E-Book, Deutsch, Band 4, 500 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
Dellwig Im 21. Jahrhundert
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7549-9664-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
2056: Frieden oder Sieg? (Band 4)
E-Book, Deutsch, Band 4, 500 Seiten
Reihe: Im 21. Jahrhundert
ISBN: 978-3-7549-9664-5
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Magnus Dellwig, Dr. phil., Historiker und Sozialwissenschaftler, Jg. 1965, Leiter des Stadtarchivs Oberhausen, Veröffentlichugen zur Geschichte und zum Strukturwandel Oberhausens und des Ruhrgebiets, Veröffentlichung von historisch-politischen Romanen: 1989 Führergeburtstag (2007), Die China-Krise (2010), Ost und West (2014), 1918 Wilhelm und Wilson (2017), Im 21. Jahrhundert (2023, Romanepos in 4 Bänden)
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1 Ein Jahr Seriamansk
Im größten Kinosaal des Madison Square Garden Center in New York City erlosch das Licht. Endlich, nach für Ellen Gates schier endlosen Begrüßungen und Vorworten, begann der Spielfilm „Seriamansk – Königin der Schlachten“, dessen Premiere die Welt am 23. Dezember 2055, dem ersten Jahrestag der Schlacht von Seriamansk, genauer dem ersten Todestag des Oberkommandierenden der Nato-Streitkräfte General Ludwig Fischer, in New York beging. Am gleichen Tag fand in Berlin ebenfalls eine Filmpremiere für Europa statt. Dort kam das Werk „Das Wunder von Bogdiliansk“ im Ufa-Filmpalast an der Friedrichstraße zur Uraufführung. Diesen Film hatte die Präsidentin der Gates-Foundation bereits zwei Tage zuvor an der Seite von Colonel Heather Waites bei seiner Weltpremiere im Pentagon in Washington erleben dürfen. Seit Ludwig Fischers Tod Weihnachten vor einem Jahr hatte Ellen nicht mehr so viel geweint wie in den beiden zurückliegenden Tagen.
Den Grund dafür bildete eine ebenso brutale wie neue Erkenntnis. Der Film über Bogdiliansk hatte Ellen erstmals einen detaillierten Einblick in die strategischen Winkelzüge der Schlacht, vor allem aber in die charismatische Feldherrenleistung ihres gefallenen Freundes Ludwig verschafft. Wie ein Paukenschlag traf sie die Erkenntnis, dass jenes große Wort vom Größten Feldherren unseres Zeitalters, welches Präsident Michael Cane bei der Trauerfeuer für Ludwig nach Weihnachten 2054 gewählt hatte, keine billige Propaganda war. Die erfolgreichsten Generäle und Admiräle der US-Streitkräfte hatten sich in dieser Schlacht und danach widerspruchslos dem Kommando, dem Willen eines Mannes gebeugt, der zuvor niemals ein Kommando geführt hatte. Jetzt begriff Ellen warum! Dadurch aber stand Ludwig plötzlich wieder vor ihr, in seiner für sie unvergleichlichen Art des Understatements. Er war ein Mann, der sich ihr gegenüber schlichtweg nicht mit dem Sieg von Bogdiliansk in allen Einzelheiten hatte rühmen wollen. Diese Diskrepanz zwischen Bescheidenheit, Alltäglichkeit in sämtlichen Dingen ihres Zusammenlebens und ihrer Freundschaft hier, der offensichtlichen Genialität seines strategischen Könnens dort, hatten Ellen Gates wie ein Keulenschlag erwischt. Mit jeder neuen Erinnerung an ein neues Detail aus ihrem nur kurzen gemeinsamen Leben mit Ludwig Fischer brach die fundamentalste aller Emotionen durch, die ein Mensch hegen kann: Ellen liebte Ludwig ein Jahr nach seinem Tod wieder genauso wie an jenem Tag im Dezember 2054 vor über einem Jahr, als er sich von ihr in New York verabschiedete, um in Europa erneut sein Kommando über sämtliche Streitkräfte der Nato in diesem gottverdammten Krieg gegen Russland anzutreten.
