Delinsky | Der alte Leuchtturm am Meer | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 423 Seiten

Delinsky Der alte Leuchtturm am Meer

Roman | Eine Frau, die alles verlieren könnte - und doch niemals aufgibt
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-98690-627-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman | Eine Frau, die alles verlieren könnte - und doch niemals aufgibt

E-Book, Deutsch, 423 Seiten

ISBN: 978-3-98690-627-6
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stets die perfekte Hausfrau und Mutter - und dennoch hat Claire es geschafft, sich im Schatten ihres Mannes mit Kreativität und Leidenschaft ein eigenes kleines Unternehmen aufzubauen. Aber dann zerbricht ein einziges Wort Claires ganze Welt: Scheidung. Sie soll das Sorgerechte für die beiden Kinder abgeben und Alimente zahlen - gegen die Schmutzkampagne von Dennis' Anwalt scheint sie keine Chance zu haben. Nur Claires alter Jugendfreund Brody steht ihr bei. Er ist der Einzige, der sie nicht für verrückt hält, als sie in einen alten Leuchtturm an der Küste von New Hampshire zieht und beschließt, noch einmal ganz von vorn anzufangen - und wie eine Löwin um ihre Kinder zu kämpfen ... »Wenn es um Gefühle geht, ist Barbara Delinsky unübertroffen.« Romantic Times Magazine

Barbara Delinsky wurde 1945 in Boston geboren und studierte dort Psychologie und Soziologie. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes arbeitete sie als Fotografin für den Belmont Herald, erkannte aber bald, dass sie viel lieber die Texte zu ihren Fotos schrieb. Ihr Debütroman wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg. Inzwischen hat Barbara Delinsky über 70 Romane veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden und regelmäßig die New-York-Times-Bestsellerliste stürmen. Sie engagiert sich außerdem sehr stark für Wohltätigkeitsvereine und Aufklärung rund um das Thema Brustkrebs. Barbara Delinsky lebt mit ihrem Mann in New England und hat drei erwachsene Söhne. Die Website der Autorin: barbaradelinsky.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Barbara Delinsky ihre Romane: »Die Schwestern von Star's End« »Jennys Geheimnis« »Das Weingut am Meer« »Julias Entscheidung« »Lauras Hoffnung« »Die alte Mühle am Fluss« »Der alte Leuchtturm am Meer« »Das Haus auf Beacon Hill« »Sturm am Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 1 »Der Himmel über Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 2 »Heimkehr nach Norwich« »Das Leuchten der Silberweide« »Das Licht auf den Wellen« »Die Frauen Woodley« »Ein Neuanfang in Casco Bay« »Im Schatten meiner Schwester« »Rückkehr nach Monterey« »Drei Wünsche hast du frei« »Ein ganzes Leben zwischen uns« »Jedes Jahr auf Sutters Island« »Was wir nie vergessen können«
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KAPITEL 2


Die Überschrift wies das Papier als eine Vorläufige Verfügung des Probate and Family Court Department of the Commonwealth of Massachusetts, Essex Division aus. Dennis war mit Schreibmaschine als Kläger aufgeführt, ich als Beklagte.

Verwirrt schaute ich zu ihm auf. Er erwiderte meinen Blick völlig gelassen. Ich las weiter.

Bis zu einer Anhörung zur Feststellung des Sachverhalts oder einer weiteren Verfügung des Gerichts wird angeordnet:

Der Kläger/Vater erhält das vorläufige Sorgerecht für John und Clara Kate Raphael, die minderjährigen Kinder der Parteien.

Die Ehefrau hat die eheliche Wohnung bis zum kommenden Montag, dem 28. Oktober, zwölf Uhr mittags zu räumen, zu welchem Zeitpunkt alle Parteien zu erscheinen haben, um triftige Gründe dafür vorzubringen, warum das vorläufige Sorgerecht und die Wohnungsräumung dauerhafte Gültigkeit erlangen sollten oder nicht.

Zu besagtem Termin wird eine Anhörung zu dem Zweck stattfinden, vor einer endgültigen Scheidungsvereinbarung über das vorläufige Sorgerecht und eine Unterhaltszahlung zu entscheiden.

Das Formblatt trug das Datum dieses Tages: Donnerstag, 24. Oktober, und die Unterschrift von E. Warren Selwey, Justice of the Probate and Family Court.

Ich starrte fassungslos auf das Schreiben hinunter. Dennis spielt mir einen üblen Streich, um mir deutlich zu machen, daß ihm meine Reisen nicht passen, war die einzige Erklärung, die mir dafür einfiel. Aber das Formular sah mit seinem geprägten Briefkopf und den mit einer altersschwachen Schreibmaschine ausgefüllten Leerräumen, deren Typen, wie ich feststellte, bis auf die Rückseite durchgeschlagen hatten, erschreckend echt aus – und Dennis lachte nicht.

