Deigner / Böhn | Mine-Dine-Use und andere Generationengeschichten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 142 Seiten

Deigner / Böhn Mine-Dine-Use und andere Generationengeschichten


2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7541-0769-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 142 Seiten

ISBN: 978-3-7541-0769-0
Verlag: epubli
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Mine-Dine-Use und andere Generationengeschichten Der zweite Band aus der Ausschreibung Generationen des Baltrum Verlages. Mine-Diese-Use ist ein plattdeutscher Begriff für eine Patchworkfamilie. Hier erleben Sie einzelnen Geschichten aus den Spannungsfeldern der Generationen, zusammengefügt wie eine Patchworkfamilie, ein Buch mit nachdenklichen Geschichten, aber auch mit Humor.

Matthias Deigner ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er hat schon einige Bücher als Selbstverlag herausgegeben, ist in zahlreichen Anthologien, Magazinen und auf Webseiten mit seinen Kurzgeschichten vertreten und in neuester Zeit als Verleger auch im eigenen Verlag zu finden. Der Baltrum Verlag gibt Matthias Deigner die Möglichkeit auch die Seite des Herausgebers und Verlegers kennenzulernen, mit all den Blickrichtungen die zuvor nicht so sichtbar waren. Er schreibt eigentlich Horror und Thriller, begnügt sich damit aber nicht. Zahlreiche Kurzgeschichten im Baltrum Verlag und anderen Verlagen belegen das.
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Ferragosto in Altamura

David Johann Lensing

Der Hund sprang auf und huschte unter dem Küchentisch hervor. Ein schmutzbrauner Mischling mit Stupsschwanz und Hängeohren. Haltlos rutschten seine Krallen über die Terrakottafliesen, als er aus dem Raum flüchtete. Vielleicht erschrak ihn das Ächzen des Stuhls. Oder er spürte, wie Hunde eben sind, schneller als alle anderen, dass die Stimmung umschlug, in dem Moment, da Paolo sich auf dem ächzenden Stuhl niederließ. Am Kopfende des Tisches. Sofern ein Tisch zwei Kopfenden haben konnte.

Denn am anderen, am eigentlichen Kopfende saß bereits, und davon gab es nur einen, der Herr des Hauses. Das war hier, in dem Obergeschoss eines Reihenhauses gleich, über der Bäckerei mitten in Altamura, immer noch der alte Alfredo – ein grobschlächtiger Mann. Der sein Leben damit verbracht hatte, Säcke zu schultern und mit einem Brotschieber, gleich einer mittelalterlichen Lanze die Öfen zu bestücken, zu entleeren und wieder zu bestücken. Ritter der Backwaren. Brandnarben übersäten seine kräftigen Arme bis hoch zu den Ärmeln seines Poloshirts, das er nur zu besonderen Anlässen anzog, wie dem heutigen. , Italiens Sommerwende. Von Alfredos schon früh schlohweiß gewordenem Haar behaupteten die einen, es sei bei der Maloche in der mehlverhangenen Hitze gebleicht, die anderen meinten, es käme von dem Stress, den ein Ernährer von sechs Töchtern plagte. Seine Augen waren über die Jahre, von denen Alfredo nunmehr sechzig und fünfe auf dem Buckel hatte, schlecht geworden – doch den Mann, der sich ihm frontal gegenüber niederließ, den sah er klar und deutlich.

Aurora entging der Blick nicht, den ihr Vater rüberschickte, quer über den Tisch, von Kopfende zu Kopfende, zu Paolo, dem unverschämten Gast. Selbst der junge Francesco, der die Finger nicht vom Tafelmesser lassen konnte, hielt beim Spielen inne. Der Platz neben ihm, für Papà Paolo angedacht, war noch frei – und der Raum plötzlich ohrenbetäubend still. Der Junge ließ die Klinge neben den Teller sinken. Unter dem Tisch legte Mamma Aurora, sonst sehr sparsam mit Berührungen, ihre Hand auf des Burschen Knie. Sein Herz klopfte, die Stimmung drückte. Francesco rührte sich nicht, zählte stumm bis zehn.

