E-Book, Deutsch, 414 Seiten
Delinsky Die Schwestern von Star's End
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98690-663-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Ein mitreißender Familiengeheimnisroman der New-York-Times-Bestsellerautorin
E-Book, Deutsch, 414 Seiten
ISBN: 978-3-98690-663-4
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Delinsky wurde 1945 in Boston geboren und studierte dort Psychologie und Soziologie. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes arbeitete sie als Fotografin für den Belmont Herald, erkannte aber bald, dass sie viel lieber die Texte zu ihren Fotos schrieb. Ihr Debütroman wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg. Inzwischen hat Barbara Delinsky über 70 Romane veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden und regelmäßig die New-York-Times-Bestsellerliste stürmen. Sie engagiert sich außerdem sehr stark für Wohltätigkeitsvereine und Aufklärung rund um das Thema Brustkrebs. Barbara Delinsky lebt mit ihrem Mann in New England und hat drei erwachsene Söhne. Die Website der Autorin: barbaradelinsky.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Barbara Delinsky ihre Romane: »Die Schwestern von Star's End« »Jennys Geheimnis« »Das Weingut am Meer« »Julias Entscheidung« »Lauras Hoffnung« »Die alte Mühle am Fluss« »Der alte Leuchtturm am Meer« »Das Haus auf Beacon Hill« »Sturm am Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 1 »Der Himmel über Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 2 »Heimkehr nach Norwich« »Das Leuchten der Silberweide« »Das Licht auf den Wellen« »Die Frauen Woodley« »Ein Neuanfang in Casco Bay« »Im Schatten meiner Schwester« »Rückkehr nach Monterey« »Drei Wünsche hast du frei« »Ein ganzes Leben zwischen uns« »Jedes Jahr auf Sutters Island« »Was wir nie vergessen können«
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Kapitel 2
Das letzte, dessen man Annette St. Clair hätte bezichtigen können, war Ähnlichkeit mit ihrer Mutter. Virginia war klein und zierlich, Annette hochgewachsen; Virginia war blond, Annette dunkelhaarig; Virginia war kühl, Annette warmherzig. Körperlich ähnelte Annette am meisten ihrer älteren Schwester Caroline, eine Tatsache, die sie jahrelang verflucht hatte. Caroline war eine reine Einserschülerin gewesen, Klassensprecherin, eine »Macherin«. Dieses Vorbild war ein Alptraum für Annette gewesen, deren Stärke nicht so sehr der geistige, sondern mehr der charakterliche Aspekt war. Sie war die »Briefkastentante« ihrer Klasse, Freunde holten sich Trost und Unterstützung bei ihr. Sie hörte zu und gab Ratschläge und wurde von ihren Freunden vergöttert.
Unglücklicherweise wurden keine Urkunden über Bewunderung ausgefertigt, und auf den Zeugnisformularen war keine Spalte dafür vorgesehen, doch das machte nichts. Annette hatte nie ein Zeugnis gebraucht. Sie war eine Vollzeitmutter, und das war ihrer Meinung nach der wichtigste Job der Welt. Sie war stolz darauf, daß sie ihn gut machte, verwendete täglich bis zu sechzehn Stunden darauf, und erntete die Früchte in Form eines liebenden Ehemanns und fünf wundervoller Kinder.
Caroline hatte nichts dergleichen, und so sehr Annette sie als Kind beneidet hatte, jetzt würde sie nicht mit ihr tauschen wollen.
Und auch nicht mit Leah, der armen, bemitleidenswerten Leah, deren Leben ebenso seicht war wie Ginnys. In die Idee des Verliebtseins verliebt, hatte Leah sich mit neunzehn Hals über Kopf in eine Ehe gestürzt und sich mit zwanzig wieder scheiden lassen, mit zweiundzwanzig einen neuerlichen Versuch gemacht, der diesmal nach drei Jahren endete. Jetzt, mit vierunddreißig, lebte sie für die Nächte, doch bei all ihrem Herumflattern auf Partys blieb sie gleichgültig.
Annette war alles andere als gleichgültig, und darum ließ sie auch zunächst die Finger von dem dicken Kuvert, das mit der übrigen Post auf dem Küchentresen lag. Der Philadelphia-Stempel und die elegante Schrift, die den Umschlag an St. Louis und Mrs. Jean-Paul Maxime adressiert hatte, gestatteten keinen Zweifel an seinem Ursprung. Und er konnte warten. Er konnte lange warten, sehr lange. So lange, wie Annette darauf gewartet hatte, von ihrer Mutter in den Arm genommen zu werden und ein ehrliches, zärtliches »Ich liebe dich« von ihr zu hören.