Auf Long Island hatten sie zum ersten Mal einige Tage wie ein richtiges Paar verbracht. Ihre Nähe war grenzenlos. Ellen war sich heute felsenfest sicher – weit mehr als damals, dass beide unter Entsagungen auf Sex verzichtet hatten, weil der Krieg wie ein Damoklesschwert und wie ein böses Omen über ihnen schwebte. Ludwig hatte es sogar einmal ausgesprochen. Er wolle keine Witwe zurücklassen. Aber er könne ihr im Gegenzug auch nicht versprechen, auf eine Form der Truppenführung als oberster Feldherr des Westens zu verzichten, die seinen Kopf kosten konnte. Denn er hatte es schließlich schon einmal getan, in eben jener legendären Schlacht um Bogdiliansk, deren Hergang sie vorgestern im Film erst begriffen hatte: Ohne Ludwig Fischer, der im Stab seiner Armee in Minsk beinahe von einer russischen Rakete getötet worden wäre und danach erst zur Höchstform aufgelaufen war, hätten die Alliierten die Schlacht verloren! Ellen liebte Ludwig für das, was er geleistet hatte. Und sie hasste ihn dafür, in Seriamansk sein Leben gegeben zu haben für andere – obwohl, ja obwohl die Nato diese Schlacht voraussichtlich auch ohne seinen heroischen Einsatz gewonnen hätte.
Als Ellen vor zwei Tagen schon einmal, damals im Pentagon in Washington, im Kinosaal saß, und die gesamte Mediawand bis an den Horizont von dröhnenden Transportern der ersten deutschen Luftlandedivision erfüllt gewesen war, brach ein Damm. Ihr rollten die Tränen in Strömen aus beiden Augen über die Wangen. Und sie unterließ es, sie wegzuwischen. Ellen hatte sich für kurze Zeit im schützenden Dunkel des Vorführraumes in ihren Schmerz ergeben. Sie wusste damals vor zwei Tagen noch viel mehr als in den zurückliegenden Monaten: Ein Mann wie Ludwig Fischer würde ihr niemals wieder begegnen. Für ein Jahr hatte sie sämtliche Annäherungsversuche der attraktivsten, reichsten oder mächtigsten Männer Amerikas abgewehrt, und zwar aus voller Überzeugung. Wir würde sie wohl über ihr Gefühlsleben in fünf oder in zehn Jahren denken? Ellen war gerade einmal 40 geworden. Sie hatte die Hälfte ihres Lebens noch vor, und sogar zwei Drittel ihres Lebens als erwachsene Frau. Doch heute genauso wie vor einem Jahr vermochte sie sich überhaupt nicht vorzustellen, einmal ihr Leben mit einem Mann zu teilen, der ihr ständig bewusst machen würde, eine im Vergleich zu Ludwig Fischer reichlich unvollkommene Variante der Spezies Mann zu sein. Denn Ellen Gates war in den neun Jahren vor ihrer Freundschaft mit Ludwig ziemlich gut alleine, heißt ohne Beziehung, verbunden mit einigen wenigen guten Freundinnen und von morgens bis abends vollauf beschäftigt mit der Lenkung der Stiftung für das Vermögen ihrer Großeltern ausgekommen. Sie seufzte tief, was angesichts der Lautstärke des Films niemand in ihrem Umfeld des Kinos bemerkte, und atmete erleichtert aus. Denn ihr Ziel, ihre Hauptaufgabe für die Gegenwart stand ihr wieder sonnenklar vor Augen. Und diese Aufgabe bildete das Vermächtnis jenes Mannes, den sie geliebt hatte und der im Schnee vor Seriamansk in seinem Panzer durch einen Raketeneinschlag zum Nichts atomisiert worden war. Sie wollte den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika auf jede noch so erdenkliche Art und Weise darin unterstützen, diesen Krieg zu beenden, durch einen Verhandlungsfrieden, bevor die Russische Föderation sich durch eine schier aussichtslose militärische Lage irgendwann einmal in einem Akt der Verzweiflung dazu entschließen mochte, auch noch Nuklearwaffen einzusetzen.
