E-Book, Deutsch, 355 Seiten
Delinsky Im Schatten meiner Schwester
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-98690-873-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | »Fans von Jodi Picoult werden diese ergreifende Familiengeschichte lieben.« Daily Express
E-Book, Deutsch, 355 Seiten
ISBN: 978-3-98690-873-7
Verlag: dotbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Barbara Delinsky wurde 1945 in Boston geboren und studierte dort Psychologie und Soziologie. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes arbeitete sie als Fotografin für den Belmont Herald, erkannte aber bald, dass sie viel lieber die Texte zu ihren Fotos schrieb. Ihr Debütroman wurde auf Anhieb zu einem großen Erfolg. Inzwischen hat Barbara Delinsky über 70 Romane veröffentlicht, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden und regelmäßig die New-York-Times-Bestsellerliste stürmen. Sie engagiert sich außerdem sehr stark für Wohltätigkeitsvereine und Aufklärung rund um das Thema Brustkrebs. Barbara Delinsky lebt mit ihrem Mann in New England und hat drei erwachsene Söhne. Die Website der Autorin: barbaradelinsky.com/ Bei dotbooks veröffentlichte Barbara Delinsky ihre Romane: »Die Schwestern von Star's End« »Jennys Geheimnis« »Das Weingut am Meer« »Julias Entscheidung« »Lauras Hoffnung« »Die alte Mühle am Fluss« »Der alte Leuchtturm am Meer« »Das Haus auf Beacon Hill« »Sturm am Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 1 »Der Himmel über Lake Henry«, Die Blake-Schwestern 2 »Heimkehr nach Norwich« »Das Leuchten der Silberweide« »Das Licht auf den Wellen« »Die Frauen Woodley« »Ein Neuanfang in Casco Bay« »Im Schatten meiner Schwester« »Rückkehr nach Monterey« »Drei Wünsche hast du frei« »Ein ganzes Leben zwischen uns« »Jedes Jahr auf Sutters Island« »Was wir nie vergessen können«
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Kapitel 1
Es gab Tage, da liebte Molly Snow ihre Schwester, doch der heutige gehörte nicht dazu. Sie war in der Dämmerung aufgestanden, um Robins Wasserträgerin zu sein, nur um dann zu erfahren, dass Robin ihre Meinung geändert und beschlossen hatte, ihre Langstrecke am späten Nachmittag zu laufen, und dass sie selbstverständlich erwartete, dass Molly sich nach ihr richtete. Und warum auch nicht? Robin war eine Weltklasseläuferin – eine Marathonläuferin mit Dutzenden von Siegen an ihrem Gürtel, unglaublichen Statistiken und einer ernsthaften Chance, es zu den Olympischen Spielen zu schaffen. Sie war daran gewöhnt, dass die Menschen ihre Pläne änderten, um sie ihren anzupassen. Sie war der Star.
Molly hasste das zum millionsten Mal, und obwohl Robin ihr vom Schlafzimmer ins Bad und wieder zurück folgte, weigerte sie sich nachzugeben. Robin hätte locker heute Morgen laufen können; sie wollte einfach nur mit einer Freundin frühstücken. Als ob Molly das nicht selbst auch gerne täte! Doch das konnte sie nicht, da ihr Tag angefüllt war. Sie musste um sieben in Snow Hill sein, um das Gewächshaus zu versorgen, bevor die Kunden kamen, musste einkaufen, den Bestand und die Verkäufe überprüfen und für die Weihnachtszeit vorbestellen; und zusätzlich zu ihren eigenen Aufgaben musste sie auch noch für ihre Eltern einspringen, die auf Reisen waren. Das bedeutete, dass sie sich um alle Fragen kümmern musste, die auftauchten, und schlimmer noch, eine Geschäftsführungssitzung leiten musste – nicht gerade das, was Molly unter Spaß verstand.
Ihre Mutter wäre nicht darüber erfreut, dass sie Robin im Stich gelassen hatte, doch Molly fühlte sich zu überlastet, als dass es sie scherte.
Die gute Nachricht war, dass sie, wenn Robin am späten Nachmittag liefe, draußen wäre, wenn Molly nach Hause kam. Während die Sonne durch das offene Fenster schien und ihr Gesicht bräunte, schmolz Molly dahin, als sie von Snow Hill zurückfuhr. Sie holte die Post aus dem Kasten an der Straße, ohne sich zu fragen, warum ihre Schwester das niemals tat, und bog knirschend in die Auffahrt ein. Die Rosen waren von einem sanften Pfirsichrot, und ihr Duft war umso kostbarer, als ihnen nur eine kurze Lebenszeit beschieden war. Dahinter standen die Hortensien, die sie gepflanzt hatte und die durch einen Hauch von Aluminium, etwas darüber gestreuten Kaffeesatz und viel TLC wunderbar blau geworden waren.