Nein, Ginny hatte sich nicht das Recht darauf verdient, Annettes Zeit zu beanspruchen ? nicht, wenn Annette soviel zu tun hatte. Sie hatte den Tag damit begonnen, Aufsicht bei einem Ausflug der Klasse des zwölfjährigen Thomas zu führen und anschließend bei Neiman Marcus hineingeschaut, um Kleider zu kaufen, die ihre sechzehnjährigen Zwillinge für den Tanzabend in zwei Wochen brauchten. Da sie schon einmal dabei war, nahm sie auch gleich noch dazu passende Schuhe und die entsprechende Unterwäsche mit und schleppte jetzt, als das Ein-Uhr-Mittags-Geläute in der Halle einsetzte, ihre Einkäufe die breite Wendeltreppe hinauf.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen«, rief Charlene, die Haushälterin, und kam hinter ihr hergelaufen.
Annette überließ ihr die Pakete, die sie obenauf balanciert hatte, und ging weiter ins Zimmer der Mädchen, wo sie die Kleider auspackte und dekorativ auf dem jeweiligen Bett arrangierte. Charlene machte große Augen. »Sie sind wunderschön!«
Das fand Annette auch. »Ich glaube, sie sind ideal: Rauchblau für Nicole und Rot für Devon. Wahrscheinlich wäre ihnen Schwarz lieber, ich höre sie schon: Alle kommen in Schwarz!
Aber Gott sei Dank haben sie keine Zeit, selbst einkaufen zu gehen, und so ergeben sie sich hoffentlich in ihr Schicksal. Falls nicht, falls sie meine Wahl absolut ablehnen, kann ich die Kleider zurückbringen und mein Glück ein zweites Mal versuchen, aber zumindest sind erst mal zwei da.« Zufrieden schaute sie auf die Uhr. »Gerade noch Zeit für einen schnellen Bissen. Ich habe einen Termin bei den Zweitklaßlehrern«, für Nat, den Jüngsten, »und um drei fängt Robbies Spiel an.«
Sie machte sich daran, die Treppe hinunterzugehen. Als das Telefon in der Küche klingelte, beschleunigte sie ihre Schritte. »Hi, Mom, ich bins.«
»Robbie! Eben habe ich an dein Spiel gedacht.«
»Darum rufe ich an. Bitte komm nicht, Mom.«
»Warum nicht?«
»Weil ich nicht spielen werde.«
»Warum denn nicht?«
»Weil der Trainer es mir gerade gesagt hat.«
»Aber du warst letztes Jahr spitze.«
»Das war bei der Junior-Varsity-Mannschaft. Jetzt spielt das Varsity-Team.«
»Aber du bist ein unglaublicher First Baseman.«
»Hans Dwyer ist besser, und er ist ein Senior. Ich bin nur ein Junior.«
Mitleid mit ihrem Sohn stieg in Annette auf. »Du wirst überhaupt nicht spielen?«
»Vielleicht bei den letzten Innings, wenn wir weit vorne liegen oder weit hinten.«
»Aber das ist nicht fair!«
»Es ist an der Tagesordnung.«
»Ich komme trotzdem, für den Fall, daß du doch eingesetzt wirst«, beschloß Annette.
»Bitte nicht, Mom.«
»Es macht mir nichts aus«, insistierte sie. »Wirklich.«
»Aber mir! Ich will nicht, daß du kommst. Es ist schon schlimm genug, daß ich auf der Reservebank hocken muß, und wenn du zuschaust, ist es noch zehnmal schlimmer!«
»Aber ich will das Team anfeuern!«
»Nein, Mom!«
»Hör zu«, sagte sie beschwichtigend, »laß uns nicht streiten. Du gehst zu deinem Spiel und gibst dein Bestes. Wenn ich komme, bin ich da, wenn nicht, dann nicht.« Sie wußte, daß sie hinfahren würde. Sie hätte körperlich behindert sein müssen, um ein Ereignis zu versäumen, an dem eines ihrer Kinder beteiligt war, selbst wenn, wie in Robbies Fall, nur auf der Reservebank. Annette betrachtete es als ihren Lebenszweck, für ihre Kinder da zu sein, und sie wollte ihnen das Gefühl ersparen, jemals nur andere Eltern im Publikum zu sehen und nicht ihre eigenen.