»Was ist das?« fragte ich.

»Das sollte eigentlich klar sein.«

»Es sieht aus wie eine gerichtliche Verfügung.«

»Kluges Kind.«

»Eine gerichtliche Verfügung?«

»Du sagst es.«

»Dennis!« Anklagend hielt ich ihm das Formular hin. »Was ist das?«

Dennis war ein Blender. Was ihm am Geschäftssinn mangelte, glich er mit gutem Aussehen, Charme und der Art selbstbewußten Lächelns aus, das Menschen unwiderstehlich anzog. Als seine Frau wußte ich, daß sich eine gewisse Unsicherheit hinter der Fassade verbarg.

Zumindest war das bisher so gewesen. Heute wirkte sein Selbstvertrauen so echt, daß es mir Angst machte.

»Ich habe die Scheidung eingereicht«, erklärte er. »Das Gericht hat mir das vorläufige Sorgerecht für die Kinder zuerkannt, und angeordnet, daß du das Haus räumen mußt.«

Das konnte nur ein übler Streich sein. »Du machst Witze.«

»Nein. Dieses Schreiben ist eine offizielle Verfügung.«

Ich schüttelte den Kopf. Was sollte das? »Warum sind die Kinder bei deinen Eltern? Heute war doch Schule.«

»Meine Eltern wohnen ja ganz in der Nähe. Bei ihnen zu Abend zu essen ist etwas Neues für die Kids, und es gibt dir Zeit, deinen Kram zu packen und zu verschwinden. Ich möchte nicht, daß die Kinder sich aufregen.«

»Wenn du nicht möchtest, daß sie sich aufregen« – ich schluckte trocken und hob das Formblatt hoch –, »was soll das dann?«

Er stieß sich gereizt vom Türrahmen ab. »Um Himmels willen, Claire, du hast es direkt vor der Nase! Ich verlange die Scheidung. Ich wiederhole: Ich verlange die Scheidung. Warum geht das nicht in deinen Kopf?«

»Weil das nicht die Art und Weise ist«, erwiderte ich mit aufsteigender Angst laut und heftig, »in der zwei vernünftige Menschen nach fünfzehn guten Ehejahren miteinander umgehen. Solche Menschen reden miteinander.«

»Das habe ich versucht, aber du hast dich taub gestellt. Ich habe dreimal von Scheidung gesprochen. Wenn du willst, kann ich dir sogar die genauen Daten nennen. Das letzte Mal war im August. Da sagte ich, wir sollten uns trennen, wenn die Schule wieder anfinge.«

Ich erinnerte mich daran. Er war aufgebracht gewesen, weil eine Finanzierung, um die er sich bemüht hatte, geplatzt war. Zur gleichen Zeit waren die Umsatzaufstellungen des zweiten Quartals von WickerWise gekommen – besser denn je, was ihn noch zusätzlich demoralisierte. Und so hatte er gedroht, auszuziehen. Das tat er immer, wenn er aufgebracht oder frustriert war oder sich gedemütigt fühlte – das kannte ich zur Genüge.

»Ich kam nicht auf die Idee, daß du es ernst meintest.«

»Das tat ich aber. Sehr.«

»Dennis!«

»Claire!« äffte er meinen Tonfall nach und lehnte sich, wieder ganz gelassen, an den Türrahmen. Ich glaube, es war diese Gelassenheit, die mich fertigmachte, denn sie vermittelte, daß Dennis in diesem Fall wirklich die Oberhand hatte, und sie schuf Distanz zwischen uns, verlieh seiner Stimme Kälte. »Ich will die Scheidung. Da du nicht bereit warst, mir zuzuhören, blieb mir nichts anderes übrig, als zu diesem Mittel zu greifen.«

In meinem Kopf herrschte ein heilloses Durcheinander – Fragen, Ängste, langfristige Folgen schossen in alle Richtungen, kollidierten miteinander. Ich versuchte, sie voneinander zu trennen, Satz für Satz zu denken, Schritt für Schritt. Trotzdem war ich atemlos. »Okay. Wenn es dir ernst ist mit der Trennung, dann können wir uns einigen – aber was soll das mit dem Sorgerecht für Johnny und Kikit und dieser Verfügung, daß ich das Haus zu räumen habe?«

»Ich will das Haus. Ich will Unterhalt. Ich will das alleinige Sorgerecht für die Kinder.«

»Wie bitte?«

»Du bist keine verantwortungsbewußte Mutter.«

»Wie bitte?«

»Großer Gott, Claire, soll ich es dir buchstabieren?«

»Ja – du sollst es mir buchstabieren.« Ich wurde allmählich zornig. Es reichte mir. »Ich bin durchaus eine verantwortungsbewußte Mutter. Was in aller Welt könntest du dem Richter erzählen, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen?«