Und der Moment verstrich. Was auch immer der alte Alfredo Rossi seinem Gast und Schwiegersohn an den Kopf werfen wollte, es blieb ihm im Halse stecken. Paolo saß ihm Aug' in Aug' gegenüber, stellte sich in seiner Platzwahl mit dem Hausherrn auf eine Höhe – und so war es. Aurora wusste, dass sich niemand trauen würde, den in diesem Hause gehegten Groll gegen Paolo auszusprechen. Sie hatte bloß gehofft, dass er ihre Familie nicht provozieren würde. Doch ihre Hoffnungen baute Aurora auf einen Mann, der ihr selbst ein Fremder war.

»Vorsicht, heiß!«, brach Teresa das Schweigen. Auroras ältere Schwester schwang eine dampfende Schüssel von der Anrichte, die einem Schlachtfeld glich, auf einen Korkunterleger in der Tischmitte und setzte damit den Wirbelwind, der seit Stunden durch die Küche fegte, wieder in Bewegung. »Wie kann das Essen heißer sein, als die Luft drum herum?«, krächzte Nonna Carolina, Francescos Großmutter, »ist ja nicht auszuhalten, dieser Sommer.« Sie löste die Schleife des Schürzenriemens in ihrem Nacken, wo sich ein paar lose Härchen kräuselten, die dem Dutt entflohen waren. Der Dutt, in dem Carolina gerne mal ihren Bleistift vergaß, mit dem sie auf Einkaufszettel und Rezepte kritzelte. Auch jetzt steckte der Stift noch in ihrer Haarpracht und ließ sie vollkommen aussehen.

Carolina warf ihre Schürze über die Rückenlehne des Stuhls, auf den sie stöhnend niederplumpste – an der Ecke zur Rechten ihres Mannes Alfredo und links von der Bediensteten Monica, die schwarzgelockte Jungfrau Ende zwanzig mit der Plastiknase und dem wenig schmeichelhaften Rufnamen »Pipa«.

Wortlos, voll des Eifers einer Magd unter der Fuchtel ihres Herrn, machte diese sich daran, die Öhrchen-Nudeln aus der von Tante Teresa gereichten Schüssel mit einer Kelle auf die Teller zu verteilen, und ein Häppchen auf ein Extra-Tellerchen für Urgroßmutter Tilda, die nebenan schlief. In einem Bett, aus dem sie seit vier Jahren nicht aufgestanden war. Das Tellerchen mit der halben Portion stellte Monica hinter sich auf die Fensterbank, für später. Carolina behielt sie dabei im Auge und schwafelte weiter über die Hitze, die sämtliche Bewohner aus dem Ort vertrieben hatte. Wie jedes Jahr, Mitte August. Die saisonale Völkerwanderung führte von dem Städtchen im trockenen Inland an die Südküste, oder – noch näher – die Adriaküste im Osten. Hauptsache Meer. An keinem anderen Tag waren die Strände Italiens so gut besucht, wie zu Ferragosto.

»Woher kommt der Fisch?«, bemühte sich Silvio Pedrone mit Blick auf die Filetplatte um einen Beitrag zur Plauderei. Doch sein dialektfreies Hochitalienisch kam wie eine Radioansprache daher. Plötzlich hörten alle zu. Dem Radio antwortet man nicht.

»Ist der etwa«, Silvio sah von einem Augenpaar zum nächsten, »selbst gefangen?«

Silvio war als Gast des Gastes mitgekommen, ein enger Vertrauter Auroras und der engste Paolos, mit dem er eigentlich nichts gemeinsam hatte, außer einem Hang zur Gesetzlosigkeit. Die beiden Männer waren einander im Gefängnis begegnet: Paolo, einst der stattliche Bursche mit dem Eisenherz, inzwischen ein Gangsterboss mit Globusbauch, doch damals wie heute fähig, einem Mann den Schädel einzuschlagen – und Silvio, der seine Lesebrille im Hemdkragen einhängte und lieber seinen eigenen Kopf zermarterte, als den eines anderen zu zertrümmern. So wie es Paolos Schläge waren, die ihn hinter Gitter gebracht hatten, war es bei Silvio sein Hirn. Er stimulierte es gerne mit komplexen Aufgaben.

Zuletzt Fördergeldbetrug.

»Den Fisch haben wir einem Nachbarn abgekauft«, sagte Tante Teresa, deren sonnengegerbte Haut mehr Falten warf, als es ihren dreißig-irgendwas Lebensjahren gerecht wurde, »der war heut' Morgen in aller Herrgottsfrühe noch in Bari, zum Glück. Nun dürften die Straßen dicht sein.« Sie setzte sich auf den freien Platz zwischen dem jungen Francesco und Silvio, jener Platz, der für Paolo angedacht war und nur eine klagende Lücke hinterlassen hätte. Teresa füllte diese Lücke und stattdessen blieb der Stuhl zwischen Monica und Nico frei, dem Bäckergesellen. Damit ließ sich leben.

