sehen.
»Ich würde es begrüßen, Harry, wenn du deine persönliche Meinung nicht in die hierorts übliche Terminologie einfließen lassen wolltest.« Douglas klopfte leicht auf die SIPO-Mitteilungen. »Außerdem bin ich durchaus nicht überzeugt davon, dass sie mit ihrem deutschen Personal milde verfahren würden. Fünf Hinrichtungen im letzten Monat, darunter ein Major der Panzertruppe, Ritterkreuzträger, der sich nichts Schlimmeres hat zuschulden kommen lassen, als eine Stunde zu spät einzutreffen, um einen Fuhrpark von Militärfahrzeugen abzunehmen.« Er ließ die Informationsblätter auf den Schreibtisch seines Mitarbeiters hinübersegeln.
»Liest du etwa diesen ganzen Mist?«
»Wenn du vernünftiger wärest, Harry, würdest du’s auch lesen. Dann wüsstest du auch, dass General Kellermann sich nun mehr den Bericht der Kripo schon am Dienstagvormittag um elf Uhr erstatten lässt. Bis dahin sind es noch knapp zehn Minuten.«
»Weil der alte Sack in der...