Auf der Mediawand war der smarte, mittelalte amerikanische Hauptdarsteller soeben aus Washington in Brüssel eingetroffen, um die Neuigkeiten über die Vorbereitung einer Offensive im Nordabschnitt der Front westlich der Waldai-Höhen von seinem Stab im Nato-Hauptquartier zu erfragen. Ellen Gates Gedanken schweiften erneut ab.
Die militärische Lage, du meine Güte! Die Fortschritte der Alliierten im Kampf gegen die Russische Armee seit Weihnachten letzten Jahres präsentierten sich nicht nur bescheiden, sondern von ernüchternder Bedeutungslosigkeit. Die Presse im Westen, in Russland und in der Welt hatte wiederholt spöttisch bemerkt, die Nato bekäme ohne ihren überragenden Feldherren Fischer im Kampf nichts mehr auf die Reihe. Im neutralen Ausland von China bis Indien deutete man das Ergebnis der Schlacht um Seriamansk schließlich um: Nicht Russland habe die Schlacht verloren mit ihrem Verlust vieler Panzerdivisionen, sondern die Nato. Der Tod des Oberkommandierenden habe die Kriegführung der Alliierten im Jahr 2055 nahezu paralysiert. So vermöge der Westen niemals, seine materielle und technologische Überlegenheit auszuspielen.
Ellen überlegte, lächelte. Verdammt! Sie hatten ja so recht! Amerika und Europa standen hilflos da. Weder militärisch noch diplomatisch hatte das sich dem Ende neigende Jahr irgendeinen Fortschritt erbracht. Nicht nur sie allein, die gesamte transatlantische Familie litt unter einem Verlust, der in die Geschichte als eine der ganz großen Tragödien der Militärgeschichte eingehen würde.
Aber da gab es ja noch mindestens einen weiteren Menschen, mehr noch, eine weitere Frau, die Ludwigs Tod als einen unfassbaren schmerzhaften persönlichen Verlust empfand. Sie saß nun neben ihr im Kinosaal des Pentagon, die strahlend schöne und als Stabsoffizierin hoch geachtete Colonel Heather Waites!
Nach Ludwigs Tod versank Ellen für Wochen in tiefem Schmerz und stiller Trauer. Das schmälerte Ellens kühle, analytische Fähigkeit zur Beurteilung von Sachverhalten und Menschen. Ellen begegnete vielen in diesen Wochen unberechenbar, mit einer erkennbaren offenen Ablehnung oder gar Feindschaft. Diese starke Ablehnung traf auch in voller Wucht Colonel Waites, als sie ihr bei der offiziellen Trauerfeier des Präsidenten für General Ludwig Fischer nach Neujahr auf dem Heldenfriedhof von Arlington begegnete. Denn Ellen wusste von Ludwig selbst, welch besondere kollegiale Partnerschaft Heather Waites und Ludwig verbunden hatte. Die tiefere Ursache dieser Ablehnung Ellens bestand in ihrer Eifersucht. Sie hatte gespürt, dass Heather die einzige Frau auf der Welt war, die Ludwig außer ihr selbst etwas bedeutet hatte. Doch Ludwigs Tod änderte für einige Zeit nichts an ihren starken Gefühlen für ihn, einschließlich der Fähigkeit, mehr der Notwendigkeit, ihn auch über den Tod hinaus nicht einmal im Verlust teilen zu wollen. Die Colonel war damals im Januar beherrscht, sogar verständnisvoll und gar nicht ablehnend oder verachtend mit Ellen umgegangen. Diese Souveränität, welche Ellen im Gegensatz zu ihrer sonst so üblichen Art nicht um geringsten aufbrachte, hatte sie wütend gemacht.
Heute jedoch über elf Monate später waren die beiden Frauen sich wieder begegnet. So als habe es jene Spannung im Januar niemals gegeben, begegneten sie sich mit ausgesuchter Höflichkeit und ausdrücklichem Respekt füreinander, für die gegenseitigen Fähigkeiten. Alles an Heather Waites, ihre Schönheit, ihre Sicherheit im Auftritt, ihre...