Zum Gebet senkten alle, die sie um den Tisch versammelt saßen, ihre Köpfe. Für eine Minute wurde es ruhig in der Küche der Familie Rossi – so ruhig wie im Rest der Geisterstadt. Von draußen drang kein Laut, kein Lüftchen herein. Die Gardinen hingen schlaff in der offenen Balkontür. Nichts außer dem gelegentlichen Knacken der abkühlenden Herdplatten und Paolos schwerem Schnaufen.

Francesco – Kosename Franco – beobachtete seinen Vater aus dem Augenwinkel, ihn, der so wenig nach dem Helden aussah, zu dem seine Mutter ihn manchmal erkor – denn er hatte sie gerettet, damals, mehrmals, hatte auch die Bäckerei gerettet, später, und somit sie alle, die sie hier beisammensaßen ..., ja, ja. Wie er jedoch da auf dem Küchenstuhl hing, das Doppelkinn auf der haarigen Brust ruhend, über dem halboffenen Hemd mit Schweißflecken unter Armen und Männerbusen, machte er keinen heldenhaften Eindruck. Er sah müde aus.

»Amen«, setzte Nonna Carolina dem Tischgebet ein Ende und breitete die Arme aus: »Greift zu, meine Lieben. Lasst es euch schmecken.« Sie streichelte die Schulter Alfredos, der seinen Kopf hob, fragte ihn: »Öffnest du den Wein, tesero?« Die Flasche, eine von drei edlen Tropfen, die Paolo und Silvio als Gastgeschenk mitgebracht hatten, wurde zu ihm herübergereicht. Ohne einen Blick auf das Etikett, ja auch nur auf die Flasche zu werfen, griff Alfredo nach dem Korkenzieher und öffnete den Wein mit einer routinierten Bewegung, schenkte in die Gläser seiner Nächsten, Carolina und Aurora aus. Das Gluckern des tiefroten Weines wurde übertönt von einer dunklen Stimme:

»Danke«, sprach Paolo, über den Tisch hinweg, mit schwerer Zunge und Atempausen, »vielen Dank Ihnen, Frau Rossi – und Ihren Töchtern – für das Festmahl«, Luft holen, »und Ihnen, Herr Rossi, für die Gastfreundlichkeit – in Ihrem Hause.«

Es reichte nicht, um in Alfredos Gunst höher zu rücken, den Tag aber rettete es allemal. Der Hausherr hob das Glas, nickte und sagte: »Salute!«

Als das Festmahl im Gange war, vollen Mundes leere Worte gesprochen wurden, Konversation um der Konversation willen, kaute Franco jeden Bissen dreißig, vierzig Mal, mit den Gedanken weit weg von dem Fisch auf seinem Teller, von dem er sich blind bediente.

Sein Blick haftete an dem seltenen Gast.

Papà Paolo sah anders aus, als im harten Licht der Besucherräume. Es waren einige Wochen vergangen, seit der Junge seinen Vater gesehen hatte, bei ihrem jüngsten Ausflug nach Lecce. Seitdem schien er zugenommen und gleichzeitig abgebaut zu haben. Einmal ließ Franco sein Tafelmesser fallen, um heimlich unter den Tisch linsen zu können: Tatsächlich quoll der Hintern Papàs regelrecht über den Stuhl. Und auf den Terrakotta-Fliesen zwischen dessen Füßen lagen Erbsen, die sein stoßartiges Schnaufen vom Teller gepustet hatte. Erbsen, die dieser Mann vermutlich nicht eigenhändig aufheben könnte, weil sein Körper dabei vornüberkippen und der Aufprall ihm seine Rippen brechen würde. Wieder über dem Küchentisch musterte der kleine Franco seinen Papà mit kritischer Miene.

Dieser Typ sollte laut Mamma allen Ernstes ein Held sein, dessen Eingreifen sie vor einem schmierigen Kerl gerettet hatte? Dessen Vermögen die Bäckerei vor dem Ruin bewahrt hatte? Dieser Typ sollte laut Onkel Silvio...



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