Molly parkte unter der Pinie, die das Cottage beschattete, in dem sie und Robin seit zwei Jahren zur Miete wohnten, aber das sie bald verlieren würden, öffnete den Kofferraum des Jeeps und begann abzuladen. Sie war fast am Haus und jonglierte gerade mit einem herabhängenden doppelblättrigen Philodendron, einem Korb voller Kürbisse und einem Katzenkorb, als ihr Handy klingelte.
Sie konnte es schon hören. Es tut mir leid, dass ich heute Morgen geschrien habe, Molly, aber wo bist du jetzt? Mein Auto will nicht anspringen, und ich bin mitten im Nirgendwo und völlig kaputt.
Molly verteilte ihre Lasten, um einen Schlüssel zur Hand zu haben, als es erneut klingelte. Ein drittes Läuten ertönte, als sie sich hinkniete, um die Sachen gleich hinter der Tür abzuladen. In dem Moment setzte das Schuldgefühl ein. Sekunden bevor die Mailbox ansprang, zog sie das Handy aus ihrer Jeans und klappte es auf.
»Wo bist du?«, fragte sie, doch die Stimme am anderen Ende gehörte nicht Robin.
»Ist da Molly?«
»Ja.«
»Ich bin Oberschwester im Dickenson-May Memorial. Es hat einen Unfall gegeben. Ihre Schwester befindet sich in der Notaufnahme. Wir möchten gerne, dass Sie kommen.«
»Ein Autounfall?«, fragte Molly erschrocken.
»Ein Laufunfall.«
Molly ließ den Kopf hängen. Noch einer. O Robin, dachte sie und spähte in den Tragekorb, besorgter um die kleine bernsteinfarbene Katze, die dort drinnen kauerte, als um ihre Schwester. Robin war eine chronische Draufgängerin. Sie behauptete immer, die Belohnung sei es wert, aber was war mit dem Preis? Ein gebrochener Arm, eine ausgerenkte Schulter, verstauchte Knöchel, Fußsohlenschmerz, ein Neurom – es gab nichts, was sie noch nicht gehabt hatte. Dagegen war diese kleine Katze ein unschuldiges Opfer.
»Was ist passiert?«, fragte Molly zerstreut und gab leise Geräusche von sich, um die Katze herauszulocken.
»Das wird der Arzt Ihnen erklären. Wohnen Sie weit weg?«
Nein, nicht weit. Doch die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass sie nur auf die Ergebnisse des Röntgens würde warten müssen, noch länger auf eine Magnetresonanztomographie. Sie griff in den Korb und zog die Katze sanft hervor. »Ich bin zehn Minuten weg. Wie ernst ist es?« »Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber wir brauchen Sie hier.«
Die Katze bebte heftig. Sie war mit zehn anderen Katzen eingesperrt in einer Scheune aufgefunden worden. Der Tierarzt nahm an, dass sie knapp zwei Jahre alt war. »Meine Schwester hat ihr Telefon bei sich«, versuchte es Molly, die wusste, dass sie, wenn sie direkt mit Robin sprechen könnte, mehr erfahren würde. »Hat sie Handyempfang?«
»Nein. Tut mir leid. Die Nummer Ihrer Eltern steht zusammen mit Ihrer hier auf ihrem Schuhschild. Wollen Sie sie anrufen, oder soll ich?«
Wenn die Schwester den Schuh in der Hand hielt, dann steckte dieser nicht an Robins Fuß. Eine gerissene Achillessehne? Unwillkürlich besorgt, sagte Molly: »Sie sind nicht im Lande.« Sie probierte es mit Humor. »Ich bin ein großes Mädchen. Ich kann einiges vertragen. Können Sie mir einen Hinweis geben?«
Doch die Schwester war immun gegen Charme. »Der Arzt wird es Ihnen erklären. Kommen Sie?«
Hatte sie eine andere Wahl?