»Du wirst zwischen deiner Mutter und deiner Arbeit zerrieben. Die Kinder leiden.«

»Inwiefern?«

»Du bist kaum hier – und wenn, dann hast du den Kopf so mit Arbeit voll, daß du die Kinder vergißt.«

»Kommst du jetzt wieder mit Kikits Ballettunterricht? Das haben wir doch schon ein dutzendmal durchgekaut. Im Laden war der Strom ausgefallen und die Uhren waren stehengeblieben.«

»Was war mit dem versäumten Gesprächstermin bei der Lehrerin?«

Ich brauchte einen Moment, bis ich begriff, was er meinte. »Dem bei Mrs. Stanetti? Den habe ich nicht versäumt. Wir mußten ihn zweimal verschieben, und dann konnten wir einander nicht mehr erreichen.«

Er hob die Hand. »Sie hat auf dich gewartet, und du bist nicht erschienen. Und dann war da noch der Unfall, den du letzten Monat hattest. Der Wagen war total hinüber. Es war ein Wunder, daß den Kindern nichts passierte.«

»Ich konnte nichts für den Unfall, Dennis. Ich wurde von einem Mann gerammt, der einen Herzinfarkt hatte. Das hat die Polizei so gesehen und die Versicherung ebenfalls.«

»Der Richter sieht es aber anders: Er ist meiner Meinung: daß du hättest ausweichen können, wenn du bei der Sache gewesen wärst, und nicht das Leben unserer Kinder hättest aufs Spiel setzen müssen. Apropos Kinder: Kikit hatte einen kapitalen Allergie-Anfall, während du weg warst.«

Mein Magen krampfte sich zusammen. »Wann? Und woraufhin?«

»Dienstag abend – auf den tiefgefrorenen Eintopf hin, den du für uns vorbereitet hattest. Was hast du da bloß reingetan, Claire? Du müßtest doch am besten wissen, was Kikit essen darf und was nicht. Aber was noch schlimmer ist – es war kein Epi-pen da. Du mußt ihn in Cleveland gelassen haben.«

»Das habe ich nicht. Ich habe ihn eingepackt. In ihre Reisetasche.«

»Da war er aber nicht. Ich habe nachgesehen. Er war weder dort noch hier. Ich mußte mit ihr ins Krankenhaus rasen. Sie schwoll immer mehr an und rang immer mühsamer nach Luft. Als wir ankamen, war sie schon fast blau.«

Ich preßte die Hand auf die Brust. Diese Neuigkeit raubte mir den Atem, mehr als alles andere. Mit Medizin oder ohne – jeder Anfall von Kikit war gefährlich. »Es waren Antihistamine da und ein Reserve-Epi-pen. Ich habe immer einen Vorrat da.«

Er schüttelte den Kopf. »Wir haben überall gesucht.«

»Die Sachen sind in dem Kühlschrank im Keller. Das hatte ich dir gesagt! Ist sie wieder okay?«

»Sie haben sie stabilisiert, aber es dauerte eine Weile. Sie weinte nach dir, aber du warst ja nicht da.«

Wut kochte in mir hoch. »Ich war nur eine Telefonnummer weit weg. Warum hast du mich nicht angerufen?«

»Ich habe es versucht, aber du hattest dein Handy ausgeschaltet, und bei deiner Schwester war besetzt.«

»Du hättest es ja später noch mal versuchen können. Oder am nächsten Tag. Ich habe mein Handy benutzt – es war eingeschaltet. Und bei Rona war bestimmt nicht endlos besetzt. Außerdem hätte die Telefonistin das Gespräch unterbrochen, wenn du gesagt hättest, daß es sich um einen Notfall handelte. Oder du hättest in Connies Krankenzimmer anrufen können – oder auf der Station. Ich hatte dir alle Nummern an die Pinnwand gehängt. Du hättest mich erreicht, wenn du gewollt hättest. Ich wäre sofort zurückgekommen.«

»Tatsächlich? Von den letzten neunzig Tagen warst du vierunddreißig weg. Gib’s zu, du bist für dein Leben gern auf Achse.«

»Das ist nicht wahr, und schon gar nicht, wenn eines der Kinder krank ist. Du hast tatsächlich die Tage gezählt, die ich nicht hier war? Wie viele davon habe ich bei meiner Mutter verbracht?« Wenn ich nicht so aufgebracht gewesen wäre, hätte ich sie ihm selbst vorgezählt. Arme Kikit. Ich wußte, wie ihre Anfälle verliefen. Erst ein paar Stunden Panik...



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