Jean-Paul tat sein Mögliches: Er besuchte Spiele, Konzerte und Schülerwettkämpfe, wann immer er konnte, doch das war nicht oft der Fall, und das mit gutem Grund. Er war Neurochirurg. Sein Arbeitstag dauerte von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, und danach mußte er zu Hause lesen.
Und so war es doppelt wichtig, daß Annette Ereignissen wie Baseballspielen beiwohnte. Sie war sicher, daß Robbie nur protestiert hatte, weil er glaubte, sich das als Siebzehnjähriger schuldig zu sein, und sich insgeheim freuen würde, wenn sie käme.
Aus diesem Grund war sie auch nicht gekränkt, als er sie unter den Zuschauern zwar entdeckte, jedoch nicht zur Kenntnis nahm, und nach dem Spiel mit einer andeutungsweise zum Gruß erhobenen Hand an ihr vorbeirannte. Und sie wartete auch nicht. Er würde schon irgendwann heimkommen, und außerdem mußte sie Thomas vom Trompetenunterricht abholen und zur Mathenachhilfe fahren und anschließend Nat bei seinem Freund abholen und zum Dinner nach Hause bringen. Sie hatte kaum die erste Schicht abgefuttert, als die Mädchen hereinstürmten und sie mit Berichten über ihren Tag überschütteten. Wie befürchtet, waren sie nicht begeistert von den Kleidern, aber nicht wegen der Farben. »Wir hatten vor, morgen nach der Schule mit Susie und Beth einkaufen zu gehen«, sagte Nicole.
Das hielt Annette für nicht realisierbar. »Dazu werdet ihr keine Zeit haben, ihr habt übermorgen zwei Schulaufgaben.«
»Wir haben schon gelernt«, versicherte Devon ihr.
»Wirklich?«
»Na ja, ein bißchen, aber den Rest können wir nach dem Einkaufen machen.«
»Ehrlich, Mom«, insistierte Nicole. »Wir haben das schon ewig ausgemacht.«
»Aber was ist mit diesen Kleidern?« Annette deutete auf die Betten.
»Sie sind toll.«
»Aber sie sind dein Geschmack ? nicht unserer.«
»Sie würden euch großartig stehen«, verteidigte Annette ihre Wahl. »Sie sind sensationell.«
»Aber wir wollten uns selbst welche aussuchen.«
»Du machst immer alles für uns, Mom.«
»Weil ich so gerne für euch einkaufe.«
»Nur, weil Grandma es für dich nie getan hat und du das vermißt hast, aber uns hat da nie was gefehlt.«
»Apropos Grandma«, sagte Devon. »Was hat sie denn geschickt?«
Es dauerte einen Moment, bis Annette sich an das Kuvert erinnerte, das noch immer in der Küche lag. »Ich weiß es nicht.«
»Du hast den Umschlag nicht aufgemacht?«
»Noch nicht.«
»Bist du denn nicht neugierig?«
»Nicht besonders«, antwortete Annette mit einem Lächeln und streckte die Hände nach ihren Töchtern aus. Berührungen waren wichtig, auch kleine. »Ihr beide interessiert mich bedeutend mehr. Wollt ihr gleich essen oder später?«
Sie entschieden sich für ersteres. Annette leistete ihnen Gesellschaft, und sie setzte sich auch zu Robbie, als er heimkam. Sie selbst aß erst mit Jean-Paul und steckte gerade den letzten Teller in den Geschirrspüler, als plötzlich das Kuvert aus Philadelphia vor ihrem Gesicht auftauchte.
»Übersiehst du das absichtlich?« fragte Jean-Paul mit seiner ruhigen, leicht akzentgefärbten Stimme. Es war eine besänftigende Stimme, eine Zuversicht vermittelnde Stimme, die Vertrauen bei seinen Patienten weckte und tröstlich auf Annette wirkte.
»Kann schon sein.«
»Als Retourkutsche?«
Sie lachte leise, ertappt.
Er wedelte auffordernd mit dem Umschlag. Sie nahm ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und warf ihn auf den Tresen. »Später. Wenn ich mit allem anderen fertig bin.« Als erstes kamen ihre Kinder. Sie wollte nicht, daß irgend etwas ihre Zeit mit ihnen beschnitt, und die wie auch immer geartete Kommunikation mit ihrer Mutter hatte genau diese Auswirkung. Immer. Es fiel ihr...