Resigniert nahm Molly die Katze auf den Arm und trug sie in ihr Schlafzimmer im Rückteil des Cottages. Nachdem sie sie in den Falten eines Kissens abgelegt hatte, stellte sie Katzenklo und Futter in die Nähe und setzte sich dann auf den Bettrand. Sie wusste, es war blöd, ein Tier hierherzubringen, mussten sie doch in einer Woche ausziehen, aber ihre Mutter weigerte sich, noch eine Katze in der Gärtnerei zu halten, und diese hier brauchte ein Heim. Der Tierarzt hatte sie einige Tage behalten, doch sie hatte sich mit den anderen Tieren nicht gut verstanden. Sie war nicht nur unterernährt, sie sah aus, als ob sie mehr als nur einen Kämpf verloren hätte. Ihr kleiner Körper war in Alarmbereitschaft, als würde sie einen neuen Schlag erwarten.
»Ich werde dir nicht weh tun«, flüsterte Molly beruhigend und kehrte in den Flur zurück, um der Katze Raum zu lassen. Sie ließ Wasser auf den Philodendron träufeln – zu viel zu schnell würde ihn nur ertränken –, trug ihn dann auf den Dachboden und stellte ihn direkt ins Licht. Auch der hier brauchte TLC. Aber später.
Zuerst eine Dusche. Es würde schnell gehen müssen, sie konnte das Krankenhaus nicht ewig aufschieben. Doch das Gewächshaus war heiß im September, und nach einer größeren Lieferung von Herbstpflanzen hatte sie fast den ganzen Nachmittag damit verbracht, Kisten zu zerbrechen, Töpfe umzustellen, Auslagen neu zu drapieren und zu schwitzen.
Die Dusche klärte ihre Gedanken. Als sie jedoch wieder in ihrem Zimmer war, um sich anzuziehen, konnte sie die Katze nicht finden. Sie rief leise nach ihr, sah unters Bett, in den offenen Schrank und hinter einen Stapel Kartons. Sie suchte in Robins Zimmer, dem kleinen Wohnzimmer, sogar in dem Kürbiskorb – den sie auch noch einpacken musste, doch er befriedigte nur ein ästhetisches Bedürfnis und konnte leicht eine kleine Katze verbergen.
Sie hätte noch weitergesucht, wenn ihr Gewissen sich nicht zu regen begonnen hätte. Robin war im Krankenhaus in guten Händen, doch da ihre Eltern sich irgendwo zwischen Atlanta und Manchester befanden und ihr Name als Erster auf dem Schild stand, musste Molly sich auf die Socken machen.
Sie ließ ihr langes Haar sich beim Trocknen locken und zog saubere Jeans und ein T-Shirt an. Dann fuhr sie mit dem Handy im Schoß los, da sie ernsthaft erwartete, dass Robin anrufen würde. Sie würde nachgiebig und kleinlaut sein – außer es wäre wirklich eine gerissene Achillessehne, was eine Operation und Wochen bedeuten würde, in denen sie nicht laufen könnte. Wenn das der Fall wäre, hätten sie alle ein Problem. Eine unglückliche Robin war ein Elend, und das Timing dieses Unfalls hätte nicht schlechter sein können. Die fünfzehn Meilen von heute waren eine Vorbereitung für den New- York-Marathon. Wenn sie dort unter den ersten zehn besten amerikanischen Frauen landete, wäre das ein Platz für sie bei den Olympischen Wettkämpfen im nächsten Frühjahr.
Das Telefon klingelte nicht. Molly war sich nicht sicher, ob das gut oder schlecht war, doch sie sah keinen Sinn darin, eine Nachricht für ihre Mutter zu hinterlassen, bis sie mehr wüsste. Kathryn und Robin waren an der Hüfte miteinander verbunden. Wenn Robin einen eingewachsenen Zehennagel hatte, spürte Kathryn den Schmerz.
Es war schön, so geliebt zu werden, meckerte Molly und empfand mit dem nächsten Atemzug bereits Reue. Robin hatte schwer gearbeitet, um dahin zu gelangen, wo sie jetzt war. Und he, Molly war am Renntag genauso stolz auf sie wie alle anderen.
Es kam ihr nur so vor, als ob Rennen das Leben von ihnen allen beherrschen würde.
Von Abneigung zu Reue und wieder zurück war so ein langweilig endloser Kreislauf, dass Molly froh war, als sie endlich vor dem Krankenhaus vorfuhr. Das Dickenson-May lag auf einer Klippe über dem Connecticut River im Norden der Stadt. Die Kulisse wäre zauberhaft gewesen, wenn es nicht die Gründe gegeben hätte, aus denen die Leute hier waren.
Molly eilte hinein, nannte am Empfang der Notaufnahme ihren Namen und fügte hinzu: »Meine Schwester ist hier.«
Eine Schwester...




